Yogische Konzepte in der psychologischen Yogatherapie

Im zweiten Teil der Interview-Serie spricht Shivakami R. Bretz darüber, welche Rolle die verschiedenen yogischen Konzepte in der psychologischen Yogatherapie spielen und wie diese in der Praxis angewendet werden.

Dieses Interview mit Shivakami R. Bretz, Leiterin der Yogatherapie und psychologischen Yogatherapie Bad Meinberg, wurde von Raphael Mousa im Rahmen seiner Forschungsarbeit als Doktorand für Kulturwissenschaften an der Universität Bremen geführt und ist hier zusammengefasst wiedergegeben. Das Thema seiner Doktorarbeit lautet „Austausch und Integration von Yoga und Psychotherapie“.

-> Teil 1 der Interview-Serie

Welche Rollen spielen yogische Konzepte in der psychologischen Yogatherapie?

Shivakami: Das Konzept der Koshas können wir für die Anamnese nutzen. Hier wird der momentane Zustand der betroffenen Person erfasst. Von diesem Zustand ausgehend, besprechen wir die Ziele, die angestrebt werden und wie wir sie mit der Yogapraxis erreichen können.

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Bei den unterschiedlichen psychischen Störungen haben wir besondere Schwerpunkte zu beachten. Dazu (spezifische Übungen für bestimmte Leiden) berichte ich in diesem Blog-Artikel näheres.

Einordnung der Symptome auf den verschiedenen Ebenen der Koshas hier Depressionen als Beispiel für eine zielorientierte Yogapraxis.

Diese Übersicht beschreibt die Symptome sehr pauschal/allgemein. Sie soll nur ein Beispiel dafür sein, wie wir das Konzept der Koshas nutzen. Aufgrund der persönlichen individuellen Situation wird die Praxis gemeinsam besprochen und geübt.

Das Antakharana Konzept

Anhand des yogischen Konzeptes Antakharana (das innere Instrument) lässt sich gut erklären, wie die verschiedenen geistigen Ebenen zusammen wirken.

  • Antakharana: Beschreibt den Geist. Je nachdem, wie er gerade aktiv ist, hat er eine andere Bezeichnung
  • Manas: Hier treffen alle sinnlichen Wahrnehmungen ein, Gedanken, die kommen und gehen, auch die Gefühle.
  • Bhuddhi: Ist der rationale Verstand der analysiert, konzentriert nachdenkt, entscheidet und die Intuition im Sinne von klarer, direkter Erkenntnis. Buddhi greift bei Reaktionen und Entscheidungen bewusst und auch unbewusst auf die Informationen in Chitta zurück oder hat direkte Intuition.
  • Ahamkara: Der Teil, der sich identifiziert: „Ich bin traurig“, „Ich bin…arm, reich…nicht gut genug, ich bin genial…ich bin Mutter, Ehefrau….“ Ahamkara speist seine Identifikationen auch aus dem, was in Chitta bisher an Erfahrungen abgespeichert ist.
  • Chitta: Das Unterbewusstsein. Im Yoga gehen wir davon aus, dass hier alle Erfahrungen gespeichert sind, die jemals erfahren wurden – in diesem Leben und auch in vorangegangenen Leben.

Jnana Yoga

Das Konzept macht deutlich, dass im Leben die Erfahrungen der Vergangenheit immer mitschwingen. Bei unangenehmen oder traumatischen Erfahrungen, wenn es nicht möglich war, Erlebnisse adäquat zu verarbeiten, geschieht das eher unbewusst. Das Konzept des Anthakarana gehört zum Jnana Yoga.

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Im Yoga ist das große Ziel, sich mehr und mehr mit der Seele – Atman – dem höchsten SELBST, das jenseits von Antakharana ist, zu identifizieren. Ziel im Yoga ist es, sich immer mehr dieser höchsten Wahrheit zu nähern, sie zu erleben und zu verinnerlichen.

Aber gleichzeitig geht es darum, die alten Samskaras ins Bewusstsein zu bringen und neue Samskaras (Eindrücke im Geist) zu gewinnen. Die bewusste Verbindung zu Gott hilft uns dabei. Spezielle Meditationen, Gebete, Imaginationsübungen helfen, den Kontakt zum Höchsten Selbst, der inneren Quelle, zu finden und zu vertiefen.

Wir erinnern uns immer wieder: Ich bin viel viel mehr als dieser Körper (das äußere Instrument) dieser Geist – die Psyche Antakaharan (das innere Instrument) und die Energie.

In mir gibt es einen Teil, dessen Qualitäten Liebe, Frieden und Sicherheit sind. Dieser Teil ist immer gleichbleibend, unabhängig davon, was ich gerade spüre und erlebe. Wahrer Frieden und innere Unabhängigkeit finde ich in mir – im SELBST– in Atman.

Raja Yoga des Patanjali

Raja heißt König – Herrscher. Herrscher über den Geist werden, ist das Ziel. In den Raja-Yoga-Sutras beschreibt Patanjali (Rishi/Weiser ca. 200 vor Chr.) wie der Geist funktioniert.

Er beschreibt verschiedene Geisteszustände, was uns in Leid führt und was uns vom Leid befreit (Konzept der klesás). Patanjali legt uns Svadhyaya, Selbststudium nahe. Svadhyaya wird an verschiedenen Stellen erwähnt. Es ist ein wichtiges Element des Yogaweges.

Kurz zusammengefasst: Raja Yoga umfasst die Techniken des mentalen Trainings, Affirmationen, Visualisierung, üben von Achtsamkeit, Selbstbeobachtung und verschiedene Meditationstechniken.

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„Es gibt etwas jenseits des Geistes. Das ist das Selbst, das Bewusstsein. Psychoanalyse sollte mit Raja Yoga verbunden werden. Wir dürfen nicht nur ein gründliches Wissen der westlichen Wissenschaft der Psychologie haben, sondern müssen es mit Raja Yoga und auch mit Spiritualität kombinieren.

Psychologen sollten vollkommenes Wissen von Patanjalis Raja Yoga besitzen. So werden sie besser die Funktionen des Geistes verstehen. Dann wird es ihnen möglich sein, der Welt einen größeren Dienst zu erweisen.“
(Swami Sivananda, 1887- 1963, Conquest of mind)

Patanjali sagt in Kapitel. 2 Vers. 10:

„Die subtilen Formen (der Schmerz tragenden Leiden) können durch das Zurückführen auf ihren Ursprung vermieden werden.“

Er gibt uns also den Ratschlag, die Ursachen des Leides herauszufinden. Um neues Leiden zu vermeiden, empfiehlt er die Meditation (Vers 11).

Wenn wir in der psychologischen Yogatherapie prozessorientiert arbeiten, nutzen wir zusätzlich die Techniken der humanistischen Psychotherapiemethoden, wie z.B. Focussing, Gestalttherapie, Hypnose, Hypnotherapie und die Systemische Therapie.

Sie bieten neue Möglichkeiten, noch nicht verarbeitete Themen, die unbewusst das Leben beeinflussen, mitschwingen und vielleicht eher Stolpersteine im Leben darstellen, ins Bewusstsein zu heben. So, dass das Alte erlebt und gespürt werden kann und damit auch verarbeitet und integriert wird.

Im Alltag wird Neues ausprobiert. Neue Erfahrungen können gemacht werden. Die Yogis in früheren Zeiten hätten vielleicht gesagt, das Karma ist dann aufgelöst.

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Konzepte aus dem Kundalini Yoga

Aus dem Kundalini Yoga nutzen wir das Konzept von Prana, Nadis und Chakras. Dieses Konzept bietet eine geniale Erklärung dafür, wie alle Ebenen miteinander verbunden sind. Prana fließt im physischen Körper und auf der geistigen-psychischen Ebene und führt uns bis zum Höchsten – zur Kundalini, der höchsten Intelligenz in uns.

Die körperlichen, geistigen und subtileren Qualitäten, die in den Chakren angesprochen werden, können wir gut in der Hatha-Yoga-Stunde und auch durch Chakra-Meditationen nutzen. Hier können wir besonders, die in jedem Wesen vorhandene positiven Urkräfte fließen lassen – von Blockaden befreien. Wir richten die Schwerpunkte der Yoga-Stunde auf ein Chakra aus und schauen mit einer offenen Haltung, wie ist das jetzt in diesem Moment bei mir?

Hatha Yoga Stunden mit Chakra Ausrichtung

Eine Yoga-Stunde mit Konzentration auf das Muladhara Chakra mit den entsprechenden Asanas stärken die Qualitäten wie Sicherheit, Vertrauen Bodenständigkeit, Realitätssinn. Wir können Fragen stellen wie z.B. Fühle ich mich jetzt sicher? In welchen Situationen fühle ich mich unsicher? Wem oder wann kann ich vertrauen? Bei wem oder in welchen Situationen fehlt mir vertrauen? Habe ich Selbstvertrauen?

Eine Yoga-Stunde mit Schwerpunkt Swadisthana Chakra, um auf die Gefühle und das Sinnliche zu schauen, wie ist das jetzt bei mir? Erlebe ich Freude, Lebendigkeit, Lebenslust oder wie ist es jetzt? Lebe ich meine sinnlichen Bedürfnisse? Lebe ich das Sinnlich im rechten Maße?

Im Manipura Chakra fließt die Kraft, die wir für ein gutes Selbstwertgefühl brauchen – unsere Ich-Stärke, Enthusiasmus, Feuer, das uns für etwas brennen lässt.

Im Anahata Chakra können wir mit unserer Barmherzigkeit, dem Mitgefühl und Liebe in Kontakt kommen. In der Psychologischen Yogatherapie geht es häufig darum, zuerst Barmherzigkeit und Mitgefühl für sich selbst zu entwickeln. Hier gibt es viele schöne, sehr wirksame Herzensmeditationen, die wir anbieten.

Die Kraft, die durch das Vishudha Chakra fließt, steht für Ausdehnung und Verbindung. Das ist auch die Kraft, die wir brauchen, um uns gut in der Welt auszudrücken.

Wenn das Prana im Ajna Chakra gleichmäßig fließt, können wir uns gut konzentrieren, sind wach und bewusst, Intuition kann geschehen.

Das Sahasrara Chakra ist der tausendblättrige Lotus, der uns mit dem Unendlichen, dem Ewigen, dem kosmischen Selbst verbindet

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Das sind nur einige wenige Beispiele, wie wir die Konzepte des ganzheitlichen Yogas in der Psychologischen Yogatherapie nutzen und hat nicht den Anspruch auf Vollständigkeit.


Über Shivakami Bretz

Shivakami Bretz leitet die Yogatherapie und die psychologischen Yogatherapie in Bad Meinberg. Yoga Acharya, Yoga Ausbildungsleiterin seit 1993, Heilpraktikerin (für Psychotherapie), ausgebildet in Hypnose und Gestalttherapie. Sie war lange Jahre im sozialen Bereich tätig, entdeckte dort ihre Freude, Menschen in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung zu unterstützen. Ihr Wissen über Yoga, Meditation und Ayurveda erwarb sie an führenden Schulen in Deutschland und Florida. Shivakami liebt es, Brücken zu bauen zwischen unterschiedlichen Traditionen wie Körperübungen und Selbstreflexion oder Raja Yoga und westlicher Psychologie. Seit 1993 gibt sie ihr umfangreiches Wissen in den Yoga Vidya-Zentren weiter. Sie berät dich auch gerne in Einzelsitzungen.


Aktuelle Online Angebote

Psychologische Yogatherapie: Chakra Healing Workshopreihe

Die sieben Chakras bilden die Lebensfragen ab, mit denen jeder Mensch im Laufe seines Lebens konfrontiert wird. Sie können auch als Schaltstellen zwischen dem Grob- und Feinstofflichen gesehen werden.

In dieser Seminarreihe hast du die Gelegenheit, dich intensiv mit diesen Lebensthemen zu beschäftigen und sie durch die Arbeit mit deinen Energiezentren ganz praktisch zu verbinden.

Dafür arbeiten wir mit verschiedenen Werkzeugen des Yoga. So wirst du vor allem durch das Spüren in Atemübungen, Asanas und Meditationen, abgestimmt auf das jeweilige Chakra, deine Themen reflektieren und aufarbeiten können.

Dabei erspürst du die Elemente der einzelnen Chakras mit allen Sinnen und erfährst dabei Klang, Farbe, Feinstofflichkeit und die heilende Wirkung der Energiezentren.

Der ganzheitliche Ansatz verbindet dabei Übungen aus psychologischer Yogatherapie, Prana Yoga, Chakra Healing, Mantra Yoga, Pranayama, Meditation sowie des integralen Yogas nach Swami Sivananda auf eine ganz neue Weise.


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