Rückblick: Yogakongress 2012

“Chakra, Tantra, Kundalini – Energie-Erfahrung und spirituelles Bewusstsein” das war das Motto unseres Yogakongresses, der vom 16. – 18.11.2012 in Bad Meinberg stattfand. Es folgt ein Rückblick von Christine Endris: Pünktlich um 12.30 Uhr eröffnet Sukadev den diesjährigen Kongress. Über 500 Teilnehmer werden erwartet, mehr als 50 Referenten aus vielen verschiedenen Traditionen sind eingeladen. Die meisten Anwesenden haben sich bereits am Vormittag in die Listen für Workshops, Vorträge und Yogastunden eingetragen – gleich zu Beginn die große Stunde der Entscheidungen.  Sukadev stimmt ein auf die Thematik der nächsten drei Tage. Er ordnet dem Kongressthema drei Grundlagen zu, nämlich 1. Ayurveda – für den Gesundheitsbereich, 2. Tantra – ein System zur Energieerweckung und zur Verehrung des Göttlichen in der weiblichen Form und 3. Vedanta – die Erfahrung einer höheren Wirklichkeit. Spiritualität ist die „Transparenz zum immanent Transzendenten“, also die Erfahrung der allem innewohnenden göttlichen Gegenwart.

Wir sind alle Kinder oder Ebenbilder Gottes. Dies sollten wir stets in unserem Tun durchwirken lassen. Wir bekommen damit einen stärkeren Zugang zum eigenen Potenzial.

Durch die Anwendung der Yamas und Niyamas haben wir die Möglichkeit, dem Zerstörerischen in der Welt etwas Positives entgegenzusetzen. Der Wunsch nach Frieden mit allen Geschöpfen sollte stets präsent sein.

Nepal Lodh – er ist indischer Yogameister und zuständig für das alljährliche Eröffnungsritual, mit dem er gleich eine sehr reine und verbindende Schwingung erzeugt – hebt die „groooße Arbeit von Yoga Vidya“ hervor. „Wir brauchen noch 500 000 Yogalehrer in Deutschland“ ist seine Vorgabe für die nächsten paar Jahre … Seine dem Menschen zugewandten Workshops sind sehr beliebt und helfen, den Alltag besser zu verstehen und zu spiritualisieren.

Tantra im wissenschaftlichen Kontext
Im Eröffnungsvortrag „Tantrische Tradition“stellt Prof. Dr. Catharina Kiehnle (Indologin) die Unterschiede zwischen populärem Tantra und dem Gelehrtentantra in Indien heraus. Sie berichtet über alte Texte aus Tibet, über die Shrutis und ihre Lehrtexte, Rituale und Initiationen. Mir gefällt, dass der Begriff Tantra gleich zu Beginn des Kongresses in den wissenschaftlichen Kontext gestellt wird.

Simran Kaur, Schülerin von Yogi Bajan, berichtet in ihrem Vortrag „Weißer Tantra“ über ihre Erfahrungen aus 30 Jahren Kundalini-Yoga und Weiße Tantra-Kurse, über Polarität und Gleichklang.
Einfache Übungen wie z.B. das paarweise Gegenübersitzen mit „lediglich“ Augenkontakt zeigen die Präsenz und Wirkung von Energie und Polarität.

Zur Yogastunde habe ich mir Tantra Yoga – Aufbau und Balance von Yin und Yang mit Ilona Strohschein ausgesucht. Ihre Tantra-Definition ist praxisbezogen: Ausstrahlen, was ich beim Yoga in mir gefunden habe. Sie hat eine lebendige Art, ihr reichhaltiges Wissen weiter zu geben, wir machen viele energieerweckende Übungen. Ich lerne, dass in der chinesischen Lehre die Ur-Lebensenergie in den Nieren sitzt.

Meine Lebensenergie hat sich nach dieser Yogstunde mit meinem Magen gemein gemacht. Das Signal ist kurz: Hunger! Eine große Menschenmenge strebt Richtung Speisesaal – trotzdem geht es schnell beim Essenschöpfen. Selbst hier herrscht stets die Qual der Wahl: Warmes jedweder Art, Veganes, Suppe, Getreidebrei, Obst, Salate, Brot, Käse, Aufstriche, Quark, Joghurt, Nachtisch??? Es schmeckt wunderbar und schon in diesem Moment habe ich meinen ersten Dank an die SevakasInnen der Küche geschickt, wohl wissend, wie groß die Mühen der Zubereitung einer solchen Speisenvielfalt sind!

Es folgen Satsang mit Meditation und Mantrasingen.
Beim Abendvortrag „Chakra – Tantra – Kundalini, Energie-Erfahrung und Spirituelles Bewusstsein“. unterscheidet Sukadev folgende Konzepte und Prinzipien in der vedantischen Philosophie:
– Es gibt eine höhere Wirklichkeit (Aussage!)
Maya, Avidya – so, wie wir die Welt erleben, ist es eine Täuschung.
Aktuelles Beispiel: die 450 Zuhörer, die sich gerade im Sivananda-Saal befinden, nehmen auf völlig verschiedene Art und Weise den Vortrag von Sukadev auf. Jeder Mensch kann nur aus seiner eigenen Vorgeschichte heraus wahrnehmen, auswerten und das Erlebte umsetzen. Sukadev mit dem ihm eigenen leichten ironischen Unterton: Glücklicherweise gibt es Schnittmengen!
Dukha (Leiden) – Buddha sagt „Alles Leben ist Leiden“, Patanjali versteckt diese Aussage im 2. Kapitel der Raja Yoga Sutras. Warum Leiden? Weil wir in der Begrenzung von Raum und Zeit leben, in der Dualität und uns oft getrennt von allem fühlen. Die Sehnsucht nach dem unendlichen Sein, nach Ananda ist da.
Moksha, Samadhi – die Befreiung ist erfahrbar, hier und jetzt, in diesem Moment! Wir werden uns so lange inkarnieren, bis wir in Samadhi sind, für immer.
Der Weg dorthin:
Abhyanga – eigenes Bemühen
Karma – die Welt schenkt uns die Ereignisse, die wir brauchen, um zu lernen und das Höchste zu erfahren. Es geschieht, was geschehen soll. Wir handeln klug, wenn wir diese Lektionen annehmen!
Gnade – alle Erleuchteten erlebten ihr Dasein als Gnade.
– Erfahrung von Shiva und Shakti, der Verbindung von Bewusstsein mit dem Irdischen, der Manifestation der göttlichen Mutter.
Es gibt viele Kundalini-Praktiken, auch die Reinigungserfahrungen haben ganz verschiedene Qualitäten. Sie reichen von Ängsten, Trauer, Schmerzen, Müdigkeit bis hin zu Freude, Anahata-Klängen (bitte nicht mit Tinnitus verwechseln, meint Sukadev) und Astralerfahrungen. Wenn das Bewusstsein erwacht, erleben wir grenzenlose Liebe und Freude.

Vorsicht Fallen!
Der Abend endet mit einem Vortrag von Swami Amadio Bianchi, Vorsitzender des World Movement for Yoga u.v.m. „Bewusstsein im Yoga und in der östlichen Meditation“:
Die Yogis sind ein Volk des Friedens! In 64 Ländern praktizieren etwa 600 Millionen Menschen Yoga. Yoga ist Leben in Einheit von physischem und nicht physischem Körper. Wenn sich jedoch Purusha (Bewusstsein) mit Prakriti (Materie) identifiziert, entsteht Täuschung. Wir werden subjektiv und identifizieren uns mit unseren Problemen, Wünschen und Vorstellungen auf der Basis unseres ganz persönlichen, sprich eingeschränkten (!) Erfahrungsschatzes. Da wird jedem klar: Das kann ja nicht gut gehen! Mir wird in diesem Moment überdeutlich klar, wie einfach die Fallen sind, aus denen unser tägliches Unglück gestrickt ist – wer von uns hat keine Wünsche und Vorstellungen?
Im schlimmsten Fall werden wir depressiv und leiden an den Problemen.
Als geübte Yoga Vidya-Yogis gehen wir in Distanz zu dem, was uns beunruhigt. In der Meditation beobachten wir Gedanken und Gefühle – ich bin Zeuge meines eigenen Seins!
Tat twam asi – Du bist Das! Ganzheitlich gesehen heißt das: Ich bin auch mein Körper, meine Gedanken, meine Gefühle und Wünsche. Aber nicht nur.
Danke, Amadio Bianchi!

Samstag früh beginnt der Tag um 5 Uhr, mit einer Homa (Feuerritual). Pranayama wird angeboten von 5 bis 8 Uhr. Ab 6 Uhr fünf parallele Meditationen, von still bis Klangbegleitung.

Achtung – Spirituelles Spießertum!
Im Satsang um 6.30 Uhr spricht Sukadev über das Wesen der Göttlichen Mutter (Devi). Sie wird verkörpert in den Gestalten von Durga, Lakshmi, Saraswati und Kali.
Durga reitet auf einem Tiger und gibt uns Schutz und Trost.
Lakshmi steht für Glück und Freude und gibt uns alles, was wir brauchen. Wir sollten es dankbar annehmen und weitergeben! Dabei sind Gier und Geiz unsere großen Verführer. Doch gibt es da noch ein anderes Grüppchen, nämlich die sog. Heroen des Alltags! Sie opfern sich auf, bis sie auf dem Zahnfleisch gehen nach dem Motto: Je kaputter, desto besser! (O-Ton!) Nicht wenige von uns werden sich zumindest hin und wieder auch hier erkennen können.
Saraswati vertritt Vieles in unserem Leben, einmal alles Künstlerische und Kreative, dazu Intuition, Weisheit, Beredsamkeit, fortdauerndes Lernen.
Gayatri führt uns zum Licht.
Wenn wir sagen:
„Alles ist im Gleichgewicht –
Geben und Nehmen sind ausgeglichen –
Haus und Wohnung sind ok –
So viele Yogaschüler sind ok, mehr wären zu viele –
So viel Meditation, das reicht!“
muss das Alarmglöckchen klingeln! Spirituelles Spießertum ist dabei, sich klammheimlich anzuschleichen! Wenn intensives Streben aufhört, können oder müssen wir Kali für uns selbst sein. Wir treten uns selbst in den Hintern! (Sukadev) Wir bitten Durga darum, uns beim Weitergehen zu helfen, Lakshmi gibt uns Lebensfreude und Kraft, Saraswati zeigt uns den Weg hin zur höheren Verwirklichung.
Mit diesen Erkenntnissen kanns nur noch besser werden!

Yoga, das Welteigentum der Menschheit
Sigmund Feuerabendt (84, Schüler und persönlich bestellter Nachfolger von Boris Sacharow, welcher 1921 die „Erste Deutsche Yogaschule“ in Berlin gründete und ein Schüler Sw. Sivanandas war) kann in seinen Vorträgen stets vom eigenen Erleben berichten. Das macht seine Vorträge in Verbindung mit seinem erzählerischen Naturtalent besonders lebendig. Sein Thema ist „Die Entdeckung der Kundalini“.
Früher gab es in Deutschland viel Widerstand gegen Yoga oder gar Yogatherapie, besonders von der Ärzteschaft. Sigmund Feuerabendt hat stets durch Aufzeigen der praktischen Wirkungen überzeugen können. Chakras wirken auf den Körper. Die Kundalini-Energie ist vorhanden! Kundalini ist gestaltete Energie – insofern ist jedes Asana eine Gestalt-Therapie. Er hält Power Yoga für nicht nötig, wie soll man dabei in meditativer Mitte sein? Er sagt:
„Brahman ist die Selbstdarstellung Gottes in der Schöpfung, voller Energie. Yoga ist ein Welteigentum der Menschheit“.
Für Sigmund Feuerabendt sind 45 Minuten viel zu kurz – man könnte ihm stundenlang zuhören.

Das Programm geht gleich weiter mit dem Vortrag „Atma Kriya Yoga – Das lange gehütete Geheimnis des Yoga unserer Zeit“ von Rishi Tulsidasananda. Er richtet das Augenmerk auf unser Sein an sich: „Werde, was du bist!“ Spirituell zu sein ist keine Technik oder Philosophie. Jeder Mensch ist immer spirituell. Die Seele sehnt sich nach Befreiung. Bedingungslose Liebe zu allem und allen ist der Weg!

Eine andere Ebene
Am Mittag begebe ich mich in das Shivalaya-Gebäude, etwa zwei Minuten Fußmarsch vom Haupttrakt entfernt, zum Workshop „Schamanische Energiemeditation für das neue Zeitalter“ mit Maharani Fritsch de Navarrete. Schamanisch gearbeitet habe ich schon in meinem Leben vor Yoga. Hier kann ich nun ausprobieren, wie es sich als Yogini schamanisch reist. Der Raum ist schamanisch bunt mit vielen Kraftsymbolen und Gegenständen ausgestattet, so dass jede/r gleich in die passende Stimmung kommt.
Ich gebe einige Worte wieder: Wenn du nur das tust, was du schon kennst, bekommst du auch nur das, was du schon hast. – Wenn ich etwas verändern will, muss ich bei mir selbst anfangen. – Wir müssen offen sein für unsere Heilung und eine große Kraft mit diesem Wunsch verbinden. – Schamanische Heilung und Problemlösung geschehen auf einer anderen Ebene. – Wir laden Gott ein, wir schicken Licht und Liebe in das Geschehen. – So, wie es jetzt ist, sei es gesegnet.
In Begleitung der Trommel vollziehen wir Rituale, die mich physisch wie auch psychisch stark erfassen. Ich fühle mich in Einheit mit allen meinen Wurzeln, den christlichen, den yogischen, den schamanischen.

Wer stöhnt lebt länger
Die Yogastunde mit Sigmund Feuerabendt fügt sich harmonisch an das Ritual an. Wie bereits gesagt, er ist ein Freund des ruhigen und konzentrierten Yoga. Dies paart er gerne mit trockenen Bemerkungen. Yoga muss auch Spaß machen!
„Kampf dem wabbeligen Fleisch! – Wer stöhnt lebt länger!“ Wir sind im Schwebenden Kauersitz und dem Kleinen Schmerzsitz.
Viele der Ansagen habe ich schon in meinen Yogastunden verwendet:
Wir atmen Kraft ein – Wohlgefühl aus. – Wirkenlassen durch Verweilen! – Nicht denken, die Leere suchen. – Mein Kopf schläft, mein Körper wacht. –
Kleine Reize fördern die Lebenskraft, mittlere hemmen, große zerstören. Letzteres erklärt die Einstellung Sigmund Feuerabendts zum Power Yoga.
Diese „Andachtsstunde der Seele“ (Zitat) hat wie immer Spaß gemacht und gut getan. Bis zum nächsten Jahr, Herr Feuerabendt!

Der Tontopf Gottes
Sukadevs Abendvortrag handelt von dem Menschen als Gefäß oder „Tontopf“ Gottes. Wir sind durchlässig von innen nach außen und von außen nach innen. Wir nehmen das an, was andere Menschen, die genauso Töpfe Gottes sind wie wir (Zitat) uns mitzuteilen haben und transformieren uns durch alle Koshas. Die schlimmsten Ereignisse sind leichter zu ertragen, wenn wir uns vergegenwärtigen: Alles ist in Gottes Hand!

Swami Amadio Bianchi sagt in seinem Workshop „Pranayama – im Atem das Geheimnis des Lebens“: Prana ist die manifeste Energie in mir, Yama heißt sinngemäß Lenken. Der physische und der psychische Körper werden mit Pranayama zusammengeführt. Wer den Atem beherrscht, kann sein Leben gut selbst in die Hand nehmen. Jeder Mensch hat einen Koffer voller Atem mitbeko