Himmelsrichtungen als astrale Bezugspunkte im Schamanismus

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Astrologie ist ein Symbolsystem, das unsere Kultur durchdringt. Ob Wochentage, Vastu oder das Wissen über die fünf Elemente in Ayurveda oder TCM – die Basis ist astrologisch verankert. Für Praktizierende des Schamanismus nach Alberto Villoldo ist die Anrufung der vier Himmelsrichtungen zur Eröffnung eines heiligen Raums ein tägliches Ritual. Wenn wir die Bedeutung dieser Invokationen näher betrachten, finden sich offensichtliche astrologische Bezüge.

Das Bewusstsein um diese astrologische Grundlage kann die magische Arbeit von Schaman:innen enorm bereichern und ein umfassendes System von Korrespondenzen eröffnen, das Heilung und Klarheit unterstützt.

Die Winde des Südens und Steinbock

Lass uns im Süden beginnen:
„Zu den Winden des Südens – große Schlange, wickle deine Lichtspiralen um uns, bring uns bei, die Vergangenheit abzulegen, so wie du deine Haut abstreifst und sanft auf der Erde wandelst. Lehre uns den Weg der Schönheit.“

Die Sonne erreicht am 21. Dezember im Steinbock ihren südlichsten Punkt und beginnt dann ihren Weg nach Norden. Mars ist in dieser Zeit erhöht. In dieser kalten Jahreszeit steigt der Wille des spirituellen Krieger:innengeists Mars. Der Steinbock wird dennoch von femininer Stärke geprägt. Wie Aikido-Praktizierende wissen wir: wahre Stärke liegt in der energetischen Rezeptivität gegenüber dem Moment.

So rufen die Schaman:innen die große Schlange herbei, um sanft den Weg der Schönheit zu ebnen und die Lasten der Vergangenheit abzulegen. Das Erdzeichen Steinbock ordnet sich kulturell der Händlerkaste (Vaishyas) zu. Ziel ist die Erreichung konkreter Ergebnisse, die das Überleben auf materieller Ebene sichern. Dem Steinbock entspricht der Oberschenkel als Körperteil. Hier spüren wir die Arbeit, den Schmerz und den Glauben daran, durch Willenskraft Veränderungen herbeizuführen.

Schamanismus, Frauenkreis, Himmselrichtungen

Die Winde des Westens und Waage

Im Westen geht es weiter:
„An die Winde des Westens – Mutter Schwester Jaguar, beschütze diesen Ort der Heilung. Beseitige alle negativen Energien. Lehre uns den Weg des Friedens und des richtigen Lebens und zeige uns den Pfad jenseits von Leben und Tod.“

Die Herbst-Tagundnachtgleiche fällt in das Sternzeichen Waage. Saturn ist hier erhöht, was nahelegt, dass das Klären negativer Energien, Schattenarbeit und die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit eine zentrale Rolle spielen. Das Zeichen Waage ist darüber hinaus stark von Diplomatie und Zwischenmenschlichem geprägt. Es hält die veränderlichen Werte unserer weltlichen Existenz im Blick.

Nach Rishi Parashara ist der Westen der Shudra-Kaste (Arbeiterkaste) zugeordnet. Das deutet darauf hin, dass soziale Angelegenheiten und das Genießen weltlicher Freuden nach Erledigung der Arbeit im Fokus stehen. Das Körperteil, das der Waage zugeordnet ist, ist der Beckenbereich (einschließlich der inneren Geschlechtsorgane, Enddarm und Blase). Dies symbolisiert sowohl das Loslassen von belastenden Inhalten als auch die Fähigkeit zu Genuss und sozialer Erfüllung.

Die Winde des Nordens und Krebs

Und schließlich gelangen wir in den Norden:
„An die Winde des Nordens – Kolibri – Großmütter und Großväter, Schamanenfrauen und Schamanenmänner. Kommt und wärmt eure Hände an unserem Feuer, flüstert zu uns im Wind. Wir ehren euch, die Ihr vor uns gekommen seid, und euch, die Ihr nach uns kommt als Kinder unserer Kinder.“

Hier, zur Sommersonnenwende im Krebs, werden die Weisen geehrt, in deren Fußstapfen wir treten wollen. Im Krebszeichen ist Jupiter (Guru) erhöht. Das Körperteil, das Krebs zugeordnet ist, ist die Brust. So geht es um Liebe und Weisheit – ein umfassendes Verständnis, das Vergangenheit, Gegenwart und unsere geistige sowie emotionale Realität gleichermaßen einschließt. Die Brahman:innen, Hüter:innen der Weisheit, kommen aus dem Norden, und alle indischen Menschen streben danach, den letzten Atemzug in Kashi am Gangesufer zu tun, um Moksha zu finden.

Die Winde des Ostens und Widder

Schließlich rufen Schaman:innen die Winde des Ostens:
„An die Winde des Ostens – Großer Adler – Kondor, komm zu uns aus den Bergen, dort wo die Sonne aufgeht. Nimm uns unter deine Flügel, zeige uns Berge, von denen wir nur träumen wagen und lehre uns, an der Seite des großen Spirits zu fliegen.“

Das Frühlingsäquinoktium im Zeichen Widder markiert den Beginn des astrologischen Jahres. Die Sonne ist hier erhöht und zeigt uns unsere höchste, dharmische Vision, die uns jeden Morgen aufs Neue motiviert, unsere Ziele zu verfolgen. Widder steht für die Energie des Pioniergeists, der seiner Vision folgt und auch die steinige Ödnis der Berge in Kauf nimmt. Das Körperteil, das dem Widder zugeordnet ist, ist der Kopf. Geistige Höhenflüge und die Abenteuerlust einer strahlenden Vision zeigen sich hier.

Unabhängig davon, ob wir Höhen im Privatleben, in der Karriere oder in der spirituellen Praxis anstreben, kann ein stilles Gebet gen Osten uns auf diesem Weg unterstützen.

Fazit

Das Wissen der vedischen Astrologie ist tief und umfassend, und es ließen sich noch zahlreiche weitere Korrespondenzen für die schamanische Ritualarbeit ableiten. Das Bewusstsein für die Symbolkraft der Himmelsrichtungen eröffnet uns eine größere Sensitivität und Verbundenheit mit unserem Platz im großen Ganzen.

Kavi Daniel Roth

Kavi Daniel Roth

Kavi ist leidenschaftlicher Astrologe und begeistert von vedischer Rezitation und Advaita Vedanta. Er hat intensiv in der Dayananda-Tradition studiert und verfügt über mehrere Jahre Erfahrung im Integrationsbereich als Sprachwissenschaftler. Nach 9 Monaten als Sevaka in Bad Meinberg machte er sich nun erfolgreich als Berater selbstständig.

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