Fabel: Die beiden Frösche

„Die eigene Anstrengung von heute wird zum Schicksal von morgen. Eigenes Bemühen und Schicksal sind ein und dasselbe“, schreibt Swami Sivananda in seinem Buch „Göttliche Erkenntnis“.

Dazu fällt mir eine Fabel von Äsop (600 v. Chr.) ein, dem berühmten griechischen Dichter. Diese Fabel hat mir meine Mutter erzählt, als ich ein Kind war, ich hörte die Geschichte außerdem in der Grundschule.

Die Sinnhaftigkeit der „Eigenbemühung“ taucht in meinem Leben immer wieder auf.

 

Hier die Fabel von den beiden Fröschen, die in eine Milchschüssel gerieten:

Die beiden Frösche

Zwei Frösche, deren Tümpel die heiße Sommersonne ausgetrocknet hatte, gingen auf die Wanderschaft. Gegen Abend kamen sie in die Kammer eines Bauernhofs und fanden dort eine große Schüssel Milch vor, die zum Abrahmen aufgestellt worden war. Sie hüpften sogleich hinein und ließen es sich schmecken.

Als sie ihren Durst gestillt hatten und wieder ins Freie wollten, konnten sie es nicht: die glatte Wand der Schüssel war nicht zu bezwingen, und sie rutschten immer wieder in die Milch zurück.

Viele Stunden mühten sie sich nun vergeblich ab, und ihre Schenkel wurden allmählich immer matter. Da quakte der eine Frosch: »Alles Strampeln ist umsonst, das Schicksal ist gegen uns, ich geb’s auf!« Er machte keine Bewegung mehr, glitt auf den Boden des Gefäßes und ertrank. Sein Gefährte aber kämpfte verzweifelt weiter bis tief in die Nacht hinein. Da fühlte er den ersten festen Butterbrocken unter seinen Füßen, er stieß sich mit letzter Kraft ab und war im Freien.

[Quelle: Fabeln – Die beiden Frösche – von Äsop]

 

Gedanken zur Bemühung:

Unsere „Bemühung“ ist ein Audruck der Bereitschaft, mit der wir unsere Ziele verwirklicht wissen wollen. Eine gewonnene Erkenntnis im Zuge der Selbstverwirklichung ist, dass nichts getan werden muss(te), um das zu sein, was wir sind. Wenn Peter träumt, er wäre Hans, dann muss Peter in Wirklichkeit nichts anstellen, um Peter zu sein. Er hat lediglich zu erkennen, dass er Peter und nicht Hans ist. Schließlich besteht das irdische Erwachen („Befreiung“) sogar darin, zu erkennen, dass Peter weder Hans, noch Peter, noch irgendeine andere eigen-ständige und getrennte Identität ist. In einer Welt mit scheinbar getrennten Identitäten ist Bemühung vielleicht deswegen notwendig, um durch subjektive Erfahrung (die einem Phantomschmerz gleicht) die Auflösung der Vorstellung von Getrenntheit im kosmischen Gemüt zu veranlassen, so wie der Wind ein Segelboot zurück zum Ufer bringt, das durch den Wind zuvor vom Ufer weggeführt wurde.

Friedliche Einsicht besteht im friedlichen Sein. Göttlichkeit bedingt sich selbst. Nie sind wir getrennt vom höchsten Selbst – so wie der Sonnenstrahl eins mit seiner Quelle ist. Und doch scheint es einen „Aufwand“ zu geben, eine Anstrengung, sich von der scheinbaren Unwissenheit zu befreien, dass man nicht (das) ist, von dem man annimmt, es zu sein. Ein Teil der Bemühung liegt im „Sich-frei-machen“ von falschen Konzepten, die wir mit festgefahrener Überzeugung über uns selbst und über die Welt hegen. Das ist Teil der Erkenntnis innerhalb des kosmischen Traums. Läuterung mag dazu notwendig sein. Läuterung in Form von Bemühung und Wollen. Das mag anstrengend sein. Oder auch nicht. Auch das ist Teil des kosmischen Traums. Aber schließlich kommt allen und allem die Gnade zuteil, EINS mit Brahman zu sein.

Diese Gnade existiert – sie ist da – zu jeder Zeit – jetzt – in diesem Augenblick!

All unser Handeln, unser Tun, unsere Bemühung ist als Teil des Selbsterkennungsprozesses zu verstehen, durch den das Wahre als wahr erkannt wird und das Unwahre nicht länger für das Wahre gehalten wird. Es ist so, als ob ein Seil, das man im Halbdunkeln verängstigt für eine Schlange hielt, als Seil erkannt wird. Was für eine Erleichterung!

Es sind ‚interessante‘ Erfahrungen, die sowohl in Form des Schreckens als auch in Form der Erleichterung vom Bewusstsein selbstvergessen-spielerisch „erlebt“ werden. Auch dies nur ein Ausdruck der Neugierde des Absoluten, die Vorstellung zu erfahren, nicht das zu sein, was es ist. Im Unendlichen entsteht so die Idee der Endlichkeit. Das Ewige erfährt scheinbare Vergänglichkeit. In der Ganzheit erscheint der Gedanke der Trennung. Doch kann die „Realität“ eines Traumes dem Träumer nichts anhaben. Der Traum ist eine Erscheinung im Träumenden – dergestalt ist diese Welt eine flüchtige Erscheinung im Absoluten. Nichts in der Welt hat die Macht, den Urgrund, die Absolutheit zu bedrohen – so wie der Sonnenstrahl die Sonne nicht ausbleicht und so wie die Flamme das Feuer nicht verbrennt.

Täuschung, Unwissenheit, Illusion, Maya … all dies hat einen Zweck, der zur glücklichen Erfahrung von „Befreiung“ führt. Ein köstlich-süßer Geschmack, der als Wahrnehmung im Selbst einen Reiz hat – bis dieser, genügsam anerkannt, losgelassen wird. So gesehen: Alles dient der Freude des Erwachens. Vom Verstand kann dies nicht adäquat gefasst werden, denn: nichts was du denkst, fühlt, was du bist. Leid und Freude, Unglück und Glück, wenig und viel, … solche Dualität hat schließlich keine Bedeutung für das Wesen der Einheit. Sich als Wesen der Einheit zu erkennen – das Selbst im Nicht-Selbst zu transzendieren, dies ist der göttliche Lohn aller Bemühung, die dem Ruf der Selbstverwirklichung folgt.

Alles Lernen der Welt zielt darauf ab, dass sich das Selbst im Selbst offenbart. Wie viel oder wie wenig Bemühung dabei vonnöten ist, zeigst du dir selbst mit dem, was du als Wirklichkeit zu erfahren scheinst. Lass dir sagen: Dies gleicht einem Traum. Bemühung ist lediglich Bemühung innerhalb der Wahrnehmung von Dualität, inmitten des irdischen Spiels der Vorstellung von Raum und Zeit.

Im ewig Vollkommenen ist weder Mühe noch „Vervollkommnung“ nötig. Im Heiligen, im Absoluten, im Unendlichen, im Brahman… ist alles Brahman … ist alles: wortlos… ist alles: heilig & vollkommen. Jenseits der Vorstellung von Freiheit ist alles frei. So will der kosmische Traum beendet werden durch Erkenntnis. Jegliche Bemühungen und alles Konzeptuelle spielen dabei die Rolle, das Verhüllte zu entdecken und Ungesehenes auf diese Weise sichtbar zu machen.

Alles Ich-Denken, alles Gemüthafte, ja jegliche Vorstellungen haben keine reelle Substanz. Stille ist der Klang des Absoluten. Vollkommener Frieden ist die Natur des Seins. Was bleibt mir nach diesem Satz noch zu sagen, außer: In dieser Einsicht bin ich frei.

Om Shanti

 

„Unwissenheit ist der Grund für Abhängikeit. Erkenne und sei frei!“ [Swami Sivananda]

 

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