Bericht vom Yoga-Kongress 2009

Wunderschöner Kongress-Bericht, von Christine Endris. 12.-14.11. findet der nächste Yoga Kongress statt. Aus diesem Anlass hat Christine Endris einen Artikel geschrieben mit ihren Eindrücken vom Yoga-Kongress 2009. Lies, was so auf einem Kongress alles so passiert – und vielleicht magst du dich ja noch anmelden für den Yoga-Kongress November 2010.

Yoga-Kongress 2009

Yoga und Meditation – Entspannung, Heilung, Selbsterkenntnis

Veranstaltet vom Berufsverband der Yoga Vidya Lehrer/Innen e.V. in Zusammenarbeit mit der Society for Meditation and Meditation Research (SMMR) e.V.

Persönliche Eindrücke von Christine Endris (BYV)

Dieser Kongress fand zum sechsten Mal in Bad Meinberg statt. Gegründet wurde Yoga Vidya von Sukadev im Jahr 1992. Ich erinnere mich noch gut an die ersten kleinen, aber feinen Kongresse im Westerwald! Wie unglaublich stark hat sich Yoga Vidya in dieser Zeit entwickelt! Das konnte sich damals niemand vorstellen.

In seinem Grußwort  berichtet der Kurdirektor von Bad Meinberg, Wolfgang Diekmann, dass Yoga Vidya drei ehemalige Kurkliniken zu den vorhandenen Anlagen erworben hat. Hier werde etwas Herausragendes geleistet. Yoga Vidya bedeute ein „Glücksfall“, eine Bereicherung dessen, was bereits vor Ort angeboten werde: die Senioren-Universität, Sommerakademie, Bad Meinberger Asientage, Yoga und Moor, Gesundheitswanderwege u.v.m. Zum Kongress würden auch in diesem Jahr wieder 60 internationale Referenten viele verschiedene Traditionen und neue Studienergebnisse vorstellen, verbunden mit praktischen Anleitungen zum Üben. Er werde diesmal „selbst  dabei sein“! Dafür bekam Herr Diekmann einen dicken Applaus – hat doch auch unser Meister Sw. Sivananda schon immer gesagt, ein Gramm Praxis ist besser als Tonnen von Theorie!

Dr. Harald Piron, der Vorsitzende der im Jahr 2000 gegründeten Society for Meditation and Meditation Research, informiert in seinem Grußwort  über die Entwicklung der SMMR: Früher galt Meditation eher als eine Entspannungstechnik und eine Möglichkeit in der Verhaltenstherapie, auch hilfreich als Achtsamkeitsmeditation für Schmerzpatienten. Die Aspekte des Bewusst-Seins, der Selbst-Erkenntnis, des Nicht-Identifizierens mit den Gedanken, kamen erst in den 60er Jahren dazu.

In Deutschland gibt es – im Gegensatz zu den USA – wenig Meditationsforschung. Dies zu ändern haben sich die Mitglieder der SMMR zur Aufgabe gemacht. Inzwischen liegen zahlreiche Forschungsarbeiten vor – Harald Piron verweist auf den Infostand im Haus während des Kongresses.

Ein Highlight  dieses Wochenendes wird die Vergabe des zweiten Forschungspreises der SMMR am Samstag Vormittag sein!

Friedensnobelpreis für Yoga!

Nepal Lodh, indischer Yogameister und Vorsitzender der Deutsch-Indischen Hindu-Gesellschaft Bremen, der Yoga Vidya von Anfang an begleitet und unterstützt hat, führt ein Eröffnungsritual aus mit den Aspekten ganzheitliche Liebe, Familienfrieden, interkulturelle und konfessionelle Kommunikation.

Nepal Lodh hat eine ganz aparte Idee: Er plädiert in seiner Ansprache für einen Friedensnobelpreis für Yoga mit Sukadev als Stellvertreter für alle Yogis! Warum nicht? Dass es immer mehr Yoga praktizierende gibt, trägt sicherlich zum Weltfrieden bei – wir machen mit!! An uns soll es nicht liegen!

Sukadev hebt in seiner Begrüßung die Zusammenarbeit der verschiedenen Traditionen und den Austausch von Wissen hervor. Insbesondere der therapeutische Aspekt des ganzheitlichen Yoga erhielt einen starken Auftrieb, seitdem Yoga Vidya in Bad Meinberg seinen Hauptsitz gefunden hat. So nimmt es nicht Wunder, dass eine erweiterte Kooperation mit dem Kaivalyadhama-Yogatherapie-Institut in Südindien angestrebt wird, dessen Direktor, Subodh Tiwari, beim Kongress ausführlich zu Wort kommen wird.

Mehr Grausubstanzen in spezifischen Hirnregionen

Den ersten Vortrag hält Dr. Ulrich Ott. Er vereint alles in seiner Person, was den äußeren Rahmen dieses Kongresses ausmacht: Er ist wissenschaftlicher Beirat der SMMR, Yogalehrer und Diplompsychologe. Sein Thema: Meditation als Regulation: Entspannung, Konzentration, Emotionen, Selbstmodell.

Für den Begriff Meditation gibt es noch keine verbindliche Definition. Früher galt sie als Entspannungsmethode, wurde für die „kleine Intervention“ bei Schmerzen und Ängsten genutzt. Inzwischen weiß man aufgrund interdisziplinärer Forschungen, dass Meditation eine körperlich-seelisch-geistige Klärung herbeiführt bis hin zur Erfahrung von Nicht-Dualität, vom Eins-Sein mit allem. Dies hat deutliche, messbare Auswirkungen auf den Körper: Wachstum von Nervenzellen, mehr Verbindungen zwischen den beiden Hirnregionen, mehr Grausubstanzen in spezifischen Hirnregionen, Veränderungen im Herz-Kreislauf-Bereich und – die ganz frohe Botschaft für Meditierende – im Alter werden solche neu gebildeten Zellen und Regionen nicht abgebaut!

Körperliche Erregung und emotionale Situationen werden differenzierter wahrgenommen, negative Emotionen nehmen bereits nach achtwöchiger Meditationspraxis ab, es entwickelt sich mehr Mitgefühl, das Sozialverhalten verbessert sich. Man könnte sagen, die Forschung entwickelte sich vom Ergebnis Entspannung hin zum Ergebnis Liebe.

Das Tagträumen – heutzutage ein Top-Thema in den Medien und in der Forschung – gilt biologisch als äußerst sinnvoll.

Forschungsergebnisse liegen auch vor hinsichtlich der Meditation von Kindern ab 5. Schuljahr.

Medizinstudenten, die sich hohen Anforderungen gegenüber sehen und relativ häufig ihr Studium abbrechen, haben eine deutlich höhere Erfolgsquote, wenn sie regelmäßig meditieren.

Hier eine kleine Anmerkung: Fast alle Referenten sind im Internet zu finden.

So sind beispielsweise auch unter Ulrich Ott und SMMR eine Menge Forschungsergebnisse und Nachweise zum Thema zu finden!

Nach diesem Vortrag hatte ich unter elf unglaublich interessanten Workshops zu wählen, so dass die Entscheidung richtig weh tat – auch wenn’s das bei Yogis eigentlich nicht geben dürfen sollte … Um meine eigene Selbstwahrnehmung und -kritik vielleicht noch etwas „aufmöbeln“ zu können, entschied ich mich für

Den Stein im eigenen Schuh erkennen mit Shambavi Regina Glaser und ihrem Ehemann.

Ihre Themen: Jeder muss die Verantwortung für sich selbst übernehmen und erkennen, dass nicht die anderen Schuld sind oder waren. – Das Glück findet, wer sich neigt.

Ein Vorhaben beginnt im Hier und Jetzt. Wie fühlt es sich an in der Entscheidungsphase? Bin ich es wert? Zweifel schwächt! Glaube ich daran mit Kopf, Bauch und Herz? Vergangenes nicht schlecht reden! Dankbar sein für das, was man erleben durfte. Und dieses immer wieder gerne gesagte „nie wieder“ sollte uns nicht allzu locker über die Lippen kommen.

Die Yogastunde Anatomisch korrekte Ausführungen der Asanas – stabilisierende und hüftöffnende Übungen, Umkehrstellungen (Mittelstufe/Fortgeschrittene) mit Wolfgang Becker ist meine Herausforderung des Tages! Ich merke gleich, der volle Lotus ist avisiert! In diesem meinem Leben hatte ich ihn nicht mehr im Programm! Das hilft mir jetzt nichts mehr – ich will mein Bestes geben!

Unter kurzen, klaren und – mein größter Trost und bester Ansporn – stellenweise trocken humorvollen Anweisungen werden die Hüften geöffnet, Standfestigkeit überprüft und Ausdauer eingefordert. Natürlich nicht wirklich eingefordert, aber ich hab’s gemacht solange ich’s konnte und so gut ich konnte. Und fühlte mich danach sehr stark.

Eine wahre Fundgrube für Yogalehrende!

Parallel zu dieser Yogastunde gab es neun weitere mit interessanten Aspekten und Themen: Kopfschmerz und Migräne, Nutzen der Bandhas für die Kraft aus der Mitte, Gefühle wahrnehmen, akzeptieren und transzendieren, Asana flow, Asanas zu Musik des antiken Griechenlands, life auf historischer Leier, Surya Namaskar kreativ, intensiv und frei, Klangyoga mit geistigen Wirkungen, Yoga mit Texten aus der Bhagavad Gita.

Wie man sieht, ein bunter Blumenstrauß an Angeboten für wirklich jedes Bedürfnis und Interesse. Eine wahre Fundgrube auch für Yogalehrende, um ihren Stunden ein paar neue Aspekte hinzu zu fügen. Ich entschied mich, auch wenn es schwer fiel, eher für solche Lehrer, die ich sonst im Ashram nicht erleben kann. Das ist ja das Schöne am Kongress, dass hier auch viele verschiedene Hatha Yoga Stile zusammenkommen und sich austauschen können.

Beim Satsang am Freitag Abend stellt Sukadev die Frage: Warum sollen wir uns ethisch verhalten? Vordergründig: Damit wir nicht in die Hölle kommen! (O-Ton Sukadev) Tiefer nachgeschaut: Wir haben einen Gesellschaftsvertrag entsprechend Kants Kategorischem Imperativ („Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“). Patanjali antwortet ähnlich Aristoteles: Aggression führt uns in Leid und Unwissenheit, ethisches Verhalten dagegen kurzfristig zu tiefer Freude, langfristig zu höherer Erkenntnis.

Da denke ich: Was wäre das schön, wenn das nur alle wüssten!

Dr. Friedrich Ebert fordert in seinem Vortrag Yogatherapie zwischen Anspruch und Wahnsinn den sorgfältigen Umgang mit der Ganzheitlichkeit des Yoga. Erfahrungen müssen kommuniziert werden. Er empfiehlt eine Datensammlung von Yoga Vidya über mögliche gesundheitsschädigende Wirkungen von Yoga. Er warnt vor exzessiver Meditation und Yogapraxis. Druck oder Ehrgeiz  von Schülern wie auch Lehrern sollen vermieden, der spielerische Umgang mit Yoga sollte gefördert werden. Dr. Ebert weiter: Yoga schult das ganzheitliche Erkennen. Dadurch wird die Autonomie des Menschen erhöht!

Er erwähnt auch das Ayurveda-System in Verbindung mit Yoga-Therapie und den Wert von Yoga als Prophylaxe. Von Ahimsa, Gewaltsosigkeit, sollte der Umgang mit uns selbst geprägt sein, Dharana, Achtsamkeit ist dafür erforderlich.

Es folgt ein Vortrag von Dr. Ernst Schrott: Bewusstsein – die Grundlage der Marmas im Ayurveda für Heilung

Nachfolgend einige Kernsätze aus seinem Vortrag:

In den Marmas ist der Sitz des Prana und des Lebens, sie sind die „kosmischen Schaltstellen“ des Körpers. 72000 Nadis (Energiekanäle) sind die Klangkanäle und dort wie auch in den Marmas vibriert der Klang der Schöpfung. Die Yoga Asanas öffnen alle Marmas in unserem Körper, wir werden intensiv mit Energie aufgeladen.

Praktische Übungen ergänzen und bereichern diesen interessanten Vortrag.

Im Satsang am Samstag früh morgens greift Sukadev das Thema Yogatherapie auf. Mit dem Projekt Shanti wird voraussichtlich eine psychosomatische Klinik entstehen, die verschiedene Ansätze miteinander verbinden wird: zum Einen die Lehren Sivanandas, der ja selbst Arzt war und die vedantische Tradition bis zu seinem physischen Tod 1963 verkörperte, dann das Kaivalyadhama-Yogatherapie-Institut und die Bihar School of Yoga sowie die vedische Tradition und die klassischen Yogaschriften.

Er führt die sieben Grundprinzipien der Yogatherapie bei Yoga Vidya aus:

1. Prinzip: Was?

– Yoga und Schulmedizin miteinander verbinden!

– Konzeption neuer Ausbildungsinhalte

– Zusammenarbeit von Ärzten und Heilpraktikern

– Angebot eines Ratgeberportals im Internet

2. Prinzip: Non nocere – nicht schaden!

Bestimmte Asanas können manchmal auch nicht hilfreich sein! Der behandelnde Arzt / die Ärztin müssen befragt werden, konkret, zu ganz bestimmten Stellungen. Es geht also nicht um die Frage Yoga praktizieren – ja oder nein, sondern wie eine bestimmte Stellung für eine bestimmte Person zu bewerten ist. Diese Vorgehensweise lehrt die Erfahrung, weil es immer noch einige Ärzte gibt, die grundsätzliche Vorbehalte gegen Yoga hegen,  bzw. Yoga überhaupt nicht kennen. Für eine Umkehrstellung wie den Kopfstand kann alternativ der Hund gemacht werden, anstelle des Schulterstands der unterstützte Schulterstand mit Kissen usw. – für solche Situationen gibt es viele Beispiele.

3. Prinzip: Spezifische Übungen

Die Wirkung einzelner Übungen ist wissenschaftlich noch nicht nennenswert erforscht. Das liegt an der Forderung der Schulmedizin, hier vorzugehen wie bei der Erforschung von Medikamenten beispielsweise, mit double blind Studien u.dgl., was bei der Ganzheitlichkeit des Yoga schwierig sein dürfte. Yogameister des 19. bis 21. Jahrhunderts beschreiben einige Asanas mit ihren Wirkungen. Sukadev: Achtsam bleiben, manches stimmt nicht!

4. Prinzip: Ganzheitlichkeit

Nicht nur Asanas praktizieren sondern auch Pranayama und die Yamas und Niyamas.

Bei allen Übungen werden die Selbstheilungskräfte aktiviert, die verschiedenen Körperbereiche kommen ins Gleichgewicht. Erwiesen ist übrigens, dass durch Sport und Yoga die Nebenwirkungen einer Chemotherapie gemindert werden.

5. Prinzip: Der Schüler entscheidet

Der Schüler ist in einer aktiven Rolle! „Was tut mir gut?“

6. Prinzip: Die kosmische Energie wirken lassen!

Wunder sind möglich!

7. Prinzip: Grenzen beachten!

Keine Heilversprechen machen! Anamnese und Diagnose sind nicht erlaubt! Der Bund Deutscher Yogalehrer (BDY) sieht die Yogatherapie restriktiver. Hier dürfen nur Ärzte und Heilpraktiker diese Praxis anwenden. Fest steht, dass Yoga große Heilwirkungen besitzt. Die Grenzen sind fachlicher und karmischer Art – nicht jedes Leid ist heilbar. Niemand kann dem Tod ausweichen. Leiden kann auch bedeuten, an neuen Erfahrungen zu lernen und zu wachsen. Es erzeugt Demut, eine heil-same Erfahrung.

Danach Vortrag von Prof. Dr. Arndt Büssing, Mediziner und Dharmalehrer der Kwan Um Zen Schule Deutschland. Sein Thema: Yoga und chronische Schmerzerkrankungen

Dieser Vortrag zeigt deutlich auf, wie die Hilflosigkeit eines Schmerzpatienten / einer Schmerzpatientin umgewandelt werden kann mit Hilfe der verschiedenen

„Techniken“, die uns zur Verfügung stehen. Als Stichwörter seien genannt

– Akupunktur

– Entspannung

– Lebensstil verändern

– Lebenssituation verändern

– Soziale Kontakte pflegen

– Selbstbild verändern hin zur Gesundungs-Sicht : Ich bin nicht der Schmerz!

– Schmerzgrenze verschieben

– Ethische Gebote wie Reinheit des Körpers / der Gedanken

– Atemkontrolle

– Meditation

– Spirituelle Wege finden

– Asanas. Zur Wirkung der Asanas macht Prof. Büssing eine kleine, aber feine Anmerkung: Muss ich  beweisen, was ich täglich erfahre?

Als Mann der Wissenschaft verteilt er aber auch Fragebögen zum Thema. Er wird ein Buch dazu veröffentlichen.

Als Kontrollgruppen-Praxis für die wissenschaftliche Erforschung von Yoga  schlägt er Krankengymnastik, Heileurythmie und Aerobic vor.

Der Kongress ist immer auch eine Plattform für Forschungsprojekte. Fragebögen habe ich bereits erwähnt, Probanden für Messungen werden gesucht und gefunden, Projekte angeregt und initiier