Wer bin ich wirklich? Warum die Upaniṣads mehr sind als alte Texte

Vedamurti Olaf Schönert
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Wer bin ich wirklich? Was bleibt von mir, wenn sich mein Körper, meine Gedanken, meine Gefühle und meine Lebensumstände ständig verändern?

Mit solchen Fragen beschäftigen sich die Upaniṣads, die großen Weisheitsschriften des Vedānta. Sie gehören zu den ältesten philosophischen Texten Indiens und bilden eine wesentliche Grundlage des Jñāna Yoga und der Vedānta-Tradition.

Vielleicht hast du schon einmal eine Upaniṣad gelesen. Vielleicht hast du einen Satz gehört wie: „Du bist nicht der Körper. Du bist nicht der Geist. Du bist Brahman.“ Das kann inspirierend sein. Aber reicht es, einen solchen Satz zu lesen und intellektuell zu verstehen?

Lesen allein führt noch nicht zur Erkenntnis

Hier liegt eine Besonderheit des Vedānta. Das „Ich“, um das es in den Upaniṣaden geht, ist kein Gegenstand, den ich beobachten und untersuchen kann. Ich kann meinen Körper beobachten. Ich kann Gedanken wahrnehmen. Ich kann Gefühle erkennen. Ich kann sogar beobachten, wie sich meine Vorstellungen von mir selbst verändern. Aber wer ist es, der all das erkennt?

Das Selbst kann nicht wie ein Objekt vor mir stehen. Denn es ist genau das, durch das jedes Objekt erkannt wird. Die Kenopaniṣad bringt diese Frage auf besonders eindrucksvolle Weise auf den Punkt:

„Von wem wird der Geist gelenkt? Durch wen wird das Leben bewegt? Wer lässt die Sprache sprechen? Was lässt das Auge sehen und das Ohr hören?“

Die Frage führt immer weiter zurück – bis zu dem Bewusstsein, durch das überhaupt Denken, Wahrnehmen und Erkennen möglich sind. Das ist der besondere Charakter der Upaniṣads: Sie geben nicht einfach eine neue Vorstellung über mich. Sie führen mich dazu, meine bisherige Vorstellung vom „Ich“ zu untersuchen und bis zum innersten Kern fortzusetzen.

Was bedeutet „Ich bin Brahman“?

Eine der zentralen Aussagen des Vedānta lautet Ātman ist Brahman – das eigene Selbst ist nicht von der höchsten Wirklichkeit getrennt. Doch was bedeutet das tatsächlich? Es bedeutet nicht, dass meine Persönlichkeit plötzlich zu etwas Göttlichem erklärt wird. Es bedeutet auch nicht, dass ich mir einfach einreden soll: „Ich bin Brahman.“ Vielmehr wird eine Lehre entfaltet, die Schritt für Schritt untersucht, was wir normalerweise als „Ich“ bezeichnen.

  • Bin ich der Körper?
  • Bin ich die Lebensenergie?
  • Bin ich meine Gefühle und Gedanken?
  • Bin ich mein Intellekt?
  • Bin ich die wechselnden Erfahrungen von Glück und Leid?
Spirituelle Manuskripte im Kerzenschein - Bild wurde mit einer KI erstellt
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Die Taittirīya-Upaniṣad beschreibt diesen Prozess unter anderem durch die berühmte Lehre von den fünf Kośas, den verschiedenen Ebenen unserer Erfahrung. Sie hilft uns, genauer zu unterscheiden zwischen dem, was wir als Objekt erfahren, und dem Erfahrenden ist. Der Erfahrende kann niemals ein Objekt sein. Er ist immer das Subjekt. Du kannst dieses feine „Ich bin“ als dein Ich annehmen. So wird die Frage „Wer bin ich?“ nicht zu einer philosophischen Spekulation, sondern zu einer systematischen Untersuchung der eigenen Erfahrung.

Warum braucht es dafür eine Lehrtradition?

Die Sprache der Upaniṣads ist oft poetisch, symbolisch und verdichtet. Die Worte, die uns zur Verfügung stehen beziehen sich auf Objekte unserer Wahrnehmung. Hier sollen sie auf das Subjekt, den Wissenden, den Erfahrenden hinweisen. Daher haben sie hier eine implizite Bedeutung. Ein einzelnes Mantra kann mehrere Ebenen der Bedeutung enthalten. Deshalb bedeutet Vedānta-Studium traditionell nicht einfach, einen Text zu lesen.

Zentrale Methoden sind Śravaṇam, Mananam und Nididhyāsanam.

Śravaṇam bedeutet, die Vedānta-Lehre systematisch mit offenem, lernbereitem und entpsanntem Geist von einem qualifizierten Lehrer zu hören. Das Hören macht das Wissen, diese impliziten Bedeutungen, die auf dich als Subjekt hinweisen, für dich zugänglich. Ein qualifizierter Lehrer bringt dir diese Bedeutungen näher.

Mananam bedeutet, die Lehre selbstständig zu durchdenken, Fragen zu stellen und Zweifel zu klären. In den fortgeschrittenen Upaniṣads werden diese Zweifel als Aussage eines Opponenten eingeführt. Dies ist die klassische Methode in den Kommentaren von Adi Shankaracharya. In Taittirīya-Upaniṣad behandeln wir einige dieser Einwände. Das Verstehen der Argumente festigt dein Wissen.

Nididhyāsanam bedeutet, die erkannte Sichtweise immer wieder zu vergegenwärtigen. Idealerweise hast du soviel Śravaṇam und Mananam geübt, das dieses Wissen aus deinem Geist heraus auftaucht.  Du hältst dann einfach deine Aufmerksamkeit bei diesem Wissen und stärkst es auf diese Weise. Alte, falsche bzw. begrenzte Überzeugungen über dein Ich, deine Identität verlieren ihre Macht.

Diese drei Schritte machen einen wesentlichen Unterschied. Das Ziel ist nicht, möglichst viele Sanskritbegriffe oder philosophische Konzepte auswendig zu lernen. Es geht darum, sich für die Sichtweise des Vedānta zu öffnen und sie so weit zu verstehen, dass die Aussagen der Upaniṣads für den eigenen Geist nachvollziehbar und zugänglich werden.

Zwei Upaniṣads – zwei besondere Wege zur Selbsterkenntnis

2027 werden im Yoga Vidya Zentrum Köln zwei Jahresgruppen zu bedeutenden Upaniṣads angeboten: die Kenopaniṣad und die Taittirīya-Upaniṣad.

Die Kenopaniṣad beginnt mit der Frage nach der Grundlage unseres Denkens, Wahrnehmens und Handelns. Was lässt den Geist denken? Was lässt das Auge sehen? Was ist das Bewusstsein hinter allen Funktionen des Menschen?

Eine besonders eindrucksvolle Geschichte erzählt von den Göttern, die nach einem Sieg glauben, dieser sei ihrer eigenen Kraft zu verdanken. Brahman erscheint ihnen als geheimnisvoller Yakṣa. Erst Indra erkennt schließlich durch Umā Haimavatī die tiefere Wahrheit: Alle Fähigkeiten und jede Kraft haben ihre Grundlage in Brahman.

Die Taittirīya-Upaniṣad nähert sich der Frage nach dem Selbst auf andere Weise. Sie entfaltet unter anderem die Lehre von den fünf Kośas und führt von der Untersuchung unserer verschiedenen Ebenen der Erfahrung immer tiefer zur Erkenntnis von Brahman. Besonders die Betrachtung von Ānanda, Fülle und Glückseligkeit, gehört zu den eindrucksvollsten Passagen dieser Upaniṣad.

Beide Texte führen letztlich zu derselben grundlegenden Frage: Was ist meine wahre Natur?

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Das Wissen der Upaniṣads Schritt für Schritt entfalten

Genau darin liegt die Besonderheit einer Jahresgruppe. Wir lesen nicht einmal einen Text und gehen anschließend zum nächsten Thema über. Die Lehre wird über einen längeren Zeitraum Schritt für Schritt entfaltet. Es gibt Gelegenheit, Fragen mitzubringen, Zusammenhänge zu erkennen, Inhalte zwischen den Terminen, anhand von Fragen zum Text nachzuarbeiten und die eigene Sichtweise immer wieder zu überprüfen.

Auf diese Weise kann aus einem zunächst fremden philosophischen Text eine lebendige Untersuchung deiner innersten Fragen werden:

  • Wer bin ich?
  • Was ist Bewusstsein?
  • Was ist wirklich dauerhaft?
  • Warum suche ich Glück und Freiheit in äußeren Dingen?
  • Und was bedeutet es tatsächlich, wenn die Upaniṣad sagt: Meine wahre Natur ist Brahman?

Vielleicht ist die Antwort auf diese Fragen nicht etwas, das wir neu erwerben müssen. Vielleicht geht es vielmehr darum, zu erkennen, was immer schon gegenwärtig ist. Der wichtige Zweck der Jahresgruppe ist es, sich diesem subtilen Wissen über längere Zeit, in einem geschützten Rahmen und unter fachkundiger Anleitung zu widmen.


Kenopaniṣad und Taittirīya-Upaniṣad – zwei Wege, eine zentrale Frage: Wer bin ich wirklich?

Wenn dich diese Fragen interessieren und du die Upaniṣads nicht nur lesen, sondern systematisch und traditionell studieren möchtest, bist du herzlich zum kostenlosen Info-Termin der Vedānta-Jahresgruppen eingeladen.

Am 25. November 2026 & 8.01.2027 von 19:00 bis 20:30 Uhr stellen wir die beiden Jahresgruppen vor und sprechen darüber, wie das Studium der Kenopaniṣad und der Taittirīya-Upaniṣad aufgebaut ist und was dich in den Jahresgruppen 2027 erwartet.

Kenopaniṣad und Taittirīya-Upaniṣad – zwei Wege, eine zentrale Frage: Wer bin ich wirklich?

Informationen und Anmeldung zur Jahresgruppen und Infoterminen:


Vedamurti Dr. Olaf Schönert

Vedamurti: Yoga Vidya Köln

Vedamurti Dr. Olaf Schönert ist Yogalehrer (BYV), Yoga Vidya Acharya, Koordinator der vereinseigenen Stadtzentren, Diplom-Kaufmann, erfahrener Ausbildungsleiter für Yogalehrer, Meditationslehrer (BYVG), systemischer Berater (BYVG), psychologischer Yogatherapeut (BYAT) und Yin Yogalehrer (BYV). Er gibt Weiterbildungen in Bodywork und Rückenyoga und unterrichtet fortgeschrittenes Pranayama und Kundaliniyoga sowie Yoga Nidra®. Zudem hat er langjährige Unterrichtserfahrung als Universitätsdozent und ist Buchautor. Vedamurti studierte traditionelles Vedanta bei James Swartz.

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