Shivakami im Interview zur psychologischen Yogatherapie

Im ersten Teil der Interview-Serie spricht Shivakami R. Bretz über die Entstehung der psychologischen Yogatherapie in Bad Meinberg, für wen die Ausbildung interessant ist und welche KlientenInnen das Angebot in Anspruch nehmen.

Dieses Interview mit Shivakami R. Bretz, Leiterin der Yogatherapie und psychologischen Yogatherapie Bad Meinberg, wurde von Raphael Mousa im Rahmen seiner Forschungsarbeit als Doktorand für Kulturwissenschaften an der Universität Bremen geführt und ist hier zusammengefasst wiedergegeben. Das Thema seiner Doktorarbeit lautet „Austausch und Integration von Yoga und Psychotherapie“.

Wann und wie ist die psychologische Yogatherapie (PYTH) entstanden?
Shivakami: Die psychologische Yogatherapie (PYTH) bei Yoga Vidya verbindet ganzheitliches Yoga und psychotherapeutische Methoden der Humanistischen Psychotherapien. Die PYTH gibt es bei uns seit ca. 2007. Dieser Zweig hat sich ganz natürlich aus dem Ashramleben und den Bedürfnissen der ausgebildeten YogalehrerInnen heraus entwickelt.

Als wir 1996 den ersten kleinen Ashram im Westerwald eröffnet hatten, bin ich immer wieder an Grenzen gestoßen. Und zwar im Zusammenleben mit Yogaschülern in den Ausbildungen, mit Mitarbeitern und Mithelfern. Ich war damals neben dem Yoga-Unterricht auch für die Bewerbungen, die Betreuung der ehrenamtlichen Mithelfer zuständig. Ich hatte also viele Kontakte, viele Gespräche zu führen und habe sehr schnell feststellen können, dass ein Ashram auch eine Zufluchtsstätte für Menschen in besonderen Lebenssituationen ist.

Damals konnte ich die Probleme nicht immer einordnen, besonders, wenn es psychische Störungen waren, wie ich heute weiß. Aus diesem Grund habe ich an verschiedene Ausbildungen, die praktisch orientiert waren, teilgenommen und die Prüfung zum Heilpraktiker für Psychotherapie abgelegt.

Meine Ausbildungen waren mit viel Selbsterfahrungsanteilen. Im Yoga nennen wir es Selbststudium – Svadhyaya. Es ist eine Grundvoraussetzung, wenn wir andere begleiten wollen.

Die eigene intensive Erfahrung in meiner Gestalttherapie-Ausbildung hat mich immer wieder fasziniert und begeistert, weil sie Instrumente/Techniken hat, die manchmal recht schnell in innere tiefe Prozesse führen können.

«Wenn Menschen gleichzeitig Yoga praktizieren und ein Vertrauensboden da ist, werden Körper Geist und Seele offener und durchlässiger.»

Dann lassen die TeilnehmerInnen sich relativ schnell auf diese Prozessarbeit ein. Was bedeutet, dass sie mit ihren noch nicht verarbeiteten Themen in Kontakt kommen, diese ins Bewusstsein kommen und sich die inneren Blockaden lösen können.

Mit der Gestalttherapie habe ich Antworten bekommen, die sich mir beim Lesen der Raja Yoga Sutras gestellt haben. Patanjali sagt: „Führe das Leid zurück an den Ursprung“. Die Gestalttherapie gibt mir neben dem Yoga noch mehr Techniken und damit Möglichkeiten, genau das zu erreichen.

Wir können alte Samskaras (Eindrücke im unbewussten Geist) ins Bewusstsein heben, so, dass altes bewusst erlebt, verarbeitet und integriert/ transformiert werden kann. Wenn Yoga ganzheitlich geübt wird, führt es in die Tiefe. Körper Geist und Seele sind eine Einheit.

Der Geist/die Psyche spricht mit uns über den Körper. So passiert es im Hatha-Yoga- Unterricht, dass Menschen auch mal in den Asanas zu weinen beginnen. Manchmal steigen ungute Empfindungen wie z.B. alter Schmerz, Traurigkeit und anderes aus dem Unbewussten auf. Die Schattenseiten zeigen sich genauso wie das Angenehme. Das ist ganz normal und es ist gut. Das gehört zur Entwicklung.

In früheren Zeiten haben die Yoga Meister betont, dass es wichtig ist, einen Guru, einen Yoga Meister zu haben. Er/Sie hilft dem Schüler die alten Samskararas (Eindrücke im Geist) zu überwinden, diese zu transformieren. Eine Person, die nicht selber verwickelt ist, hat einen klareren Blick auf die Ereignisse, das Erlebte. Das gilt heute immer noch.

Es ist hilfreich und gut, mit einem Yogalehrer zu üben, der in seiner Entwicklung dem Schüler einiges voraus ist. Heute, nach mehr als 10 Jahren PYTH bei Yoga Vidya kann ich sagen, dass die Verbindung von Yoga und Psychotherapie, wie wir sie bei Yoga Vidya anwenden, ein sehr wirkungsvoller Weg ist, Menschen in ihrer Entwicklung zu unterstützen.

Psychische Störungen nehmen immer mehr zu z.B. „Burnoutsyndrom“, Depressionen, Essstörungen u.A Sucht, Angststörungen und auch Traumafolgestörungen.

In diesem Maße werden wir Yogalehrer natürlich auch immer mehr mit Menschen und ihren Probleme, ihren inneren Konflikten, im Yoga-Unterricht konfrontiert. Die Yogalehrer haben, das Bedürfnis, noch weitere Möglichkeiten der Begleitung kennenzulernen.

Deshalb habe ich dann 2010 den 1. Baustein der Psychologischen Yogatherapie entwickelt. „Yoga bei psychischen Störungen“ 2011 weitere Bausteine. Schon lange ist es eine gut ausgereifte Ausbildung bzw. Weiterbildung für Yogalehrer mit fünf verschiedenen Bausteinen und unterschiedlichen Ansätzen.

Wer nimmt an der PYTH-Ausbildung teil?
Shivakami: Die Grundlage und Voraussetzung für die Weiterbildung ist eine ganzheitliche Yogalehrer Ausbildung mit mindestens 400 Unterrichtseinheiten. Sie sollten ein Grundwissen über Raja Yoga, Karma- Bhakti- Jnana Yoga und Vedanta und Kundalini Yoga mitbringen.

Die Yogalehrer kommen aus ganz unterschiedlichen Berufen. Unter den Teilnehmern sind auch Ärzte (aus verschiedenen Fachbereichen), Psychologen und Teilnehmer aus anderen Gesundheitsberufen wie z.B. Ergotherapeuten, Gesundheits- und Krankenpfleger u.A. Viele Teilnehmer kommen nicht aus Gesundheitsberufen.

Das Alter der TeilnehmerInnen ist sehr gemischt; von Mitte 20 bis ins Rentenalter. Vorwiegend sind es Frauen und einige, wenige Männer mit steigender Tendenz in den letzten Jahren.

Wenn YogalererInnen direkt mit den Emotionen und inneren Konflikten ihrer Schüler in Berührung kommen, fühlen sie sich manchmal überfordert. Das ist häufig, wie bei mir selbst in meinen ersten Praxisjahren, die Motivation, die sie zur PYTH-Ausbildung führt.

Warum und mit welchem Ergebnis wird die Weiterbildung belegt?
Shivakami: Das ist auch wieder sehr unterschiedlich. Manche YogalehrerInnen möchten spezifische Yoga-Std. und Meditationen anbieten, z.B. Hatha-Yoga in psychosomatischen Kliniken und Psychiatrien. Psychologen, Heilpraktiker und Ärzte sind auch an der psychotherapeutischen Arbeit interessiert und vor allem daran, wie sie das in ihre bisherige Arbeit integrieren können.

Also je nach persönlichem Hintergrund und Grundberuf ist das unterschiedlich. Manche Teilnehmer entscheiden sich während der Ausbildung, auch die Heilpraktikerprüfung für Psychotherapie zu absolvieren, um eine Legitimation für psychotherapeutisches Arbeiten zu bekommen.

Angewendet wird die PYTH in einigen Yoga Vidya Kooperationszentren, in vereinseigenen Zentren, in psychosomatischen Kliniken und in Psychiatrien und von vielen freiberuflichen YoglehrerInnen, die damit ihr Angebot erweitern und vertiefen.

Wenn Yoga in einer Psychiatrie (oder auch im Yoga-Zentrum für Menschen mit psychischen Störungen wie z.B. Depressionen) angeboten wird, ist ausschließlich klassisches Hatha-Yoga angesagt. Was es bei den einzelnen psychischen Störungen“ zu beachten gibt, wird im Baustein „Yoga bei psychischen Störungen“ vermittelt.

Yoga wirkt hier begleitend zur ärztlichen und psychotherapeutischen Arbeit in der Klinik (oder auch zu Hause mit Einzelsitzungen).

«Eine Studie mit 240 Probanden erzielte 2017 Hinweise darauf, dass bei einer schweren Depression mit Yoga positive Effekte erreicht werden.»

Demnach scheint Yoga gleich wirksam zu sein, wie eine medikamentöse Behandlung und geht über Placebo-Wirkungen hinaus (2017 von Cramer, Anheiyer, Lauche und Dobos).

Wer nimmt die PYTH als Klient in Anspruch? Welche Lebensthemen kommen häufig vor? Welche Leiden kommen häufig vor?
Shivakami: Yogaschüler und auch Menschen, die noch kein Yoga praktiziert haben, die sich Unterstützung auf ihrem persönlichen Weg wünschen, weil sie sich nicht gesund, glücklich und zufrieden in ihrem Leben fühlen und weil sie alleine nicht weiter kommen.

Menschen, die nach ganzheitlichen Ansätzen suchen. Häufig kommen Klienten in Umbruchsituationen z.B. bei Arbeitsplatzwechsel oder Berufswechsel. Sie spüren, dass sie etwas ändern sollten, finden alleine nicht die Kraft und wissen auch nicht, warum es so schwer ist, das umzusetzen.

«Den meisten Menschen ist nicht bewusst, wie sehr die Vergangenheit im Hier und Jetzt uns beeinflusst und manchmal auch behindert.»

Hier können wir die Humanistischen Psychotherapien in Verbindung mit Yoga einsetzen. Bei mir ist das hauptsächlich das prozessorientierte arbeiten mit Gestalttherapie in Verbindung mit Yoga Wenn ich von Yoga spreche, meine ich das gesamte Spektrum des Yogas.

Die psychologische Yogatherapie kann bei gesunden Menschen in jeder Art von Lebenskrise bei der Krisenbewältigung unterstützen. Die häufigsten Lebensthemen sind Partnerschaft, Familie, Beruf und damit verbunden Verlustängste und Existenzängste.

Nach dem großen Corona Lockdown im März kamen fast nur Menschen mit Depressionen zu Einzelsitzungen mit mir. Burnout/Stresssyndrom ist auch ein häufiger Grund, dass Menschen nicht mehr alleine klar kommen. Manchmal führt sie die lange Warteliste bei den Psychologen oder auch die Wartezeit bis zum Klinikaufenthalt zum Yoga.


Über Shivakami Bretz

Shivakami Bretz leitet die Yogatherapie und die psychologischen Yogatherapie in Bad Meinberg. Yoga Acharya, Yoga Ausbildungsleiterin seit 1993, Heilpraktikerin (für Psychotherapie), ausgebildet in Hypnose und Gestalttherapie. Sie war lange Jahre im sozialen Bereich tätig, entdeckte dort ihre Freude, Menschen in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung zu unterstützen. Ihr Wissen über Yoga, Meditation und Ayurveda erwarb sie an führenden Schulen in Deutschland und Florida. Shivakami liebt es, Brücken zu bauen zwischen unterschiedlichen Traditionen wie Körperübungen und Selbstreflexion oder Raja Yoga und westlicher Psychologie. Seit 1993 gibt sie ihr umfangreiches Wissen in den Yoga Vidya-Zentren weiter. Sie berät dich auch gerne in Einzelsitzungen.


Mehr über die Psychologische Yogatherapie

 

1 Kommentar zu “Shivakami im Interview zur psychologischen Yogatherapie

  1. Katharina Pletnev

    Sehr interessanter Beitrag! Vielen Dank dafür 🙂
    Liebe Grüße
    Om shanti
    Kate

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