Welche Yogaübungen werden in der psych. Yogatherapie eingesetzt?

Im dritten Teil der Interview-Serie spricht Shivakami R. Bretz darüber, wie praktische Übungen aus dem ganzheitlichen Yoga in der psychologischen Yogatherapie eingesetzt werden.

Dieses Interview mit Shivakami R. Bretz, Leiterin der Yogatherapie und psychologischen Yogatherapie Bad Meinberg, wurde von Raphael Mousa im Rahmen seiner Forschungsarbeit als Doktorand für Kulturwissenschaften an der Universität Bremen geführt und ist hier zusammengefasst wiedergegeben. Das Thema seiner Doktorarbeit lautet „Austausch und Integration von Yoga und Psychotherapie”.

-> Teil 1 der Interview-Serie

-> Teil 2 der Interview-Serie  

Werden spezifische Übungen für spezifische Leiden empfohlen?

Shivakami: Die psychologische Yogatherapie wird bei psychischen Störungen, wie z.B. Depressionen, Angststörungen, Sucht, Essstörungen oder auch Trauma Folgestörungen als begleitende Therapie eingesetzt.

Sie nutzt vorwiegend Hatha Yoga und andere einfache, dynamische Übungen (z.B. Kriyas aus dem Ayurveda). Dabei ist nicht so sehr die einzelne Übung wichtig, sondern das Thema der gesamten Yoga-Stunde bestimmt, wie geübt wird und was dabei besonders betont wird.

Ganzheitliches Yoga wirkt immer am besten mit allen Elementen. Dazu gehören dynamische Übungen zum Aufwärmen, Körperhaltungen, Atmung, Tiefenentspannung, Meditation, geistige Anregungen zur positiven Ausrichtung  und auch Ernährungsempfehlungen.

Sehr wichtig ist die offene Haltung der Yogatherapeuten (und auch der Klienten) und welche Schwerpunkte die Stunde haben soll.

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Die gleiche Asana kann sehr unterschiedlich eingesetzt werden. So können wir unsere Aufmerksamkeit auf die geistige Wirkung ausrichten, auf den Körper, die Chakren, oder die inneren Bilder und Gedanken.

Die Selbsterforschung fördern

Offene Fragen fördern die Selbsterforschung. Geistige Anregungen, helfen den Teilnehmern, sich positiv auszurichten. Der Fokus wird  immer wieder auf das Erleben, das Spüren gelegt.

Eine Teilnehmerin der Weiterbildung Psychologische Yogatherapie hat es in ihrem Erlebnisbericht sehr treffend beschrieben:

„Das Fühlen, das Erleben steht im Vordergrund. Das Fühlen und Wahrnehmen über den gesamten Körper. Im Alltag wird der Mensch oft auf sein Rationales reduziert. Auf seine Denkzelle. Doch der Mensch besteht aus all seinen Zellen. Alle Zellen erleben, leiden, freuen sich. Und wenn etwas nicht aufgearbeitet wurde, erinnern sich auch alle Zellen daran. Und wenn etwas wirklich aufgearbeitet werden möchte, dann müssen alle Zellen mitgenommen werden. Das rein rationale Verstehen reicht dafür nicht aus.“

Arbeit mit Ängsten

Ich gebe dir einige Beispiele, wie wir Schwerpunkte setzen und was es bezüglich der Störung zu beachten gilt. Bei Ängsten ist das erste Ziel die Entspannung. Denn in einem entspannten Zustand ist Angst nicht möglich. Ohne Anspannung gibt es auch keine gute Entspannung.

Bei den anstrengenden Übungen könnte es jedoch passieren, dass über die Körpersignale wie schwitzen, Herzklopfen eine Panikattacke assoziiert wird und sich eine Panikattacke anbahnt.

Aus dem Grund kann es wichtig sein, zu erklären, dass es ganz normal ist, wenn durch die Anstrengung jetzt das Herz schneller schlägt. Das würden wir YogaleherInnen in einer normalen Asana Stunde nicht erklären.

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Ansagen wie „beobachte jetzt, wie es langsam wieder zur Ruhe kommt“ können am Anfang sehr hilfreich sein. Die wichtige Erfahrung ist, das Herzklopfen darf intensiver sein, wenn ich mich körperlich anstrenge. Es ist natürlich.

Bei Ängsten spielt die Atmung eine wichtige Rolle. Die tiefe gleichmäßige Bauchatmung ist eine wichtige Übung bei Ängsten. Denn sie beruhigt und harmonisiert, lässt das Prana wieder gleichmäßig fließen.

Es ist wissenschaftlich in Doppelblindstudien  nachgewiesen, dass die tiefe Bauchatmung Panikattacken abwenden kann (Dr. med. H. Hepp, Dr. med. Mukesh D. Jain, 1998). Tiefe, gleichmäßige Bauchatmung ist eine spezifische Übung zum Thema Angst, die sehr wichtig ist und regelmäßig geübt werden muss, dass sie zum Einsatz kommen kann, wenn die ersten Anzeichen einer Panikattacke auftreten.

Der Klient soll durch Yoga die Erfahrung machen, dass er seine Atmung, seine Bewegungen und sogar seinen Geisteszustand selbst kontrollieren kann.

Wenn das Selbstvertrauen gestärkt ist, kann man mit Hilfe psychotherapeutischer Methoden zu den Wurzeln vordringen. Dadurch kann Transformation hin zu einer positiven Lebenshaltung geschehen.

Der Geist, das Prana und der Atem sind eng miteinander verbunden. Deshalb können wir Pranayama bei psychischen Störungen gezielt, aber sehr vorsichtig einsetzen. Wir haben Atemübungen, die reinigend, beruhigend und harmonisierend wirken; andere wirken energetisierend und aktivierend.

Alle Atemübungen – Pranayama-Übungen – bringen mehr Prana zum Fließen. Swami Sivananda schreibt in dem Buch Göttliche Erkenntnis:

„Prana ist das Medium für die Emotionen. Manas transportiert die Gedanken.“

Therapeutisches Pranayama

Beim therapeutischen Pranayama gehen wir sehr kleinschrittig vor. Menschen, die Angststörungen haben, können oft  nicht den Atem anhalten. Hier würde man z.B. bei der Wechselatmung am Anfang die Anhaltephase weglassen und stattdessen nur wechselseitig ein- und ausatmen.

Das Ausatmen soll doppelt so lange wie das Einatmen sein, wenn das möglich ist. Nach mehreren Übungsstunden kann man mit kleinen Anhaltephasen beginnen.

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Übungen bei Depressionen

Bei Depressionen ist die Stimmung im Keller, der Antrieb und Interesse sind gering, der Geist wird mit pessimistischen Gedanken überflutet.

Aus yogischer Sicht ist der Pranafluss massiv eingeschränkt. Bei Depressionen  möchten wir einerseits viel Prana ins Fließen bringen und in die Aktivität bringen, andererseits aber darauf achten, dass wir die Teilnehmer nicht überfordern – also auch entspannt üben lassen.

Wenn es zu anstrengend wird, kommen vielleicht Gedanken wie „das ist zu schwer, auch das kann ich nicht”. Deshalb biete ich zum Einstieg gerne ganz kleine, sehr effektive dynamische Übungen – Kriyas, die ich aus dem Ayurveda kenne, an.

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Ayurvedische Kriyas

Diese Übungen kann man direkt am Morgen nach dem Aufstehen üben, um den Kreislauf in Schwung zu bringen und gut in den Tag zu gehen.

Ein schönes Tagesmotto dazu ist „Ich fange an und tue das, was ich kann“ – anstatt „es ist alles zu viel, der Berg ist zu groß – „Ich fange an und tue das, was ich kann“.

Diese Übungen dauern ca. 10 Minuten. Mit diesen kleinen Übungen haben Betroffene die Möglichkeit, den Tag sanft und doch energetisiert, sowie positiv zu beginnen.

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