Yoga, Mond und Sterne

von Dr. Daniela Heidtmann

Am Abend, wenn Mond und Sterne schon leuchten, ist im turbulenten Familienalltag oft die beste Zeit zur Yogapraxis. Wie in unserer Familie aus kleinen Yoga-Momenten ein ganzes Yoga-Abendritual entstanden ist, das jede/r nachmachen kann, und warum meine eigene Praxis immer mit dem bewussten Berühren der Erde zu tun hat, verrate ich in diesem Artikel.

„Spüre die Erde unter dir!“ Dieser Satz einer Yogalehrerin in meiner allerersten Yogastunde vor über 20 Jahren war für mich ein magischer Moment. Ich spürte. Ich staunte. Mit einem Gefühl tiefer Verbundenheit war Yoga mit diesem Satz in mein Leben gekommen … und geblieben. Ich übte weiter.

Als ich ein Jahr später an einem dunklen Novemberabend auf den Waldweg Richtung „Yoga Vidya Westerwald“ einbog, hatte ich keine Vorstellung, was ein Ashram ist. Aber eine Sehnsucht – nach diesem Gefühl des Verbunden-Seins, wie ich es in meiner allerersten Yogastunde erlebt hatte. Dieses Gefühl ließ in der achtsamen Ashram-Atmosphäre nicht lange auf sich warten und so genügte mir bereits dieses eine Wochenende, um zu wissen, dass ich Yogalehrerin werden wollte.

Damals gab es nicht mehr als eine Hand voll Yoga-Vidya-Stadtzentren, aber glücklicherweise war eins in meiner Nähe. Dort begann ich kurzentschlossen die zweijährige Ausbildung. Schon wenige Monate nach deren Beginn bat mich eine Yogalehrerin ihre Kurse zu übernehmen, die sie leider aufgeben musste. Ich zögerte, weil meine Ausbildung noch nicht abgeschlossen war, aber ohne Lehrerin keinen Kurs mehr – das wollte ich auch nicht. Und so begann ich, schon während meiner Ausbildung Yoga weiterzugeben.

Im Yoga die Erde spüren

Meine allererste Yogastunde unterrichtete ich an einem sonnigen Tag im Juli. Am Anfang der Stunde, während der Anleitung zu Shavasana (Tiefenentspannung) hörte ich mich sagen: „Spüre die Erde unter dir!“ Dieser Hinweis galt auch mir selbst, als Erinnerung, trotz der Aufregung geerdet zu bleiben. Doch der Hinweis war für mich zugleich eine Praxisanweisung für die Zukunft: Heute spüre ich Mutter Erde in fast allen Lebenslagen. Das ist meine Art, achtsam zu sein. Egal ob ich Asanas übe, liege, sitze, stehe oder die Erde mit achtsamen Schritten liebevoll berühre, die bewusste Erdberührung ist zu meinem täglichen Sadhana (spirituelle Praxis) geworden. Sie trägt mich durchs Leben.

In vielen Alltagssituationen mit meinen (mittlerweile drei) Kindern war ich froh über meine yogische Verbindung zur Erde. Manchmal ist das Familienleben so dicht bepackt mit Terminen, Problemen und Anforderungen, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie ich all das ohne Yoga hätte meistern sollen. An einem Abend vor einigen Jahren lag meine Tochter totunglücklich in ihrem Bett. Weder die Gutenacht-Geschichte noch ein einfühlsames Gespräch über die Situation, die ihr zu schaffen machte, konnten sie aufmuntern. Doch dann ist ganz intuitiv und spontan eine kleine Traumreise für sie entstanden:

 „Spüre die Erde unter dir. Die Erde, die uns alle trägt.“ Meine Tochter schloss die Augen. Ich legte meine warmen Hände auf ihren Bauch. „Diese Wärme, das ist die Sonne, die auf deinen Bauch scheint.“ Meine Tochter atmete tief aus. „Stell dir vor, du liegst an einem warmen Frühlingstag auf einer blumig-duftenden Wiese. Du riechst den Duft der Blumen, hörst das Singen der Vögel, spürst einen leichten Windhauch. Neben dir, ganz in der Nähe hörst du ein vertrautes Geräusch. Es ist ein Eselchen, das gemütlich auf der Wiese grast …“. Noch bevor ich meine Tochter ganz durch die Traumreise mit dem kuscheligen Eselchen geführt habe, sehe ich es: Ein leichtes Lächeln auf ihrem Gesicht. Und ich fühle es: ein ruhiger entspannter Körper.

Yoga im Mondschein und Sternenglanz

Mit der kleinen Anleitung zum achtsamen Spüren habe ich meine Kleine in die glückliche Gegenwart zurückgeholt. Sie konnte loslassen und einschlafen. Aber nicht nur das. Diese Praxis am Abend haben wir fortgeführt und die Traumreise mit der Zeit ergänzt um Entspannungsmassagen, „geheime Buddha-Tricks“, viele Asanas (sogar solche, die dabei helfen, das Zimmer aufzuräumen, yippeah!) und Erdberührungs-Meditationen. Mit der Zeit ist in unserer Familie ein komplettes Yoga-Abendritual gewachsen, das ich mittlerweile als Buch herausgebracht habe: Unsere Kindergeschichte „Yoga, Mond und Sterne“.

Wenn ich in diesem Moment die Erde berühre, dann ist in mir eine Hoffnung. Die Hoffnung, dass das Yoga-Abendritual bald in vielen Familien fester Bestandteil des Zu-Bett-Bringens wird und so viele kleine und große Menschen glücklich macht. „Spüre die Erde unter dir, die Verbundenheit in dir. „May the love we share spread its wings and fly.“

„Yoga, Mond und Sterne“ ist Danielas liebevoll bebilderte Gutenacht-Geschichte für den gemütlichen Abend zu Hause oder zur Inspiration beim Kinderyoga. Sie ist zum Nach- und Mitmachen gedacht. Für Erwachsene enthält das Buch neben der Geschichte auch Erläuterungen zum Konzept und kann auch Yoga-Neulingen ein wertvoller Ratgeber sein. Jede/r kann mit der Geschichte sofort beginnen, Yoga zu spielen. Versprochen!

Erschienen im Asteya Verlag für 19,90 €. Ab ca. 6 Jahren. Illustrationen von Teresa Heilmann. Erhältlich im Yoga Vidya Shop. Handsignierte Exemplare mit persönlicher Widmung sind bei der Autorin unter info@yoga-neckarau.de zu bestellen.


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Über die Autorin
Dr. Daniela Heidtmann
ist Bloggerin und arbeitet als freie Autorin. Sie ist dreifache Mutter, Kommunikationswissenschaftlerin und seit 2001 Yogalehrerin (BYV). Sie übt sich täglich in Achtsamkeit, unterrichtet in ihrer Yogaschule in Mannheim (yoga-neckarau.de), bildet Yogalehrer/innen aus und schreibt über achtsames Yoga im Alltag. Daniela ist Dozentin beim Yoga Vidya Kinderyoga-Kongress im März 2020.


Über die Illustratorin
Teresa Heilmann
ist die Illustratorin des Buches „Yoga, Mond und Sterne“. Sie ist Waldorflehrerin und Mutter eines Sohnes. Inspiriert sind ihre farbenfrohen Bilder von der künstlerischen und schöpferischen Arbeit mit Kindern während längerer Aufenthalte in Peru und China.

Dieser Artikel ist erschienen im Yoga Vidya Journal – Ausgabe Nr. 39, S. 12-13

Das Yoga Vidya Journal ist selbstverständlich kostenlos und liegt ab sofort in allen Yoga Vidya Häusern und Zentren aus.

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