Wer bin ich?

Satchidananda (Sein, Wissen und Glückseligkeit) ist das Einzige, was wir jederzeit sind. Im Alltag nehmen wir verschiedene Rollen ein, die wir nicht wirklich sind. Wir sind, waren und werden immer Satchidananda sein.

„Sat“ heißt absolutes Sein, „Chid“ ist Bewusstsein und „Ananda“ bedeutet Wonne. „Sat“ sein bedeutet: „Ich bin“. Alles, was nach „ich bin“ kommt, sind Attribute, die vergänglich sind. Sie haben keine absolute Wirklichkeit, sondern sind vorübergehend. Ich bin groß, klein, dick, dünn, jung, alt – all das sind Attribute und Identifikationen.

Subjekt – Objekt Beziehung

Viele kennen die Subjekt-Objekt Beziehung. Das Subjekt nimmt wahr und das Objekt ist das, was wahrgenommen wird. Ich bin das Subjekt, denn ich nehme wahr. Ich bin nicht meine Kleidung, denn ich kann sie wahrnehmen und ich kann sie wechseln. Bin ich mein Körper? Nein, ich bin nicht mein Körper. Der Körper verändert sich und geht durch verschiedene Zustande hindurch, aber das „Ich“ bleibt gleich.

Bin ich die Gedanken? Die Gedanken kommen und gehen. Bin ich die Emotionen, die Gefühle? Die Emotionen und Gefühle kommen und gehen. Gefühle sind auch wahrnehmbar. Wenn man sich ärgert, kann man sich fragen, wo im Körper der Arger spürbar ist. Ich kann mich mit den Gefühlen identifizieren, was das Leben intensivieren und abenteuerlich gestalten kann, aber ich bin nicht meine Gefühle, zumindest nicht dauerhaft.

Bin ich die Persönlichkeit? Vieles, mit dem man sich identifiziert ändert sich im Laufe der Zeit. Als Jugendlicher habe ich mal gesagt: „Ich bin mehr geistig interessiert, ich bin kein Techniker.“ Ich gehöre noch zu der Generation, in der es gelingen konnte, ein Betriebswirtschaftsstudium, ohne einen Computer auch nur zu berühren, zu absolvieren. Da war ich ganz stolz darauf. Und irgendwann sagte mein Lehrer, Swami Vishnu, ich solle Computer lieben lernen. Dann habe ich festgestellt, dass ich eine Ader dafür habe und gar nicht so schlecht in technischen Dingen bin. Die Persönlichkeit verändert sich.

Die Analogie eines Raumanzugs

Wenn Menschen den Mars bewohnen wollten, bräuchten sie Raumanzüge. Jetzt nehmen wir an, es wurden nahezu perfekte Raumanzüge dafür entwickelt werden: Die Raumanzüge geben die Temperatur weiter, allerdings in einem Spektrum, mit dem der Mensch zurechtkommt.

So kann der Mensch durch den Raumanzug seine Umgebung fühlen. Der Raumanzug hat einen Filter für die Luft – so kann der Mensch die Luft atmen und auch riechen. Der Raumanzug hat eine Art Vorverdauapparat, sodass der Mensch auch Marsnahrung essen kann. Der Raumanzug ist dabei so sensibel, dass Menschen sich berühren und umarmen können. Auch Ausscheidung und Geschlechtsverkehr funktionieren. Der Raumanzug regeneriert sich selbst und muss nie abgenommen werden. Man muss sich zwar um den Raumanzug kümmern, aber grundsätzlich regeneriert und repariert er sich selbst.

Er wird dem Baby angepasst und verbleibt bis zum Tode. Der Raumanzug signalisiert dem Menschen durch Schmerzen, wenn er reparaturbedürftig ist. Der Mensch würde sich mit seinem Raumanzug identifizieren. Er würde denken, dass er der Raumanzug ist.

So ist dieser Körper in Wahrheit der Raumanzug, den wir für das Leben auf dieser Erde bekommen haben. In Wahrheit bist du die unsterbliche Seele. Um Erfahrungen auf dieser Erde zu machen, dein Dharma zu erfüllen und dich spirituell zu entwickeln, erhältst du den für die Erde geeigneten Raumanzug, genannt „menschlicher Körper“. Sei dankbar für diesen wunderbaren Körper. Sei dir aber bewusst: Du bist nicht der Körper. Der Körper ist Alter, Krankheit und Tod unterworfen. Du hast einen gewissen Einfluss auf den Körper – aber irgendwann wirst du ihn verlassen.

Bin ich mein Besitz?

Diese Frage ist leicht zu beantworten: Natürlich bin ich nicht mein Besitz… Dem würde vermutlich jeder zustimmen. Intuitiv weißt du, dass du mehr bist. Wenn du aber in materiellen Identifikationen gefangen bist, wirst du immer mehr Besitz anhäufen wollen, um das „ich“ größer erscheinen zu lassen.

Wie überwinde ich die Identifikation und ihre Folgen? Erkenne, dass du nicht dein Besitz bist. Du bist nicht beschränkt auf das, was du hast. Eigentlich gehört dir gar nichts. Alles, was du besitzt ist eine Leihgabe von unbekannter Leihdauer. Alles kann dir jederzeit genommen werden. Wenn du erkannt hast, dass alles in Parinama (ständige Veränderung) ist, fallt es dir leicht, dein Glück von äußeren Objekten unabhängiger zu machen. Dir werden Dinge anvertraut, sodass du dich an ihnen erfreuen kannst, mit ihnen einiges bewirken und Erfahrungen machen kannst. Wenn ihr Zweck sich erfüllt hat, werden sie dir wieder genommen. Du hast einen gewissen Einfluss auf die Objekte und eine gewisse Verantwortung. Aber dir gehört nichts. Sei daher dankbar für das, was dir anvertraut wurde. Lächle über das Konzept des „Eigentums“, welches als gesellschaftliche Konvention existiert und fühle dich frei.

Geschichte von Janaka und Ashtavakra

Eine alte Geschichte verdeutlicht, wie ein spiritueller Aspirant mit seinem scheinbaren Besitz umgehen kann:

Der junge König Janaka ging zu dem Weisen Ashtavakra in die Lehre. Er lernte spirituelle Praktiken, die Bedeutung der Schriften, alles über spirituelles Leben. Im alten Indien war es üblich, dass ein Schüler seinem Guru (Lehrer) am Ende seiner Lehrzeit ein Dakshina (Gabe) überreichte. Janaka fragte seinen Guru, was er ihm als Lehrgeld (Dakshina) geben könne. Ashtavakra fragte Janaka: „Ich kann mir alles wünschen?“ Janaka: „Ja, soweit es in meiner Macht steht“, sagte Ashtavakra. „Dann überschreibe mir das Königreich“. So unterschrieb Janaka die Abdankungsurkunde und die Ernennungsurkunde von Ashtavakra zum König. Dann sagte Ashtavakra: „So, jetzt gehe zurück in die Hauptstadt des Königreiches. Regiere das Königreich für mich, so als ob es dein Königreich wäre. Sage niemandem, dass du mir das Königreich überschrieben hast. Regiere gut, gerecht und geschickt. Genieße das Leben eines Königs und diene anderen. Aber wisse: Ich habe die Abdankungsurkunde in meiner Hand. In jedem Moment kann ich kommen und mein Königreich selbst regieren.“ So kehrte Janaka zurück in das Königreich. Nach außen tat er so, als ob er der König sei. Im Inneren wusste er, dass er das Königreich für seinen Guru regierte. So war er verhaftungslos. Er erfüllte sein Dharma (Pflicht) als Regierender, so gut er konnte. Und er erreichte Samadhi, die Gottverwirklichung.

So kannst auch du leben: Aus gesellschaftlichen Gründen kannst du so tun, als ob du Besitz hattest. Im Inneren weißt du, dass alles Gott gehört, und dass dir dein scheinbarer Besitz nur vorübergehend anvertraut ist. Du gehst mit dem scheinbaren Besitz sorgsam um – denn er gehört ja Gott. Du erfüllst deine Aufgaben, lernst Lektionen, machst Erfahrungen, entwickelst dich spirituell. Indem du alles als Besitz Gottes erkennst und Vertrauen in das Wirken Gottes hast, kannst du verhaftungslos, engagiert und glücklich leben.

Die Kraft aus dem „Inneren Selbst“

„Ich bin Satchidananda“. Wenn wir das verwirklicht haben, bekommen wir eine große Kraft. Wenn wir regelmäßig meditieren, können wir diese in der Meditation fühlen. Auch wenn an einem Tag etwas furchtbar schief gegangen sein mag, gehen wir in die Meditation und lösen uns von Körper, Emotionen und Gedanken. Wir kehren zu diesem Teil in uns zurück, der wir wirklich sind, Satchidananda. Es ist immer zugänglich, es ist reines Sein, verbunden mit dem Unendlichen, es ist bewusst und es ist Freude. Diese Freude hängt nicht von irgendetwas ab. Äußere Freude ist nur beschränkt beeinflussbar. Wenn wir aber Satchidananda erfahren und lernen, dass unsere wahre Natur Sein, Wissen und Glückseligkeit ist, was auch immer geschieht, dann haben wir eine Festigkeit, eine Sicherheit, aus der heraus wir alles tun können.

Wenn die Sicherheit noch nicht ganz so fest gegründet ist, dann kann man sagen: „Ich weiß es, ich vertraue dem und ich bitte Gott, mir dies zu zeigen.“

Wenn man früher in Indien in einen Ashram zu einem Guru gegangen ist, dann wurde man getestet und geprüft. Der Guru hat alles Mögliche schwierig gemacht. Danach musste man dienen und nach Möglichkeit hat man die Dinge zu tun bekommen, die man überhaupt nicht mochte. Swami Vishnu sollte, obwohl er noch nie in seinem Leben Wasche gewaschen hatte, die schmutzige Wasche der Gäste am Ganges waschen.

Wenn ihr in den Ashram kommt, geht es nicht darum, nur an Programmen teilzunehmen. Es geht darum, die Lehren umzusetzen, wenn ihr spirituell wachsen wollt, z.B. dienen, d.h. etwas zu tun, ohne etwas dafür zurückzubekommen.

Wenn ihr euch darüber ärgert, dass jemand euch nicht dankt, dann ist es kein reines Dienen. Das Dienen sollte nicht mit Erwartungen verknüpft sein. Immer wieder gilt es zu überlegen, ob du dienst oder arbeitest. Manchmal frage ich: „Dienst du schon oder arbeitest du noch?“ Im Dienen wachst man spirituell.

Dienen mit Liebe

Auch wenn man eine eigene Yogaschule hat, kann man überlegen, ob man sie leitet, um Geld zu verdienen oder um zu dienen. Natürlich braucht der Körper auch etwas, um sich zu erhalten, man muss auch die R