Raus aus dem Flow? Rein in den Flow!

hu
Von hu
Lesezeit: 11 Min

Dir geht im Moment alles leicht von der Hand? Wenn ein Problem auftaucht, findest du sofort eine praktikable Lösung und setzt sie direkt um? Dann ist dieser Artikel vermutlich nichts für dich. Vielleicht merkst du ihn dir einfach für später. Für eine Zeit, in der nichts läuft. Wenn du das Gefühl hast, nicht mehr in den Flow zu kommen.

Es gibt diese Phasen, in denen alles zu stagnieren scheint.

Man sitzt vor dem Laptop und starrt auf den blinkenden Cursor. Die Buchstaben, die man tippt, will man sofort wieder löschen. Die Yogamatte steht zusammengerollt in der Ecke und sammelt Staubflöckchen. Man öffnet den gefüllten Kühlschrank und schließt ihn wieder, weil man nicht weiß, worauf man eigentlich Appetit hat.

Ideen verstecken sich in nebulösen Untiefen unseres Gehirns. Nah und doch seltsam ungreifbar.

Schön, wenn man so einen Zustand einfach aussitzen kann. Doch meist meldet sich dann auch noch eine innere Stimme:

„Das sollte längst fertig sein.“
„Reiß dich mal zusammen. Andere schaffen das doch auch.“
„Was stimmt nicht mit dir?“

Willkommen im Club. Du bist nicht im Fluss, nicht im Flow.

Dabei ist genau das erstaunlich normal. Flow ist kein Dauerzustand. Niemand lebt permanent in kreativer Ekstase oder tanzt dauerhaft durch Sommerregen aus brillanten Ideen. Auch die kreativsten Menschen geraten aus dem Rhythmus.

Was ist Flow überhaupt?

Der Begriff „Flow“ (engl. Fliessen/im Fluß) wurde vom Psychologen Mihály Csíkszentmihályi geprägt. Gemeint ist ein Zustand tiefer Versenkung. Man geht ganz in einer Tätigkeit auf. Zeit wird unwichtig. Gedanken treten in den Hintergrund. Handlung und Aufmerksamkeit verschmelzen.

Viele kennen das:

beim Yoga
beim Schreiben
beim Handwerken
beim Gärtnern
beim Kochen
beim Musizieren
beim Malen

Ich kenne diesen Zustand besonders vom Schreiben. In manchen Momenten gehe ich so darin auf, dass ich hinterher kaum sagen kann, woher die Worte eigentlich kamen. Goethe soll einmal gesagt haben: „Es schreibt durch mich.“

Es backt durch mich

Einmal hat ES durch mich gebacken.

In Blankenese gab es früher eine Konditorei die Blutorangensahnetorte verkaufte. Zu besonderen Gelegenheiten hieß es deshalb: „Raus nach Blankenese und Torte essen.“ Für mich war (und ist) das bis heute die weltbeste Torte. Süß und sauer zugleich, ein wenig herb, sahnig und luftig. Doch eines Tages stand ich vor verschlossener Tür. Die Konditorei hatte geschlossen. Für immer.

Also versuchte ich, diese Torte nachzubacken. Immer wieder – erfolglos. Irgendwann gab ich auf.

Jahre später hatte eine Bekannte Geburtstag und ich hatte versprochen, einen Kuchen mitzubringen. Warum auch immer: Ich wollte plötzlich wieder diese Blutorangensahnetorte backen. Schon beim Einkaufen traf ich überraschende Entscheidungen. Neue Zutaten. Andere Mengen. Geänderte Abläufe. Aber irgendetwas in mir sagte einfach: „Mach weiter.“ Ich war vollkommen im Flow.

Als ich die Torte schließlich präsentierte, mit Namenszug und Kerzen, wusste ich bereits vor dem ersten Bissen, dass diesmal alles stimmte. Und die glänzenden Augen und verzückten Gesichter bestätigten es sofort. Die Torte habe ich danach nie wieder gebacken. Heute ernähre ich mich ganz anders. Aber ich mag den Gedanken, dass diese Torte irgendwo noch existiert. Nicht im Kühlschrank. Sondern als Möglichkeit.

Flow ist weniger eine besondere Tätigkeit als ein Zustand tiefer Versenkung und eine besondere Art, anwesend zu sein. Man erlaubt sich selbst, Kanal zu werden. Wenn du lange Zeit nicht mehr in den Flow kommen konntest, könnte sich die Frage lohnen: Was stellt sich dem eigentlich entgegen?

Was bedeutet Flow im Yoga?

Im Yoga bedeutet Flow nicht einfach nur, möglichst elegant von einer Haltung in die nächste zu gleiten. Im Kern geht es um etwas Tieferes: diesen Zustand von Einheit zwischen Körper, Atem und Aufmerksamkeit.

Wenn Bewegung und Atem miteinander verschmelzen (besonders in der Vinyasa-Praxis oder bei Kundalini-Kriyas), entsteht häufig genau jene Versenkung, die wir als Flow erleben. Der Geist wird ruhiger, Gedanken treten in den Hintergrund, man ist ganz im gegenwärtigen Moment.

Deshalb können Yogapraktiken helfen, wieder in den Flow zu kommen. Nicht weil Yoga jede Blockade magisch auflöst, sondern weil wir uns dabei wieder zusammen sammeln – im Hier und Jetzt.

Bei Yoga Vidya findest du dafür wunderbare Übungsvideos. Diese Videos können dir helfen, deinen inneren Fluss wiederzufinden. Ein paar davon hab ich dir hier zusammengestellt:

Warum wir schwer in den Flow kommen

… aus Angst vor Kontrollverlust

Kaum wird es kreativ oder lebendig, meldet sich gern der innere Kritiker. Geben wir ihm zu viel Raum, legt er sofort los:

„Das ist peinlich.“
„Das ist nicht gut genug.“
„Mach lieber nichts, bevor es schlecht wird.“

Interessanterweise ist dieser innere Kritiker oft gar nicht wirklich böse. Häufig versucht er zu schützen. Vor Ablehnung. Davor Fehler zu machen. Vor Scham und dem Gefühl des Ausgeliefertseins. Eine Idee ist zunächst nur ein Impuls. Wie ein Samen muss sie erst keimen dürfen. Wie ein Funke braucht sie Sauerstoff. Flow braucht Raum.

Deshalb entstehen gute Ideen selten unter Druck. Sie tauchen eher auf, wenn der Geist ruhig wird. Wenn wir neugierig werden. Spielerisch. Wach. Nicht ängstlich und verzagt.

… vor lauter Aufmerksamkeitsfallen

Unser Alltag ist voller kleiner Aufmerksamkeitsfallen.

Benachrichtigungen. Vergleiche. Dauerinput. Gedudel und Gedaddel.
Zu viele offene Tabs im Browser und noch mehr davon im Kopf.

Dazu kommt das ständige Gefühl, produktiv sein zu müssen. Selbst Erholung wird optimiert. Kreativität soll effizient funktionieren. Aber Flow funktioniert nicht in Zerstreutheit und Multitasking. Aus tiefer Versenkung kann man nicht mal eben einen Zahnreinigungstermin vereinbaren.

Darum fühlen sich viele Menschen nach einem Waldspaziergang (noch besser Waldbaden!) kreativer als nach drei Stunden „Inspiration“ auf Social Media. Das Nervensystem bekommt endlich wieder Muße, eine kleine Weile Ruhe.

Kreativität braucht manchmal keine Disziplin, sondern Spieltrieb

Eine spannende Methode aus der Kreativitätsarbeit heißt SCAMPER (engl.: herumhüpfen/herumtollen). Sie kann besonders hilfreich sein, wenn man irgendwo feststeckt und wieder in den Flow kommen möchte.

Die Methode lädt dazu ein, etwas Bestehendes spielerisch zu verändern:

Das Schöne daran: Man muss nicht sofort eine geniale Idee haben. Man beginnt einfach zu spielen.

Vielleicht wird aus einer stillen Meditation ein Tanz zu der Melodie in deinem Kopf.
Aus einem nicht stattgefunden Kreativworkshop im Socialmediateam ein Artikel über Flow. (Ja daraus ist dieser Artikel tatsächlich entstanden).
Oder aus einer festgefahrenen Yogapraxis ein Experiment.

Flow entsteht, wenn Offenheit gewichtiger ist als Kontrolle.

Eine kleine Hausordnung für mehr Flow

Unsere Kreativität braucht, um in den Fluss zu kommen, keine Optimierung, eher einen Schutzraum. In kreativen Workshops gibt es deshalb oft einfache Regeln, damit Ideen überhaupt entstehen dürfen, bevor sie bewertet werden. Diese sind auch für unseren inneren Dialog hilfreich:

Schautafel rein in den Flow:Benimmegeln fürs Kreativfeld

Wie du wieder in den Flow kommen kannst

Manchmal braucht es keine große Transformation, sondern winzige Öffnungen.

  • Fünf Minuten einfach anfangen statt auf Motivation warten.
  • Etwas Unperfektes bewusst erlauben und aus allen Perspektiven betrachten und seine Möglichkeiten ausloten.
  • Das Handy weglegen und dich auf nur eine Sache konzentrieren. Das kann alles sein. Unkraut jäten, Meditation, Yoga, werken, …
  • Musik mit dem ganzen Körper hören/fühlen.
  • Langsames bewußtes Gehen.
  • Langeweile zulassen, Seele baumeln lassen.
  • Meditation in Varuna Mudra

Flow entsteht nicht, wenn man ihn jagt. Zwang ist kontraproduktiv. Eher scheues Reh als heißes Eisen das geschmiedet werden will.

‚Flow‘ ist auch Hochleistungszustand

Viele Menschen stellen sich Flow wie eine Art Dauerhoch vor. Kreativ, inspiriert, leistungsfähig, leuchtend. Als müsste man nur die richtige Morgenroutine finden und schon rauscht man dauerhaft auf einer goldenen Welle aus kreativer Produktivität durchs Leben.

Aber auch hier gibt es keine geradlinig ansteigende Erfolgskurve.

Es gibt Zeiten der Fülle.
Und Zeiten der Leere.
Zeiten des Ausdrucks.
Und Zeiten des Sammelns.

Die Pausen gehören dazu. Es braucht Leerräume, Umwege und Zeiten, in denen scheinbar nichts passiert.

Wir müssen gar nicht lernen, ständig im Flow zu sein. Es reicht schon, wieder etwas durchlässiger zu werden für das, was in uns eigentlich längst fließen möchte.

Und das beginnt nicht mit einem großen Durchbruch. Sondern einfach damit, wieder einmal still genug zu werden, um sich selbst zu hören.


Du brauchst etwas Unterstützung um wieder in den Flow zu kommen? Für den Fall hab ich dir hier etwas zusammengesucht:


Die Autorin hu:

Vor mehr als 20 Jahren zwang mich eine schwere Krankheit dazu, meinen vorgedachten Pfad als Filmemacherin und Autorin zu verlassen und neue Wege zu finden und zu gehen. Diese Reise führte mich zu Heilern und spirituellen Lehrern, zu Hexen, Schamanen, ins Zen-Kloster und in die Einsiedelei. Durch meine Erfahrungen habe ich gelernt, dass wahres Verstehen und Erkennen nicht im Kopf stattfindet, sondern das ganze Wesen, das ganze Sein erfüllt. Seit September 2022 bin ich Sevaka bei Yoga Vidya. 🌻 hu

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