Sukadev: Sekte – was ist das?

Sukadev hat vor kurzem eine Vortrag gehalten zum Thema: Sekte, was ist das überhaupt? Wir werden demnächst diesen Vortrag von Sukadev zum Thema Sekte auch als Podcast, eventuell auch als Video, ins Internet stellen.

In seinem Vortrag bezieht sich Sukadev auf den Wikipedia Artikel zum Thema Sekte, und zwar die deutsche Wikipedia wie auch die englische Wikipedia. Des weiteren weist er darauf hin, dass er sich schon immer für vergleichende Religionswissenschaft interessiert hatte, seit er sich diese Fach als Abitur-Prüfungsfach ausgesucht hatte…

Sukadev erwähnt, dass der Begriff Sekte seit der Antike verwendet wurde und dass sich seit über 2000 Jahren die Bedeutung des Begriffs Sekte beständig gewandelt hat. Sukadev unterscheidet 4 Zeitperioden:

  • Frühe Antike: Sekte als wertneutraler Begriff für die Anhänger einer bestimmten Philosophenschule bzw. religiösen Richtung
  • Christliches Mittelalter und frühe Neuzeit: Sekte als kirchlicher, bzw. römisch-katholischer Begriff für eine von der kirchlichen Lehrmeinung abweichende Gruppierung, die zu bekämpfen bzw. auszurotten ist
  • Beginnende Religionswissenschaft und Soziologie: Versuch, den Begriff Sekte wertneutral als von der Hauptlehrmeinung abweichende oder eigenständige Richtung zu verwenden
  • 60er Jahre: Durch die Kirchen werden alle aus Asien oder Amerika nach Europa kommenden neue religiöse Bewegungen pauschal als Sekten bezeichnet. Der Begriff Sekte wird wieder negativ besetzt
  • 70er und 80er Jahre: Versuch der Differenzierung zwischen „gefährlichen Sekten“ und anderen religiösen Gruppierungen
  • 90er Jahre: Die Enquete Kommission des Deutschen Bundestags  „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ hält den Begriff für nicht haltbar, da er historisch ebenso wie der Begriff Häretiker eigentlich ein Begriff zur Bekämpfung Andersgläubiger war und in einer aufgeklärten, pluralistischen Gesellschaft nichts zu suchen habe
  • Seit 2000: Der Begriff wird von staatlicher, wissenschaftlicher und kirchlicher Seite nicht mehr verwendet, behält aber umgangssprachlich und in den Medien seine negative Bedeutung. Da der Begriff keine anerkannte Definition hat, kann sich eine Gruppierung, die als Sekte bezeichnet wird, nicht dagegen wehren

Im einzelnen:

Das Wort Sekte

Sukadev erwähnt, dass das Wort Sekte vom Lateinischen Secta kommt. „Secta“ heißt „das Abgetrennte, die Richtung“. Darin steckt auch das lateinische Wort für „Schneiden, Abtrennen“, Secara. Manchmal findet man auch in der wissenschaftlichen Literatur, dass das Wort Sekte auch von Sequi, nachfolgen kommt

Was bedeutet der Begriff Sekte in der klassischen Antike?

Sukadev führt aus, dass in der Antike der Begriff Sekte ursprünglich wertneutral für eine Gruppe von Menschen verwendet wurde, die den Anschauungen eines bestimmten Philosophen folgt. Etwas später sei es auch für Untergruppierungen einer Mutterreligion verwendet wurden. Auch im Zusammenhang mit dem Judentum wurde von den Geschichtsschreibern von sectae gesprochen. So wurden da als jüdische Sectae die Pharisäer, die Zeloten, die Essener und auch die Nazarener, also die Christen bezeichnet.

Der Begriff Sekte im Christentum

Laut Sukadev erhielt der Begriff Sekte im Christentum recht zügig eine negative Konnotation. Schon der Apostel Paulus spricht von griechisch Haeresis, lateinisch Secta, als Spaltungen innerhalb der christlichen Gemeinde, die er als negativ bewertet.

In der lateinischen Kirche des Mittelalters wurden Abspaltungen des Christentums als Secta bezeichnet. Die Anhänger einer Sekte waren Häretiker. Die Anhänger einer Sekte wurden geächtet und mit dem Tode verfolgt.

In der beginnenden Neuzeit wurden der Protestantismus als Secta Lutherana bezeichnet, die natürlich bekämpft werden musste.

Später haben, wie Sukadev ausführt, die Protestanten den Begriff übernommen und selbst alle Abweichungen als Sekten bezeichnet.

Versuch der Neudefinition des Begriffs Sekte in Religionswissenschaft und Soziologie

Sukadev beschreibt einen interessanten Versuch der beginnenden Religionswissenschaft und Soziologie Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, den Begriff Sekte wertneutral zu besetzen. Denn mit Aufklärung und dem Prinzip der Religionsfreiheit wurde mehr und mehr eine Pluralität der Religionen anerkannt. Damit machte es keinen Sinn mehr, von Häretikern und zu bekämpfenden Sekten zu sprechen.

Die beginnende Religionswissenschaft unterschied zwischen den großen Religionen wie Christentum, Islam, Judentum, Buddhismus, Hinduisms, Taoismus und deren kleineren Abspaltungen, den Sekten. So wurde, wie in der Antike, wieder von jüdischen und christlichen Sekten gesprochen.

Max Weber verwendete den Begriff Sekte sogar ausgesprochen positiv: Er meinte, eine Sekte sei eine auf Freiwilligkeit beruhende Gemeinschaft, in die man aus freiem Entschluss eintrete, während man einer Kirche bzw. Religion hauptsächlich durch die Geburt zugehöre.

Sukadev führt weiter aus, dass in der ursprünglich von Deutschen geprägten Indologie der Begriff Sekte lange Zeit für jede Untergruppierung im Hinduismus verwendet wurde. Sogar Swami Sivananda spricht in seinen Büchern von Hindu Sekten wie die Vaishnavas, Shaivas, Shaktas etc.

Im anglikanischen Sprachraum hat der Begriff „sect“ bis heute eine eher wertneutrale Bedeutung: Als „sect“ wird jede Abspaltung und auch Untergruppierung in Religion, Wissenschaft, Philosophie und Politik bezeichnet.

Bedeutungswandel des Begriffs „Sekte“ in den Sechziger Jahren

Im Zuge der 60er Jahre kamen viele neue religiöse Bewegungen und Strömungen aus Amerika und Asien nach Europa, auch nach Deutschland. Wie Sukadev in seinem Vortrag beschreibt, kramten die Kirchen wieder den Begriff „Sekte“ aus ihrem Arsenal. So wie von katholischer Seite bis ins 19. Jahrhundert die evangelische Kirche als „Secta Lutherana“ bezeichnet wurde (und ja bis heute nicht als Kirche anerkannt wird), so wurde jetzt jede kleinere religiöse, spirituelle  oder weltanschauliche Gruppierung als Sekte bezeichnet. Sukadev führt aus, wie er in der Schule im Religionsunterricht alle möglichen Horror-Geschichten über die Anhänger von Rajneesh, die „Moonies“, die Hare Krishnas und andere gehört habe.

Versuch der Differenzierung – Neudefinition des Sektenbegriffs

Bald wurde es jedoch für die Kirchen nicht mehr haltbar, einfach alle Anhänger jeder anderen Glaubens-/Weltanschauungsrichtung als Sektenanhänger zu bezeichnen. Aus Wissenschaft und Politik, aus Soziologie und im Zuge des zweiten Vatikanischen Konzils auch aus den Kirchen selbst, kam Widerstand. Wohin die Verfolgung von Minderheiten führen kann, hatte man im Zweiten Weltkrieg hinreichend gesehen.

So versuchte man eine Differenzierung zwischen „ungefährlichen  neureligiösen bzw. weltanschaulichen Gruppen“ und „gefährlichen Sekten“. Man behielt also den mittelalterlichen Begriff Sekte bei, anders als den eigentlich damit verbunden Begriff des Häretikers.

  • Als Kriterien für Sekte wurden unterschiedliche Kataloge erstellt, z.B.
  • Charismatischer Führer, um den ein großer Personenkult entsteht
  • Autoritäre Strukturen
  • Abkapselung der Gruppe und Verteufelung der Außenwelt
  • Eingeschränkte Bewegungsfreiheit für Sektenmitglieder
  • Gehirnwäsche durch extreme Praktiken und ständige Überwachung
  • Einschränkung der Meinungsfreiheit innerhalb der Gruppierung
  • Wirtschaftliche und sexuelle Ausbeutung
  • Menschenrechtsverletzungen verschiedenster Art
  • Druck auf und Drohungen an Sektenmitglieder, welche die Gruppe verlassen wollen oder haben

Sukadev führt aus, dass auf Grundlage dieser kirchlichen Definition heraus fast jede evangelische Landeskirche und katholisches Bistum einen Sektenbeauftragten bekam. Auch die meisten Landesregierungen folgten diesem Beispiel. Sie wollten aufklären, die Machenschaften der gefährlichen Sekten aufdecken, Tipps zum Ausstieg geben und Aussteigern helfen.d

Die Enquete Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ und ihr Standpunkt zum Sektenbegriff

Um die Gefahren zu untersuchen, die angeblich von Sekten ausgingen, wurde vom Deutschen Bundestag die Enquete Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ ins Leben gerufen. Diese aus Wissenschaftlern bestehende Kommission kam zu folgenden Schlüssen:

  • Der Begriff „Sekte“ ist mit dem Prinzip der Religionsfreiheit nicht vereinbar. Der kirchliche Kampfbegriff Sekte sollte ebensowenig wie der Begriff „Häretiker“ von staatlichen Stellen verwendet werden
  • Von den bis dahin als „Sekte“ bezeichneten religiösen, spirituellen und weltanschaulichen Gruppierungen ginge keine Gefahr für die deutsche Gesellschaft aus

Als Folge des Abschlussberichts der Enquete Kommission haben, wie Sukadev ausführt, fast alle Landeskirchen, Bundesländer und Bistümer ihre Sektenbeauftragten umbenannt in „Beauftragte für Weltanschauungen“ oder ähnlich. Es ist nicht mehr die Frage, ob eine Gruppierung eine Sekte ist. Vielmehr ist die Frage, ob eine Gruppierung verfassungsfeindlich ist bzw. die Menschenrechte missachtet bzw. terroristische Attentate bzw. Selbstmordattentate vorbereitet.

Die heutige Umgangssprache und die Medien und der Begriff Sekte

Leider haben die Öffentlichkeit und Medien von der Ablehnung des Sektenbegriffs durch Enquete Kommission, Politik und Religionswissenschaft keine Kenntnis genommen. Der Begriff „Sekte“ wird weiter vielen Anhängern von indischen Meistern um die Ohren gehauen. Es wird öfter behauptet, diese und jene Gruppierung sei eine Sekte. Da der Sektenbegriff keine Definition weil keine wissenschaftliche Relevanz hat, kann sie die betreffende Gruppierung schwer zur Wehr setzen.

Sukadev gibt Gruppierungen, denen der Sektenvorwurf gemacht wird, den Rat, auf die veralteten kirchlichen Definitionen aus den 70er und 80er Jahren zuzugreifen, da der Rückgriff auf die moderne Nichtverwendung des Sektenbegriffs eher als Ausweichung angesehen wird. Wenn eine Gruppierung nicht autoritär ist, keinen übermäßigen Personenkult um eine lebende Person hat, demokratische Strukturen hat, Austausch hält mit verschiedensten gesellschaftlichen Institutionen, Verbänden, Gruppierungen hält und die Menschenrechte und die Verfassung achtet, sollte sie nicht als Sekte bezeichnet werden. Und wer sich nicht an die Menschenrechte und die Verfassung hält, wird höchstwahrscheinlich (hoffentlich) sowieso bald in Konflikt mit staatlichen Organen wie Polizei, Justiz und Verfassungsschutz geraten – da ist der Sektenvorwurf das geringste Problem…

Sukadev beschreibt, dass er immer wieder im Gespräch mit Bürgermeister, mit Bundestagsabgeordneten und Staatssekretären und Ministern, die Schirmherrschaften über Kongresse übernehmen, erfährt, dass viele sich vergewissert haben, dass Yoga Vidya keine Sekte sei. Obgleich also der Begriff Sekte eigentlich offiziell nicht mehr existiert, scheint es weiterhin offizielle Stellen zu geben, die auf Anfrage bekannt geben, ob eine Gruppierung eine Sekte sei oder nicht. Glücklicherweise scheinen die kirchlichen Weltanschauungsbeauftragten und auch die Beauftragten der Länder einheitlich zu bescheinigen, dass Yoga Vidya keine Sekte sei…

1 Kommentar zu “Sukadev: Sekte – was ist das?

  1. friedrich

    Danke für diesen Artikel. Wenn man das versteht ist, wird einem klar, wie dumm es ist diesen Begriff Sekte zu verwenden. Sekte, 30/yoga-vidya-keine-sekte“>yoga sekte etc. – was da unreflektiert als Ausdrücke verwendet wird, ist schon haarsträubend. Glücklicherweise werden Häretiker heute nicht mehr verbrannt…

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