Asanas der Yoga Vidya Grundreihe: Bhujangasana – die Kobra

Ein Text von Angelika Jüngst:

In der Kobra (Bhujangasana) liegt unsere untere Hälfte am Boden: flach, aber nicht angeschmiegt, denn sie ist angespannt bis ins Gesäß hinein. So können wir von unserer Basis her die Kraft entwickeln, unseren Oberkörper aufzurichten. Entweder nur ein kleines Stückchen, gehalten von den oberen Rückenmuskeln, oder ganz weit, fast senkrecht, den Rücken im rechten Winkel zu den Beinen, das Gewicht auch auf den Händen ruhend. Oder gar noch weiter hineingeschlängelt in der Königskobra, die Beine sind gebeugt, der Kopf fällt nach hinten, der Hinterkopf berührt die Fußsohlen.

Eine Kobra hat keine Beine, keine Arme und keine Hände. Ihr Körper ist ein einziger, kraftvoller, beweglicher Muskel. Sie zeigt ihre Stärke und warnt vor ihrem Gift, indem sie sich aufrichtet, (bei den Schlangenbeschwörern tanzt sie sogar aufgerichtet). Diese Bewegung erfüllt mit Respekt. Ihre Gefährlichkeit, ihr Gift, gibt ihr Macht über Leben und Tod.

Wir selber haben unsere Gliedmaßen, sind gewohnt mit ihnen zu handeln, uns auf ihnen fortzubewegen. Unser Rücken bewegt uns sonst nicht nach oben, ist oft zu schwach, um den Boden länger zu verlassen. Tiefe Atmung gibt Kraft, die Muskulatur wächst mit der Übung und unsere Haltung verbessert sich. Auch wenn wir die Stellung wieder verlassen haben, richten wir uns immer mehr auf.

In der Kobra spüren wir, wie schwer es ist, unsere Natur zu überwinden und unsere Energie nach oben zu lenken, zu den höheren Chakren, den göttlichen Eigenschaften.

Weg von der tierischen Natur in uns, den Instinkten, den Trieben, den Leidenschaften, hin zur Reinheit, zur Erhabenheit über die menschliche Natur und zum höheren Ideal des verwirklichten Menschen.

Wir wünschen uns Frieden, uneigennützige Liebe, Selbstdisziplin, ein harmonisches Miteinander ohne gegenseitige Behinderungen. Doch die Welt, der Körper, das Grobe ziehen uns nach unten. Aber diese Schwere gibt auch ein Gegengewicht, so dass wir die Balance halten können zwischen unseren irdischen Aufgaben, unseren Rollen und Pflichten und der Suche nach dem Sinn, nach Erkenntnis, Weisheit und dem Streben nach Erleuchtung.

Diese Asana zeigt uns, dass unsere Herkunft, unsere Vergangenheit, unsere Entwicklungsgeschichte kein Hindernis ist. Wir alle können uns erheben, uns in Richtung neuer Ziele hin orientieren und von weiter oben dann mehr und weiter sehen.

Unter der Kategorie „Hatha Yoga“ findest du die anderen Beiträge von Angelika Jüngst,
zu den verschiedenen Asanas der Yoga Vidya Grundreihe.

 

Über die Autorin:

Om Namah Shivaya!

Mein Name ist Angelika Jüngst, ich bin 1963 geboren und habe schon immer gern geschrieben. Mein Germanistikstudium habe ich allerdings schon nach einem Semester abgebrochen und lieber mein Diplom in Betriebspsychologie gemacht, dieses Studium erschien mir zum Bestreiten meines Lebensunterhalts besser geeignet. Berufserfahrungen sammeln konnte ich in den Bereichen Eigungsdiagnostik für Azubis, Organisations- und Personalentwicklung. Bis zur Geburt meines ersten Kindes habe ich einen Unternehmensberater, der vor allem als Coach bekannt ist, in einem Buchprojekt unterstützt. Klingt alles rund, aber die Sinnfrage stellte sich mir immer deutlicher, je mehr Ziele erreicht schienen. Nach Heirat, drei Kindern, vielen Sorgen um ihr Wohlergehen und gesundheitlichen Problemen kam ich 2009 endlich zum Yoga. Hier fand sich alles zusammen: Antworten auf meine Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Wesen des Menschen, eigene Weiterentwicklungsmöglichkeiten und Herausforderungen, ein Gefühl von Angekommensein. Und es ergab sich eine für mich unglaublich befriedigende Tätigkeit: Anderen Menschen Yoga nahezubringen.

Die Anfrage, etwas über die Asanas der Yoga Vidya Grundreihe zu schreiben, hat mich gleich angesprochen.

Meine erste Erfahrung mit Yoga fand in einer Turnhalle statt. Die Bewegungen gingen dynamisch ineinander über und ich war als Anfängerin völlig überfordert. Angesagt wurden die Stellungen, aber nicht, wie ich sie am besten einnehme („und jetzt kommt ihr von der schleckenden Katze in den nach unten schauenden Hund“).
So saß ich mit Blick zur Leiterin oder den fortgeschrittenen Teilnehmerinnen schiefhalsig da und versuchte zeitverzögert die Stellungen zu imitieren. Aber selbst so machte mir Yoga Spaß. Als ich hörte, dass man bei Yoga Vidya Hatha Yoga mit genauer Anleitung und mit Hilfestellungen richtig erlernt, die Übungsreihe aus nur 12 Grundstellungen besteht und der Kursleiter selbst nicht mitpraktiziert, sondern ganz für seine Schüler da ist, wusste ich, dass ich bei Yoga Vidya richtig bin. Trotz gesundheitlicher Einschränkungen fühlte ich meine Kraft, meine Beweglichkeit und meine Koordinationsfähigkeit wachsen – als früherer bekennender Sportmuffel ein Wunder.

Kein Wunder war, dass ich neugierig wurde. Wie kann das funktionieren? Was steckt dahinter? In den zwei Jahren der Yogalehrer-Ausbildung wurden zwar viele Fragen beantwortet, aber je intensiver ich mich mit Yoga beschäftige, desto mehr staune ich über die Vielschichtigkeit der Wirkungen.

Sicher habt ihr eigene Assoziationen, Erfahrungen, Einsichten oder gar Eingebungen gehabt, während ihr selbst die Yoga Vidya Grundreihe praktiziert oder unterrichtet. Ich verstehe meine Texte nur als Anregungen und hoffe, euch oder eure Schüler damit zu inspirieren.

Om Shanti!

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