Im Zeitalter der ständigen Überreicherung durch visuelle Reize erleben Dunkelretreats eine Renaissance. Ich habe es gewagt und durfte stattdessen im Dunkeln meinem Gehirn bei der Arbeit zusehen und erfahren, wie Maya entsteht.
Vor einem Jahr stellte ich mich zum ersten Mal für zweieinhalb Tage der absoluten Dunkelheit. Ein halbes Jahr später für acht Tage. Es war meine persönliche Antwort auf eine Frage, die viele von uns beschäftigt: Wie sieht unsere Wahrnehmung wirklich aus, wenn der ständige Bilderstrom verstummt? Wenn der größte Stimulant einmal ruhig ist?
Dunkelretreats als Praxis zum Rückzug der Sinne erlebt eine gewisse Renaissance. Menschen suchen im Dunkeln eine Auszeit von der täglichen Bilderflut, sei es aus spirituellem Interesse, psychologischer Neugier oder schlicht dem Wunsch nach Ruhe. Was im Dunkeln geschah, übertraf meine Erwartungen. Statt einfach nur zu entspannen, durfte ich meinem Gehirn bei der Arbeit zusehen. Und in diesem Prozess erfuhr ich Maya, was mir vorher nur als Konzept ein Begriff gewesen war. Passiert ist tatsächlich noch mehr, aber ich will die Erwartungen nicht zu hoch hängen – jeder hat seinen eigenen Prozess.
Was passiert eigentlich im Dunkeln?
Ein Dunkelretreat ist, wie der Name sagt: Man verbringt eine geplante Zeit, wenige Tage bis mehrere Wochen, in vollständiger Dunkelheit. Ohne Licht. Ohne visuelle Reize. Was zuerst geschieht, überrascht die meisten beim ersten Mal: Man schläft. Der Körper muss nicht darauf warten, bis es dunkel ist, und schaltet bei vielen Menschen zunächst recht flott in den Schlafmodus. In der andauernden Dunkelheit fehlt der gewohnte Hell-Dunkel-Wechsel als Zeitgeber, der Körper schaltet, wenn man ihm nichts zu tun gibt, in den Schlafmodus .
Wer sich also einmal wirklich ausschlafen möchte, findet im Dunkeln dafür ziemlich gute Bedingungen. Für mich war das ein wichtiger Nebeneffekt. Erst als ich wirklich ausgeruht war, begann das eigentliche Schauspiel.
Für mich war der entscheidende Vorteil: Ich habe jahrelange, intensive Meditationserfahrung. Das ermöglichte mir, die beobachtende Position zu halten, während mein Gehirn loslegte. Ohne diese Praxis wäre es mir wesentlich schwerer gefallen mich nicht mit meinen Bildern zu identifizieren..
Dem Gehirn bei der Arbeit zuschauen
Trotz totaler Finsternis beginnt man schemenhaft Dinge zu „sehen“. Man sucht seine Tasse und meint, sie schemenhaft zu sehen, greift aber ins Leere.
Wandelbare Wände
Plötzlich kann ich die Wand vor mir sehen. Aber da sollte laut meinem Orientierungssinn keine sein. Ich greife danach und da ist nichts. Das Bild der Wand direkt vor mir bleibt bestehen. Wenn ich den Kopf drehe, wandert das Bild mal mit, mal verändert es sich, mal ist da wieder Schwärze. Die Wände führen ein Eigenleben. Mal steht sie direkt vor mir, ein anderes Mal ist sie mehrere Meter entfernt, weiter, als der Raum lang ist, in dem ich sitze. Dann ist da über mir ein Gewölbe, ein anderes Mal ein Schacht. Ich singe das Gayatri-Mantra und Prana tanzt leuchtend um mich in entzückenden Formen und steigt höher und höher in den nicht vorhandenen? Schacht.
Je länger ich im Dunkeln bin, desto konkreter werden die Bilder. Mit der Hand auf den Fliesen habe ich mich verortet: Ich bin jetzt im Badezimmer. Statt aus meiner Erinnerung das Bild dieses Badezimmers hervorzukramen, beschließt mein Gehirn, ein neues zu konstruieren. Eine ähnliche Ausstattung, doch die Fliesen sind mal grün, mal gelb, einmal rosa, aber nicht weiß wie bei meiner Begutachtung vor Retreatbeginn. Die visuelle Anordnung von Toilette und Dusche entsprach weder meiner Erinnerung noch dem, was ich ertasten konnte.
Gleiches geschah in der kleinen Kochnische. Mein Gehirn gestaltete sie völlig anders als in meiner Erinnerung, ein anderes Modell, ein anderer Stil. Obwohl ich den Raum über Tastsinn und Bewegung eindeutig erfassen konnte, versuchte mein Gehirn trotzdem, eine visuelle Rekonstruktion auf Basis von … was auch immer, zu erzeugen.
Und selbst wenn meine ins Leere fuchtelnde Hand meldete: Da ist keine Wand, blieb das Bild der Wand dort, wo mein Gehirn sie verankert hatte.
Ein Panoptikum entfaltet sich
In den folgenden Tagen nahm das Schauspiel mannigfaltige Gestalt an. Landschaften tauchten auf. Da war ein malerischer Apfelbaum auf einer grünen Wiese. Dann schaue ich plötzlich in einem Wald nach oben und lasse die Sonne durchs Blätterwerk auf mich scheinen.
Dann stehe ich neben Arjuna auf dem Schlachtfeld, eine bombastische Inszenierung. Ein anderes Mal stehe ich in einem Palast, eine seltsame Mischung aus Science-Fiction und Antike. Kamerafahrten über Gebirge. Da sitzt ein Mann im getigerten Anzug auf einem getigerten Sofa, zu seinen Füßen liegt ein Tiger. Eine Kamerafahrt über eine Mondlandschaft mit vielen Kratern. In jedem Krater ragte ein Ohr heraus. Als ich mein Gehirn fragte: Was soll das denn nun?, änderte es das Szenario. Nun steckten Nasen in den Kratern.
Das Interessante ist nicht das Was, sondern das Wie
Das Interessante war nicht, was ich sah. Am Anfang versuchte noch ich herauszufinden, ob mir diese Bilder irgendetwas sagen wollten. Irgendeine versteckte Botschaft. Ein Code. Ich musste zu dem Schluss kommen: Das ist einfach nur Mumpitz. Visurrhoe.
Aber wie sind diese Bilder entstanden? Ich hatte nie das Gefühl, dass ich diese Bilder machte. Dass ich sie kreierte. Im Alltag kommt mir gar nicht in den Sinn, darüber nachzudenken, woher ein Bild oder ein Gedanke eigentlich kommt. Wenn ich mir etwas vorstelle, gehe ich selbstverständlich davon aus, dass ich es mir vorgestellt habe.
Im Dunkeln jedoch war diese Zuschreibung plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Da entstanden Bilder, die ich nicht bewusst erzeugt hatte. Ich konnte sie betrachten, mich über sie wundern und gleichzeitig ziemlich sicher sein: Ich habe sie nicht gemacht. Dass hier fußt nicht auf meinen Erinnerungen, Erfahrungen oder Erwartungen.
Wer macht eigentlich die Bilder?
Diese Bilder ließen mich über die Frage der Urheberschaft nachdenken. Denn ich hatte diese Landschaft nicht geplant. Ich hatte Arjuna nicht bewusst auf dieses Schlachtfeld gesetzt. Ich hatte keine Kamerafahrt über Mondkrater mit Nasen darin beauftragt. Und dennoch kamen diese Bilder aus meinem Kopf.
Ich musste an frühe KI-Bildgeneratoren denken, an dieselben skurrilen Fehler: Ein Frosch mit menschlichen Beinen, Eine alte Dame hält ihren Schirm nicht in der Hand, sondern er steckt auf ihrem Kopf. Natürlich ist ein neuronales Netz kein menschliches Gehirn. Aber die Parallele ließ mich stutzen: Wenn ich keine Bewusstheit über den Entstehungsprozess habe, bin ich dann wirklich der Urheber meiner Gedanken?

Predictive Processing: Wie das Gehirn die Welt konstruiert
Die Neurowissenschaft kennt hierfür den Begriff Predictive Processing. Vereinfacht gesagt, beschreibt er die Vorstellung, dass unser Gehirn eingehende Sinnesinformationen nicht einfach passiv abbildet, sondern sie mit Erwartungen und Vorhersagen abgleicht. Wahrnehmung entsteht dabei aus dem Zusammenspiel dessen, was bereits erwartet wird, und dessen, was tatsächlich an sensorischen Informationen ankommt.
Im Alltag läuft das so nahtlos ab, dass wir den Prozess nicht bemerken. Aber im Dunkelretreat fällt die visuelle Korrektur auf. Trotz Finsternis blieb der Impuls bestehen: Erzeuge eine visuelle Welt! So konnte ich direkt miterleben, wie meine Wahrnehmung neben der Realität liegt. Das Gehirn bildet nicht einfach ab, was ihm an Wahrnehmungen gesendet wird. Es ist aktiver Konstrukteur.
Der Neurowissenschaftler Anil Seth bezeichnet Wahrnehmung deshalb als „controlled hallucination“, als „kontrollierte Halluzination“. Damit meint er nicht, dass wir uns die Welt einfach ausdenken. Die sensorischen Informationen aus der Welt begrenzen und korrigieren die Vorhersagen des Gehirns. Genau diese Kontrolle durch die Sinnesdaten unterscheidet die normale Wahrnehmung von einer Halluzination. Normalerweise bekommt mein Gehirn ständig Rückmeldung darüber, ob seine Konstruktion mit der Welt übereinstimmt.
Pratyahara: Der westliche Pfad trifft östliche Weisheit
Dieser Effekt ist kein Zufall. In der Yogatradition heißt der Schritt zurück von den äußeren Reizen Pratyahara, die fünfte Stufe des achtgliedrigen Yoga nach Patanjali. Swami Sivananda beschreibt es als „das Zurückziehen der Sinne von ihren Objekten vor der inneren Praxis“.
Klare Parallele: Dunkelheit schafft die Bedingungen, um den Mechanismus zu beobachten, den wir sonst nicht bemerken. Wichtig ist dabei: Eine Höhle allein macht niemanden ruhig. Wer seinen Geist nicht beherrscht, bringt seine Unruhe mit. Genau das erlebte ich. Die Dunkelheit schaltete meinen Geist nicht aus, sie zeigte mir, was er tut, wenn ein starker Stimulant, eine starke Ablenkung, wegfällt. Sozusagen vom Stimulant zum Simulant.
Pratyahara bedeutet also nicht, die Sinne abzuschalten. Es bedeutet, sich nicht mehr automatisch von dem bestimmen zu lassen, was auf sie einwirkt. Swami Sivananda formuliert es ziemlich klar:
„The Yogi, not becoming a slave of the Vishayas, enjoys as a master out of his own free will.“
(Der Yogi wird nicht zum Sklaven der Sinnesreize, sondern erlebt sie aus eigener Freiheit heraus.)
Maya: Illusion oder konstruierte Realität?
Maya wird oft mit „Illusion“ übersetzt, doch das führt leicht auf falsche Spuren. Im Vedanta geht es nicht darum, dass die Welt nicht existiert. Sondern darum, dass unsere Wahrnehmung der Welt durch einen Filter läuft. Maya ist das, was unsere wahre Natur verschleiert und uns eine Erscheinungswelt für die Wirklichkeit halten lässt.
Im Dunkelretreat wurde das konkret erfahrbar: Nicht die Welt war illusorisch, sondern mein inneres Wahrnehmen der Welt. Mein Gehirn macht sie sich -widdewidde- wie sie ihm gefällt. Baut sie neu zusammen, basierend auf Erwartungen, Erinnerungen und unbewussten Mustern. Mein Gehirn ist kein passiver Bildschirm. Es ist ein Produzent, der auch dann weiterarbeitet, wenn ich das Licht ausmache.

Was ich aus dem Dunkeln mitnehme
Als ich nach acht Tagen wieder ins Licht trat, dachte ich nicht: Jetzt weiß ich, was Wirklichkeit ist. Im Gegenteil. Ich weiß jetzt, wie wenig wirklich das ist, was ich für Wirklichkeit halte. Mein Gehirn arbeitet ständig daran, aus Informationen eine Welt zu bauen, in der ich mich orientieren kann. Meistens so gut, dass ich den Vorgang nicht bemerke. Das bedeutet aber nicht, dass diese Konstruktion fehlerfrei ist. Da ich im Alltag Abweichungen meistens korrigieren kann, bemerke ich viele dieser Fehler schlicht nicht. Im Dunkeln bekam ich die Gelegenheit, meinem Gehirn bei der Arbeit zuzusehen. Das war meine Begegnung mit Maya. Und das bleibt mir.
„Wir nehmen die Welt nicht so wahr, wie sie ist, sondern so, wie es für uns nützlich ist.“ Anil Seth
Das Trügerische der Wahrnehmung im Alltag
Diese Erkenntnis ist nicht nur philosophisch interessant. Sie hat konkrete Konsequenzen. Denn auch im Alltag erleben wir immer wieder, dass das, was wir wahrnehmen, nicht einfach eine direkte Abbildung dessen ist, was vor unseren Augen geschieht. Ein paar Beispiele:
- Augenzeugen können sich an Dinge erinnern, die so nicht passiert sind. Falsche Identifizierungen gehören zu den am besten dokumentierten Ursachen von Fehlverurteilungen. Dabei kann die Erinnerung selbst durch Erwartungen, spätere Informationen und Befragungen verändert werden.
- Wir können etwas sehen und trotzdem nicht wahrnehmen. Im berühmten Gorilla-Experiment von Daniel Simons und Christopher Chabris zählten Versuchspersonen die Ballpässe zweier Mannschaften. Währenddessen lief ein Mensch im Gorilla-Kostüm durch das Bild. Ein erheblicher Teil der Teilnehmer bemerkte ihn nicht. Dieses Phänomen wird als inattentional blindness, also unbeabsichtigte Blindheit, bezeichnet.
- Wir sehen manchmal Dinge, die gar nicht da sind. Bei optischen Täuschungen ergänzt das Gehirn Linien, Formen oder Bewegungen, die aus den tatsächlichen Reizen allein nicht hervorgehen. Das funktioniert sogar dann, wenn wir wissen, dass wir getäuscht werden.
- Erwartungen beeinflussen, was wir wahrnehmen. Kontext kann dazu führen, dass ein und derselbe Reiz unterschiedlich interpretiert wird. Unser Gehirn versucht nicht nur herauszufinden, was gerade auf unsere Sinne einwirkt. Es versucht auch, herauszufinden, was diese Informationen bedeuten.
Genau das wurde im Dunkelretreat für mich plötzlich sichtbar. Normalerweise funktioniert diese Konstruktion so gut, dass ich sie für die Wirklichkeit halte. Im Dunkeln konnte ich ihr beim Entstehen zusehen.
Ein freieres Leben mit der Illusion
Diese Erkenntnisse können Angst machen oder einen freier machen.
Denn, wenn ich weiß, dass meine Wahrnehmung immer gefiltert ist, kann ich vorsichtiger und anders urteilen. Mehr: Wie fühle ich mich jetzt, statt nach der „Faktenlage“ zu fragen. Ich kann Raum lassen für andere Perspektiven. Aber auch leichter eingestehen, wenn mir etwas nicht guttut, auch wenn es anderen gutzutun scheint. Ich bin sanfter zu mir geworden. Und lustigerweise etwas unnachgiebiger nach außen. Soll sich doch jeder mit seiner eigenen Wahrheit auseinandersetzen!
Ich bin wieder ein wenig bewusster im Leben und habe mich dafür entschieden, mit diesem Wissen freier zu leben, nicht ängstlicher.
Wir sehen uns! Oder auch nicht 😉
Dunkel Retreat im Westerwald
Der Westerwald-Ashram bietet Gruppendunkelretreats an. Alle Infos und Termine findet ihr unter dem Link. Das ist sicher eine bessere Idee, als sich wie ich bei wildfremden Leuten alleine einmal in den Keller und einmal in die tschechischen Wälder zu setzen…. Die jeweiligen „Gastgeber“ waren geradezu tölpelhaft bei der (eigentlich sacht durchzuführenden) Lichtgewöhnung nach der Dunkelheit. Deshalb informiert euch gut, wo und mit wem ihr das macht.

Die Autorin hu:
Vor mehr als 20 Jahren zwang mich eine schwere Krankheit dazu, meinen vorgedachten Pfad als Filmemacherin und Autorin zu verlassen und neue Wege zu finden und zu gehen. Diese Reise führte mich zu Heilern und spirituellen Lehrern, zu Hexen, Schamanen, ins Zen-Kloster und in die Einsiedelei. Durch meine Erfahrungen habe ich gelernt, dass wahres Verstehen und Erkennen nicht im Kopf stattfindet, sondern das ganze Wesen, das ganze Sein erfüllt. Seit September 2022 bin ich Sevaka bei Yoga Vidya. 🌻 hu