Asanas der Yoga Vidya Grundreihe: Pada Hastasana – die stehende Vorwärtsbeuge

Ein Text von Angelika Jüngst: 

Die Füße fest mit dem Boden verbunden, den Körper gerade und fest in der Berghaltung aufgerichtet, beugt sich der Oberkörper nach vorn, bis – im Idealfall – die Brust die Oberschenkel berührt und die Hände den Boden neben den Füßen erreichen. Dabei geschieht die Beugung, wie in Paschimottanasana, aus dem Hüftgelenk heraus und sollte sich für den unteren Rücken unbedingt schmerzfrei anfühlen. Anfangs, ungeübt oder wenn die Muskeln noch kalt sind (nach dem Pfau oder der Krähe eher unwahrscheinlich, im Sonnengruß aber häufig der Fall), kann es reichen, die Fingerspitzen zum Boden zu bringen oder die Knie zu beugen. 

Immer wieder staune ich, wie schwer es vielen Menschen fällt, den Kopf wirklich entspannt hängen zu lassen. Dabei werden die Nackenmuskeln gerade bei Schreibtischberufen und in Stresssituationen stark angespannt und überstrapaziert und hätten dieses Loslassen so bitter nötig. Es tut so gut, sich einfach einmal hängenzulassen, sich fallen zu lassen, zu genießen, wie der Kopf durchblutet wird und wie die Arme baumeln. Keine Handlungen sind nötig, nichts muss erkannt oder analysiert werden, die Gedanken können schweifen oder gar ganz abschalten.

Man muss nicht wachsam sein, kann die freie Weitsicht aufgeben, sich selbst hingeben, sich nicht nur vorbeugen, sondern auch verbeugen, seine Kleinheit vor dem großen Ganzen fühlen, sich demütig zeigen, vertrauensvoll und passiv.

Je länger die Stellung gehalten wird, desto weicher wird die hintere Beinmuskulatur, die Kniesehnen geben noch mehr nach, die Handflächen liegen eventuell jetzt erst ganz auf dem Boden auf, der Oberkörper schmiegt sich stärker an. Anpassungsfähig und vertrauensvoll können wir uns den Irrungen und Wirrungen des Lebens hingeben, sind wir doch standfest und gehalten. Verwurzelt in der Erde spürt man die Größe der Schöpfung.

Unter der Kategorie „Hatha Yoga“ findest du die anderen Beiträge von Angelika Jüngst,
zu den verschiedenen Asanas der Yoga Vidya Grundreihe.

Über die Autorin:

Om Namah Shivaya!

Mein Name ist Angelika Jüngst, ich bin 1963 geboren und habe schon immer gern geschrieben. Mein Germanistikstudium habe ich allerdings schon nach einem Semester abgebrochen und lieber mein Diplom in Betriebspsychologie gemacht, dieses Studium erschien mir zum Bestreiten meines Lebensunterhalts besser geeignet. Berufserfahrungen sammeln konnte ich in den Bereichen Eigungsdiagnostik für Azubis, Organisations- und Personalentwicklung. Bis zur Geburt meines ersten Kindes habe ich einen Unternehmensberater, der vor allem als Coach bekannt ist, in einem Buchprojekt unterstützt. Klingt alles rund, aber die Sinnfrage stellte sich mir immer deutlicher, je mehr Ziele erreicht schienen. Nach Heirat, drei Kindern, vielen Sorgen um ihr Wohlergehen und gesundheitlichen Problemen kam ich 2009 endlich zum Yoga. Hier fand sich alles zusammen: Antworten auf meine Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Wesen des Menschen, eigene Weiterentwicklungsmöglichkeiten und Herausforderungen, ein Gefühl von Angekommensein. Und es ergab sich eine für mich unglaublich befriedigende Tätigkeit: Anderen Menschen Yoga nahezubringen.

Die Anfrage, etwas über die Asanas der Yoga Vidya Grundreihe zu schreiben, hat mich gleich angesprochen.

Meine erste Erfahrung mit Yoga fand in einer Turnhalle statt. Die Bewegungen gingen dynamisch ineinander über und ich war als Anfängerin völlig überfordert. Angesagt wurden die Stellungen, aber nicht, wie ich sie am besten einnehme („und jetzt kommt ihr von der schleckenden Katze in den nach unten schauenden Hund“).
So saß ich mit Blick zur Leiterin oder den fortgeschrittenen Teilnehmerinnen schiefhalsig da und versuchte zeitverzögert die Stellungen zu imitieren. Aber selbst so machte mir Yoga Spaß. Als ich hörte, dass man bei Yoga Vidya Hatha Yoga mit genauer Anleitung und mit Hilfestellungen richtig erlernt, die Übungsreihe aus nur 12 Grundstellungen besteht und der Kursleiter selbst nicht mitpraktiziert, sondern ganz für seine Schüler da ist, wusste ich, dass ich bei Yoga Vidya richtig bin. Trotz gesundheitlicher Einschränkungen fühlte ich meine Kraft, meine Beweglichkeit und meine Koordinationsfähigkeit wachsen – als früherer bekennender Sportmuffel ein Wunder.

Kein Wunder war, dass ich neugierig wurde. Wie kann das funktionieren? Was steckt dahinter? In den zwei Jahren der Yogalehrer-Ausbildung wurden zwar viele Fragen beantwortet, aber je intensiver ich mich mit Yoga beschäftige, desto mehr staune ich über die Vielschichtigkeit der Wirkungen.

Sicher habt ihr eigene Assoziationen, Erfahrungen, Einsichten oder gar Eingebungen gehabt, während ihr selbst die Yoga Vidya Grundreihe praktiziert oder unterrichtet. Ich verstehe meine Texte nur als Anregungen und hoffe, euch oder eure Schüler damit zu inspirieren.

Om Shanti!

 

1 Kommentar zu “Asanas der Yoga Vidya Grundreihe: Pada Hastasana – die stehende Vorwärtsbeuge

  1. Immer spannend warten auf die nächste asana die du so zauberhaft beschreibst – auch hier wieder herrlich gelungen Pada Hastasana ♥

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