Nieder mit dem Schutzschild: Ein neues Verständnis von Energieschutz

hu
Von hu
Lesezeit: 10 Min

Wo bleibt meine Energie? Warum fühle ich mich nach manchen Begegnungen, Erlebnissen so ausgelaugt? Wie schütze ich meine Energie? Diese Fragen stelle ich Erkan Batmaz, der darauf unerwartete Antworten hat. Praktische Anleitung inklusive!

Ein Gespräch zwischen Hu und Erkan Batmaz im Nordsee Ashram über Grenzenbewusstsein, Selbstwahrnehmung und warum wir unsere Energie nicht „weggenommen“ bekommen.

„Was ist mit meiner Energie? Wo ist sie hingegangen?“ Diese Frage treibt nicht nur Menschen in der spirituellen Szene um, sondern die gesamte Bevölkerung. Wir alle kennen das Gefühl der Erschöpfung nach bestimmten Begegnungen. Begriffe wie „Energievampire“, Energiesauger“ geistern ab und an auch mal durchs Feuilleton. Was passiert da tatsächlich? Und wie wenden wir es ab?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, habe ich mit Erkan Batmaz gesprochen. Er ist ausgebildeter Yoga- und Meditationslehrer bei Yoga Vidya und entwickelt seit Jahren eigene Seminare – darunter auch zum Thema Energieschutz. Sein Ansatz ist jedoch ungewöhnlich: Er verzichtet auf die klassischen Methoden des Visualisierens von „Schutzglocken“ und Schutzschilden. Stattdessen spricht er von „Grenzenbewusstsein“.

hu: Erkan, vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst. Das Thema Energieschutz beschäftigt die Welt. Wie ist das bei dir? Warum hast du dich damit beschäftigt?

Erkan: Eigentlich ist das Thema auf mich zugekommen, als bei Yoga Vidya plötzlich ein Seminarleiter fehlte und ich einspringen sollte. Seit dem ersten Seminar und bis heute stelle ich immer wieder fest, dass Teilnehmende
sich eine Art „Glocke“ um sich herum wünschen – einen Schutzwall, durch den nichts hineinkommt und nichts herausströmt.

Ich finde diese Vorstellung eher einen Notbehelf. Meine eigene Methodik habe ich bereits während meines abgebrochenen Psychologiestudiums entwickelt. Ich merkte damals, dass ich sehr durchlässig war und andere Menschen schnell meine Grenzen überschreiten konnten. Ich war schutzlos ausgeliefert und hatte dann das Gefühl, Energie verloren zu haben.

Meine Erkenntnis war: Es ist eigentlich nicht möglich, dass mir jemand meine Energie „wegnimmt“. Vielmehr unterbreche ich unbewusst meine eigenen Energieflüsse, wenn ich einer Situation begegne, die mich energetisch überfordert. Wenn ein Gefühl in meinem Herzraum aufkommt, das mein Gegenüber ausgelöst hat, und ich dieses Gefühl als unangenehm empfinde, spanne ich unbewusst meinen Brustkorb an, um es nicht fühlen zu müssen. In diesem Moment kann ich die Gefühlsenergie nicht mehr wahrnehmen. Und dann projiziere ich das auf das Gegenüber: „Der hat mir gerade meine Energie gestohlen.“ Dabei habe ich den Fluss nur selbst unterbrochen.

hu: Das ist ein faszinierender Perspektivwechsel. Es geht also nicht darum, dass Energie der Aufmerksamkeit folgt, sondern dass mein „Nicht-Zulassen“ den Fluss stoppt?

Erkan: Genau so. Damit habe ich meine besten Erfahrungen gemacht. Andere Techniken mögen wunderbar sein, aber mein Weg ist der authentischste für mich.

Ich nenne das heute eher Grenzenbewusstsein. Die Übung besteht darin, sich seiner eigenen Grenzen bewusst zu werden: Wo hört mein Körper auf? Wo beginnt der andere? Wenn wir diese Grenzen spüren und achten, entsteht ein natürlicher Schutz.

hu: Ich habe deinen Vortrag in der Ferienwoche erlebt und war beeindruckt. Für mich hat die klassische „Glocke“ oder Schutzschild visualisieren nie funktioniert. Es war zu anstrengend, die Aufmerksamkeit ständig auf den Schutz zu richten, während man gleichzeitig konzentriert etwas tun musste. Dein Ansatz hat mir geholfen, im Gespräch bei mir selbst zu bleiben. Auch in der Sevaka-Versammlung hat es mir geholfen, besser zu verstehen, wie ich zur Gruppendynamik beitrage. Es ist eine tolle Selbstreflexionsübung.

Erkan: Das freut mich sehr. Dass du merkst, wie du selbst reagierst und was du beiträgst, ist der Kern der Sache.

Wachsmalkreidezeichnung eines Hundes, der interessiert ein Hosenbein beschnuppert

Die Geschichte hinter meiner Methode ist eigentlich eine ganz alltägliche. Als ich Psychologie studierte, ging ich mit dem Hund einer Kommilitonin spazieren. Er war noch jung, aber schon recht groß und zerrte ständig an meinem Hosenbein. Ich fand es amüsant, bis mir die Besitzerin sagte, er übe Dominanz aus. Eines Tages, an einer Ampel in Wuppertal, fing er wieder an. Ich wollte, dass er aufhört. Aus der Not heraus griff ich auf meine Praxis zurück: Ich wurde mir selbst bewusst. Ich spürte den Boden unter mir, richtete mich auf, wurde größer und war in meiner vollen Präsenz.

Plötzlich hörte der Hund auf. Immer, wenn ich diese Haltung verlor, fing er wieder an. Immer, wenn ich geerdet, ausgestreckt und selbstwahrgenommen war, hörte er auf. Vor allem dieses Schlüsselerlebnis gab mir das Gefühl, dass ich auf dem richtigen Weg war, sodass ich in der Folge (Daraus ist) meine Lebens- und Energieschutztechnik weiter entwickelte (entstanden): Geerdet, ausgestreckt, selbstwahrgenommen.

hu: Das klingt nach einer sehr praktischen Übung. Hast du eine kleine Anleitung für unsere Leser, die das direkt im Büro oder im Alltag ausprobieren können? Wenn wieder jemand nicht versteht, wo die Grenze ist?

Erkan: Ja, das Ganze beginnt mit Sätzen, die wir nicht nur aussprechen, sondern deren Inhalt wir körperlich erleben.

  1. Erdung: „Ich spüre den Boden unter mir, ich lasse mich tragen und erde mich.“ Das übe ich die ganze Zeit während der Kommunikation. Am Anfang ist das Multitasking schwer, aber das Nervensystem gewöhnt sich daran.
  2. Ausdehnung: „Ich strecke mich aus, aus meinem Wurzelraum in meinem Beckenboden, in alle Richtungen, durch meine Zellen bis an meine Hautgrenzen und öffne mich für meine Wahrnehmungen.“ Ich bin nicht zusammengekauert, sondern vollständig da.
  3. Selbstwahrnehmung & Neutralität: „Ich nehme mich wahr, aus meinem Wurzelraum in meinem Beckenboden in alle Richtungen, durch meine Zellen bis an meine Hautgrenzen und neutralisiere mich, seiend in der Mitte meiner Gegensätze.“ Mein Gesicht ist nicht verzerrt, ich lächle nicht künstlich, ich bin neutral. Ich bin in meiner Präsenz.
  4. Zuhören: Während des Austauschs mit anderen höre ich ihnen und gleichzeitig auch mir selbst und meinen eigenen Kommentaren zu und dabei allem, was noch so in mir an Wahrnehmungen aufkommt. Ich lasse mich geschehen und erlebe mich, mich dabei annehmend und kennenlernend.

Wenn ich so in meiner Präsenz bin, übernehme ich die Verantwortung für alles, was in mir vorgeht. Und oft ändert sich das Verhalten des Gegenübers abrupt, weil es auf diese selbstbewusste, geerdete Erscheinung trifft.

hu: Aber gibt es trotzdem noch Leute, die dich auf die Palme bringen?


Wachsmalkreidezeichnung von Erkan Batmaz auf einer Palme, umgeben von Menschen

Erkan: Ja, durchaus. Es kann passieren, dass man unvorbereitet in eine Situation gerät. Aber diese Situationen werden dann zu einem Gewinn. Wenn ich reagiere, erkenne ich: „Da hatte ich noch einen Schatten. Da bin ich getriggert worden.“

Dann kann ich mich auf die Nachforschung einlassen: Wo kommt das her? War es in der Kindheit? Ich integriere das Erlebnis und verstehe, warum es mich so gereizt hat. Das ist der Weg zur Integration.

hu: Vielen Dank, lieber Erkan! Ich bin sicher, das werden einige gleich ausprobieren!

Erkan Batmaz Portrait im Garten des Nordsee-Ashrams

Erkan Batmaz

Erkan ist Yoga- und Meditations-Lehrer und arbeitet an der Entwicklung von Bewusstseinspraktiken. Aus seiner Arbeit sind „Die Praktiken von Allesbewusstsein“ hervorgegangen, die er als Alles-Räkeln, Alles-Massage, Alles-Atem, Alles-Meditation und Alles-Affirmation bezeichnet und mit Freude in Theorie und Praxis mit anderen teilt.

Mehr über Erkan erfahrt ihr auf www.allesbewusstsein.de oder


Falls du Erkans Unterstützung beim Energieschutz im Seminar online oder in Präsenz haben möchtest oder auch an seinen anderen Entdeckungen teilhaben möchtest, findest du hier seine nächsten Seminare:

Das Thema Energie möchtest du weiterverfolgen? Hier findest du unsere Seminare aus der Rubrik Energiearbeit:


Die Autorin:

Vor mehr als 20 Jahren zwang mich eine schwere Krankheit dazu, meinen vorgedachten Pfad als Filmemacherin und Autorin zu verlassen und neue Wege zu finden und zu gehen. Diese Reise führte mich zu Heilern und spirituellen Lehrern, zu Hexen, Schamanen, ins Zen-Kloster und in die Einsiedelei. Durch meine Erfahrungen habe ich gelernt, dass wahres Verstehen und Erkennen nicht im Kopf stattfindet, sondern das ganze Wesen, das ganze Sein erfüllt. Seit September 2022 bin ich Sevaka bei Yoga Vidya. 🌻 hu

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