„Bist du jetzt in einer Sekte?“

Manchmal wagt man sich als Yoga Vidya Sevaka gar nicht mehr unter Leute. Zumindest geht es mir so. Neulich stand mal wieder ein großes Familientreffen an. Schon bestürmten mich alle mich Kopfschütteln und misstrauischen Fragen: „Bist du jetzt in einer Sekte gelandet?“ Betest du fremdartige Götterstatuen an?

Das klingt vielleicht übertrieben, ist es aber nicht. Wenn ich – möglichst beiläufig – erwähne, dass ich in einer Gemeinschaft leben, in der täglich zwei Mal meditiert wird und in der die meisten Menschen gegen Kost, Logis und ein größeres Taschengeld arbeiten, hagelt es Kritik und beißende Kommentare. Von: „Lass dich nicht ausnutzen.“ Bis hin zu „Und wer zahlt für meine Rente?“ ist alles dabei. Auf meine Einladung, doch einfach mal vorbeizukommen (Es kostet euch nicht mal was…) und selbst zu schauen, sind nur wenige eingegangen. Statt dessen türmen sie die Gerüchte und schnellen Urteile. Ich finde mich entweder in hitzigen Diskussionen oder leise lächelnd abseits in Meditationshaltung wieder. Das Mittelding zwischen beidem ist anscheinend ein langer Lernprozess.

Dabei geht es, mal ganz sachlich betrachtet, doch nur um die zwei Fragen: Wofür lebe ich eigentlich? Was macht mich wirklich glücklich? Und: Was ist eine Sekte? Letzteres lässt sich ja leicht beantworten. Ich habe mal nachgeschaut. Laut Duden und Wikipedia bedeutet das Wort Sekte „abspalten“ oder „abtrennen“. Im neueren Sprachgebrauch ist damit aber wohl eher eine Gemeinschaft von Menschen gemeint, deren Mitglieder mehr oder weniger wissentlich manipuliert oder gar für zwielichte Ziele ausgenutzt werden. Eine “religiöse Sondergemeinschaft”, wie manche sagen. Man hört ja immer wieder von Menschen, die ihr Hab und Gut einem selbsternannten Guru überschreiben, der sie dann nicht mehr aus seinen mentalen Klauen lässt.

Bei Yoga Vidya kommen und gehen derweil Monat für Monat neue und alteingesessene Sevaka auf dem Weg zu neuen Ufern. Willkürliche Gesetze, denen sie sich kommentarlos unterwerfen müssten, sucht man vergeblich. Yoga Vidya ist ein gemeinnütziger Verein, der über eine öffentlich einsehbare Satzung verfügt und kein Interesse an Gewinnmaximierung hat. Interne Regelungen werden von der Gemeinschaft per Mehrheitsentscheidung abgestimmt werden.
An dieser Stelle sei allerdings auch erwähnt, dass einige in der Satzung verankerten Regeln nicht so einfach gekippt werden können, weil sie den Vereinszielen entsprechen. Die da wären: Auf Fleisch und Alkohol zu verzichten und sich als Sevaka dem eigenen inneren Wachstum durch Yoga und Meditation zu widmen. Womit ich bei der Frage angekommen wäre, wofür ich eigentlich lebe.

Eine Freundin im Haus formulierte das so: „Ich lebe hier, um zu lernen, wie man liebt.“ Wow. Das muss man erst mal über die Lippen bringen. Manchmal kommt es mir so vor, als gäbe es draußen – in unserer sektenfernen Welt – ein heimliches Gesetz, dass uns untersagt, an das Gute zu glauben. Oder daran, dass wir durch unser Verhalten den Frieden und das Lebensglück auf diesem Planeten beeinflussen können.

Bei Yoga Vidya habe ich die seltene Freiheit, kritiklos daran glauben zu dürfen, dass viele Menschen zusammen genug Kraft haben können, um auf dieser Welt Orte des Friedens zu schaffen. Und daran, dass ich durch Yoga und Meditation einem glücklichen und sorgenfreien Leben für mich und andere ein großes Stück näher komme. Dazu gehört ohne große Worte auch die Entscheidung, keinem Lebewesen Leid zuzufügen, um es anschließend aufzuessen.

Spaltet sich Yoga Vidya damit ab? Nicht wirklich. Immerhin gehen hier ständig Menschen aus allen Kulturen und Religionen ein und aus: Christliche Pfarrer, Wissenschaftler, indische Swamis, Sufi-Tänzer, griechische Mantra-Sänger und buddhistische Meditationslehrer. Yoga Fans, Yoga Meister, Yoga Neulinge. Ständig kommen und gehen neue Mithelfer, Seminarleiter, Gäste und Mitbewohner, die ihre ganz eigenen Erfahrungen, Eindrücke und Ansichten einbringen.

Man kann das natürlich auch mit „Ja“ beantworten. Meine Mutter – neulich zu Besuch – war sehr befremdet ob der unwestlichen Rhythmen und fremden Statuen im Sivananda-Saal. Da geht sie doch lieber in einen christlichen Gottesdienst, sagt sie – Tut es allerdings dann doch eher selten. Andere halten öffentliche ganz allgemein für suspekt und womöglich sogar die christliche Kirche für eine Sekte, (die glücklicherweise hauptsächlich sonntags stattfindet). Soviel steht also fest: Glaubensfragen sind persönlich. Die kann einem niemand abnehmen.  Ich komme langsam zu dem Schluss: Egal ob Kirche oder spirituelles Zentrum, Meditation oder Gebet – Tatkraft, Energie und Lebenslust kommen immer dann, wenn ich mich mit meinem Tun auf eine höhere Kraft in diesem Universum ausrichte. Eine Kraft der Liebe und des Friedens, die keine Bedingungen stellt.

Bin ich also jetzt in einer Sekte gelandet? Wie immer man das sehen mag: Solange es mir gut geht und ich noch die Gelegenheit habe, ganz  bei mir anzukommen, solange, wie ich einer Arbeit nachgehe, die mir Spaß macht, lachen und Yoga machen kann, solange, wie ich noch genau so viel gebe wie ich annehmen kann – solange kann ich mit allen Antworten diesbezüglich leben. Und sogar mit einer brodelnden Gerüchteküche.

8 Kommentare zu “„Bist du jetzt in einer Sekte?“

  1. Störer

    Also ich habe eine alte Freundin an Yoga Vidia verloren.

    Mag sein, dass Ihr euch nicht als Sekte empfindet, aber von außen betrachtet ist zumindest ein Einstieg in sektenartige Strukturen zu erkennen. Meine Bekannte arbeitet für einen Hungerlohn in Bad Meinberg und redet sich selbst ihre Situation schön. Sie hat ein gut laufendes Unternehmen an die Wand gefahren; dann die Privatinsolvenz hingelegt und macht jetzt aber einen auf Allwissende in ihrem restlichen Bekanntenkreis. “Sie weiß alles und Sie weiß alles besser” hat mal ein Ex-Lover von Ihr gesagt, der sich ganz schnell von Ihr wieder getrennt hatte.

    Neben Yoga schwadroniert Sie nun lang und breit über allerlei esoterische Sinnlosigkeiten wie Chakras, Homöopathie, Heilsteine oder Heilung durch Klangmassagen. Das hat nichts mehr mit Yoga zu tun. Bei Diskussionen werde ich regelmäßig barsch abgebürstet und komme mir fast vor als würde man irren Fundamentalisten argumentieren. Sie ist keinen rationalen Argumenten mehr zugänglich und schwebt jetzt nach eigenen Aussagen “in leuchtender Seeligkeit”.

    Aber jeder hat das Recht auf eigene Dummheit. Gottseidank müssen keine Kinder oder ein Ehemann unter diesem Blödsinn leiden.

  2. Was für eine Diskussion? Die Frage nach Sekte oder nicht ist doch eigentlich völlig egal. Wer sich entscheidet in einem Yoga-Ashram zu leben, tut dies doch aus freien Stücken und weiß, warum er es tut.
    Ich selbst war dieses Jahr zum ersten Mal in Bad Meinberg. Vorher gab es eine lange Suche. Und obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, alles objektiv anzuschauen, nahm mich die Atmosphäre sehr schnell gefangen. Zum ersten Mal fühlte ich mich angekommen, wenn es um Yoga ging. Was auch immer ich wissen, oder erspüren wollte, die Antworten kamen und es tat einfach gut ein so ganzheitliches Yoga zu erleben. In