„Bist du jetzt in einer Sekte?“

Manchmal wagt man sich als Yoga Vidya Sevaka gar nicht mehr unter Leute. Zumindest geht es mir so. Neulich stand mal wieder ein großes Familientreffen an. Schon bestürmten mich alle mich Kopfschütteln und misstrauischen Fragen: „Bist du jetzt in einer Sekte gelandet?“ Betest du fremdartige Götterstatuen an?

Das klingt vielleicht übertrieben, ist es aber nicht. Wenn ich – möglichst beiläufig – erwähne, dass ich in einer Gemeinschaft leben, in der täglich zwei Mal meditiert wird und in der die meisten Menschen gegen Kost, Logis und ein größeres Taschengeld arbeiten, hagelt es Kritik und beißende Kommentare. Von: „Lass dich nicht ausnutzen.“ Bis hin zu „Und wer zahlt für meine Rente?“ ist alles dabei. Auf meine Einladung, doch einfach mal vorbeizukommen (Es kostet euch nicht mal was…) und selbst zu schauen, sind nur wenige eingegangen. Statt dessen türmen sie die Gerüchte und schnellen Urteile. Ich finde mich entweder in hitzigen Diskussionen oder leise lächelnd abseits in Meditationshaltung wieder. Das Mittelding zwischen beidem ist anscheinend ein langer Lernprozess.

Dabei geht es, mal ganz sachlich betrachtet, doch nur um die zwei Fragen: Wofür lebe ich eigentlich? Was macht mich wirklich glücklich? Und: Was ist eine Sekte? Letzteres lässt sich ja leicht beantworten. Ich habe mal nachgeschaut. Laut Duden und Wikipedia bedeutet das Wort Sekte „abspalten“ oder „abtrennen“. Im neueren Sprachgebrauch ist damit aber wohl eher eine Gemeinschaft von Menschen gemeint, deren Mitglieder mehr oder weniger wissentlich manipuliert oder gar für zwielichte Ziele ausgenutzt werden. Eine „religiöse Sondergemeinschaft“, wie manche sagen. Man hört ja immer wieder von Menschen, die ihr Hab und Gut einem selbsternannten Guru überschreiben, der sie dann nicht mehr aus seinen mentalen Klauen lässt.

Bei Yoga Vidya kommen und gehen derweil Monat für Monat neue und alteingesessene Sevaka auf dem Weg zu neuen Ufern. Willkürliche Gesetze, denen sie sich kommentarlos unterwerfen müssten, sucht man vergeblich. Yoga Vidya ist ein gemeinnütziger Verein, der über eine öffentlich einsehbare Satzung verfügt und kein Interesse an Gewinnmaximierung hat. Interne Regelungen werden von der Gemeinschaft per Mehrheitsentscheidung abgestimmt werden.
An dieser Stelle sei allerdings auch erwähnt, dass einige in der Satzung verankerten Regeln nicht so einfach gekippt werden können, weil sie den Vereinszielen entsprechen. Die da wären: Auf Fleisch und Alkohol zu verzichten und sich als Sevaka dem eigenen inneren Wachstum durch Yoga und Meditation zu widmen. Womit ich bei der Frage angekommen wäre, wofür ich eigentlich lebe.

Eine Freundin im Haus formulierte das so: „Ich lebe hier, um zu lernen, wie man liebt.“ Wow. Das muss man erst mal über die Lippen bringen. Manchmal kommt es mir so vor, als gäbe es draußen – in unserer sektenfernen Welt – ein heimliches Gesetz, dass uns untersagt, an das Gute zu glauben. Oder daran, dass wir durch unser Verhalten den Frieden und das Lebensglück auf diesem Planeten beeinflussen können.

Bei Yoga Vidya habe ich die seltene Freiheit, kritiklos daran glauben zu dürfen, dass viele Menschen zusammen genug Kraft haben können, um auf dieser Welt Orte des Friedens zu schaffen. Und daran, dass ich durch Yoga und Meditation einem glücklichen und sorgenfreien Leben für mich und andere ein großes Stück näher komme. Dazu gehört ohne große Worte auch die Entscheidung, keinem Lebewesen Leid zuzufügen, um es anschließend aufzuessen.

Spaltet sich Yoga Vidya damit ab? Nicht wirklich. Immerhin gehen hier ständig Menschen aus allen Kulturen und Religionen ein und aus: Christliche Pfarrer, Wissenschaftler, indische Swamis, Sufi-Tänzer, griechische Mantra-Sänger und buddhistische Meditationslehrer. Yoga Fans, Yoga Meister, Yoga Neulinge. Ständig kommen und gehen neue Mithelfer, Seminarleiter, Gäste und Mitbewohner, die ihre ganz eigenen Erfahrungen, Eindrücke und Ansichten einbringen.

Man kann das natürlich auch mit „Ja“ beantworten. Meine Mutter – neulich zu Besuch – war sehr befremdet ob der unwestlichen Rhythmen und fremden Statuen im Sivananda-Saal. Da geht sie doch lieber in einen christlichen Gottesdienst, sagt sie – Tut es allerdings dann doch eher selten. Andere halten öffentliche ganz allgemein für suspekt und womöglich sogar die christliche Kirche für eine Sekte, (die glücklicherweise hauptsächlich sonntags stattfindet). Soviel steht also fest: Glaubensfragen sind persönlich. Die kann einem niemand abnehmen.  Ich komme langsam zu dem Schluss: Egal ob Kirche oder spirituelles Zentrum, Meditation oder Gebet – Tatkraft, Energie und Lebenslust kommen immer dann, wenn ich mich mit meinem Tun auf eine höhere Kraft in diesem Universum ausrichte. Eine Kraft der Liebe und des Friedens, die keine Bedingungen stellt.

Bin ich also jetzt in einer Sekte gelandet? Wie immer man das sehen mag: Solange es mir gut geht und ich noch die Gelegenheit habe, ganz  bei mir anzukommen, solange, wie ich einer Arbeit nachgehe, die mir Spaß macht, lachen und Yoga machen kann, solange, wie ich noch genau so viel gebe wie ich annehmen kann – solange kann ich mit allen Antworten diesbezüglich leben. Und sogar mit einer brodelnden Gerüchteküche.

8 Kommentare zu “„Bist du jetzt in einer Sekte?“

  1. Störer

    Also ich habe eine alte Freundin an Yoga Vidia verloren.

    Mag sein, dass Ihr euch nicht als Sekte empfindet, aber von außen betrachtet ist zumindest ein Einstieg in sektenartige Strukturen zu erkennen. Meine Bekannte arbeitet für einen Hungerlohn in Bad Meinberg und redet sich selbst ihre Situation schön. Sie hat ein gut laufendes Unternehmen an die Wand gefahren; dann die Privatinsolvenz hingelegt und macht jetzt aber einen auf Allwissende in ihrem restlichen Bekanntenkreis. „Sie weiß alles und Sie weiß alles besser“ hat mal ein Ex-Lover von Ihr gesagt, der sich ganz schnell von Ihr wieder getrennt hatte.

    Neben Yoga schwadroniert Sie nun lang und breit über allerlei esoterische Sinnlosigkeiten wie Chakras, Homöopathie, Heilsteine oder Heilung durch Klangmassagen. Das hat nichts mehr mit Yoga zu tun. Bei Diskussionen werde ich regelmäßig barsch abgebürstet und komme mir fast vor als würde man irren Fundamentalisten argumentieren. Sie ist keinen rationalen Argumenten mehr zugänglich und schwebt jetzt nach eigenen Aussagen „in leuchtender Seeligkeit“.

    Aber jeder hat das Recht auf eigene Dummheit. Gottseidank müssen keine Kinder oder ein Ehemann unter diesem Blödsinn leiden.

  2. Was für eine Diskussion? Die Frage nach Sekte oder nicht ist doch eigentlich völlig egal. Wer sich entscheidet in einem Yoga-Ashram zu leben, tut dies doch aus freien Stücken und weiß, warum er es tut.
    Ich selbst war dieses Jahr zum ersten Mal in Bad Meinberg. Vorher gab es eine lange Suche. Und obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, alles objektiv anzuschauen, nahm mich die Atmosphäre sehr schnell gefangen. Zum ersten Mal fühlte ich mich angekommen, wenn es um Yoga ging. Was auch immer ich wissen, oder erspüren wollte, die Antworten kamen und es tat einfach gut ein so ganzheitliches Yoga zu erleben. In diesen paar Tagen wurde mir klar, dass ich mich für meine Lebensweise nicht rechtfertigen muss. Weder vor Freunden, noch vor Verwandten. Vielleicht bin ich mit der Spiritualität anders als sie. Vielleicht können/ wollen sie es nicht verstehen. Es ist eigentlich egal. Wer etwas wissen will, der schaut hin und bildet sich seine Meinung. Jeder, egal ob er Yoga praktiziert oder nicht, ist ein bisschen anders – einzigartig halt. Genau dieser Punkt macht Begegnungen doch spannend und bereichert uns.
    Seit ich das für mich erkannt habe und auslebe, begegnet mir viel mehr Offenheit und Neugierde. Von daher denke ich, ist es eher eine Frage, wie sicher man sich selbst ist, in dem was man tut. Zumindest war es bei mir so, dass Urteile von anderen häufig schwerer wogen, als meine eigene Meinung. (Ist jetzt aber Gott sei dank anders)

  3. Anonymous

    Hm.
    Vielleicht haben ja alle diese Freunde/Bekannte/Familienangehörigen gar nicht mal so unrecht?
    Oder sind sie bloß alle nicht so weit spirituell entwickelt wie ihr? …
    Eine in sich geschlossene Logik lässt sich von innen nur schwer durchbrechen.
    Alles Gute.

  4. Om,
    an anderer Stelle in diesem Blog hat Sukadev mit einleuchtenden Fakten belegt, das Yoga Vidya keine Sekte ist.
    https://blog.yoga-vidya.de/2010/04/30/yoga-vidya-keine-sekte/
    Diese, eigentlich akademische, Frage hat mich bis dahin verfolgt. Nicht, weil ich Zweifel gehabt hätte, sondern weil ich befürchte, genau diesen Unsinn zu hören zu bekommen, wenn ich meinen Freunden einmal genauer erzählen kann, was ich während eines längeren Aufenthaltes in Bad Meinberg erlebt habe. Falls ich das einmal genauer erzählen möchte…

    Alsdann, liebe Grüße,
    Om Shanti

  5. Bauchatmer

    Hallo,

    Sekte ist ein Wort, das Meschen erfunden haben um Gruppierungen anderer Menschen, deren Regeln sie oft nicht kennen, zu verunglimpen und deren Ruf zu schädigen.

    Wir haben in Deutschland Religionsfreiheit. Jeder kann sein Verhältins zu Leben und Tod und seinen Weg zu einem erfüllten Leben so wählen wie es im passt.

    Das Blicken auf andere Gruppen ohne Respekt und ihnen einen Namen geben, der sie absondert und ihre Ehre kränkt fällt auf die zurück die das tun.

    Diejenigen die ein friedvolles Leben führen können durch die Verunglimpfung Anderer nicht wirklich verletzt werden.

    Das ist meine bescheidene Meinung

    Gruß und shanti Bauchatmer

  6. Interessante Diskussion.

    zu dem Thema bin ich auch gefragt worden, und habe dazu folgendes geschrieben:

    http://www.yogapad.de/forum/topics/was-macht-eigentlich-yoga

    oder

    http://www.yoga-welten.de/forum/yoga-allgemein/2262-yoga-vidya.htm#2262

  7. Hallo Lef,
    wow, das ist ganz schön viel Text für einen Kommentar. Vielen Dank dafür! Sehr interessant, der Aspekt mit der Individualität. Vielleicht ist das tatsächlich auch ein guter Aufhänger für einen Nicht-Linguistiker wie mich. Lies doch mal den neuen Beitrag im Blog über den Business Yoga Kongress hier im Haus und das Projekt Shanti, das hier gerade in der Entstehung begriffen ist.

    Beides hätte – meiner Ansicht nach – nie entstehen können, wenn hier nicht sehr starke individuelle Persönlichkeiten leben und wirken würden – die wiederum viel Unterstützung von anderen starken und mutigen Menschen – von außerhalb – erfahren haben.

    Die Stimmung auf dem Kongress war so nach außen gerichtet und so zuversichtlich auf positive Änderungen in unserer Gesellschaft eingestellt, dass sie, so wie ich das wahrgenommen habe, alle Beteiligten – Gäste und Sevaka – motiviert und ihr ihrem individuellen Sein bestärkt hat.

    Individualität im Sinne davon, sich seiner ganz eigenen Persönlichkeit, den eigenen Stärken, Fähigkeiten und Aufgaben im Leben bewusst zu werden und sie zu leben, ist übrigens eines der Hauptziele im klassischen Yoga. Es ist das, worum es geht: Sich selbst finden, unabhängig von äußeren Einflüssen in sich ruhen, sich der eigenen Kraft bewusst sein und – sich von niemanden manipulieren lassen.

    Die Menschen hier gehen und kommen wie überall anders auch. Ich habe ehrlich gesagt keine Statistik, die darüber berichten würde, wie es ihnen woanders geht (nur viele positive Beispiele aus meinem Erfahrungshorizont von selbständigen Yogalehrer/innen, Ayurveda-Therapeuten und anderen).

    Aber von mir selbst kann ich sagen, dass ich schon viele neue Freundschaftskreise in neuen Wohnorten aufgebaut habe, dass ich viele davon noch pflege und dass ich mich jederzeit frei fühle, mich an einem anderen Ort in der großen weiten Welt einzurichten und dort weiter zu mir selbst zu finden. Das werde ich immer tun. Und ich wäre keine drei Tage lang hier geblieben, wenn mich hier jemand daran hätte hindern wollen.

    PS Yoga Vidya gibt das ganze Jahr über Seminare zu den verschiedensten Themen, Yoga-Wochen, Einführungswochenenden zum Kennenlernen (die zum Großteil von den Krankenkassen übernommen werden) und immer wieder Festivals und Kongresse. Zwischen 80 und 400 Gäste aus allen Regionen, Kulturen und Lebensformen sind hier jeden Tag zu Gast. Vielleicht hast du ja Lust, einfach mal vorbei zu kommen und dir selbst ein Urteil zu bilden? Hannover ist ja nicht weit weg… 🙂

  8. Schade, dass bislang Niemand etwas dazu sagt – es ist ein sehr ehrlicher Artikel.
    Seid „Ihr“ nun eine „Sekte“?
    Ja, klar, „Ihr“ seid eine, das sagst Du ja selbst, Du sprichst von „unserer sektenfernen Welt“ (ist/war das wirklich nur ein Versehen im 4.Absatz?). Das ist schon recht deutlich.
    Aber:
    Ist Eure Sekte nun irgendwie negativ einzuordnen?
    Ob Ihr (ich zähle Dich mal ab jetzt dazu) Euch im Sinne des Wortes „Sekte“ abspaltet, das könnt Ihr nicht beeinflussen – ihr seid nun mal „anders“ und es könnte ja wirklich sein, dass Euer Lebensmodell eine Lösung ist und irgendwann kommen „wir“ (der Rest der Menschheit) auch zu dieser Erkenntnis. Bis dahin ist da nun mal ein „Spalt“, das ist unvermeidbar.
    Ob Ihr manipuliert oder manipuliert werdet (ein Teil der Gemeinschaft oder Fremde von Einzelnen Eurer Gruppe), das kannst Du sowieso als Teil der Gemeinschaft kaum wissen – so schön das Innenleben Deiner Sekte auch von Dir beschrieben wird.
    Aber: Im Grunde wird ja gerade zur Zeit auch und gerade in Westeuropa überall bis hin zur deftigen Lüge manipuliert, die derzeitige Politik, die Medien uswusw. diktieren einen sehr merk- und kritikwürdigen „mainstream“, dem leider kaum Jemand widerspricht. Und die, die es tun, die kriegen Beifall aus auch sehr merkwürdigen anderen Gruppen. Nur als Beispiel: Energiepolitik, Klimawandel, interkulturelle Problematik usw..
    Da wäre das bisschen Manipulation einer Sekte (wenn es sie denn gibt, ich will und kann das nicht beurteilen) relativ gesehen geradezu harmlos, aber eben trotzdem für ein Individuum eventuell wirklich katastrophal.
    Ich nehme mal an, dass Deine „Familie“ (aus der die Anwürfe ja kamen, ist ja der Grund für diesen Artikel) faktisch bereits wirklich heftig manipuliert worden ist, ohne es zu bemerken, denn die Vorwürfe gegen „Sekten an sich“ klingen zu sehr nach „mainstream“. Nur sind sie eben „die Mehrheit“, dadurch sind dann die individuellen Folgen auch nicht katastrophal.

    Ich weiß eher nicht, wer Du bist, was Du willst, wie Du geworden bist usw, deswegen müsste ich eigentlich sehr behutsam Kritik üben. Aber es fällt mir schwer.
    Deswegen sei bitte nicht „sauer“, wenn ich mal etwas weniger behutsam sage, dass Deine Antwort auf die Frage („Sekte oder nicht?)“ wenig bis gar keine Substanz hat. Diese Deine Antwort ist genau das, was sie eigentlich nicht sein will – sie bestätigt die Fragenden.
    Fazit: Natürlich seid Ihr eine Sekte, das gibst Du ja (aus Versehen?) zu – aber nur deswegen, weil Ihr nun mal eine Minderheit seid. Manipuliert und betrogen wird der Rest der Welt aber ganz bestimmt und jeden Tag auch und offenbar sehr geschickt.

    Ich möchte Dir aber mal einen anderen Aspekt nennen, und ich würde mich freuen, wenn Dir dazu eine Antwort einfällt.
    Für mich ist Individualität (die Fähigkeit!) ein entscheidender Aspekt.
    Zur Erklärung (sie ist recht neu, aber z. B. bei Wikipedia schon zu finden): Ich meine die psychische Individualität (nicht die physische), und die wiederum ist (u. A., aber entscheidend) die Fähigkeit zur Kommunikation.
    Wobei (auch das ist erklärungsbedürftig) Kommunikationsfähigkeit dann vorliegt, wenn ein Mensch in der Lage ist, über Gruppengrenzen hinaus zu kommunizieren, also dazu fähig ist, die jetzige Gruppe zu verlassen und sich einer anderen Gruppe anzuschließen.
    Hierzu wiederum muss dieser Mensch Empathiefähigkeit haben, aber das ist dann ein ganzer (auch unlängst neu erkannter) Komplex, das zu erklären führt hier jetzt zu weit.
    Etwas viel Theorie, noch dazu in Form von recht neuzeitlichen Begriffen und Erkenntnissen, ich weiß.
    Deswegen jetzt ganz untheoretischer Klartext zum Thema (Sekte oder nicht usw.):

    Ihr seid eine Sekte, aber das ist – wie gesagt – überhaupt kein Problem.
    Der wirkliche Hauptvorwurf gegen „Sekten“ ist IMHO, dass dort (oft) eine Gruppenidentität aufgebaut (oder gar ganz subtil aufgezwungen!) wird, die „die Anderen“ als „Fremde“ betrachten lässt, mit der/denen man nicht nur weniger zu tun haben will, sondern (mal ganz ehrlich!) auch nichts mehr zu tun haben kann.
    Es tut mir leid, aber aus Deinem Text lese ich nun mal (zu Recht oder nicht?) heraus, dass diese Abtrennung von Anderen als durchaus unproblematisch erachtet wird.
    Da sehe ich Probleme.

    Wichtig und entscheidend ist also (immer noch IMHO!), ob Ihr die Fähigkeit zur Individualität im oben genannten Sinne habt oder fördert und entwickelt oder eher eben nicht habt und auch nicht entwickelt.
    Wichtig und entscheidend ist, ob Jemand, der eine Zeitlang bei Euch, mit Euch gelebt hat, dann eher stärker dazu fähig ist, sich „draußen“ einen neuen Freundeskreis aufzubauen (im Beruf, in der Freizeit usw.) oder eher weniger.
    Natürlich hofft man immer, dass der jetzige (glückliche) Zustand ewig dauern wird, aber was ist, wenn nicht?

    Wenn Du jetzt argumentierst, dass diese Fähigkeiten (Individualität, Kommunikation, Empathie) ja auch „im Rest der Welt“ nicht unbedingt häufig zu finden sind, dann irrst Du.
    Diese Fähigkeiten sind nicht eindeutig definiert, aber in „unserer“ (also der westeuropäischen, nordamerikanischen usw.) Gesellschaft sind sie in relativ hohem Maße vorhanden (relativ meine ich: im Vergleich zu eher archaisch geprägten Kulturen bzw. Gesellschaften).
    Deren Vorhandensein sind die Bausteine „unserer“ ja denn doch (im Vergleich!) recht lebenswürdigen jetzigen Gesellschaft.
    Nur darfst Du nicht einen x-beliebigen Menschen heraus greifen (da findest Du ganz sicher viele Negativbeispiele!), sondern eher Trends in der Gesamtgesellschaft im Vergleich zu anderen Gesellschaften (und im Vergleich zu früher) sehen.

    Wenn Deine Sekte (oder Gruppe) diese Fähigkeiten (Individualität, Kommunikation, Empathie ff) fördert und bestärkt und entwickelt (und natürlich auch in der Realität übt und damit überprüft und verifiziert), dann seid Ihr eine wirklich zukunftsweisende „Idee“, deren Vorhandensein ich begrüße und auch inständig hoffe, dass Eure Existenz (als exemplarisches Vorbild) mal irgendwann ganz normale Realität wird.

    Wenn aber nicht?
    Gruppenidentität ist nun wirklich nix Neues, so etwas „kennt man“ aus der ziemlich unseligen europäischen Vergangenheit, so etwas gibt es sehr deutlich in jetzigen archaischen Kulturen (speziell nahöstlichen), und so etwas ist nicht nur anachronistisch, sondern insgesamt auch recht erschreckend erfolglos. Sich einer Gruppe anzuschließen und darin aufzugehen – das ist nun wirklich keine besondere Leistung (wer es unbedingt will, mag es mtwg. aber gerne tun!).
    Nur musst Du Dir dann (wohlgemerkt, nur als angenommene Möglichkeit!) aber auch darüber im Klaren sein, dass Ihr von dem Teil der Gesellschaft profitiert, der anders ist – individueller, damit kreativer und erfolgreicher. In einer Gesellschaft, die diese anachronistischen Werte pflegt würdet Ihr (dann, s. o.!) als Gruppe kaum überleben – mit gutem Grund lebt Ihr (dann, s.o.) ja als Enklave hier in dieser Gesellschaft und nicht woanders, z.B. im ärmeren Teil der Welt, wo klare Gruppenidentität noch als Ideal gilt – da würdet Ihr IMHO nämlich wohl ganz schnell fliehen, nehme ich an.
    (Ich weiß von etlichen Versuchen, die so endeten, aber es steht Dir natürlich frei, mir ein Gegenbeispiel zu nennen – mir fällt leider keines ein.)

    P.S.
    Um noch etwas mehr Klartext zu reden (und meine Beweggründe für diese Antwort etwas zu beleuchten) etwas Persönliches:
    Es gibt hier in der Gegend (Region Hannover) eine Gruppe, die ein kleines Dorf bewohnt, da kenne ich eine Teilnehmerin. Innerhalb dieses kleinen Dorfes ist die Welt wunderschön und eigentlich auch sehr lebensfroh. Ich selbst passe da nicht rein, weil ich nun mal (und gern) nicht so ganz „gesund“ leben will, wie es dort nun mal getan wird, aber (von Innen betrachtet) ist die Gemeinschaft schlicht supertoll. .
    Aber genau der oben von mir genannte Aspekt ist es, der mich sehr misstrauisch gegen diese andere Lebensform werden ließ – die dort lebenden Menschen haben wirklich kaum Individualität. Das zeigt sich aber erst dann, wenn sie diese Gemeinschaft verlassen wollen. In der Welt „da draußen“ ein eigenes Leben aufzubauen, das ist offenbar dann wirklich sehr schwer. Schlimmer noch ist, dass da sehr heftige Ängste plötzlich hochkommen vor dieser Welt „da draußen“.

    OK, ich will nun wirklich nicht behaupten, hiermit irgendeinen Beweis für irgendeine These vorgelegt zu haben, dazu müsste ich deutlicher (und persönlich offener) werden.
    Aber es erschreckt mich schon etwas, wie deutlich Du in Deiner Beweisführung die „Vorwürfe“ im Grunde bestätigst und wie wenig Du den Aspekt der persönlichen (psychischen) Unabhängigkeit von einer Gruppe (hier: Deiner Gruppe) in Deine Beweisführung einbeziehst.

    Um es noch ein Mal zu betonen:
    Ich behaupte ganz sicher nicht, dass Du persönlich irgend etwas falsch machst – ich weiß ja von Dir (fast) überhaupt nichts.
    Ich kritisiere ausschließlich deine Beweisführung:
    Du antwortest auf mainstream- Vorwürfe mit mainstream-Gegenargumenten und (ergo) bestätigst Du Erstere..
    Sind die Ersteren (IMHO wirklich!) falsch (und dümmlich), dann sind die Anderen es aber nun mal auch.

    OK,
    Ich bin nun wirklich gespannt, ob Du mich einer Antwort würdigst.
    (wenn, dann bitte -auch- an meine e-Adresse)

    Lieben Gruß
    lef

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