Vergebung, Heilung, Transformation

Swami Tattvarupananda, aus Kerala (Südindien), war im Yoga Vidya Allgäu Ashram zu Gast und hat ein Seminar zum Thema „Vergebung, Heilung, Transformation“ gegeben.

Mit einer absoluten Präzision und Klarheit erklärte er geduldig die Ursache und Wirkung des menschlichen Egos, und ebnete so den Weg über das Verstehen zur Vergebung.

Da alle Handlungen bei Menschen auf Wünsche und Abneigungen aufgebaut sind, handeln wir so, dass sich unsere Wünsche erfüllen sollen und wir Nicht-Gewünschtes von uns fern halten. So sind wir ständig damit beschäftigt auf die äußere Welt zu blicken und entfernen uns immer mehr von der inneren Welt. Im Außen sehen wir dann Situationen und Menschen, die nicht in unser Wertemodell passen und die unangenehme Gefühle in uns auslösen und wir geben ihnen die Schuld für unser Unwohlsein. Hier ist es förderlich, immer erst in sich selbst hinein zu schauen und dort zu vergeben, zu transformieren und letztendlich zu heilen und sich die Frage zu stellen:

„Wonach suche ich?“

Ewiges, wahres Glück, Frieden, Liebe, Freiheit?

Ist dies wirklich in der äußeren Welt durch Dinge oder Menschen zu finden?

Die Welt der Relativität

Da die äußere Welt dem Gesetz der Vergänglichkeit unterworfen ist und ständig entsteht und vergeht, wird irgendwann klar erkannt, dass es nicht möglich ist, dort wahres, ewiges Glück zu finden. Gewiss finden wir dort auch Glück, Frieden und Liebe, da die äußere Welt jedoch begrenzt ist, sind die Ergebnisse dort auch begrenzt. In der äußeren Welt hat jeder Anfang auch ein Ende und sowohl bei einem Menschen, als auch bei Dingen, folgt auf die Geburt irgendwann der Tod (Entstehen und Vergehen).

Viele Probleme entstehen durch irrtümliches Denken und hier geht es darum, unwahren Gedanken auf die Schliche zu kommen, um die Wahrheit klar sehen zu können. Mit einem immer wacher werdenden Bewusstsein wird es möglich sein zu entscheiden, welche Gedanken den eigenen Geist betreten dürfen, was immer mehr zu einem ruhigen, friedlichen Geist führt, der für das große Ganze denkt und gute Handlungen ausführt.

Als Mensch sind wir nicht allwissend und manchmal geschehen Dinge, die unser Verstand nicht begreifen kann. Insbesondere bei Menschen, die schwere körperliche oder seelische Verletzungen oder große Verluste erfahren haben, ist es mehr als verständlich, dass es sehr herausfordernd ist zu vergeben. Wenn wir an dem zugefügten Leid und Schmerz der Vergangenheit festhalten, bleiben wir letztendlich die Hauptleidtragenden.

Die Praxis des Vergebens

Die Praxis des Vergebens ist ein wichtiger Teil des spirituellen Weges, denn dadurch werden emotionale Blockaden, welche unser wahres Wesen verschleiern, geheilt und transformiert. Wenn du in dir selbst heilst, heilt die Welt auch im Außen. Wie Innen so Außen.

Jemand, der in sich vollständig geheilt ist, mit sich selbst und der Welt glücklich und im Frieden ist, ist für das große Ganze ein wahrer Segen.

Vergeben kommt aus dem Verstehen, warum eine andere Person so etwas tut. Je weiter ein Mensch von seinem wahren Wesen entfernt ist, durch Unwissenheit und Ignoranz, desto größer ist das gefühlte Leid in ihm durch die scheinbare Trennung – und das innere Leid wird durch leidvolle Taten in die äußere Welt ausagiert. Wie Innen so Außen. Jede Handlung hat einen Hintergrund. Wenn uns jemand verletzt und wir den Grund nicht kennen, können wir es Gott übergeben und ihn bitten, uns über diese Verletzung hinauswachsen zu lassen. In solch einer Situation ist es sinnvoll, die eigenen Grenzen anzunehmen. Diese Selbsterkenntnis wird Selbstvergebung genannt.

Jede schwierige Situation, die gemeistert wird, ist in Wahrheit ein Segen.

Spirituelle Reife bedeutet, Dinge und Menschen, die ich nicht ändern kann, anzunehmen – alles Gott zu übergeben.

Wer bin ich?

Viele Menschen sind sich nicht bewusst, wer sie sind und dass sie mit ihrem Handeln sich selbst und andere verletzen. Ein entscheidender Wendepunkt auf dem spirituellen Weg geschieht, wenn wir unsere ganze Kraft auf die Frage richten „Wer bin Ich?“

Seit Geburt haben wir uns so sehr daran gewöhnt, uns als etwas anderes zu sehen, als wir in Wirklichkeit sind. Als ein Ich, welches scheinbar vom Ganzen getrennt ist. Durch diese scheinbare Trennung kommen Gefühle der Angst, des Mangels und des Alleinseins auf. Je mehr ein Mensch diese Gefühle nicht anschauen möchte, desto mehr wird die Aufmerksamkeit aufs Außen gelenkt. Die Angst sich im Selbst zu verlieren und aufzulösen führt dazu, dass wir uns dann im Außen verlieren durch permanente Ablenkung und Geschäftigkeit. Wie Innen so Außen. Um wirklich alleine sein zu können, braucht es eine starke Persönlichkeit. Wenn sich jemand von den Sinnesobjekten im Außen entfernen will, ist es gut, sich auf ein höheres Ziel (Selbsterkenntnis) auszurichten.

Selbsterkenntnis bedeutet, tiefer und tiefer in sich Selbst einzutauchen, Missverständnisse über sich auszuräumen und Klarheit zu erlangen.

Der Zweck von Yoga und Meditation ist, sich von der Gewohnheit der Ichbezogenheit frei zu machen und mit sich Selbst All-Eins-Sein zu können. Das Alleinesein ermöglicht erst eine wirkliche Rückverbindung in die Einheit. Von dem her kann das Alleinsein wiederum ein wahrer Segen sein. Wenn alle Ängste vor Einsamkeit und Alleinegelassenwerden plötzlich verschwinden, spürst du, dass du genau dort, wo du alleine bist, in Wirklichkeit mit allem eins bist.

Auf die Frage, wie man eine verwirklichte Person erkennt, antwortete Swami Tattvarupananda:

„Jemand, der aus sich selbst heraus glücklich ist, ist eine verwirklichte Person“ und „Du bist deine eigene Quelle des Glücklichseins“.

 

Die Grundlage allen Seins

Die ganze Welt erscheint aus der EINEN Quelle heraus. Sie ist die Grundlage allen Seins. Doch obwohl alles daraus entsteht, ist es uns gegeben worden, unseren gesunden Menschenverstand zu benutzen und uns in Unterscheidungskraft zu üben, welche Handlungen für uns und andere heilsam und welche unheilsam sind. Da es in Wirklichkeit keine Trennung gibt und Ich und Andere im Grunde genommen das Gleiche sind, tun wir alles, was wir denken, sprechen und handeln uns selbst und letztendlich der Quelle an.

Unsere bewusste Aufmerksamkeit gibt den Dingen im Außen Bedeutung. Bewusstsein braucht keinen Beweis, dass es da ist. Bewusstsein wird weder geboren, noch stirbt es, noch ist es der Vergänglichkeit unterworfen.

Es ist das höchste, allwissende Prinzip ohne Veränderung.

Abschließen möchte ich mit dem Zitat von Jesus:

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“.

Hier meinte er nicht, dass er als Person mit dem Namen und der Form „Jesus“ den Tätern vergibt, sondern als das höchste, allwissende (verstehende) Vater-Prinzip hinter allen Namen und Formen.

Alles zu Verstehen, bedeutet alles zu Vergeben.

Mit ganz viel Metta
MB

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2 Kommentare zu “Vergebung, Heilung, Transformation

  1. Habe den Artikel mit Interesse gelesen, den Abschnitt „Wer bin ich?“ musste ich öfters lesen, da mich die Frage schon seit Jahren beschäftigt! Das Gefühl der Angst und der Mangel an Selbstbewußtsein prägen mein Dasein und hindern mich am Glücklichsein! Die Gefühle schaue ich an, spreche darüber und gehe intensiv auch Veränderungen an, dennoch gelingt es mir nicht die Persönlichkeit zu stärken. Selbsterkenntnis ist ein sehr schwieriges Ziel, um Frieden mit dem Inneren und dem Äußeren zu erlangen!
    Viele Grüsse, Carmen

  2. Tom Wilhelm

    Ein wunderschöner Artikel! Besonders berührt hat mich der Satz: „Wenn du in dir selbst heilst, heilt die Welt auch im Außen,“, denn er entspricht meiner ureigensten Erfahrung, die ich in den letzten Jahren machen durfte. Liebe Grüße, Tom

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