Stell dir vor…

Stell dir vor…

… du sitzt im Zug und freust dich über die schöne Aussicht. Ein bequemer Fensterplatz im geschlossenen Abteil. Fantastisch. ♥ Zusammen mit deiner besten Freundin hast du ein großartiges Wochenende in Hamburg geplant. Die Konzert-Tickets sind besorgt, die Übernachtung ist organisiert, der Plan für den heutigen Abend steht… jetzt nur noch knapp 60 Minutem im Zug entspannen – dann seid ihr da!

Der ICE macht einen Zwischenstopp. Der Zug fährt langsam ein, entschleunigt und kommt neben einem anderen Zug zum Stehen. Puuuh… ganze 15 Minuten Aufenthalt! Muss das wirklich sein? Okay; es gibt Schlimmeres. Deine Freundin will kurz mal raus, auf dem Bahnsteig ein frisches Wasser am Automaten holen. „Vielleicht noch was zum Knabbern. Willst du auch was?“ fragt sie, aber du schüttelst den Kopf und deine Freundin verlässt in Windeseile das Abteil.

Dich ereilt leichte Müdigkeit. Deine Stirn ist am zerkratzen Fensterglas angelehnt, deine halboffenen Augen blicken in ein Abteil im gegenüberliegenden Zug, in dem eine Frau mitsamt Kind ihre Nase in ein Bilderbuch zu vergraben scheint und lustige Grimassen schneidet. Pantomimisch imitiert sie wohl ein Pferd mit langen Ohren, vielleicht auch ein Reh… ein Einhorn? – du bist dir nicht sicher.

PLÖTZLICH bewegt sich der Zug. Du siehst, wie der Zug anfährt, sich fortbewegt, Tempo aufnimmt. Alles geschieht ganz schnell. In einem kurzen Augenblick wird dir klar, dass deine Freundin noch nicht zurück ist. Herrje! Die entspannte Fahrt. Euer gemeinsames Wochenende. Die gekauften Tickets. Der ganze grandiose Plan fürs Wochenende saust in einem Affentempo durch deinen Geist, inklusive einer konkreten Erfahrung von Angst und Enttäuschung, dass es so, wie geplant, nun doch nicht funktioniert… bis dir klar wird, dass es der Zug nebenan ist, der sich langsam in Bewegung gesetzt hat und du nur den Eindruck hattest, es wäre euer Zug gewesen, der gerade abfährt. Puhhh… was für eine Erleichterung! 🙂

Wieso, weshalb, warum?

Was ist passiert? Hier liegt ein Irrtum vor, der auf einer scheinbaren Erfahrung basiert. Vermutlich hast du sowas bestimmt schon einmal selbst erlebt: Zwei Züge (oder zwei Autos) stehen nebeneinander. Während sich das Fahrzeug nebenan in Bewegung setzt, kommt es dir so vor, als ob sich das Fahrzeug, in dem du dich befindest, anfährt. Auch wenn man dann ziemlich schnell merkt, dass es das andere Fahrzeug ist, das sich bewegt, ist es genau dieser spezielle Moment, bei dem man das Gefühl hat, sich selbst in Bewegung zu setzten, obwohl das gar nicht der Fall ist. Hier zeigt sich etwas ganz Spezielles: Es handelt sich um eine getäuschte Wahrnehmung, die als „wirklich“ erlebt (also: subjektiv als wirklich gedeutet) wird. Ein Sanskrit-Begriff für den Sachverhalt lautet Adhyasa: ein Irrtum in der Wahrnehmung; eine falsche Identifikation.

Diesem Phänomen, nämlich dass dem Menschen etwas Unwirkliches wirklich erscheint – mit all den daraus erwachsenden scheinbaren Problemen – widmet die indische Wahrheits-Lehre des Vedānta einen Großteil ihrer Ausführungen. Damit nicht genug! Vedanta erklärt die Verwechslung von Sein und Schein (Satya und Mithya, Wirklichkeit und Illusion) zur fundamentalen Ursache menschlichen Leidens.

Avidya – Unwissenheit

Unwissenheit (Sanskrit: Avidya) ist die Wurzel des Nicht-Verstehens. Und nicht zu verstehen bedeutet – mehr oder weniger, früher oder später – in Konflikt zu geraten mit dem, was aufgrund von Unwissenheit nicht angemessen erkannt wird. Das Problem der fehlerhaften Wahrnehmung durch eine relativ-subjektivistische Interpretation von „Wirklichkeit“ trifft nicht nur auf Objekte zu, sondern auf jegliche Ereignisse in meinem Leben. Die Identifikation mit Gedanken, Gefühlen, sogar jede einzelne meiner Erfahrungen kann im Grunde genommen als existenzielle Wirklichkeit-Unwirklichkeit-Verwechslung verstanden werden, weil mein Geist (Manas) das Sein als solches durch Deutung verfälscht bzw. manipulativ interpretiert, der Interpretation allerdings einen Wirklichkeits-Status verleiht. Ganz schön verrückt, was? Mein persönliches Erleben gleicht demnach eher einem Traum, als dass es sich dabei um eine verlässliche Realität handelt. Das persönliche Ich (Ego, Ahamkara) ist gleichzeitig Macher und Objekt (s)einer Scheinwelt, der es an elementarer Beständigkeit mangelt. Dabei spielen laut Vedanta unter anderem die Kräfte der Verhüllung (Avriti Shakti) und der Projektion (Vikshepa Shakti) eine Rolle.

Adhyaropa – die Überlagerung

Ein traditionell vedantisches Beispiel [Nyaya] ist das von der Schlange und dem Seil, bei dem ein müder Wanderer im Halbdunkel ein zusammengerolltes Brunnenseil am Wegesrand für eine Schlange hält, vor Angst erstarrt, weil er befürchtet, gebissen zu werden – bis ihm nach einiger Zeit ein entgegenkommender Dorfbewohner samt Laterne seinen Irrtum vor Augen führt, indem dieser das obskure Objekt beleuchtet und augenblicklich das Seil klar und deutlich als Seil zu erkennen ist. Die ver­meint­liche Schlange war reine Illusion. Und am Ende ist die Panik des Wanderers nur noch einen Seufzer der Erleichterung oder ein müdes Lächeln wert. Den beschriebenen Vorfall nennt Vedanta „Adhyaropa“, eine Überlagerung. Ein bisschen so, wie in dem obigen Beispiel die Zug(an)fahrt. Das Seil (Metapher für die Realität) war stets unverändert – und doch ist es die notwendige Bedingung, dass die Illusion überhaupt stattfinden kann. Ohne Realität haben Illusionen keine Grundlage. Das ist wichtig zu wissen. Weiterhin wichtig zu wissen: Eine Illusion an sich hat keine Bedeutung, außer jener, die man ihr beimisst. In dieser Einsicht verbirgt sich die Lösung aus dem Würgegriff der Unwissenheit.

Maya – das Spiel der Illusionen

Man mag es kaum glauben, aber so gibt es in der menschlichen Erfahrung eine anfang- und endlose Kette von Verwechselungen, Fehlinterpretationen und entsprechend fehlgeleiteten Handlungen und Reaktionen: Mein Nachbar macht ein missmutiges Gesicht, weil ihm sein Chef einige Stunden zuvor die Kündigung ausgesprochen hat. Er schaut deswegen finster drein, blickt zufällig in meine Richtung und in mir steigt ein Gefühl auf, dass er nicht gut auf mich zu sprechen ist. Ich frage mich vorwurfsvoll nach einem plausiblen Grund dafür. Was habe ich wohl falsch gemacht? „Na, dich lade ich nicht mehr zum Geburtstag ein“, werde ich daraufhin vielleicht sogar meinen. Oder: Ich werde von einer fremden Person vor einem Kaufhaus angesprochen, lächelnd begrüßt und gefragt, wie es mir geht. Ich antworte „gut“ und fühle mich plötzlich attraktiv – bis ich gefragt werde, ob ich nicht einen Mitgliedschaftsvertrag in einem Automobil-Club abschließen möchte. Schlagartig fühle ich mich nicht mehr attraktiv, sondern vielmehr belästigt.

Warum passiert mit sowas? Was hat das alles mit mir zu tun?

Wie stabil, wie wahr ist meine Erfahrung von Wirklichkeit, wenn diese doch irgendwie von äußeren Umständen abzuhängen scheint, sich alles ständig ändert und vieles für mich im Unklaren bleibt? Und trotzdem bin ich der Meinung, dass ich weiß, was Wirklichkeit bedeutet und ich glaube, dass das, was ich erfahre, wirklich sei.

Genau dies ist der entscheidende Punkt, von dem Vedanta sagt, es handele sich um das obskure Spiel der Illusion(en) namens Maya, das mich zu dem fundamentalen Trugschluss führt, dass die Welt meiner Erfahrung wirklich sei.

Ādi Śaṃkarācārya (Shri Shankaracharya), ein Meister des Advaita Vedanta, resümiert:

brahma satyam jagan mithyā

was soviel bedeutet wie: Brahman (formloses, unbegrenztes, reines Bewusstsein) ist Wirklichkeit; die Welt ist unwirklich.“

brahma satyam jagan mithyā

Die grundlegendste aller Fehlwahrnehmungen ist laut Vedanta, dass ich mich nicht als reines, unveränderliches, vollkommenes, unendliches Bewusstsein erkenne, sondern mich stattdessen als begrenztes, eigenständiges, veränderliches und verletzliches Individuum wahrnehme. Als Mensch denke ich, ich bin ein Mensch. Was soll daran bitteschön falsch sein?

Nun: Wellen auf einem Ozean sind Modifikationen des Meeres. Eine Welle ist Teil des Ozeans. Es besteht keine Trennung zwischen Welle und Ozean. Genau genommen ist beides Wasser, H²O. Eine Welle ist bloß eine von unzähligen, zeitweiligen Modifikationen des Meeres. Ihre Form verändert sich. Sie erhebt sich und senkt sich. Der Ozean als solches ist beständig und bleibend.

Ähnlich kann man sagen, dass alle weltlichen Erscheinungen Modifikationen (Wellen) des reinen Bewusstseins (Ozean) sind. Bewusstsein ist der Urgrund allen Seins. Bewusstsein und Sein (Existenz) sind identisch. Weltliche Erscheinungen allerdings sind niemals konstant, niemals ewig. Alles Phänomenale hat einen Anfang, unterliegt Veränderungen und endet. Selbst Zeit und Raum sind endlich und begrenzt, sind laut vedantischer Sichtweise lediglich Vorkommnisse innerhalb des Absoluten. Was jedoch Bestand hat, sich nicht verändert und unveränderlich bleibt, ist das reine Bewusstsein, ist Brahman, das anfang- und endlose, nonduale Sein. Ein Rückschluss ist, dass der Mensch (der subtile Körper des Jivas) lediglich ein Instrument ist, durch das sich Bewusstsein in Form von Erkenntnis zeigt – insofern, dass der Mensch weiß: „Ich bin (Bewusstsein)“. Und um das behaupten zu können – oh Wunder – muss er sein. Um sein zu können, braucht es Existenz. Existenz ist letztendlich non-dual und ohne Gegenteil, das Eine ohne etwas anderes, das sich davon unterscheidet. Nicht-Existenz hingegen gibt es nicht wirklich; lediglich als Überlagerung (Mithya) auf das, was ist (Satya). Um sagen zu können „Nicht-Existenz existiert“, muss etwas existent sein, aufgrund dessen eine derartige Behauptung getätigt werden kann. Genau dieses ‚etwas‘ ist immer gegenwärtig, immer vorhanden, niemals nicht vorhanden und unveränderlich per se: Reines Bewusstsein. Laut vedantischer Definition das einzig Wirkliche: Brahman. Ganz schön kompliziert, oder? Aber im Grunde genommen ist es einfach – im wahrsten Sinne des Wortes. 😉 Ich bin immer, was ich bin – unveränderlich. Und niemals bin ich (es) nicht.

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Vichara – „Wer bin ich?“

Es ist die radikale Untersuchung, die „Selbsterforschung“, die der menschlichen Erfahrung von Glück und Unglück, Freude und Schmerz, Liebe und Angst auf den Grund gehen möchte und der anstrengenden Suche nach einer dauerhaften Zufriedenheit ein Ende setzt, indem dem Suchenden aufgezeigt wird, dass er und das Absolute, das persönliche Bewusstsein und das grenzenlose, allgegenwärtige Bewusstsein ein und dasselbe sind – wie die Welle und das Meer.

Für nahezu jeden Menschen ist es Teil des Lebens, immer wieder vor Problemen zu stehen, sich machtlos zu fühlen, Lebensereignisse nicht zu verstehen, an Beziehungen, sich selbst, der Welt und dem Leben zu zweifeln und aufgrund dessen zu leiden. Wer solche Phasen in seinem Leben erlebt hat, ist gesegnet. Denn nach und nach führt uns unser „Scheitern“, unser Leiden zur Bereitschaft, einen anderen Weg einzuschlagen und ein qualifizierteres Unterscheidungsvermögen (Viveka) zu entwickeln; dem Leben auf den Grund zu gehen und ein Leben frei von Leid anzustreben. So wird der Mensch schließlich für verschiedene Lösungsansätze offen; manche davon kann man als spirituell bezeichnen.

Sein und Schein, Ja und Nein

Wie bereits ausgeführt: Durch Wahrnehmung, Deutung, Interpretation, Mutmaßung und psychologischer Überlagerung „machen“ wir eine individuelle scheinbare Wirklichkeit, die so willkürlich und instabil ist, dass sie den Namen „Wirklichkeit“ nicht wirklich (sic!) verdient.

Wenn du mehr über die Sichtweise aus der Perspektive des Advaita Vedanta erfahren möchtest, wenn du das dringende Bedürfnis hast, dich, die Welt und das Leben zu verstehen, wenn du offen bist für eine alte, ehrwürdige und traditionelle Lehrmethode, dahingehend, dass du dich der systematischen Lehre des Vedanta öffnen kannst und bereit bist, dein bisheriges Weltbild zu hinterfragen zugunsten einer pro-non-dualistischen Deutung deiner Erfahrungen, dann ist es vielleicht an der Zeit, dich eingehender mit Advaita Vedanta zu beschäftigen.

Dies sind einige Möglichkeiten:

James Swartz, ein amerikanischer Vedanta-Lehrer und Schüler von Swami Chinmayananda und Swami Dayananda, sagt:

Wenn du bereit bist, dann wird Vedanta dich finden.

Es gäbe noch vieles zu sagen. Über direktes und indirektes Wissen. Über die Bhagavad Gita und die Upanishaden. Darüber, dass keine Handlung mit begrenztem Spielraum eine Freiheit im absoluten Sinne erzeugen kann… Wenn du dich inspiriert fühlst, weiter zu forschen und ein unwiderstehliches Verlangen verspürst, dem Ruf des Wissens zu folgen, dann ist es an der Zeit, dein Leben dem Ziel von moksha – der Befreiung – zu widmen.

Alles Gute!

Hari Om Tat Sat

asato mā sad gamaya
tamaso mā jyotir gamaya
mṛtyor māmṛtaṅ gamaya //

20-teiliger Vedanta Meditation und Jnana Yoga Kurs:

Vorträge von Sukadev zum Thema:

 

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