Navaratri feiert den Kampf und Sieg über Dämonen, den Sieg der guten Kräfte, über die hinderlichen und sabotierenden in uns. Dieses jährliche Superritual fördert die tiefe Hingabe zu Mahadevi oder Mahashakti, der großen Göttin oder großen Kraft und damit die Bewusstwerdung dieser Kräfte in uns. Dabei zeigt es über die Trinität Durga-Lakshmi-Sarasvati, die Navadurga – die 9 Formen von Durga – und ihre Eigenschaften worauf es ankommt, um auch in dunkelster Nacht unser Gehen hin zum wahren Sein nicht aufzugeben. Die Nacht steht für Nichtwissen und das, was wir nicht mit dem Verstand begreifen können. Die Dämonen symbolisieren alles, was uns in der spirituellen Entwicklung behindert.
Die neun Formen der Durga – Navadurga
In den nord- und zentralindischen Regionen verehrt man rituell vordergründig die Dreiheit von Durga-Lakshmi-Sarasvati, so auch in der Sivananda Tradition. Hier steht der ganzheitliche Zusammenhang im Vordergrund. Die Betrachtungsweise von Navadurga hat jedoch genauso ihre Berechtigung und einen gewissen inspirierenden Charme.
Wie so oft im offenen und bunten Indien gibt es nicht nur eine Navadurga-Aufzählung. Es finden sich verschiedene Nennungen in den Puranas wie zum Beispiel im Devi Mahatmyam des Markandeya Purana, in Shakta Tantra Texten u.a.
Ich habe mich mit der zumeist verbreiteten Aufzählung von Navadurga näher beschäftigt:

1. Shailaputri – die Tochter des Felsens
Sie wird auch als eine Reinkarnation der Göttin Sati angesehen und steht für Erdung und Neubeginn. Nach jeder Nacht werden wir wie neu geboren auf diese Erde und zugleich braucht jeder Neubeginn Vertrauen, das durch gute Stabilität und festem Glauben (an unser Selbst) genährt wird.
2. Brahmacharini – die zu Brahman Gehörende
Sie steht für Anstrengung und Beständigkeit in der Praxis und das hingebungsvolle Streben nach der Wahrheit. Unser Gehen ist nicht immer leicht und angenehm. Mit der Einstellung, dass wir jede Anstrengung und unser tägliches Hürdenspringen, unser Scheitern und jeden Erfolg in den Dienst der guten Kräfte stellen, kann Beständigkeit unser Herz und Tun erfüllen.
3. Chandraghanta – die Mondglocke
Sie ist auch als candrakāntā („Geliebte des Mondes“) bekannt und steht für Reinigung und Bereitschaft, sich mit der Kraft von Reflexion und Intuition für das Gute einzusetzen.

4. Kushmanda – die Schöpferin des Universums
Ihre Bedeutung ist Quelle aller Energien und die Schöpferkraft. Wir schöpfen unsere Welt mit unseren Gedanken und unserem Tun und wiederum mit dem, was wir darüber denken. Mit jeder Erfahrung, die wir dabei machen, werden die in uns wohnenden Fähigkeiten immer mehr offenbart, sodass wir aus unserer innersten Schatzquelle unbegrenzt schöpfen können.
5. Skandamata – die Mutter des Skanda
Skandamata steht für die Liebe und Kraft des Dranbleibens, der Ausdauer, der Aktivität. Unsere inneren „Dämonen“ sind unsere Kellerkinder. Wenn wir sie liebevoll an die Hand nehmen, können wir sie Stufe für Stufe aus dem Keller ins Licht führen, ihre jeweilige Energie in lichtvolle (gute) Kraft transformieren.

6. Katyayani – die Tochter des Weisen Katyayana
Laut dem Vamana Purana versammelten sich einst die Götter, um die Gräueltaten des Dämons Mahishasura zu besprechen, der die Götter aus dem Himmelsreich vertreiben konnte. Ihr Zorn manifestierte sich in Form von Energiestrahlen in der Einsiedelei von Kātyāyana Rishi, der ihnen die Form von Durga gab, weshalb sie auch Katyayani genannt wird. Katyayani steht für Mut, Gerechtigkeit und dafür dem Dharma gerecht zu werden. Sie führt zur (rechten) Erkennung der 4 Ziele des menschlichen Lebens (Kama, Artha, Dharma, Moksha) als Lebensmotor.
7. Kalaratri – die dunkle Nacht
Kalaratri hat in der Mythologie die Zeit aufgelöst und zugleich das ganze Universum. Dann wird von der Nacht Brahmans gesprochen (Stille, Einheit). Der Tag Brahmans ist die gesamte Schöpfung mit allen Zeitaltern. Die Überwindung von falschen Vorstellungen, Verhaftungen und Identifikationen braucht die Unterscheidung für den richtigen Zeitpunkt und das Loslassen (Auflösen) dessen. So steht diese Form der Göttin für den „durchschlagenden“ transformatorischen Prozess. Das gereinigte Bewusstsein und daraus entstehende Denken und Handeln lässt vorhandene geistige Hindernisse (Dämonen) überwinden, ohne dass neue Schleier gepflanzt werden, kein neues Karma aufgeladen wird.
8. Mahagauri – die Strahlend Weiße
Sie bedeutet höchste Reinigung, sozusagen auf obersten Level. Wenn Sattva über Rajas und Tamas „gesiegt“ hat, gilt es zuletzt auch noch Sattva loszulassen. Mahagauri steht außerdem für Schönheit, Fruchtbarkeit, Mütterlichkeit.
9. Siddhidatri – die Vollkommenheit Gebende
Sie bedeutet spirituelle Erfüllung und steht für absolute Erkenntnis. Wenn alle „Dämonen“ in uns besiegt bzw. transformiert sind oder anders gesagt: alle Tugenden ausgereift kultiviert sind, werden wir im Zustand des Yoga sein – wir ruhen im absoluten Bewusstsein, sind göttliche Einheit.
Das, was wir als unsere Stärke wahrnehmen und mit dem wir Freude am Tun spüren, sollten wir aktiv einsetzen, um Gutes zu bewirken. Diese erlebte Wirksamkeit wird uns wiederum bestärken, nicht die Hindernisse in den Vordergrund zu stellen, sondern die Lösung, die aus unserem Selbst heraus, auf unsere Art und Weise, aufleuchtet.

Die Symbolik von Neun Nächten Navaratri
Das uralte Ritual von Navaratri, die mystischen Geschichten dahinter, die neun Formen von Mahadevi/Durga zeigen also, was es braucht auf unserer transformatorischen Reise.
Durga heißt übrigens „schwer zugänglich, schwer begreifbar“. Solange wir nicht begreifen, tappen wir im Dunklen. Aber die 9 Formen zeigen uns symbolisch und damit zugänglich den Weg wie Lichter, die den Weg erleuchten, wie die Lichterschiffchen, die bei Navaratri in den heiligen Fluss gegeben werden, der in den ewigen Ozean fließt. Warum sind es neun Nächte, neun Formen? 9 ist die höchste Zahl, alle anderen Zahlen sind aus den ersten neun Zahlen (und der Null) zusammengesetzt.
Hier ist also überall Symbolik und nichts ist reines Schmuckwerk oder bloße blumige Dramatik. In der Mythologie (nicht nur in der hinduistischen) sind die Götter und Dämonen häufig im Kriegszustand. Das ist die Metapher unseres scheinbaren Daseins zwischen Anziehung (Raga) und Abstoßung (Dvesha). Wir kämpfen unser ganzes Leben lang, um das zu bekommen, was uns anzieht und das zu verleugnen und zu vermeiden, was uns abstößt. Wir können aber nicht nur die Kopfseite der Münze haben, sondern haben die Zahlseite (Kehrseite) immer dabei, unabhängig davon wie hoch wir die Münze werfen. Gewonnen haben wir dann – Wonne sind wir dann – wenn all unsere Seiten und die des Lebens als eins erkannt sind. Dann werden sie (die streitenden Götter und Dämonen, die streitenden Kräfte) unmittelbar erlöst und zur einen Urkraft des Seins.
Hymne an die Navadurgas

Im Devi Mahatmyam (Kapitel 5, Verse 14–82) finden wir die kraftvolle Hymne an die Göttin, die in allen Wesen in unterschiedlichen Formen wohnt. Dies ist eine freie Adaption.
Welche strahlende Kraft in allen Wesen in Form von (1) Vertrauen, (2) Beständigkeit, (3) Intuition, (4) Kreativität, (5) Liebe, (6) Mut, (7) Loslösung, (8) Reinheit und (9) Vollkommenheit wohnt – dieser verneigen wir uns immer wieder.
Die Autorin: Katyayani

Sehr erfahrene Yogalehrerin und Yoga Vidya Acharya. Mit viel Fachkompetenz, Einfühlungsvermögen und einer besonderen Stimme und Ausdrucksweise führt sie dich durch deine Yogapraxis. Bekannt ist sie auch durch die Herzen berührenden Satsangs, Meditationen und Mantra-Yogastunden. Auf ihrem Telegrammkanal „BE YOUR MANTRA“ inspiriert sie uns, mit Gedanken und Musik.
„BE YOUR MANTRA“ Telegrammkanal by Katyayani
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