Auf dem spirituellen Weg gibt es Momente, in denen man sich einen Wegweiser wünscht. Eine Ratgeberin. Jemanden, der den Rücken stärkt, wenn der Pfad im Nebel verschwindet. Jemanden, der die Dunkelheit vertreibt. Genauso nennt man in der indischen Tradition einen Menschen, der über einen Ratgeber, einen Lehrer hinausgeht: Guru.
Ich selbst hatte auch schon einige Momente im Leben, in denen ich mir einen Guru gewünscht habe. Gleichzeitig weiß ich aber, dass ich noch lange nicht so weit bin, so tiefes Vertrauen zu einem Menschen aufzubauen. Deswegen bekomme ich meine Lehren und Hilfestellungen meist in der Meditation, in feinstofflicher Form und natürlich, indem ich anecke, mich gespiegelt bekomme und mich so lange im Kreis drehe, bis es mir so schwindlig wird, dass ich von selbst aussteige.
Einigen sogenannten Gurus bin ich auch schon begegnet. Und mir wurde auch Lehre und Führung angeboten. Aber ich musste immer dankend ablehnen, da sie mir nicht vertrauenswürdig erschienen und ich auch in ihren Anhängern etwas sah, das mich eher abstieß als anzog. Ein erdbeernasiger Guru erboste mich sogar so sehr, dass ich mich einschleusen wollte, um einen investigativen Undercover-Bericht zu schreiben. Zum Glück fiel mir rechtzeitig ein, dass meine Leidensfähigkeit begrenzt ist.
Was ist ein Guru wirklich?
Das Wort Guru besteht in der traditionellen Deutung aus zwei Sanskrit-Wurzeln: Gu für Dunkelheit, Unwissenheit und Ru für Vertreiber. Wörtlich genommen ist ein Guru also niemand, der das Licht bringt, sondern derjenige, der die Dunkelheit entfernt, der die Unwissenheit vertreibt. Die Dunkelheit ist also nur das Nicht-Sehen. Die Unwissenheit, die Abwesenheit von Wissen.
Wie kann man die Dunkelheit vertreiben?
Nun, das Einfachste wäre zum Beispiel, die Augen zu öffnen, falls das ein Grund war, dass man nichts gesehen hat. Ein anderer wäre natürlich, den Lichtschalter zu betätigen oder eine Kerze anzuzünden. Und wie vertreibe ich das Nicht-Wissen? Indem ich Wissen bereitstelle. Indem ich mein Wissen teile. Oder gar, indem ich mein Wissen übertrage.
Wie und wo und wann findet man (s)einen Guru?
„Wenn der Schüler bereit ist, erscheint der Guru.“
Ein Spruch, der vielen geläufig sein wird. Diese Aussage wird gern Buddha zugeschrieben und mit der indischen Tradition gleichgesetzt. Ihre heute geläufige Form lässt sich jedenfalls im theosophischen Umfeld des 19. Jahrhunderts nachweisen. Die klassischen Texte setzen den Akzent allerdings ganz anders: Um das eigene Wissen zu entfalten, zu erkennen, soll man einen Guru aufsuchen, so die Muṇḍaka-Upaniṣad. Der Schüler bricht also aktiv auf.
Und das findet man auch in vielen Geschichten, vielen Texten: Der Schüler macht sich auf, seinen Lehrer zu finden.
Und so auch einer der berühmtesten: Adi Shankara.. Schon als Kind zeigte sich, dass Adi Shankara anders war. So stellte er Fragen, die Erwachsene zum Schweigen brachten. Sein Herz suchte nicht nach Antworten im Kopf, er suchte nach Wahrhaftigkeit. Und er studierte und nahm dann auch Sannyasa an. Nachdem er also bereits Innenschau gehalten und studiert hatte, machte er sich auf, seinen Guru zu finden. Und obwohl er ihm noch nicht begegnet war, hatte er bereits für sich Govinda Bhagavatpada auserkoren.
Er machte sich auf eine lange Reise, seinen Guru zu finden. Der Überlieferung nach fand er an einem abgelegenen Ort am Fluss Narmada Govinda Bhagavatpada und bat ihn, als Schüler angenommen zu werden. Und Govinda Bhagavatpada unterwies Adi Shankara und übertrug ihm sein Wissen. Und nach seiner Unterweisung schickte Govinda ihn weiter mit seinem Segen und dem Auftrag, dass er nun selbst anderen die Dunkelheit vertreiben sollte.
Shankara wurde später zu einem der bedeutendsten Lehrer des Advaita Vedanta. Und der Überlieferung nach gründete er vier Klöster im gesamten Subkontinent und prägte eine Tradition, in deren geistiger Linie auch Swami Sivananda und Yoga Vidya stehen. Die weitere Tradition, die er prägte, hat ihre Zeigeworte, die Mahavakyas, die der Guru dem Schüler gibt. Und eines davon lautet: Tat Tvam Asi, das bist du. Der Schüler hört dieses Zeigewort des Gurus und meditiert darüber, prüft es und verwirklicht schließlich seine Bedeutung: Aham Brahmasmi, ich bin Brahman. Derjenige, der aufbricht, seinen Guru zu finden, ist also bereits ein Schüler, ist bereits auf der Suche, hat sich bereits fest für diesen Weg entschieden.
Und dann an einen Punkt gekommen, an dem man merkt, es geht nicht weiter, man auf Hindernisse stößt, die sich nicht von selbst lösen lassen. Wenn da unsichtbare Stolpersteine sind, an denen man strauchelt, ohne sie fassen zu können, dann macht man sich auf die Suche nach dem Guru.
Und zwar schreibt Swami Sivananda dazu:
„So wie ein Mensch nicht seinen Rücken sehen kann, kann er auch seine eigenen Irrtümer nicht sehen.“
In der Tradition Sivanandas ist sein Guru für den spirituellen Weg von zentraler Bedeutung. Denn um eine Kerze zu entzünden, braucht es eine Flamme. Genauso kann nur jemand, der selbst Licht ist, einen anderen den Weg leuchten. Und so kann auch nur ein Wissender jemandem die Unwissenheit vertreiben.
Wo und wie findet man einen Guru?
Da muss man unterscheiden, welche Art Guru man zu finden gedenkt.
Swami Sivananda unterscheidet den Siksha Guru und den Diksha Guru. Der Siksha-Guru lehrt weltliche Künste. Hier sind viele möglich, jeder für seinen Bereich. So hatte zum Beispiel Dattatreya 24 Gurus. Als Dattatreya, der auch als Inkarnation der göttlichen Dreifaltigkeit, Vishnu, Brahma und Shiva, verehrt wird, gefragt wurde , wer sein Lehrer sei, nannte nicht nur einen Namen – er nannte 24.
So werden im Bhagavata Purana unter anderem die Erde, ein Hirsch, die Prostituierte Pingala, ein Pfeilmacher, eine Spinne, eine Biene und noch viele mehr genannt. Eine Biene lehrte ihn, aus vielen Blüten immer nur das Wesentliche zu sammeln. Ein Pfeilmacher, der vollkommen in seiner Arbeit versenkt war, dass er seine Umgebung nicht mehr wahrnahm, lehrte ihn die vollkommene Versenkung. Die Welt ist voller Lehrer, wenn sich das Auge des Schülers öffnet.
Die Rigveda fasst diese Offenheit in einem Gebet zusammen:
„Mögen die edlen Gedanken aus allen Richtungen zu uns kommen.“
Ist man also auf der Suche nach Wissen, nach einem Guru, ist man auch offen für die Lektionen, die in jedem Moment stecken, in jeder Begebenheit. Wichtig ist allerdings die Konzentration auf eine Lektion nach der anderen. So sagt Swami Sivananda:
„Von einem Arzt bekommst du ein Rezept. Von zwei Ärzten bekommst du einen Rat. Von drei Ärzten bekommst du deine Einäscherung. Genauso wirst du, wenn du viele Gurus hast, verwirrt sein. Du wirst nicht wissen, was du tun sollst.“
Nicht die Anzahl der Lehrer oder Lektionen ist das Problem, sondern die Gleichzeitigkeit. Wer gleichzeitig versucht, drei Wegen zu folgen, geht keinen einzigen Schritt. Denn letztendlich zeigen all die verschiedenen Lehrer, mit ihren verschiedenen Methoden und Temperamenten, zu den verschiedensten Zeiten, alle auf dasselbe Licht. Swami Sivanada, Buddha und Laotse, das Meer wie die Biene. Denn es gibt nur eine Dunkelheit. Und so wie es nur eine Dunkelheit gibt, gibt es nur ein Licht. Die verschiedenen Gurus, die verschiedenen Lektionen zeigen mir nur die Facetten ein und desselben Lichts.

Der Diksha-Guru zeigt den Weg zur Selbstverwirklichung.In Swami Sivanandas Verständnis gibt es hier nur einen. Der Diksha-Guru kann nur jemand sein, der fest in seiner Praxis ist und frei von Abhängigkeiten, von Anhaftungen.
Hier darf die Basis der Beziehung zwischen Guru und Schüler keine bloße Hierarchie und keine Abhängigkeit sein. Sivananda beschreibt, woran ein Aspirant (s)einen wahren Guru erkennen kann:
„Wenn du Frieden findest in der Gegenwart eines Mahatma, wenn du von seinen Worten inspiriert wirst, wenn er deine Zweifel klären kann, wenn er frei ist von Gier, Wut und Begierde, wenn er selbstlos und liebevoll ist und ohne Ich, dann kannst du ihn als deinen Guru annehmen.“
Es ist gut, diese wesentlichen Voraussetzungen so klar geschrieben zu sehen. Denn Beziehungen sind in der Regel schon schwierig genug. Und so weiß man: Wo statt Liebe Kontrolle einkehrt, wo Ego statt Selbstaufgabe herrscht, dann ist da gar kein Guru. Dann ist da nur jemand, der Macht, Kontrolle über einen ausübt. So klug und gescheit und wortgewandt und charismatisch derjenige auch immer sein mag.
Swami Sivananda:
„Der Guru ist Gott selbst, der sich in einer persönlichen Form zeigt, um den Aspiranten zu führen. Die Gnade Gottes nimmt die Gestalt des Gurus an.“
Wenn diese Kriterien nicht erfüllt sind, wenn der Lehrer nicht tief im eigenen Sadhana verwurzelt ist, kann die Situation gefährlich werden. Nicht unbedingt aus böser Absicht, nicht unbedingt bewusst, aber dennoch verletzend für den Suchenden. Denn ein Guru fördert die Selbstständigkeit des Schülers, lädt zu Fragen ein und macht ihn nicht von sich abhängig. Er macht Gnade nicht käuflich. Ein missbräuchlicher Lehrer hingegen schafft Abhängigkeit und deutet Fragen als Verrat und verbietet Kritik an sich selbst.
Du siehst: Ein wahrer Sadguru ist selten, und Seltenes will gesucht sein. Genau deshalb gibt es die vielen Geschichten von Suchenden, die sich auf Reisen machen, die endlos erscheinen. Durch Länder und Jahreszeiten, von Ashram zu Ashram, von Lehrer zu Lehrer.
Die persönliche Verantwortung
Die Entscheidung liegt beim Suchenden. Wenn die Sehnsucht nach Hingabe mit der Abgabe der Eigenverantwortung verwechselt wird, fühlt man sich automatisch zu jemandem hingezogen, der genau das verspricht.Unbewusst wird das Falsche in scheinbarer Bewusstheit gewählt. Die Freude, den ‚Richtigen‘ gefunden zu haben, setzt einem die rosarote Brille auf.
Wie in allen Beziehungen gilt es, sorgsam zu prüfen. Ein echter Guru gibt dir keine Ketten, er gibt dir Werkzeuge, und er nimmt dir nicht deine Verantwortung, er gibt sie dir zurück.Der Schüler muss selbst handeln, der Guru kann nur zeigen. Und auch der Guru prüft, lotet aus, ob er immer noch imstande ist, den Weg zu leuchten. Dann fügt sich vieles von selbst, solange beide fest in ihrer Praxis verankert bleiben.
Genauso prüft aber auch ein Mensch mit niederen Absichten, wie leicht man zu manipulieren und zu verwirren ist. Und ob man in den Widerstand oder die Unterwerfung geht.
Stell dir einen Leuchtturm an der Nordseeküste vor.
Der Sturm peitscht gegen das Gestade, Nebel liegt schwer über den Wellen und da treibt ein Schiff orientierungslos in der Dunkelheit. Verzweifelt versucht man durch Wind und Regen die Küste zu erkennen. Und da zuckt ein heller Lichtstrahl durch den Schleier, rhythmisch, verlässlich, unermüdlich gleitet er übers Meer und über die Küste und zeigt dem Kapitän, wo die Klippen liegen, wo der Hafen. Der Leuchtturm steht fest auf dem Fels, im Sturm, Nacht um Nacht. Er leuchtet, solange die Dunkelheit währt. Aber auch die längste Nacht hat ein Ende und ein neuer Tag kommt.
Die Sonne steigt auf und erhellt das Firmament, der Nebel zieht sich zurück, das Wasser glitzert, die Küste liegt klar und einladend vor dem Schiff. Da stellt sich die Frage kaum noch, ob es einen Leuchtturm braucht. In diesem Moment nicht.Denn der Leuchtturm bleibt stehen für andere Schiffe, für kommende Nächte, für die Stürme, die immer wiederkehren. Aber der, der angelangt ist, ist dankbar, dass jetzt alles klar sichtbar ist. Und dankbar dem Leuchtturm, dass er ihn sicher hat anlangen lassen.
So ist der Guru. Sein Licht brennt, solange Dunkelheit herrscht. Er weist, mahnt, zeigt die Untiefen, solange, bis der Suchende alles über sich selbst erkannt hat. Dann sieht der Suchende, dass das Licht des Gurus und das eigene nie zwei waren, sondern eins. So geht der Weg von der Dunkelheit zum Licht, vom Suchen zur Erkenntnis.

Und so stapfe ich weiter auf meinem nebligen Weg von einem Sonnenflecken zum nächsten.Mal strauchle ich, mal gehe ich ein Stück im Kreis. Ohne äußerlichen Guru, aber doch geführt. Und nach und nach verstärkt sich meine Verbindung zu meinem inneren Guru. Aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel.
Asato mā sad gamaya,
tamaso mā jyotir gamaya,
mṛtyor mā amṛtaṁ gamaya.
Führe mich vom Unwirklichen zum Wirklichen. Vom Dunkel zum Licht. Vom Tod zur Unsterblichkeit.
Om Sarva Santana Ki. Jay!🙏
Die Zitate von Swami Sivananda stammen aus seiner Schrift Göttliche Erkenntnis (Kapitel „Der Guru“) sowie seinen Veröffentlichungen der Divine Life Society. Die Übertragung ins Deutsche wurde teils der Yoga-Vidya-Ausgabe angeglichen, teils eigenständig übersetzt.

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Die Autorin hu:
Vor mehr als 20 Jahren zwang mich eine schwere Krankheit dazu, meinen vorgedachten Pfad als Filmemacherin und Autorin zu verlassen und neue Wege zu finden und zu gehen. Diese Reise führte mich zu Heilern und spirituellen Lehrern, zu Hexen, Schamanen, ins Zen-Kloster und in die Einsiedelei. Durch meine Erfahrungen habe ich gelernt, dass wahres Verstehen und Erkennen nicht im Kopf stattfindet, sondern das ganze Wesen, das ganze Sein erfüllt. Seit September 2022 bin ich Sevaka bei Yoga Vidya. 🌻 hu