Die Bhagavad Gita über richtiges Handeln

Die Bhagavad Gita ist eine der wichtigsten Schriften im Yoga. Über 700 Verse und durch 18 Kapitel hindurch erstreckt sich der „Gesang Gottes“ (gītā – Gesang, Lied; bhagavan – Gott, der Erhabene), der das Zwiegespräch zwischen Arjuna und Krishna darstellt.

Zu Beginn der Bhagavid Gita ist Arjuna mit einer schwierigen Entscheidung konfrontiert. Er ist auf dem Weg zu einem Schlachtfeld, von einem Krieg, den er nicht führen möchte. Er ist unsicher und weiß nicht, wie er sich entscheiden soll.

Auf der einen Seite sieht er es als seine Pflicht, als Krieger in den Kampf zu ziehen und sein Land zu beschützen. Auf der anderen Seite des Schlachtfeldes stehen jedoch Menschen – Freunde und Verwandte –, die er nicht töten möchte. Er ist in einem moralischen Dilemma und fragt seinen Wagenführer Krishna um Rat.

Vom Relativen zum Absoluten

Anstatt Arjuna eine klare Handlungsempfehlung zu geben, bringt Krishna das Gespräch jedoch erstmal auf eine höhere Ebene. Er sagt ihm nicht gleich, was er tun soll, sondern probiert ihn von Anfang an an seine wahre Natur und die wahre Natur aller zu erinnern. Die ersten Worte von Krishna zu Arjuna sind:

Du sorgst dich um die, um die du dich nicht zu sorgen brauchst, und doch sprichst du Worte der Weisheit. Die Weisen sorgen sich weder um die Lebenden noch um die Toten.

Es gab nie eine Zeit, da Ich nicht war, oder du, oder auch diese Herrscher, und in Wahrheit werden wir auch in Zukunft nie aufhören zu sein.

So wie in diesem Körper die Seele, durch Kindheit, Jugend und Alter geht, so geht sie auch in einen anderen Körper; der unerschütterliche Mensch sorgt sich nicht darum.

Kapitel 2, Vers 11-13

Mit diesen ersten Worten nimmt Krishna gleich die Bedeutung aus Arjunas Konflikt. Für Arjuna erscheint diese bevorstehende Schlacht wie das Schlimmste überhaupt, wie das Ende alles Guten. Aber Krishna versichert ihm: in Wirklichkeit spielt es keine Rolle. Dinge passieren und werden immer passieren, aber letztlich berühren sie uns nicht und verändern nicht, was wir sind.

Das wahre Selbst ist unantastbar

Im zweiten Kapitel beschreibt Krishna weiter die unantastbare Natur unseres Selbst, welche der Grund dafür ist, dass er Arjuna schließlich zum Kämpfen ermutigt. Wir sind nicht die Körper, für die wir uns so oft halten, und vergehen nicht, wenn der Körper vergeht. Der Tod ist daher nichts anderes als „das Ablegen alter Kleider“.

Weder der weiß, der das Selbst für den Tötenden hält, noch der, der meint, Es werde getötet. Es tötet nicht und wird auch nicht getötet.

Es wurde nicht geboren und stirbt auch niemals; nachdem Es gewesen ist, hört Es wiederum nicht auf zu sein; da Es ungeboren, ewig, unveränderlich und uralt ist, wird Es nicht getötet, wenn der Körper getötet wird.

Wenn ein Mensch jedoch erkennt, dass Es unzerstörbar, ewig, ungeboren und unerschöpflich ist, wie kann er dann töten, oh Arjuna, oder Tod verursachen?

Kapitel 2, Vers 19-21

Für Arjuna bedeutet das: Kämpfe! Für den Charakter, den er im Spiel des Lebens spielt, ist es die Aufgabe, zu kämpfen – er ist ein Kshatriya, ein Krieger. „Für einen Kshatriya gibt es nichts Höheres, als einen gerechten Krieg,“ sagt Krishna. Doch er soll es im vollen Bewusstsein tun, dass er weder töten noch getötet werden kann.

Wir haben hier also zwei Ebenen: zum einen die Ebene der Handlungen und Erscheinungen, auf der Kämpfen in dieser Situation gefordert ist. Auf der anderen Seite haben wir die absolute Ebene des Selbst, der Wahrheit, des Seins, auf der nichts passiert und die von diesem Drama komplett unberührt ist.

Anders als zuvor geht Krishna nun also auch auf die relative, menschliche Ebene ein und gibt Arjuna einen praktischen Grund dafür zu kämpfen: es ist seine Pflicht, seine Aufgabe. Er spielt die Rolle eines Kämpfers und diese Rolle soll er erfüllen.

Unsere Rolle im Leben

Was wir daraus lernen können, ist, dass wir alle eine Rolle haben und diese so gut es geht spielen sollten. Entsprechend unserer Umstände, unserer Fähigkeiten, unseres Körpers und unseres Geistes, haben wir bestimmte Pflichten und Aufgaben – man könnte auch sagen eine Bestimmung –, die wir erfüllen müssen.

In Arjunas Fall hieß das zu kämpfen. Für uns könnte das alles Mögliche heißen. Um das herauszufinden ist es hilfreich, jeder Situation und Entscheidung neu zu begegnen und vorgefertigte Meinungen von „richtig“ und „falsch“ beiseite zu lassen. Jeder Moment erfordert genau das, was er nun mal erfordert. Die Vergangenheit kann uns im Hier und Jetzt nicht weiterhelfen.

Besser ist die eigene Pflicht, auch wenn sie nicht verdienstvoll ist, als eine noch so gut erfüllte fremde Pflicht. Besser ist der Tod in der eigenen Pflicht; die fremde Pflicht schafft Unsicherheit und Gefahr.

Kapitel 3, Vers 35

Was aus den Worten Krishnas außerdem zu deuten ist: Mit der Erkenntnis unseres wahren Selbst löst sich diese Rolle im Leben nicht auf. Der Körper-Geist hat weiterhin seine Tendenzen, sein Karma, und lebt dieses aus. Jedoch wird es ganz sachlich als das gesehen, was es ist, ohne es mit Mühe oder Anstrengung verändern zu wollen.

Im Zen-Buddhismus würde man sagen: „Vor der Erleuchtung Holz hacken und Wasser holen, nach der Erleuchtung Holz hacken und Wasser holen.“

Grundsätze des richtigen Handelns

Den Menschen, dessen Unternehmungen frei von Wünschen und selbstsüchtigen Absichten sind und dessen Handlungen im Feuer der Erkenntnis verbrannt worden sind – ihn nennen die Wissenden einen Weisen.

Kapitel 4, Vers 19

Karma Yoga, also der Yoga des Handelns, ist eines der zentralen Themen in der Bhagavad Gita. In den ersten sechs Kapiteln gibt sie uns Grundsätze des richtigen Handelns mit auf dem Weg, an denen wir uns orientieren können. Diese Grundsätze sind:

  • Handeln, ohne an den Früchten zu hängen. Verrichten wir unsere Tätigkeiten gleichmütig, ohne an Erfolgen oder Misserfolgen zu hängen, dann fällt es uns leicht, das zu tun, was der gegenwärtige Moment gerade fordert – egal ob es angenehm oder unangenehm, entspannend oder anstrengend ist.
  • Handeln, ohne etwas dafür haben zu wollen. Denken wir bei unseren Handlungen nicht daran, was wir bekommen und welchen Vorteil wir daraus ziehen können, sondern richten unsere Aufmerksamkeit auf das Wohl aller, auf die Notwendigkeit der Aufgabe in diesem Moment, dann löst sich mit der Zeit die Vorstellung, eine kleine, von anderen getrennte Person zu sein.
  • Handeln, ohne zu denken, der Handelnde zu sein. Wenn wir unser Verhalten einmal genau beobachten, dann können wir sehen, dass der Körper und Geist in den meisten Situationen komplett automatisch reagiert und handelt. Während der Handlungen ist da kein wirkliches Gefühl von „Täterschaft“; die Handlungen passieren einfach. Erst danach kommt ein Gedanke, der diese Handlung für sich vereinnahmen will; „Ich habe das gemacht, das wahrgenommen, das erfahren.“ Sehen wir diesen Prozess jedoch wie er ist, erschließt sich uns die sehr einfache Wahrheit: Wir sind nicht der Handelnde, sondern der Beobachter all dessen.

Zusammenfassen lassen sich diese Grundsätze mit einem Wort: Anhaftungslosigkeit. Sind wir losgelöst von den Handlungen die passieren, auch von dem Gedanken der sagt „ich tue, ich erfahre …“, dann sind wir unserer wahren Natur am nächsten und die richtigen Handlungen passieren von allein.

Der Weise hat die Verhaftung an die Früchte der Handlung aufgegeben, ist stets zufrieden und von nichts abhängig und tut nichts, obwohl er tätig ist.

Kapitel 4, Vers 20

Nicht-handeln auf dem spirituellen Weg?

Nach der Selbstverwirklichung zu streben scheint wie ein Prozess, der Mühe und Anstrengung erfordert. Es scheint wir müssen bestimmte Dinge tun, um unser wahres Selbst und Gott zu erreichen. Es scheint, dass wir handeln müssen, um uns zu verwirklichen.

Doch wenn wir einmal innehalten und uns fragen, was wir wirklich tun können, um uns selbst näherzukommen, dann ist die Antwort ziemlich klar: Nichts. Wie könnten wir uns selbst je näher kommen, geschweige denn uns von uns entfernen?

Wir sind bereits das, was wir streben zu sein. Wir müssen nichts dafür tun; und können nichts dagegen tun. Wir sind, was wir sind. Daran gibt es nichts zu drehen oder zu wenden.

Das Paradoxe daran ist: Dieser Erkenntnis geht meist eine lange Suche mit unzähligen Aktivitäten und Handlungen voraus. Wir müssen so lange handeln, bis wir erkennen, dass wir nicht der Handelnde sind und uns Handlungen nicht im geringsten berühren. Wir müssen so lange suchen, bis uns klar wird, dass es nichts zu finden gibt.

Handlungen werden immer passieren. Der Unterschied besteht in unserer Identifikation mit ihnen. Sehen wir uns selbst als den Handelnden, als das individuelle Ich mit eigenem Wille; oder erfahren wir uns als das beobachtende Bewusstsein, das still und leise jede Handlung, sowie den Handelnden, beobachtet?

Aber für den Menschen, der sich nur im Selbst erfreut, der Zufriedenheit im Selbst findet und im Selbst Genüge hat, gibt es wahrlich nichts zu tun.

Kapitel 3, Vers 17

Kommende Seminare über die Bhagavad Gita:

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