Yoga mit Jesus und Jesus mit Yoga

Jesus soll 42 Tage in der Wüste gewesen sein. Es ist anzunehmen, dass er dort wenigstens eine Weile meditiert hat, da dort Zeit und Raum gegeben sind. Er wird nicht die gesamte Zeit umhergelaufen und Körperübungen gemacht haben. Auch Johannes der Täufer, dessen Schüler Jesus eine Zeit lang war, lebte zum Meditieren in der Wüste, wie bekannt ist. Im Garten Getsemani haben beide stundenlang gebetet. Ein langes Gebet ist das gleiche wie eine lange Meditation, die auf ein bestimmtes Thema ausgerichtet ist.

Im Yoga gibt es einige verschiedene Ansätze eine Meditation einzuleiten und aufzubauen. In diese können auch christliche Glaubenssätze verankert werden. Ähnlich wie manch ein Yogi während der Meditation ein Mantra zur Anrufung einer bestimmten Gottheit verwendet, können Christen ein Gebet an Jesus zum Meditieren verwenden. Beispielsweise die Anrufung Jesus kann als Anker im Hier und Jetzt dienen. Wenn du diese Form wählst, kannst du etwa beim Einatmen wiederholen: „Herr Jesus Christus“ und beim Ausatmen: „Erbarme dich unser/meiner“. Anschließend kannst du entweder auf diese Art weitermeditieren oder in eine andere Form wechseln. Am Ende der Meditation kannst du dich bei ihm bedanken, dich vor einer Christusfigur verneigen oder um Segen bitten.

Das Gebet ist nicht auf eine bestimmte Körperhaltung reduziert. In der Bibel heißt es, wir sollen Gott mit unserem ganzen Körper preisen, denn er ist ein Tempel Gottes (1 Korinther 6:19-20). Ein sehr gutes Beispiel für ein Ganzkörpergebet ist der Sonnengruß auch Sonnengebet genannt. Dabei stellst du dir vor, wie du dich ganz Jesus oder Gott öffnest. Du atmest ein  und aus, verneigst dich vor ihm, beugst dich in Demut und öffnest ihm dein Herz. Wenn die Yogapraxis Gott gewidmet ist, hat sie die Form eines bewegten Gebets.

Einheitsbrei oder Vokabelpauken?

Christentum und Yoga wurden schon oft verglichen und voneinander abgegrenzt. Man muss nicht alle Lehren Jesu dem Yoga einverleiben, genauso können jedoch auch viele Parallelen gezogen werden. Dabei spielt das Ziel eine wichtige Rolle. Sollen Yoga und Christentum verglichen werden mit dem Ziel der Koexistenz, ist es durchaus sinnvoll die gemeinsamen Glaubensprinzipien herauszustellen. Wer auf der Suche nach spiritueller Führung ist, kann sich mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden verschiedener Traditionen befassen, um die persönlich bestgeeignetste zu finden.

Möchte man das yogische Vokabular auf das Christentum, insbesondere Jesus Christus, anwenden, spielt der Begriff Jnana Yoga eine wichtige Rolle. Jesus lehrte eine gewisse Philosophie, die sehr ähnlich ist, wie das Vedanta. Im Jnana Yoga geht es darum, die Dualität von Subjekt und Objekt zu überwinden. Es gibt keine Unterscheidung zwischen Mensch, Gott und der Welt. Es ist die Suche nach Erkenntnis und Erlösung, dessen Methode Jnana Yoga darstellt.

Jesus sagte: „Ich und der Vater sind eins“ (Johannes 10,30). In Matthäus 5, 48 heißt es weiter: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“. Die Philosophie der Einheit finden wir im Yogasystem als „Aham Brahmasmi“ (Ich bin Brahman, Brihadaranyaka Upanishad 1.4.10 des weißen Yajurveda).  An diesem Beispiel fällt auf, dass die Gewichtung der einzelnen Lehren in beiden Philosophien verschieden gelagert ist. Beide Philosophien kennen Einheit, Verwandtschaftsverhältnisse und Beziehungen untereinander. Während jedoch im Yoga die Lehre der Einheit von Gottheiten und Menschen eine zentrale Rolle im Glaubens- und Denksystem spielt, wird im Christentum eher die hierarchische Struktur fokussiert (Gott-Vater-Bruder-Schwester-Verhältnisse). Beide Systeme beschäftigen sich somit was im Yoga als Jnana Yoga bezeichnet wird, nutzen dafür allerdings andere Schwerpunkte.

Bhakti Yoga, der Yoga der Hingabe, ist sehr präsent in den Lehren Jesus. Noch im Sterben beugt er sich den Willen Gottes in vollkommenen Gottvertrauen und Hingabe. Die Essenz des Christentums ist die Liebe zu Gott und zu den Menschen. Jesus stellte die Gesetze in den Hintergrund, als er sagte: „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lukas 10,27). Dieser Yoga Weg, die Nächstenliebe, ist somit besonders präsent in dieser Tradition. Während im integralen Yoga, wie er beispielsweise im Ashram in Bad Meinberg gelehrt wird, Bhakti Yoga gleichbedeutend mit den anderen Wegen ist, fällt besonders in der evangelischen Kirche die hervorgehobene Position auf.

Der Yoga der Selbstbeherrschung, Raja Yoga, ist in der Bergpredigt besonders präsent. Der Geist soll beherrscht werden im Wollen und Verlangen. „Ich aber sage euch: Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen“ (Matthäus 5,28). Es zeigt sich, dass es viele gemeinsame Lehren gibt und spirituelle Aspiranten sich nicht direkt ausschließlich einer Tradition unterordnen müssen. Yoga ist für alle da und darf auch von Christen mit eigenen Nuancen praktiziert werden, sodass er in den Glauben integriert werden kann. Vorausgesetzt der oder die Praktizierende hat das Gefühl die Asanas, Atemtechniken oder die Meditation bringt sie oder ihn tatsächlich näher zu Gott.

Gegenseitige Bereicherung

Das Christentum ist ebenfalls eine Bereicherung für den Yoga. Jesus hat ein Leben lang anderen gedient, bis in den Tod hinein. Er hat Karma Yoga praktiziert und dient auch in dieser Tradition als Vorbild. Nicht um sonst verbeugen wir uns in den Ashrams und Stadt-Centern im Satsang jeden Morgen und Abend bei der Lichtzeremonie Arati auch für und vor Jesus.

Die Frage ist letztendlich immer, was unser Ziel ist. Wollen wir tiefer in die spirituelle Praxis eintauchen oder wollen wir fanatisch einem bestimmten Weg folgen. Bescheidenheit und Demut werden zumindest in diesen beiden Traditionen großgeschrieben und sollten uns deshalb eher zusammen bringen als gegeneinander auf die Goldwaage legen. Jeder Yogi und jeder Christ sollte dankbar für jede Lernaufgabe sein. Wir können viel voneinander lernen, um spirituell zu wachsen, reifen und uns zu entwickeln.

Hari Om Tat Sat 

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