Bei dem Begriff Yoga Nidra denken die meisten Menschen an Tiefenentspannung. Und tatsächlich kann diese Technik besonders tiefe Entspannung und Regeneration auf körperlicher, mentaler und energetischer Ebene ermöglichen. Die enorme Tiefe und Breite der Potenziale von Yoga Nidra werden dabei aber oft übersehen. Ich lehre und leite seit rund sieben Jahren Yoga Nidra und möchte dir heute einen Einblick geben, was diese faszinierende Praxis dir außer Entspannung noch bieten kann.
Swami Satyananda und die Geschichte des Nidra

Yoga kann als „Verbindung“ übersetzt werden. Nidra bedeutet „Schlaf“. In der heute am meisten praktizierten Form entwickelte Swami Satyananda Saraswatidas Yoga Nidra. Satyananda war ein direkter Schüler von Swami Sivananda. Er wurde 1923 in Nordindien geboren. Schon in seiner Kindheit hatte er Kontakt mit einer tantrischen Lehrerin und zog später auf der Suche nach seinem Guru als Asket durch Indien. 1943 kam er nach Rishikesh, wo er von Sivananda als Mönch eingeweiht wurde. Daraufhin lebte er rund 12 Jahre im Sivananda Ashram.
Dort leistete er seinen Dienst (Seva) zeitweise als Nachtwächter, wobei er in den frühen Morgenstunden meist in seinem Dienstraum döste. Eines Tages gab es im Satsang Rezitationen auf der Bühne und Satyananda konnte diese mitsprechen, obwohl er sich nicht bewusst war, sie jemals zuvor gehört zu haben. Später fand er heraus, dass diese Rezitationen jeden frühen Morgen nah seines Dienstraums eingeübt worden waren. Er hatte sie also unbewusst im Schlaf gelernt.
Diese Erfahrung faszinierte ihn so sehr, dass er begann, sich intensiv mit dem Potenzial verschiedener Geisteszustände zu beschäftigen. Insbesondere auch mit dem Grenzbereich zwischen Schlafen und Wachen, den wir auch im Yoga Nidra erleben.
Ab 1955 zog Satyananda wieder als Wandermönch um die Welt, praktizierte intensiv und studierte verschiedene Traditionen. Ab 1963 gründete er die Bihar School of Yoga in Munger in Nordindien. Dort entwickelte er sein Yoga Nidra systematisch und öffentlich. Er nahm viele Schüler und Mönche in seine Organisation auf. Mit seinen engsten Schülern setzte er Yoga Nidra gezielt ein, um ihnen spirituelle Lehren in diesem entspannten und offenen Zustand zu vermitteln. Sein berühmtes Buch über Yoga Nidra veröffentlichte er erstmals 1976.
Es gibt auch die weniger bekannte, etwas andere und jüngere Form des Yoga Nidra, wie sie von Swami Rama in der Himalaya-Tradition gelehrt wird. Beide Linien haben moderne Lehrer hervorgebracht, die Yoga Nidra auf verschiedene Arten einsetzen, auch etwa in der Traumatherapie. Während Satyananda die Struktur des heute bekannte Yoga Nidra entwickelte, betonte er doch immer wieder die alten, tantrischen Wurzeln dieser Praxis.
Tantrische Wurzeln
Dabei bezieht sich Satyananda vor allem auf die klassisch-tantrische Praxis des Nyasa. Dabei wird die Aufmerksamkeit mit Mantras und Visualisierung in Körperteile „platziert“ (= Nyasa). Dies bildet die Grundlage für die „Rotation des Bewusstseins durch den Körper“, die einen zentralen Teil von Satyanandas Yoga Nidra darstellt. In weiteren Phasen wird die Aufmerksamkeit immer mehr nach innen gelenkt: vom Körper zum Atem und Energiekörper und weiter zum Geist, in dem durch die Anleitung kraftvolle Bilder erzeugt werden. Am Ende steht Stille, das reine Sein.
In dieser Struktur folgt das Yoga Nidra der tantrischen Logik von den groben Seinsebenen in immer subtilere Ebenen vorzudringen. Dies wird auch auf das Modell der Panchakoshas, der fünf Hüllen des Seins, bezogen. Yoga Nidra spricht diese Hüllen nacheinander an, reinigt und entspannt sie.
Am Beginn und Ende des Yoga Nidras steht das Sankalpa, ein selbst gewählter, positiv, knapp und im Präsenz formulierter Entschluss, der mehrfach wiederholt wird und über längere Zeit beibehalten werden sollte. Eine solche klare Ausrichtung ist ebenfalls typisch für tantrische Praxis.
Das klassische Tantra hat übrigens sehr wenig mit dem im 20. Jahrhundert im Westen entstandenen Neo-Tantra zu tun, das heute global immer populärer wird. Es geht im Tantra kaum um Partnerschaft, Hedonismus oder Sex. Vielmehr geht es um den Energiekörper, die Auflösung der Illusion der Dualität und um das Nutzen und Erforschen aller (Geistes-)zustände des Seins. Die Hatha Yoga Bewegung und der tibetische Buddhismus haben sich direkt aus dem Tantra entwickelt. Einen Blogbeitrag von mir zu Tantra findest du hier.
Wie wirkt Yoga Nidra?

Ein wesentlicher Aspekt des Yoga Nidra ist es, dass wir Geisteszustände bewusst und willentlich erzeugen und nutzen, unter anderem um unser Sankalpa, unsere Intention, zu manifestieren. So wie Yoga Nidra in die Tiefe durch die fünf Seins-Hüllen führt, führt es auch in immer tiefere Geisteszustände. Diese lassen sich unter anderem anhand der immer niedriger werdenden Frequenzen der Hirnwellen messen.
Die Schwingung der Hirnwellen zwischen 4 und 8 Hertz wird als Theta-Bereich bezeichnet und wir erreichen diesen Zustand täglich für wenige Minuten im Dämmerschlaf, vor dem Einschlafen und beim Aufwachen. Im Yoga Nidra lässt sich dieser Zustand verlängern und bewusst nutzen. Dabei können heilsame Suggestionen in Form von Bildern und dem Sankalpa (Entschluss) tief ins Unterbewusstsein gelangen. Denn der rationale, kritisch filternde Geist ist in diesem Zustand kaum aktiv und öffnet somit die Pforten zu unseren tiefen Bewusstseinsebenen.
Wofür eignet sich Yoga Nidra?
Yoga Nidra ist also nicht nur eine Tiefenentspannung. Die Praxis kann helfen, unser Unterbewusstsein nachhaltig zu verändern. Wir können negative Glaubenssätze und Muster durch positive ausgleichen und somit unser Leben verbessern. Ähnliches tun auch viele Psychotherapieverfahren. Dieses Potenzial endet aber nicht bei Glaubens- und Verhaltensmustern. Wir können es auch für körperliche oder spirituelle Zwecke nutzen.
Ich habe den therapeutischen Einsatz von Yoga Nidra am Yoga Vidya Gurukul, einem Ashram in der Satyananda Tradition in Westindien, in meiner Yogatherapie-Ausbildung gelernt. Dort ging es viel darum, wie Yoga Nidra auch für Erkrankungen und Beschwerden eingesetzt werden kann. Gerade durch personalisierte Yoga Nidras, in denen die Visualisierung und andere Elemente auf spezifische Bedürfnisse abgestimmt sind. Mit der Aufnahme kann dann idealerweise täglich für tiefe Transformation geübt werden.
So kann die Visualisierung in Übereinstimmung mit dem Sankalpa zum Beispiel auch Körperteile mit Licht und Heilenergie erfüllen. Die Doshas, die Bioenergien des Ayurveda, können harmonisiert werden und Lebensthemen ganz konkret angesprochen werden. Konzentrations- und Gedächtnisleistung verbessern sich dabei häufig ganz von selbst.

Weiterhin können spirituelle Lehren, von Körperübungen über Energiekörperpraxis, die Verehrung des Göttlichen bis hin zur Kontemplation philosophischer Lehren, im Yoga Nidra vertieft werden. Ein traditioneller Anwendungsbereich von Yoga Nidra ähnlichen Techniken ist außerdem das Traum-Yoga. Yoga Nidra kann helfen luzide Träume hervozurufen. In diesen können wir ohne physische Begrenzungen sehr effektiv spirituelle Praktiken üben. Darin können wir auch die Traumhaftigkeit der Welt erkennen, die letztlich eine Manifestation unseres Geistes ist.
Fazit
Aber auch als Entspannungstechnik und Regeneration ist Yoga Nidra sehr wertvoll und für viele Menschen mag dies genug und genau das sein, was sie brauchen. Wenn du aber deinen Geist oder deinen Körper heilen oder deine spirituelle Praxis vertiefen möchtest, kann Yoga Nidra auch hierfür ein wertvolles Werkzeug sein. Und das sehr zugänglich, da du dabei nicht einmal aufrecht sitzen musst. Was es braucht ist nur die Fähigkeit, den Körper zu spüren und zu entspannen – wer diese Fähigkeit noch nicht hat, beginnt vielleicht zunächst mit einfacheren Übungen wie der Progressiven Muskelrelaxation.

Wenn du tiefer in das Potenzial des Yoga Nidra einsteigen möchtest, kannst du das in meinen Seminaren und Retreats zum Thema, die ich in den verschiedenen Ashrams von Yoga Vidya anbiete.

Der Autor Raphael
Raphael ist Ayurveda- und Yogatherapeut und Medizinanthropologe (M.A.). Neben diesen Themen leitet er auch Seminare, Ausbildungen und Retreats zu Yoga Nidra, Meditation, Tantra und mehr. Er hat seit 2009 insgesamt über vier Jahre seines Lebens in Indien verbracht, wo er in mehreren Ashrams, einer Yoga-Klink und heiligen Orten im Himalaya gelernt und praktiziert hat. Während des Studiums hat er über Schamanismus in Nepal sowie den Austausch von Yoga und Psychotherapie geforscht. Danach war er zwei Jahre Sevaka bei Yoga Vidya in der Yogatherapie und der Ayurveda-Abteilung und hat dort zahlreiche therapeutische Weiterbildungen absolviert.
