Anna Trökes über Neues Denken und Fühlen

Anna Trökes

Anna Trökes ist Autorin von mehr als 20 Yoga Büchern und unterrichtet seit 1974 für verschiedene Berufsverbände und Ausbildungseinrichtungen.
In ihrem Vortrag auf dem Business Yoga Kongress 2016 bei Yoga Vidya Bad Meinberg spricht sie darüber wie wir neues Denken und Fühlen dauerhaft etablieren und aus der Stress-Tretmühle aussteigen können.

Warum erfahren wir Stress?

Jeder Sinnesreiz landet zuerst einmal völlig neutral im limbischen System. Dort wird überprüft, ob dieser Sinneseindruck bis jetzt günstige oder eher ungünstige Erfahrungen gebracht hat. Das Ergebnis wird mit entsprechenden Gefühlen verknüpft, z.B. Freude oder Angst. Evolutionär bedingt interessiert sich das limbische System mehr für alles, was uns schaden könnte und seine Wahrnehmung ist eher diffus. Für eine differenzierte Betrachtung der Situation brauchen wir das Stirnhirn.

Der Stressforscher Tobias Esch beschreibt das Stirnhirn als Exekutive, das Emotionen, kognitive Anteile und Selbstwahrnehmung dynamisch miteinander verbindet. Diese Regulationsfähigkeit wird neuronale Integration genannt und steht in enger Verbindung mit unserer sozialen Umwelt, bestimmt also auch die Qualität unserer Beziehungen und unseres Mitgefühls.

Anna Trökes erklärt das noch einmal an einem bekannten Gedankenmuster. Wir finden uns nicht gut genug und fühlen uns deshalb angespannt, gereizt und unzufrieden. Diese Gefühle sind in unserem limbischen System zu neuronalen Netzwerken verwoben, die dann besonders in schwierigen Situationen auf kleinste Reize anspringen und die Situation eskalieren lassen. Der Neuro-Psychologe Dr. Rick Hanson nennt so  einen Geist, der in seinen Reizreaktionsmustern gefangen ist, ein sich selbst überlassenes Gehirn.

Ein sich selbstüberlassenes Gehirn wird die Welt immer wieder durch die Brille seiner Erfahrungen wahrnehmen. Es braucht eine differenzierte Reflektion (Viveka), sonst lässt dieser Autopilotmodus uns schnell zum Spielball der Geschehnisse werden, die sich unserem Einfluss zu entziehen scheinen.

Vom reaktiven zum anpasungsfähigen Gehirn

Das Limbisches SystemEin anpassungsfähiges Gehirn, in dem das limbische System bereits mit dem Stirnhirn verbunden ist, hat gelernt sich für Situationen zu entscheiden, die den Stress mindern oder gar nicht erst aufkommen lassen. Die Energie, die sonst für das Werten und Analysieren gebraucht wird, ist nun frei für das Wahrnehmen an sich und das Wahrgenommene hat eine Chance, in seinem Sosein aufzuleuchten. Davon sprach ja auch schon Patanjali in seinen Raja Yoga Sutras.

Anna Trökes zitiert den Stressforscher Tobias Esch. Er weißt darauf hin, das werten auch bedeutet, zu kritisieren, analysieren, rationalisieren, perfektionieren, organisieren, optimieren, hinterfragen, grübeln. Diese Sichtweise zielt darauf ab, die Welt zu verstehen, Kontrolle zu gewinnen, sie handhabbar zu machen, Entscheidungen zu treffen, Experte zu werden, Probleme zu lösen und bei alledem immer noch schneller zu werden.

All diese Funktionen stehen stark mit Stress in Beziehung. Sie beschreiben, wie wir versuchen immer perfekter  in unserer Leistungsgesellschaft zu funktionieren. Tobias Esch beschreibt den Zustand, in dem sich so viele Menschen in unserer Gesellschaft heute befinden, als kollektive Ohnmacht, die sich in erlernter Hilflosigkeit ausdrückt.

Stress = erlernte Hilflosigkeit

Wer sein Gehirn trainiert, den Geschehnissen mit Achtsamkeit zu begegnen, bekommt nach und nach seine Kontroll- und Gestaltungsmöglichkeiten zurück. Der erste Schritt beginnt damit, sich selbst in dem Geschehen als Mitverursacher zu begreifen und nicht als Opfer, wie wir es über viele Generationen gelernt haben. Das hilft uns zu verstehen, dass ein Teil des Problems immer bei uns selbst liegt, nämlich in der Einschätzung der Situation mit entsprechendem Denken und Fühlen und schließlich unserem Befinden und Verhalten. Mit dieser Einsicht verlassen wir die erlernte Hilflosigkeit und damit den Stress und sehen uns in der Lage, auf das Erleben einzuwirken und für die Zukunft günstiger zu gestalten.

AchtsamkeitAchtsamkeit fördert die Integration der verschiedenen Hirnareale und ist eine der am besten erforschten und klinisch erprobten Konzepte der Stressbewältigung. Achtsamkeit bedeutet, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf jedes innere oder äußere Phänomen richten können und in dieser Aufmerksamkeit so lange verweilen, wie wir wollen (!)

Um innezuhalten und zu fühlen, was gerade passiert brauchen wir den Körper. Dafür ist die Insula innerhalb der Großhirnrinde zuständig. Durch ihre Aktivität erfahren wir, wie sich eine Situation körperlich anfühlt, wie unser Körper auf das Geschehen reagiert. Werteentwicklung, Moral, Interpretation des eigenen Tuns werden eben nicht allein kognitiv bestimmt, sondern der Körper hilft uns zu fühlen, ob etwas stimmig ist. Wenn die entsprechenden Hirnareale gut mit dem Körper verbunden sind, gibt der Körper auch schnell eine Antwort: Wo erfahre ich Beschwernis (Klishta) und wo ist Leichtigkeit? (Aklishta).

Achtsamkeit ist Stressbewältigung durch Anwesenheit

Der Neuropsychologe Dr. Rick Hanson: Unser Gehirn behandelt alles was angenehm ist, alles was gut funktioniert, wie Teflon. Es gleitet schnell ab und ist vergessen. Alles unangenehme, was nicht funktioniert, behandelt es wie Klettband. Wir neigen dazu, zu lange auf dem, was nicht so gut gelungen ist rum zukauen. Das ist evolutionär bedingt, weil es früher unser Überleben sicherte.

Lerne neues Denken und Fühlen zu etablieren

EvolveDamit wir das Förderliche, das Heilsame etablieren, müssen wir es in den Vordergrund rücken und uns wirklich Zeit nehmen, es „wiederzukäuen wie eine heilige indische Kuh“ um ihm so mehr Bedeutung in unserem Leben zu geben. Je stärker wir mit unseren Sinnen ganz im Hier und Jetzt sind, umso mehr Glückshormone setzt das Gehirn frei und die unachtsamen Gedankenmuster können zunehmend durch die heilsamen Muster überschrieben werden.

Wenn dir eine Asana gut gelingt, gib dem Beachtung. Wenn es dir gelingt, in deiner Yogapraxis deine Achtsamkeit zu halten, schenke dem Aufmerksamkeit. Wenn dein Atem weit und frei wird, gib dem Bedeutung. Wenn Yoga dir Wohlbefinden beschert, gib dem Anerkennung.

Achte darauf, das in den Asanas die Form nicht zu sehr im Vordergrund steht, sondern das eigene Erleben. Was genau denkst und fühlst du während der Praxis. Was sind deine Absichten. Wie gehst du mit dem was dir gelingt und was dir noch nicht gelingt um. Erinnere dich immer wieder: Yoga meint Anbindung an das eigene Sein.

2 Kommentare zu “Anna Trökes über Neues Denken und Fühlen

  1. Vielen Dank liebe Anna Trökes für Deine lichtbringende Beiträge 🙏

  2. Hallo, ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass mir speziell die Rückenvideos von Anna Trökes nach einer OP sehr geholfen haben.
    Nach der Operation, die nichts mit dem Rücken zu tun hatte, streikte mein Rücken so sehr, dass ich ohne Hilfe nicht mehr aus dem Bett kam. Ich hätte mir aber einen Yoga Kurs noch nicht zugetraut. So stiess ich auf ihre Videos und konnte entspannt für mich üben. Langsam kam hierbei meine Kraft und auch Zutrauen in meinen Körper zurück. Hierfür vielen Dank!

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