Yoga im Sommer: Skorpion und Stolz

Yoga tut gut. Yoga macht Spaß. Yoga ist ein leichter, friedlicher Fluss. Manchmal jedenfalls. Aber natürlich kann Yoga auch anstrengend sein und herausfordernd. Und oft genug stößt man dabei auf Herausforderungen, die zu überwinden einem schlicht wider die Naturgesetze zu sein scheinen. Nur auf den Unterarmen stehen? Dabei leicht in die Rückbeuge gehen und gar die Füße auf dem Kopf ablegen? Für Nicht-Yogis ist das schon mal ein Ding der Unmöglichkeit.

Für einen tieferen Einstieg ins Yoga – die ganze Kraft des Körpers und des Geistes nutzen, Grenzen überwinden, zehn Minuten in der Asana bleiben anstatt zwei – dazu braucht es eine sehr spezielle Rezeptur aus Willenskraft und der Fähigkeit, loszulassen, aus Vertrauen, Entschlossenheit, Geduld und Hartnäckigkeit. Manchen fällt das in den Schoß. Die Mehrheit braucht dafür viel Übung, Zeit und Geduld.

Und wenn man es dann doch geschafft hat? Irgendwann steht man vielleicht plötzlich eins A, sagen wir: im Skorpion, und ertappt sich dabei, wie man stolz in die Reihen jener blickt, die sich noch abmühen oder es gar nicht erst versuchen. Tja, man kann oder man kann nicht. Da ist man eben schon etwas weiter auf dem Weg aller Wege. Oder etwa nicht?

Da macht der Skorpion seinem Name alle Ehre. Diese Asana ist nämlich eine gute Gelegenheit, sich mit dem tückischen Stachel namens Stolz und Eitelkeit auseinander zu setzen. (Was nicht heißen soll, dass man nicht stolz darauf sein darf, eine so herausfordernde Asana gemeistert zu haben.) Nur sticht eben manchmal das Ego aus dem Hinterhalt zu und flüstert einem Dinge zu wie: „Ich bin stärker und den anderen meilenweit voraus.“ Oder „Ich gehe meinen Weg alleine.“ Und dabei merkt man gar nicht, dass man sich gerade mit einem dicken Panzer im Wüstensand vergräbt und auf den nächsten Angriff wartet.

Das wäre doch schade. Schließlich hat man, wenn man über so viel Kraft und innere Stabilität verfügt, auch jede Menge Potenzial, sich für andere einzusetzen. Und früher oder später nutzt auch die größte Stärke nichts, wenn man damit alleine ist. Auf dem Gipfel der Starken kann es schon mal karg und einsam werden.

Es gibt Länder, da wird kein Tier so sehr gefürchtet wie der Skorpion. Aber wie bei so vielen gefährlichen Tieren kann auch dieses sehr machtvoll und nützlich sein, wenn man seinen Stachel erst mal beherrscht. Die Schnelligkeit und Ausdauer des Skorpion kann man nämlich wunderbar nutzen, wenn man sie großzügig mit anderen teilt, die auf ihrem Weg gerade Unterstützung brauchen. Mit der Offenheit, der Kraft und der Flexibilität, die man im Skorpion erlebt, kann man auch ganz einfach den Panzer ablegen und sich aus dem Wüstensand erheben. Siehe da, plötzlich verwandelt sich das Gift in ein heilsames Serum aus Verständnis und Mitgefühl. Der Weg zu sich selbst, der Weg des Yoga ist mitunter sehr steinig und mühsam. Und das Ego dabei zu überwinden, scheint manchmal ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Wenn man das einmal selbst erfahren hat, ist es plötzlich ganz leicht, den Blick von sich selbst auf andere zu richten und die eigene Macht großzügig und spontan mit allen anderen zu teilen.

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Literaturquelle: Swami Sivananda Radha – „Das Geheimnis des Hatha Yoga“

Dietlind Arndt lebt und arbeitet seit Januar 2010 bei Yoga Vidya in Bad Meinberg.

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