Rohkost aus ayurvedischer Sicht

Was die gesunde Ernährung anbelangt, gibt es immer wieder neue Trends, Erkenntnisse und Erfahrungen. Neben dem Vegetarismus, veganer, Paleo- und Clean Eating-Ernährung wird immer öfter die reine Rohkost als vorteilhafte Ernährungsform angepriesen.
Autoren wie u.a. der Arzt Dr. Joachim Mutter oder Markus Rothkranz sorgen mit ihren Bestsellern dafür, dass diese Art der Ernährung immer bekannter wird.

Reine oder überwiegende Rohkost-Ernährung bringt viele gesundheitsfördernde Faktoren mit sich:

  • Die Vitamine und Enzyme bleiben erhalten.
  • Rohkost hat einen geringeren Gehalt an schnell aufnehmbarem Zucker als gekochtes Essen (wichtig für Diabetiker).
  • Man ist nach dem Essen weniger müde.
  • Rohkost soll jung halten und heilen.


Das hört sich gut an; aber ist die Rohkost mit der Ernährungslehre des Ayurveda vereinbar?
Zum einen muss man sagen, dass der Ayurveda jeden Menschen ganz individuell sieht und es sozusagen keine Ernährungsform gibt, die für alle Menschen gleichermaßen gilt.
Zum anderen gilt Rohkost als schwerer verdaulich als gekochtes Essen.
Vor diesem Hintergrund kommt Agni, das Verdauungsfeuer, ins Spiel. Einem Menschen mit einem schwach ausgeprägten Agni wird kein Ayurveda-Arzt Rohkost als überwiegende Ernährung empfehlen. Der Körper kann nämlich in diesem Fall die aufgenommene Nahrung nicht ausreichend verdauen. Die Folge davon ist die Bildung von Ama (Stoffwechselschlacken). Anzeichen für bereits vorhandenes Ama sind starker Belag auf der Zunge, Mundgeruch sowie Verstopfung. Auch hier ist von Rohkost abzuraten.
Es gilt also in diesen Fällen zuerst das Ama zu reduzieren und dann das Verdauungsfeuer zu stärken.
Das ist meines Erachtens auch logisch: Denn was bringen all die Vitamine und Enzyme aus der Rohkost, wenn sie der Körper nicht ausreichend verstoffwechseln kann?

Der Umkehrschluss ist, dass Menschen mit gutem Agni Rohkost sehr gut vertragen können. Das sind eher Pitta-Konstitutionen oder Misch-Typen mit Pitta-Anteil. Diese Dosha-Typen profitieren am meisten von einer rohkostlastigen Ernährung. Pittas neigen schnell zu Übersäuerung, und so bildet die Rohkost hier den basischen Ausgleich.

Doch was ist mit den anderen Doshas, Vata und Kapha? Hier ist die Sache nicht ganz so einfach. Deshalb möchte ich nur auf einige Punkte eingehen.
Der Kapha-Typ neigt normalerweise stark zur Verschleimung. Dieser Umstand verbessert sich meist mit erhöhter Rohkost, da Rohkost weniger schleimbildend ist. Auf schwere, fettreiche Nahrungsmittel wie Avocados und Nüsse sollte aber eher verzichtet werden.
Vatas wird im traditionellen Ayurveda davon abgeraten, viel Rohkost zu essen. Der Arzt Dr. Gabriel Cousens konnte jedoch durch Studien nachweisen, dass sich auch bei Vata-Personen der Gesundheitszustand durch Rohkost stark verbessern kann.

Einige Dinge sollten dabei beachtet werden:
Püriert sind rohe Lebensmittel leichter verdaulich. Und durch Anwärmen der Speisen und die Verwendung wärmender Gewürze kann der Vata-bedingten Kälte entgegengewirkt werden. Die Ernährung sollte auf jeden Fall ausreichend fetthaltige Lebensmittel wie Avocados, Nüsse und Samen enthalten. Diese wirken ausgleichend auf das luftig leichte Vata–Doha. Die Nüsse und auch Trockenobst am besten vor dem Verzehr einweichen! Auch sollten nicht zu viele verschiedene Lebensmittel in einer Mahlzeit vermischt werden.

Eine temporäre Kur mit reiner Rohkost kann bei verschiedenen Krankheiten helfen.
Das Center von Ayurveda-Arzt Dr. Cousens hat z.B. sehr gute Erfolge in der Behandlung von verschiedenen Arten der Diabetes durch eine Ernährungsumstellung auf vegane Rohkost. Nach einer entsprechenden Kur konnten alle Patienten ihre Medikamenten-Dosis drastisch verringern oder sogar ganz weglassen.
Ein weiterer Ayurveda- Arzt, Dr. John Switzer, bezieht die Rohkost sogar in Pancha Karma Kuren mit ein. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf grünen Säften und Wildkräutern.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Rohkost-Ernährung durchaus an die verschiedenen Dosha-Typen angepasst werden kann. Pürieren, Wärmen und doshagerechtes Würzen machen die Speisen leichter verdaulich. Auch die Auswahl der Gemüse-und Obstsorten sollte bei der Ayurveda-Ernährung auf den entsprechenden Konstitutionstyp abgestimmt sein.
1Tag pro Woche Saftfasten gilt übrigens als günstig für alle Dosha-Typen.

Fazit: Es ist schwierig, eine allgemeingültige Aussage bezüglich der reinen Rohkost-Ernährung zu machen. Meiner Meinung nach ist eine gute Mischung aus vegetarischer/veganer Roh-und Kochkost für viele Menschen am verträglichsten. Das Verhältnis von beidem wird je nach Dosha-Typ, Jahreszeit und Lebensweise variieren und kann immer wieder neu den aktuellen Bedürfnissen angepasst werden.

Jeder muss letzten Endes seine eigene optimale Ernährung finden. Kenntnisse über die ayurvedischen Eigenschaften der Lebensmittel sowie über die eigene Konstitution sind dabei hilfreich.

Bücher zur weiteren Information:
Dr. med. Joachim Mutter: Grün essen!
Gabriel Cousens: Individuelle Ernährung mit Ayurveda

0 Kommentare zu “Rohkost aus ayurvedischer Sicht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.