INIPI Die indianische Schwitzhütte zurück in den Schoß von Mutter Erde

Ein kleiner Junge, der an unserem Grundstück vorbeigeht, schaut neugierig auf das Gestell aus Haselzweigen, das ein bisschen aussieht wie ein Iglu. „Was ist das- was machst du damit?“ fragt er neugierig. „Das ist unsere Schwitzhütte“ antworte ich und beginne zu erzählen….

Meine erste Schwitzhütte habe ich in einer Silvesternacht vor zehn Jahren besucht. Wir treffen uns nachmittags und beginnen gemeinsam, eine Schwitzhütte zu bauen. Bevor die Weiden (oder Haseln) für das Gestell geschnitten werden, fragen wir den Baumgeist, ob wir die Ruten schneiden dürfen und ob sie bereit sind, sich für den Bau der Schwitzhütte hinzugeben. Dieser Umgang mit den Geschöpfen von Mutter Natur ist mir erst fremd, eröffnet mir aber seitdem einen wunderbaren Zugang zur Schöpfung. Immer wieder geschehen kleine und große Wunder.

Vorbereitung

Als das Weidengeflecht fertig ist, wird ein Loch in der Mitte der Hütte ausgehoben, in das später die Steine gelegt werden. Die ausgehobene Erde wird in einiger Entfernung vor der Tür als Altar aufgeschichtet. Nun beginnen wir, die Hütte mit Decken zu bedecken – mindestens drei Lagen, damit es später im Inneren richtig dunkel ist. Danach wird gemeinsam das Holz vorbereitet. Ein wichtiger Bestandteil dieser Zeremonie ist die gemeinsame Vor- und Nachbereitung. Alle Tätigkeiten werden zusammen von allen Teilnehmern ausgeführt. Wir schichten das Holz in einer bestimmten Weise auf. So entsteht ein weiterer Altar. Die Steine werden nun rituell auf das Holz gelegt, dabei werden verschiedene Kräfte (Mond, Erde, Sterne, Ahnen…) und Eigenschaften (Liebe, Zufriedenheit, Vertrauen…) zur Unterstützung für die Zeit in der Hütte eingeladen.

Die Kraft des Feuers

Das Feuer wird entzündet. Dabei begrüßen wir die Kraft des Feuers mit einem Lied. Von diesem Moment an werden wir gebeten, keine weltlichen Gespräche mehr zu führen, um uns noch besser einzustimmen. Eine sehr wichtige Funktion während jeder Hütte hat der Feuerhüter, der nun die nächsten Stunden auf das Feuer achtet und die Steine später auch in die Hütte trägt. Ich bin sehr aufgeregt und spüre die Kraft des Feuers in meinem Bauch. Gleichzeitig entsteht eine freudige Erwartung auf das Kommende. Nach zwei Stunden ruft uns der Wassergießer (der die Hütte anleiten wird) ans Feuer. Die Steine sind nun heiß! Wir werden mit Salbei geräuchert und kriechen nackt und auf allen Vieren in die Hütte. Als wir alle unsere Plätze im Kreis eingenommen haben, bringt der Feuerhüter die ersten Steine herein, danach wird die Tür geschlossen.

Die Aufgabe des Wassergießers

Nun sitze ich hier in absoluter Dunkelheit, nur die Steine glühen lavarot. Der Wassergießer begrüßt die Steine mit Kräutern und richtet ein Gebet für Schutz und Unterstützung an die Spirits. Danach beginnen wir die erste Runde mit Gesängen und Geschichten, die uns der Wassergießer erzählt. Im Anschluss folgen die Gebete der Teilnehmer. Klassischerweise hat eine Schwitzhütte vier Runden. Jede Runde ist einer Himmelsrichtung, einem bestimmten Krafttier, einer Jahreszeit gewidmet, die verschiedenen Abschnitte des Lebens (Geburt, Pubertät, Reife, Tod) werden durchlaufen. Somit lehrt uns die Schwitzhütte, dass alle Stadien des Lebens gleichwertig sind und sich das Leben in einem stetigen Kreislauf wandelt und fließt. In den Hütten, die ich anleite, haben die Teilnehmer außerdem die Möglichkeit zu danken, zu bitten, Sachen loszulassen (zu integrieren) und sich auf Neues auszurichten. Die Elemente unterstützen uns dabei: Wir sitzen auf der Erde und werden getragen, die Hitze des Feuers wird durch die Steine in die Hütte gebracht, das Wasser wird auf die Steine gegossen, wenn ein Teilnehmer gebetet hat und die Luft (der Wasserdampf) trägt die Gebete zu den Spirits.

Heilung durch das Schwitzhütten-Ritual

Für mich ist die Schwitzhütte das kraftvollste Heil- und Reinigungsritual, das ich kennengelernt habe. Wir treffen uns zu diesem Ritual, im Kreis der Frauen, zu Jahreskreisfesten, in gemischten Gruppen und auch um wichtige Übergange zu gestalten (Geburtstage, Trennungen, Hochzeiten, Tod eines geliebten Menschen). In Einzelsitzungen können Geburtstraumatas gelöst werden. Jeder Gang in die Schwitzhütte ist ein kleiner Tod, auf den eine Neugeburt folgt. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich nach der vierten Runde in die Weite des Universums entlassen wurde. Das war ein unbeschreibliches Gefühl. Meine Sinne waren ganz weit geöffnet. Es war so, als wurde ich die Erde mit neuen Augen sehen. Mein Körper war wunderbar geerdet und durch die Hitze genährt, Verspannungen und Blockaden hatten sich gelöst, und ich konnte die leise Stimme meiner Seele wieder hören. Dieser Zustand hat damals mehrere Wochen angehalten.

Wie ich begann, Schwitzhütten anzuleiten

Als ich einige Jahre später durch den Tod meines Sohnes in einer schweren Krise war, habe ich mich an das Ritual der Schwitzhütte erinnert und mich aufgemacht, eine WassergieserInnen Ausbildung zu besuchen. Seitdem begleite ich Menschen durch dieses Ritual. Mit jeder Zeremonie, die ich anleite, ruft auch mich das Leben. Ich bin sehr dankbar und froh, dass dieses Ritual zu mir gekommen ist. Ich bin meinen Lehrern dankbar, die ihr Wissen mit mir geteilt haben. Die Schamanen sagen, dass wir mit jeder Hütte auch Heilarbeit für unsere Ahnen und Verwandten machen, somit können wir mit jeder Hütte auch einen kleinen Beitrag zum Frieden auf der Welt leisten.

Aho mitakujasin – Für all meine Verwandten

Vicara Shakti Müller ist Yogalehrerin, Yogatherapeutin, schamanisch-Lernende und praktizierende Wassergießerin. Vicara Shakti wird auf dem Xperience Festival 2018 schamanische Rituale und Schwitzhütten anleiten: yoga-vidya.de/xperience-festival

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