Achtsamkeit als Schlüssel zu innerer Freiheit und Unabhängigkeit

Achtsamkeit in der täglichen Meditation entwickeln

Die Achtsamkeitslehre hält einen besonderen Schatz für uns bereit: den Schlüssel zu innerer Freiheit und Unabhängigkeit. Es lohnt sich, diese uralte Lehre der Achtsamkeit und vor allem ihre Ausrichtung in der Praxis genauer zu betrachten.

Ein Gastbeitrag der Autorin Antonia Ananda Kemkes

Die Dinge so sehen, wie sie sind

Diese Zeit ist geprägt von Krisen und Veränderungen, denen wir uns oft hilflos ausgeliefert fühlen. Natürlich ist es richtig, dass wir auf viele Dinge keinen direkten Einfluss nehmen können, aber wir können entscheiden, wie wir darauf reagieren und welchen Umgang wir damit finden. Die Achtsamkeit spielt dabei eine wichtige Rolle.

Unsere Wahrnehmung: kein Abbild der Realität

Wir sehen die Dinge um uns herum in der Regel so, wie wir sie fürchten oder so, wie wir sie uns wünschen. Unsere Wahrnehmung ist von unseren individuellen Erlebnissen und Erfahrungen geprägt, sie ist konditioniert und von verschiedenen Filtern verfälscht, das Bild ist nicht klar.

Besonders in unsicheren Zeiten neigen wir dazu, uns in Ängsten und Sorgen zu verlieren. Wir konsumieren selektiv Nachrichten und nähren damit unsere Befürchtungen und eine negative Zukunftserwartung.

Der Begriff Achtsamkeit beschreibt eine besondere Form der Aufmerksamkeit. Dabei handelt es sich um einen klaren Bewusstseinszustand, der jede innere und äußere Erfahrung im gegenwärtigen Moment registriert und zulässt, ohne sie zu bewerten.

Diese besondere Qualität der Aufmerksamkeit muss erst freigelegt werden, denn sie ist überlagert von unseren individuellen Bewertungsmustern, unseren Sorgen, Ängsten und Wünschen.

Klar werden: Das bringt dir regelmäßige Achtsamkeitspraxis

Wer Achtsamkeit ernsthaft und regelmäßig praktiziert, spürt, dass sich ein klarer und stabiler Geist entwickelt, auf den man auch in schwierigen Situationen zurückgreifen und sich mit einer neu gewonnenen inneren Ruhe und Klarheit verbinden kann.

Das führt dazu, dass wir uns unseren Empfindungen und Ängsten nicht mehr so ausgeliefert fühlen. Mit fortschreitender Achtsamkeit sind wir fähig, innerlich einen Schritt zurückzutreten und uns mit unserer inneren Klarheit zu verbinden.

Es entsteht ein Bewusstsein dafür, dass alles nur momentan ist, vergänglich und konditioniert, und dass immer wir es sind, die entscheiden, wie wir auf Herausforderungen und äußere Umstände reagieren.

Die richtige Ausrichtung der Achtsamkeit

Es gibt unterschiedliche Motive, aus denen heraus Menschen zur Achtsamkeit finden. Die Anwendungsfelder reichen von Stressbewältigung und Gesundheitsvorsorge über berufliche Kompetenz bis hin zu Selbsterfahrung und spiritueller Praxis.

In all diesen Bereichen hat die Achtsamkeitspraxis bereits ihre Wirkkraft bewiesen. Die Intention, also die konkrete individuelle Motivation für das Üben, ist dabei entscheidend für die Ausrichtung der Praxis.

Achtsamkeit, um besser zu funktionieren?

Wenn Achtsamkeit heutzutage in unserer westlichen Kultur praktiziert wird, dann ist die Motivation dafür nicht unbedingt im ursprünglichen buddhistischen Kontext zu finden. Die Achtsamkeit übernimmt mehr und mehr eine funktionale Rolle.

In den Bereichen, in denen die Menschen unter den Auswirkungen unserer postmodernen Gesellschaft leiden, versucht man es nun mit Achtsamkeit, wenn man mit anderen Mitteln nicht mehr weiterkommt. Es geht also stark um Selbstregulation, um in vorgegebenen Systemen besser funktionieren zu können.

Wer durch Achtsamkeitspraxis eine verbesserte Stresstoleranz erreicht hat, kann dann auch stärker belastet werden. Wir passen uns an, um im Hamsterrad immer schneller laufen zu können. Wo bleibt da der innere Freiraum?

Sich mit der traditionellen Lehre verbinden

Achtsamkeit in ihrer eigentlichen ursprünglichen Ausrichtung kann so viel mehr als kompensieren. Der buddhistische Kern der Achtsamkeitslehre beinhaltet die Chance, den Weg in eine neue innere Freiheit zu finden und sich unabhängig zu machen von äußeren Umständen.

Den Reiz-Reaktions-Mechanismus durchbrechen

Immer dann, wenn wir achtsam sind, können wir den Raum zwischen Reiz und Reaktion finden und den Automatismus durchbrechen. Der Blick wird frei und wir haben die Wahl, wie wir reagieren und uns zu den gegebenen Umständen einstellen wollen.

Wir alle haben im Laufe unseres Lebens individuelle Verhaltensmuster entwickelt. Unsere Reaktion auf äußere Reize, wie beispielsweise in der Kommunikation mit anderen, läuft fast vollständig automatisch ab. Wir nehmen eine Situation wahr und deuten und bewerten sie auf der Basis unserer bisherigen Erfahrungen.

Die dadurch entstehenden Gefühle lassen uns so reagieren, wie wir immer schon auf eine solche Situation oder ein ähnliches Ereignis reagiert haben. Dieser Reiz-Reaktions-Mechanismus läuft in Bruchteilen von Sekunden ab. Uns ist in dem Moment nicht bewusst, wie wir reagieren.

Dieser Automatismus, der sich hier zwischen Reiz und Reaktion breitgemacht hat, ist individuell, konditioniert und konnte sich über viele Jahre hartnäckig in unseren Gewohnheiten einnisten. Aber die gute Nachricht ist: Er ist veränderbar. Wenn wir den Automatismus unterbrechen, finden wir den Ausgang und können mit fortschreitender Achtsamkeit in den Raum eintreten, in dem wir eine Wahl haben.

Resilienz entwickeln

Diese Erkenntnis führt uns in eine neue innere Freiheit und Unabhängigkeit, die die Kraft hat, unser Leben zu verändern. Wir erfahren unsere Selbstwirksamkeit und können unser Dasein selbstbestimmt in eine positive Richtung lenken, indem wir bewusste und achtsame Entscheidungen treffen.

Wir verlieren uns nicht mehr so schnell in Ängsten, sind in einem guten Kontakt mit uns selbst, entwickeln Selbstvertrauen und fühlen uns nicht länger hilflos und ausgeliefert.

Darüber hinaus erkennen wir, dass Glück und Lebensfreude nicht von äußeren Bedingungen oder Dingen abhängig sind, die doch stets konditioniert und vergänglich sind, sondern in dieser inneren Klarheit und Ruhe liegen. Auf der Grundlage wachsender Achtsamkeit entwickeln sich verschiedene Eigenschaften, die unsere seelischen Widerstandskräfte, unsere Resilienz stärken.

Wir entwickeln Vertrauen in unsere Selbstwirksamkeit und in den Lauf der Dinge, den wir vielleicht nicht immer beeinflussen können, aber wir trauen uns zu, einen gesunden Umgang damit zu finden. Darüber hinaus entwickeln wir ein Bewusstsein dafür, dass wir in unserem direkten Umfeld vieles verändern und einen Unterschied machen können.

Die Kraft der inneren Einstellung

Es gibt immer wieder Dinge in unserem Leben, die uns passieren oder äußere Umstände, denen wir uns ausgeliefert fühlen, an denen wir nichts ändern können. Wir müssen die Situation so nehmen, wie sie in dem Moment ist.

Aber sind wir einer solchen vermeintlich ausweglosen Situation wirklich hilflos ausgeliefert? Viktor Frankl beschreibt in seinem Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ die letzte menschliche Freiheit als die, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen. Frankl wusste als KZ-Überlebender, wovon er sprach.

Wenn wir uns nicht von unseren Gedankenschleifen und den darauffolgenden Emotionen davontragen lassen, sondern geistig klar und wach im Moment bleiben, haben wir immer die Wahl, wie wir auf die Situation, in der wir uns befinden, reagieren.

Krisen kann man durchstehen, Resilienz entwickeln, indem man das Wissen darum, dass alles vorübergehend und konditioniert ist, in sich etabliert und eine klare Sicht auf die Dinge behält, in dem Glauben daran, dass wir die Kraft in uns haben, Krisen zu überwinden. In jedem Moment einer Krise haben wir die Wahl, wie wir damit umgehen, wie wir reagieren und uns zu den gegebenen Umständen einstellen, wenn wir achtsam sind.

Vertrauen in den Lauf der Dinge

Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt.

Khalil Gibran

Achte bei deinem nächsten Spaziergang einmal bewusst auf die Bäume am Wegrand. Manche stehen dort schon 100 Jahre oder sind noch älter. Was auch immer um sie herum geschieht, sie stehen einfach da, tief verwurzelt und strecken ihre Zweige hoch in den Himmel.

Sie verlieren im Herbst ihre Blätter und bleiben regungslos, vertrauen sich dem Lauf der Dinge an. Die verlorenen Blätter gehen in den Kreislauf der Natur ein und im Frühling erwachen die Knospen zu neuem Leben und der Baum erstrahlt in frischem Grün.

Den Wandel, der sich in der Natur vollzieht und die Anpassungsfähigkeit der Tiere und Pflanzen bewusst zu beobachten, lässt auch in uns Vertrauen und das Gefühl der Verbundenheit wachsen. Das feste Wurzelwerk der Bäume steht für Standfestigkeit und Urvertrauen, die Zweige, die sich der Sonne entgegenrecken für Hoffnung, Licht und Wachstum.

Die menschliche Seele sehnt sich nach der Einheit mit dem Universum. Wenn wir uns ganz der gegenwärtigen Erfahrung in der Natur hingeben, können wir diese Einheit spüren, das Aufgehobensein von Atman, unserer individuellen Seele in Brahman, der Weltenseele.

Weiterlesen: Finde den Tempel in dir

Das neue Buch von Antonia Kemkes: Finde den Tempel in dir

Im Außen suchen? Im Inneren finden! Sehnst du dich auch nach einem Ort, an dem du dich jederzeit geborgen fühlst? An dem du Kraft tanken kannst und zu innerer Stärke findest? Die erstaunliche Wahrheit ist, dass jede und jeder von uns einen solchen Ort hat: in sich selbst.

Antonia Kemkes, Expertin für Entspannung, Burn-out-Prävention und Stressbewältigung, zeigt dir drei Wege, die zu deinem inneren Tempel führen: Meditation, Yoga und Bodyscan. Und sie offenbart dir den Schlüssel zu diesem magischen Ort: Achtsamkeit.

Dabei überführt sie die uralte östliche Weisheit behutsam ins Heute und gibt dir Tipps und Übungen an die Hand, die alltagstauglich sind und jederzeit nutzbar – auch in herausfordernden Situationen. Schritt für Schritt lernst du, immer sicherer zu deinem inneren Tempel zu finden, bis du ganz selbstverständlich in ihm ruhst, egal, was »da draußen« passiert (Gräfe und Unzer 2022).


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