Welche yogischen Lehren sind zentral in der Psychologischen Yogatherapie?

Im vierten Teil der Interview-Serie spricht Shivakami R. Bretz darüber, welche yogische Lehren und Lehrer eine zentrale Rolle in der Psychologischen Yogatherapie bei Yoga Vidya spielen.

Dieses Interview mit Shivakami R. Bretz, Leiterin der Yogatherapie und Psychologischen Yogatherapie Bad Meinberg, wurde von Raphael Mousa im Rahmen seiner Forschungsarbeit als Doktorand für Kulturwissenschaften an der Universität Bremen geführt und ist hier zusammengefasst wiedergegeben. Das Thema seiner Doktorarbeit lautet „Austausch und Integration von Yoga und Psychotherapie“.

Welche yogischen Lehren und Lehrer sind zentral in der Psychologischen Yogatherapie?

Shivakami: Der wichtigste Lehrer auf den wir uns bei Yoga Vidya beziehen, ist Swami Sivananda. Er war einer der größten Yoga Meister des 20. Jahrhunderts. Er gehörte zu den dutzend Yoga-Meistern und Yoga-Meisterinnen, die die Renaissance des Yoga eingeleitet haben.

Raja Yoga Sutras

Die Raja Yoga Sutras des Patanjali sind wichtig für die Psycholgische Yogatherapie (PYTH). Sie werden häufig als die Yogapsychologie oder Yoga des Geistes bezeichnet. Raja heißt Herrscher. Gemeint ist die Beherrschung des Geistes (Psyche).

In Patanjalis Raja Yoga Sutras finde ich direkte Bezüge zu den neuen humanistischen Psychotherapie Methoden. Wahrscheinlich wurden die westlichen, neuen Psychotherapiemethoden durch die alten östlichen Weisheiten beeinflusst. Das erste Wort in den Raja Yoga Sutras von Patanjali ist „Atha“, welches als „Jetzt“ übersetzt werden kann.

«Jetzt beginnt Yoga. Jetzt üben wir Yoga.»

Übertragen auf das Leben können wir sagen: Nur im Jetzt erleben wir. Über die Vergangenheit reflektieren wir, denken wir nach. In die Zukunft visionieren und planen wir. Aber erleben und erfahren können wir nur jetzt im Augenblick.

In der PYTH gehört das zur Grundhaltung. Wir schauen, was sich im Hier und Jetzt, ganz offensichtlich zeigt. Dort setzen wir in der Begleitung an.

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Yamas und Niyamas

In den Raja Yoga Sutras sind viele praktische Hilfen für die spirituelle Entwicklung. Wir haben dort die Yamas und Niyamas nach denen wir unser Leben grundsätzlich ausrichten können. Ethische Lebensprinzipien, die für jede Entwicklung und Heilung als Orientierung wichtig sind.

Die Yamas helfen beim Umgang mit uns selbst und mit anderen. Die Niyamas können wir für uns alleine entwickeln. Es geht darum, sich selbst immer wieder im täglichen Leben daraufhin zu überprüfen und Svadhyaya (Selbststudium) zu üben.

8 Stufen von Patanjali

Patanjali beschreibt den Geist und die verschiedenen Arten von Gedanken. Er lehrt die 8 Stufen, die uns zur Meditation führen bis hin zu überbewussten Zuständen. Die Meditation ist die wichtigste Praxis, die uns nach innen führt. Wir üben wertfreies beobachten, also Achtsamkeit. Es beginnt auf dem Kissen, aber diese wichtige Praxis der Achtsamkeit kann dann auch leichter in den Alltag übernommen werden.

Die Kleshas

Die Kleshas sind das, was uns in das Leid hineinführt. Wenn wir uns mit diesen einzelnen Aspekten (Kleshas) intensiv befassen, finden wir die Möglichkeiten, aus dem Leid auszusteigen. Eine Möglichkeit, die im Yoga gelehrt wird, sagt, entwickle das Gegenteil vom Leid. Richte dich positiv aus. Hier einige Beispiele dazu.

  • Avidya = nicht wissen

Also befassen wir uns mit der Wahrheit, dem Wissen. Was ist das Wesentliche in meinem Leben? Wer bin ich wirklich? Antworten finden wir in den Veden und den Upanishaden (Essenz der Veden): Ich bin nicht (nur) Körper und Psyche, sondern das unsterbliche, ewige Höchste Selbst. Der Körper und der Geist sind jedoch die Werkzeuge, die uns zum höchsten führen.

  • Asmita = Ich-Haftigkeit/Egoismus

Es gibt viele Formen von Ich-Haftigkeit/Egoismus. Auch ein Mensch, der sich schwach, nicht gut genug, mangelhaft, nicht geliebt fühlt, steckt in einer Ich-Haftigkeit fest. Er/sie identifiziert sich mit den Schwächen und Mängeln. Andere identifizieren sich mit ihren Stärken und Fähigkeiten. Oder sogar mit Materiellem. Was wäre hier das Gegenteil?

Anstatt dem persönlichen Ich so viel Bedeutung zu geben können wir uns mehr auf unseren inneren Wesenskern, den wir alle teilen, mit dem wir alle verbunden sind konzentrieren. Wir können uns mehr darauf konzentrieren aus Liebe, Mitgefühl und Wohlwollen heraus zu handeln und uns mit anderen verbinden.

Das ist nicht immer so einfach, das durch Schmerz, Trauer, Verletzung verschlossene Herz weit zu öffnen. Hierbei kann die PYTH helfen, indem wir die alten, nicht mehr hilfreichen Muster und Färbungen (Samskaras) im Unterbewusstsein aufdecken. Wenn wir den Ursprung kennen und verstehen, können wir Neues ausprobieren. Mit der Reifung der Persönlichkeit wird das Handeln aus Liebe und Mitgefühl immer mehr möglich.

Patanjali sagt «führe das Leid zurück zum Ursprung»

 

  • Raga und Dvesha = mögen und nicht mögen; Sympathie und Antipathie

Menschen bewerten viel. Sie bewerten auch sich selbst. Beobachte deine inneren Dialoge. Wie sprichst du mit dir selbst? Gibt es da einen inneren Richter oder Antreiber. Gehst du freundlich mit dir um? Oder wie sind deine inneren Dialoge?

Wenn Menschen sich selbst abwerten, tun sie das häufig auch mit anderen. Oder sie stellen den anderen auf ein Podest und projizieren alles Gute auf eine andere Person und fühlen sich selbst als klein. Bewertungen nehmen häufig die Form von Vorurteilen an.

Durch die Bewertungen entstehen Missverständnisse, Schuldzuweisungen etc. Wir üben im Yoga, um unnötige Bewertungen aufzugeben und nehmen uns selbst, andere Personen und Situationen erst einmal so wie sie sind an. Wir üben Abhyasa und Vairaghya (Verhaftungslosigkeit).

Und wir können dem „Inneren Antreiber“ wenn er sich zeigt, positives entgegensetzen. Positives verinnerlichen. „Erlauber-Sätze“ im Geist formulieren. Zum Beispiel anstatt ich muss noch schneller, perfekter etc. sein „Ich erlaube mir, meinen Rhythmus zu leben“.

  • Abhinivesha = Angst

Angst ist ein sehr komplexes Thema. Vielleicht sogar ein Thema, das vielen Lebensthemen, unserem persönlichen Handeln und auch dem gesellschaftlichen Handeln zugrunde liegt. Viele Menschen haben Angst vor dem alleine sein, Verlustangst, die Angst, nicht ausreichend anerkannt und gesehen zu werden, Einfluss zu verlieren, Macht zu verlieren etc.

Vielleicht kommen diese Ängste aus einer Urangst, dem Gefühl getrennt zu sein, alleine zu sein. Vielleicht liegen in diesen Ängsten die grundsätzliche Sehnsucht des persönlichen Selbst nach dem höheren SELBST – der Einheit.

Eine weitere große Angst ist die Angst vor dem Tod. In der Bhagavad Gita hören wir von Krishna, dass es keinen Tod gibt. In Krisenzeiten kann es wichtig werden, sich mit dem Tod bzw. dem Leben und Sterben auseinanderzusetzen.

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Im Yoga haben wir die Karma- und Reinkarnationslehre, die uns hilft, einen höheren Sinn zu erkennen, indem sie den Evolutionszyklus erklärt. Sie lehrt uns auch, dass es keine Abkürzung gibt. Sich das Leben nehmen bedeutet, du machst im nächsten oder übernächsten Leben dort weiter, wo du jetzt aufgehört hast.

Während ich die Fragen danach beantworte welche Lehren sind wichtig, fällt mir selber immer wieder auf, dass die verschiedenen Yoga Lehren, wie Swami Sivananda sie gelehrt hat, gut miteinander verwoben sind. In der Bhagavad Gita lernen wir, wie wir im Leben handeln oder wann wir nicht handeln.

Jeder Mensch hat eine, oder verschiedene Aufgaben – Pflichten, das ist Svadharma, das in Svarupa der eigenen Natur liegt. „Sva“ bedeutet „eigen“ oder „Selbst.

«Was ist meine wahre Natur?»

Wir dürfen herausfinden, was ist meine Natur? Nicht die Natur eines anderen, sondern fragen, was ist meine Natur und meine Pflicht? Dazu sagt die Gita, dass es immer schmerzhaftes Leiden verursacht, wenn wir die Pflicht eines anderen übernehmen. Die eigene Aufgabe und Pflicht erfüllen ist wichtig.

Hier sind wir auch wieder beim Selbststudium. Welche Fähigkeiten, Talente und welches Temperament habe ich mit meinem Seelenmuster in dieses Leben mitgebracht? Dementsprechend finde ich meine Aufgaben.

Bhakti Yoga

In der PYTH setzen wir auch das Bhakti Yoga ein: Wir singen Kirtans, rezitieren Mantras, beten und meditieren – immer zur therapeutischen Situation angemessen.

Wie wir das Hatha Yoga einsetzen kannst du im Interview Teil 3 nachlesen, weshalb ich hier jetzt nicht näher darauf eingehe.

Bei all dem Selbststudium, dem beobachten von Gedanken, Gefühlen dem Körper erinnern wir uns durch verschiedene kleine Übungen daran:

«Wir sind viel mehr als der Körper und die Psyche.»

Wir sind die spirituelle Seele – das SELBST – das sich durch den Körper und die Psyche ausdrückt.

Im nächsten Blog gehe ich auf die Frage ein, welche psychotherapeutischen Ansätze und Methoden für die psychologische Yogatherapie zentral sind.


Über Shivakami Bretz

Shivakami Bretz leitet die Yogatherapie und die psychologischen Yogatherapie in Bad Meinberg. Yoga Acharya, Yoga Ausbildungsleiterin seit 1993, Heilpraktikerin (für Psychotherapie), ausgebildet in Hypnose und Gestalttherapie. Sie war lange Jahre im sozialen Bereich tätig, entdeckte dort ihre Freude, Menschen in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung zu unterstützen. Ihr Wissen über Yoga, Meditation und Ayurveda erwarb sie an führenden Schulen in Deutschland und Florida. Shivakami liebt es, Brücken zu bauen zwischen unterschiedlichen Traditionen wie Körperübungen und Selbstreflexion oder Raja Yoga und westlicher Psychologie. Seit 1993 gibt sie ihr umfangreiches Wissen in den Yoga Vidya-Zentren weiter. Sie berät dich auch gerne in Einzelsitzungen.


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