Hast du dich das schon einmal gefragt? Diese Geschichte habe ich für einen Satsang im Sommer geschrieben, als viele große und kleine Yogis bei uns zu Gast waren. Beim Samstagabendsatsang im Nordsee-Ashram kamen wir alle zusammen – auch die Kleinen machten einen musikalischen Beitrag. Und dann lauschten wir gemeinsam der Geschichte, wie es dazu kam, dass der Gott mit dem Elefantenkopf eine kleine Maus als Reittier gewählt hat. Gerne lasse ich dich daran teilhaben – zum selbst lesen oder zum Vorlesen.
Hasst du dir Ganesha schon einmal genau angesehen? Er hat einen großen Elefantenkopf, einen runden Bauch und meistens hält er in seinen Händen Süßigkeiten, eine Axt oder eine Lotusblüte. Und wer genau hinschaut, dem fällt vielleicht auf: Zu seinen Füßen sitzt oft eine kleine Maus. Die sitzt da nicht aus Langeweile, oder um ihn zu erschrecken. Die kleine Maus heißt Mushika und ist sein Reittier!
Wenn andere Götter unterwegs sind, wählen sie meist ein mächtiges Reittier. Die Göttin Durga reitet auf einem furchtlosen Löwen oder Tiger. Shiva sitzt auf seinem starken weißen Stier Nandi. Vishnu wird vom großen Adler Garuda getragen. Und Ganesha? Er, der große Gott der Weisheit und der Überwinder aller Hindernisse, sitzt auf einer winzigen Maus. Das sieht doch fast so aus, als hätte da jemand nicht aufgepasst und die Reittiere vertauscht.
Ganesha hat nur den Kopf eines Elefanten. Und er wählt als Reittier ausgerechnet das eine Tier, von dem behauptet wird, dass sich Elefanten davor fürchten. Und davon abgesehen: Wie soll denn bitte schön eine kleine Maus einen so großen Gott tragen? Dahinter verbirgt sich eine sehr alte Geschichte aus den Puranas – einer großen Sammlung von Märchen und Legenden. Und die will ich euch heute vorlesen.
Die Verwandlung des stolzen Kruncha
Vor langer Zeit lebte auf dem Berg Meru, im Himmel der Götter, ein Wesen namens Kruncha. Kruncha bedeutet soviel wie Kranich oder Reiher im Sanskrit. Aber er war kein Vogel, wie man es vielleicht denken könnte. Er war ein Gandharva, ein himmlischer Musiker der Götter, ein Sänger, ein Künstler. Gandharvas singen, spielen Instrumente, sorgen für Musik und Kunst in den himmlischen Gefilden. Sie gelten als schön, elegant und begabt.

Kruncha war besonders talentiert. Er spielte die Flöte für die Götter und sang für sie. Wenn er ein Lied anstimmte – waren alle verzückt und liebten ihn dafür. Er bekam Geschenke und jeder sagte ihm, wie toll er sei. Mit der Zeit wurde Kruncha immer stolzer, immer eingebildeter. Sein Ego, sein Selbstbild wurde immer größer. Er dachte, seine Kunst ist die Beste. Seine Stimme ist die Beste. Er dachte, er ist der aller allerbeste.
Wenn man so sehr von sich überzeugt ist, wie es Kruncha damals war, passiert es schnell, dass man nicht mehr achtsam ist. Weil er so von seinem Gesang und seiner Musik überzeugt war, nahm er keine Rücksicht mehr auf andere. Er tanzte herum und trieb Schabernack – und wenn jemand wütend auf ihn wurde, stimmte er eine feine Melodie an, und der Ärger verflog. Und er tanzte einfach weiter, stibitzte sich Leckereien aus der Küche – und wurde er erwischt, sang er dem Koch ein Lied. Ja, in manchen Momenten hielt er sich sogar für einen Gott, weil selbst die Götter ihren Ärger vergaßen, wenn er sang.
Die Strafe des Rishi Parashara

Einmal war der Rishi Parashara mit einem sehr wichtigen Ritual betraut worden. Der Weise brauchte seine ganze Konzentration bei den Vorbereitungen. Allen im Himmel war gesagt worden, man dürfe ihn nicht stören und alle sollten einen großen Bogen um den Ritualplatz machen. Was machte unser Kruncha, dieser Tunichtgut? Neugierig wie er war, wollte er sehen, was da vor sich ging. Dann sah er die herrlichen Opferspeisen! Konnte nicht warten, musste gleich kosten. Und in seinem tölpelhaften Versuch, leise zu sein, stieß er gegen Schüsseln und Leuchter und landete mitsamt den feinen Speisen auf seinem Hinterteil.
Sofort fing er an zu singen – denn er wusste schon, der Rishi würde sonst richtig böse werden. Der Rishi öffnete die Augen, sah das Durcheinander und konnte gar nicht mehr weiter rezitieren. Der Rishi hielt sich schnell die Ohren zu und schrie: Du hast keinen Respekt, kommst und gehst wie es dir passt, bist diebisch wie eine Maus. Das sollst du von nun an sein. Eine Maus, so groß wie dein Ego. Oh das hätte der Rishi nicht sagen sollen! Der Rishi erschrak selbst über seine Worte. Er hatte unterschätzt, wie groß Krunchas Ego bereits geworden war, denn Kruncha tat immer so charmant und unterwürfig, wenn man ihn tadelte! Denn da stand jetzt eine Maus. Nicht irgendeine kleine Maus vom Felde. Eine riesige Maus, groß wie ein Monster, mit Zähnen, die Bäume zerbeißen konnten.
Vom Himmel zur Erde
Kruncha, zutiefst erschreckt und verwirrt, stürzte von den himmlischen Gefilden auf die Erde herab. Und je mehr er verstand, was ihm widerfahren war, desto wütender wurde er. Wie im Himmel machte er, was er wollte, nahm sich, was er wollte. Er zerstörte Tempel, er verwüstete Felder. Aber er sang keine Lieder mehr. Menschen flohen, Tiere scheuten. Er versetzte alle in Angst und Schrecken. Und dachte sich: Ha! Ich bin immer noch mächtig! Auch als Maus! Nicht der Gesang hat mir Macht gegeben – ich habe mir Macht gegeben!
Der Gott Indra sandte als Erstes seine Truppen los, um die marodierende Riesenmaus zu fassen. Sie kamen zurück – mit leeren Händen. Vishnu schickte Garuda, seinen großen Adler. Auch der kam zurück, ohne Erfolg. Shiva ließ Nandi, seinen weißen Stier, suchen. Auch der fand nichts. Denn Mushika, die Maus, war zu schnell. Zu flink. Fand immer ein Schlupfloch.
Und da taten die Götter, was man tut, wenn man ein Hindernis vor sich hat, von dem man nicht weiß, wie man es überwinden kann. Man ruft Ganesha, den Gott der Weisheit. Und das taten die Götter.
Ganesha findet Mushik

Schnell fand der Elefantenköpfige Mushika in einem abgelegenen Waldgebiet. Die riesige Maus zerbrach gerade Bäume. Wütend. Allein. Ohne Ziel. Einfach nur, weil sie es konnte. Ganesha sagte nichts. Er stand einfach da. Mushika kam angerannt. Und baute sich vor ihm auf. Wer bist du? Was willst du? Ich bin der Stärkste hier! Willst du kämpfen? Die Vögel verstummten. Selbst der Wind schien einen Moment stillzustehen. Ganesha legte nur ruhig seine große Hand auf den Kopf der Maus, und sie hörte auf zu kämpfen und wurde ganz klein.
Mushika begriff plötzlich, was geschehen war. Ich bin vielleicht stärker als alle anderen, aber ich bin auch sehr dumm. Ich habe Chaos gebracht. Durcheinander und habe andere Wesen verletzt. Ich war so stolz auf meine Musik. Auf mein Talent und dass alle mich lobten. Ich war vielleicht ein guter Sänger – aber verhalten habe ich mich wie eine diebische kleine Maus. Dieser Gott hat mir mit seiner Weisheit Einhalt geboten! Mushika verneigte sich vor Ganesha.
Und dieser sprach: Du hast Chaos gebracht. Jetzt wirst du mit mir für Ordnung sorgen. Von heute an bist du mein Reittier. Du bringst mich zu den Menschen. Und dadurch lernst du deine wahre Stärke! Indem du Gutes tust und lernst Mitgefühl für andere Wesen zu haben. Und Mushika stimmte zu. Seit diesem Tag reitet Ganesha auf Mushika. Die Maus, einst ein stolzer Gandharva namens Kruncha, ist jetzt das Gefährt und der Gefährte eines Gottes. Die Maus, einst Chaos-Verursacher, ist jetzt Ordens-Träger und Reittier.
Die Lehre der Geschichte
Ganeshas Reittier erinnert uns an etwas Wichtiges. Wir denken oft, nur die Großen und Starken könnten etwas bewegen. Doch Ganesha zeigt uns das Gegenteil. Eine winzige Maus kann einen großen Gott tragen. Ein kleiner Dienst kann große Wirkung haben. Ein kleines, aufmunterndes Lächeln kann Traurigkeit vertreiben. Eine kleine Geste kann jemandem den Tag retten. Darum sitzt Ganesha nicht auf einem Löwen. Er braucht niemandem zu zeigen, wie stark er ist. Seine wahre Stärke ist Weisheit, Güte und ein ruhiger Geist. Und genau deshalb reicht ihm eine kleine Maus vollkommen aus.
Ist unser Geist nicht manchmal genauso wie eine Maus? Sie ist klein, flink und unglaublich neugierig. Eine Maus findet jedes Loch. Huscht in die dunkelsten Ecken. Sie knabbert manchmal Dinge an, die ihr gar nicht gehören. Kaum setzen wir uns hin, flitzt er schon los. Was gibt es morgen zu essen? Wo habe ich meine Schuhe gelassen? Warum hat mich heute soundso komisch angeschaut? Gedanke nach Gedanke saust durch unseren Kopf wie eine kleine Maus. Manchmal macht unser Geist sogar aus einer winzigen Sorge einen riesigen Berg. Ganesha sitzt ganz gelassen auf seiner Maus. Er wird nicht von ihr dahin getragen, wo sie hin will! Er bestimmt, wo die Reise hingeht. Das bedeutet: Wer weise ist, lässt sich nicht von jedem Gedanken mitreißen. Lernt, den eigenen Geist freundlich zu lenken.
Und noch etwas zeigt uns die kleine Maus…
Sie kommt an Orte, die für andere unerreichbar sind. Als Ganeshas Reittier trägt sie die Weisheit in die verborgensten Winkel unseres Herzens. Dorthin, wo vielleicht Angst sitzt. Wo Wut sitzt. Oder Traurigkeit. Oder Mut, der nur darauf wartet, entdeckt zu werden.
Es gibt noch andere Versionen der Geschichte, wie Mushika Ganeshas Reittier wurde. Aber dies ist die bekannteste. Die eine oder andere kleine Ausschmückung stammt allerdings von mir, was mir Shri Ganapati in seiner Güte und mit seinem Sinn für Humor hoffentlich nachsieht.
Om Gam Ganapataye Namaha.

Unsere Seminare für kleine Yogis gibt es in Bad Meinberg übers ganze Jahr verteilt, im Nordsee-Ashram in den Sommermonaten. Außerdem findest du hier Seminare rund ums Kind: Von deinem inneren Kind über Seminare für Kinder zu Weiterbildungen für Kinderyoga.

Die Autorin hu:
Vor mehr als 20 Jahren zwang mich eine schwere Krankheit dazu, meinen vorgedachten Pfad als Filmemacherin und Autorin zu verlassen und neue Wege zu finden und zu gehen. Diese Reise führte mich zu Heilern und spirituellen Lehrern, zu Hexen, Schamanen, ins Zen-Kloster und in die Einsiedelei. Durch meine Erfahrungen habe ich gelernt, dass wahres Verstehen und Erkennen nicht im Kopf stattfindet, sondern das ganze Wesen, das ganze Sein erfüllt. Seit September 2022 bin ich Sevaka bei Yoga Vidya. 🌻 hu