Ehrfürchtiges Staunen

Von Sukadev
Lesezeit: 6 Min

Ein Weg zu Mitgefühl, Dankbarkeit und Gesundheit

In einer Welt voller Hektik, Herausforderungen und Unsicherheiten scheint es, als hätten wir den Zugang zu bestimmten tiefgehenden Emotionen verloren: ehrfürchtiges Staunen, Mitgefühl und Dankbarkeit. Diese sogenannten transzendenten Emotionen sind jedoch essenziell für unser Wohlbefinden und unsere Fähigkeit, schwierige Zeiten kreativ und vertrauensvoll zu meistern. Yoga bietet einen Weg, diese Gefühle wiederzuentdecken und bewusst in den Alltag zu integrieren.

Beitrag von Sukadev Bretz

Die Kraft der transzendenten Emotionen

Der Emotionsforscher Paul Ekman identifizierte sieben Grundemotionen: Freude, Trauer, Überraschung, Angst, Ärger, Ekel und Verachtung. Darüber hinaus gibt es jedoch höhere Emotionen, die uns nicht nur bewegen, sondern innerlich aufrichten: ehrfürchtiges Staunen, Mitgefühl und Dankbarkeit. Sie öffnen uns für etwas Größeres und verbinden uns mit anderen Menschen, der Natur und einer tieferen Wirklichkeit.

Wer schon einmal vor einem majestätischen Berg, unter einem sternenklaren Himmel oder am endlosen Ozean stand, kennt dieses Gefühl tiefer Ehrfurcht. In solchen Momenten erleben wir Geborgenheit, Verbundenheit und Weite. Aus yogischer Sicht öffnen uns diese Emotionen für das Erfassen des Übersinnlichen – besonders in staunender Ehrfurcht kann das Göttliche erfahrbar werden.

Auch aus Sicht der Gesundheitsforschung zeigen sich klare Zusammenhänge: Menschen, die häufiger Ehrfurcht, Dankbarkeit und Mitgefühl empfinden, verfügen über eine höhere psychische und körperliche Resilienz. Sie können besser mit Stress, Unsicherheit und tiefgreifenden Lebensveränderungen umgehen. In Deutschland gilt Prof. Arndt Büssing als einer der Pioniere der empirischen Forschung zu staunender Ehrfurcht und Dankbarkeit. Er entwickelte Trainingsprogramme zur gezielten Förderung dieser Emotionen.

Yoga als Wegbereiter

In unserer heutigen Zeit ist der Zugang zu transzendenten Gefühlen oft blockiert. Stress, Sorgen und ein starker Fokus auf materielle Errungenschaften trennen uns von der natürlichen Verbindung zu uns selbst und unserer Umwelt. Yoga kann helfen, diese Blockaden zu lösen.

Durch die Verbindung von Körperpraxis, bewusster Atmung und Meditation werden Körper und Geist gestärkt, entspannt und harmonisiert. Nach einer Yogastunde in die Natur zu gehen, lässt oft ganz von selbst ein Gefühl von Staunen, Ehrfurcht vor der Schöpfung, innerer Weite und Verbundenheit entstehen.

Yoga kann daher als ein Trainingsprogramm für höhere Emotionen verstanden werden. Gerade in unserer schnelllebigen Welt ist dieses „Training der transzendenten Emotionen“ von besonderer Bedeutung. Was häufig als spirituelle Erfahrung beschrieben wird, ist möglicherweise eine wesentliche Grundlage für Gelassenheit, Lebensfreude und innere Stabilität.

Yoga für ehrfürchtiges Staunen

Bestimmte Yogapraktiken können das Gefühl von Ehrfurcht besonders intensivieren:

  • Kapalabhati (Lichtschädelatmung): Diese Atemtechnik aktiviert den Geist, verleiht Energie und weitet das Bewusstsein.
  • Rückbeugen wie Matsyasana (der Fisch) oder Anjaneyasana (der tief kniende Held): Sie öffnen Herz und Brustraum und stehen symbolisch wie körperlich für eine Ausdehnung des Bewusstseins.

Mitgefühl entwickeln

Mitgefühl entsteht aus einer tiefen Verbundenheit mit uns selbst und anderen.

  • Herzmeditation: Meditationen mit Fokus auf das Herzchakra (Anahata) lassen Liebe und Mitgefühl wachsen.
  • Nach innen gehen: Selbstreflexion und Achtsamkeit fördern Selbstliebe – die Grundlage echten Mitgefühls.

Dankbarkeit kultivieren

Dankbarkeit zählt zu den kraftvollsten Emotionen und schenkt inneren Frieden und Zufriedenheit.

  • Vorwärtsbeugen und Tiefenentspannung (Shavasana) fördern Loslassen und innere Ruhe.
  • Stellung des Kindes (Balasana) vermittelt Geborgenheit und Rückverbindung zu den eigenen Wurzeln.
  • Nach der Yogapraxis: Verweile bewusst bei Natur, Himmel, einem Baum, einem Bild eines Meisters oder einem geliebten Menschen. Gib dich dem entstehenden Gefühl hin – Ehrfurcht und Dankbarkeit zeigen sich oft ganz von selbst.

Warum wirkt Yoga so tiefgreifend?

Yogastunde mit Klangschalen mit Atmamitra

Zahlreiche Studien belegen die positiven Effekte von Yoga auf Gesundheit und Psyche. In Medizin und Psychologie werden insbesondere drei Wirkmechanismen diskutiert:

  • Entspannung: Yoga aktiviert den Parasympathikus, insbesondere den Vagusnerv, und reduziert Stress.
  • Ganzheitliches Training: Yoga vereint Kraft-, Dehn- und Koordinationstraining.
  • Selbstwahrnehmung: Achtsamkeit fördert das Wahrnehmen und Verstehen körperlicher und geistiger Signale.

Praktische Tipps für den Alltag

Auch jenseits der Yogamatte lassen sich transzendente Emotionen kultivieren:

  • Samyama auf die Natur: Verweile bewusst bei einem Sonnenuntergang oder Sternenhimmel.
  • Dankbarkeit üben: Notiere täglich drei Dinge, für die du dankbar bist, und bringe Dankbarkeit zum Ausdruck.
  • Mitgefühl praktizieren: Versuche, dich in Gedanken und Gefühle anderer hineinzuversetzen. Die Yoga Sutras empfehlen Meditationen auf das Herz oder den inneren Klang anderer Wesen.

Die Weisheit der Bhagavad Gita

Die Bhagavad Gita, eines der zentralen Werke der Yoga-Philosophie, ermutigt uns, das Großartige im Leben wahrzunehmen – in der Natur, in anderen Menschen und im menschlichen Schaffen. Diese Haltung öffnet uns für ehrfürchtiges Staunen, Mitgefühl und Dankbarkeit.

Fazit

Ehrfurcht, Mitgefühl und Dankbarkeit sind nicht nur schöne Gefühle, sondern essenzielle Bestandteile eines gesunden und erfüllten Lebens. Sie helfen uns, Herausforderungen zu meistern, Heilung zu erfahren und tiefe Zufriedenheit zu entwickeln. Yoga ist ein wirkungsvolles Mittel, um diese transzendenten Emotionen wiederzuentdecken und dauerhaft im Alltag zu verankern.


Seminare mit Sukadev

Sukadev Volker Bretz ist Gründer und spiritueller Leiter von Yoga Vidya. Er versteht es wunderbar, tiefe Weisheit humorvoll weiterzugeben. Seine besondere Stärke ist es, Aspiranten zu intensiver Praxis zu motivieren, hinter allem einen höheren Sinn zu sehen und mehr Energie und Herz in den Alltag zu bringen.

Schon als Kind hatte er spirituelle Erfahrungen. Als Jugendlicher war er von den Möglichkeiten des menschlichen Geistes fasziniert, übte Techniken des mentalen Trainings und Meditation. 12 Jahre lebte er in Sivananda-Zentren kam durch intensive spirituelle Praxis zu tiefer Erfahrung und Einsicht.

1992 gründete er die Yoga Vidya Zentren, um ein ganzheitliches, lebensnahes Yoga zu lehren und zu verbreiten. Yoga Vidya hat inzwischen vier große Yoga Ashrams, über 80 Yoga Vidya Zentren und an die 20.000 ausgebildete Yogalehrer. Erlebe den dynamischen Begründer einer der führenden Yoga Bewegungen Europas:


Quelle: Yoga Vidya Journal – Frühjahr 2025 – Journal 50 – Seiten 30-32: Ehrfürchtiges Staunen – Ein Weg zu Mitgefühl, Dankbarkeit und Gesundheit von Sukadev Bretz

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Sukadev ist Gründer und Leiter von Yoga Vidya. Nicht alle Beiräge, die in seinem Namen veröffentlicht werden, stammen von ihm selbst. Insbesondere Videos und Audios mit Vorträgen, Mantras, Übungsanleitungen werden meist von anderen in seinem Namen im Blog veröffentlicht - denn der Inhalt stammt ja letztlich von Sukadev
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