40 Sukadevs Schritte auf dem Weg zur Gelassenheit

Gelassenheit Entwickeln - Podcast für mehr Gelassenheit im Alltag

Sukadev beschreibt seinen Weg zur Gelassenheit. Dies ist die erste von acht autobiografischen Podcasts. Heute beschreibt Sukadev zwei Grundströmungen in seinem Geist: 1. Ein feuriges Temperament (Pitta) – mit starkem Gerechtigkeitssinn und Neigung zu Reizbarkeit und Ungeduld. (2) Ahimsa als Ideal: Niemandem weh tun wollen – zu allen Liebe zu empfinden. Diese sich manchmal widersprechende Grundneigungen haben für Sukadev Gelassenheit zu einem seiner Lebensthemen werden lassen. Er beschreibt seine glückliche Kindheit in einer behüteten Familie. Und seine erste Strategie für Gelassenheit: Beschränkung auf Weniges – das aber mit Vehemenz durchsetzen. Er gibt dir dabei auch Denkanstöße für dein eigenes Leben.

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Jetzt geht es darum, wie ich meinen ganz persönlichen Königsweg zur Gelassenheit fand. Es wird jetzt etwas autobiografisch. Ich werde dort einige Erlebnisse erzählen, die meinen Weg geprägt haben, und die verschiedenen Phasen, durch die ich durchgegangen bin. In Wirklichkeit haben sich die Phasen überlagert und überlappt, aber man kann durchaus verschiedene Phasen sehen, bis ich schließlich zu etwas gekommen bin, einen Weg, den ich wirklich für alle empfehlen kann. Ich bin spiritueller Aspirant und seit dreißig Jahren auch spiritueller Lehrer. Solange ich denken kann, bin ich auf einem spirituellen Weg der Selbsterfahrung, der Sehnsucht nach Gott und dem Wunsch, anderen Gutes zu tun. In meiner eigenen Praxis, im Umgang mit mir selbst und anderen, beim Unterrichten, Lehren, Beraten und Anleiten, bin ich durch verschiedene Phasen gegangen, bis ich schließlich einen Königsweg zur Gelassenheit gefunden habe. Und dieser hat sich als sehr effektiv auch beim Unterrichten gezeigt. Jeder kann diesen Weg gehen, jeder kann sehr schnell Resultate erfahren. Jeder kann lernen, gelassener mit sich selbst und anderen umgehen und dabei Freude zu spüren und Energie, um Gutes zu bewirken.

Gelassenheit ist eines meiner Lebensthemen. Dieses Lebensthema ist entstanden aus zwei Aspekten meiner Persönlichkeit. Der eine ist ein gewisses cholerisches Temperament. Laut Ayurveda werde ich oft als Pitta klassifiziert, mit Neigung zu Ärger und Zorn. Ein zweiter Teil in mir hat Ahimsa als Ideal. Ich wollte schon immer niemandem wehtun. Schon als Kind empfand ich Tierliebe, konnte kein Tier, noch nicht mal Insekten, umbringen, habe niemals einen Menschen wirklich gehasst und ich konnte auch niemals einem Menschen länger böse sein. Ich hatte immer den Wunsch, anderen zu helfen und mein Leben dem Guten in anderen zu widmen. Diese beiden Grundströmungen schienen sich öfters zu widersprechen. Zum einen Ärger oder Zorn, wenn etwas nicht richtig war meiner Ansicht nach, andererseits Ahimsa, niemandem wehtun wollen. Manchmal konnte sich das auch verbinden. Der Wunsch, anderen zu helfen und zu sehen, dass Menschen sich dagegen auflehnten, dass ich etwas Gutes getan habe für andere. Um diese beiden Grundströmungen miteinander zu verbinden, bemühte ich mich um Gelassenheit, aber eben engagierte Gelassenheit. Innere Gelassenheit und großes Engagement, anderen zu helfen.

Ich kann sagen, dass ich eine glückliche Kindheit hatte. Mindestens die ersten Jahre habe ich in sehr positiver Erinnerung. Ich hatte liebevolle Eltern, einen jüngeren und einen älteren Bruder, gut, mit dem es halt auch einmal brüderliche Zwistigkeiten gab, aber wir haben uns insgesamt sehr gut verstanden. Ich bin aufgewachsen in einem kindlichen christlichen Glauben, bin regelmäßig in den Kindergottesdienst gegangen, war gut aufgehoben auch mit Freunden und Verwandten und Großeltern, Tanten usw. Die Welt war also in Ordnung. Dennoch, wenn ich nicht bekommen habe, was ich wollte, wurde ich ärgerlich. Ich hatte durchaus ein cholerisches Temperament, mit einer Neigung zu Ärger und Zorn. Schon als Baby soll ich lauter und häufiger geschrien haben als meine beiden Brüder. Und ich bin auch aufgewachsen in dieser altmodischen Erziehung, es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Und das wollte ich nicht. Um das nicht essen zu müssen, musste ich mich übergeben. Soweit ging es also bei mir, wenn ich etwas nicht bekommen habe, dann wurde ich furchtbar ärgerlich. Auch sonst, wenn ich nicht bekam, was ich wollte, wurde ich ärgerlich, verließ den Raum und schlug Türen zu. Da kann ich mich zum Teil noch daran erinnern und meine Verwandten haben mir das so bestätigt.

So kam ich dann schon recht früh zum ersten Schritt für Gelassenheit und der heißt, Beschränkung auf Weniges, das aber mit Vehemenz. Mein erster Schritt gegen meine Neigung zum Ärger war – und das war schon als sieben-, acht-, neunjähriges Kind – Beschränkung auf Weniges, aber wenn ich dann etwas wollte, dann habe ich es mit Vehemenz verfolgt. Und das war meist eine recht erfolgreiche Strategie, sowohl gegenüber anderen als auch im Umgang mit mir selbst. Andere haben sich oft in Kleinigkeiten verloren, sich um Verschiedenes gekümmert. Ich habe mir überlegt, was mir wirklich wichtig ist, und es dann meist durchgesetzt, denn in vielem anderen konnte ich dann nachgeben. Des Weiteren, ich wollte nicht fremdbestimmt sein. Dass andere mir sagen würden, was ich zu tun habe, das war mir unerträglich. Also habe ich antizipiert, was von mir erwartet wurde. Sobald ich das halbwegs verstehen und nachvollziehen konnte, habe ich mich daran gehalten. So wurde ich insgesamt ein relativ braves Kind, sowohl in der Familie als auch in der Schule. Die Note im Betragen war meistens sehr gut oder gut. Trotzdem oder vielleicht deshalb habe ich meist bekommen, was ich wollte. Wenn ich schon mal etwas wollte, dann war das ein berechtigtes Anliegen und da wussten auch die anderen, da würde ich mich durchsetzen. Ich kann mich erinnern, ich wurde auch mal zum Klassensprecher gewählt, dort haben wir Gemeinsames organisiert. Ich habe mich öfters auch dafür verantwortlich gefühlt, dass die Klasse sich normalerweise benommen hat. Aber dann, wenn wir etwas wollten, haben wir es auch bekommen. Wir haben uns durchgesetzt, wann immer wir etwas durchsetzen wollten. Ich habe auch schon mal einen Klassenstreik bei einem Lehrer durchgesetzt, bis wir das bekommen haben, was wir wollten. Später als Jugendlicher habe ich irgendwann den Entschluss gefasst, ich will Vegetarier werden. Ich bin an den Mittagstisch gegangen – ich kann mich da heute noch daran erinnern – und habe gesagt: „Ab heute werde ich Zuhause kein Fleisch mehr essen.“

Das war damals etwas ganz Schräges und Außergewöhnliches. Meine Eltern hatten erst gedacht, dann würde ich krank werden. Aber meine Eltern wussten, da war nichts daran zu ändern. Wenn ich mir was in den Kopf gesetzt hatte, da konnte man nichts daran ändern, egal, wie viel man mir zuredete. So wurde ich dann von einem Tag auf den anderen Vegetarier und meine Mutter musste künftig vegetarisch kochen. Meine Mutter war dabei klug und sagte dann auch noch: „Gut, wenn du Vegetarier sein willst, dann musst du das auch so zum Ausdruck bringen, keine Süßigkeiten mehr, keine Schokolade, du musst jetzt Vollkorn essen und Salat und Gemüse.“ Dazu war ich dann auch bereit, obgleich ich bis dahin Gemüse nicht gemocht hatte, Salat auch nicht und eigentlich nur Zuckersachen geliebt habe.

Oder einmal, ich habe irgendwann begonnen zu reiten, wollte ich nicht mehr in den gemeinsamen Familienurlaub in die Skiferien gehen. Und so habe ich mich als Fünfzehnjähriger schon durchgesetzt und habe gesagt: „Ich gehe nicht in die gemeinsamen Ferien.“ Da war auch nichts mehr zu machen. Stattdessen habe ich die Reiterferien alleine mitgemacht. So habe ich insgesamt meine Eltern als recht antiautoritär erlebt, denn meistens habe ich ja getan, was von mir erwartet wurde. Ich bin nicht zu spät ins Bett gegangen, nicht zu spät nach Hause gekommen, habe nicht geraucht, keinen Alkohol getrunken usw. Mein jüngerer Bruder würde den Erziehungsstil meiner Eltern vermutlich etwas anders beschreiben, aber gerade deshalb, weil ich meistens brav war, habe ich dann, wenn ich mal was wollte, es bekommen. Allerdings, durch diese Fixierung, dass ich erfolgreich sein müsste, wenn ich etwas angehen würde, kam auch ein gewisser Erfolgsdruck. Und die Misserfolgstoleranz bei mir wurde eher noch geringer. Auch eine gewisse Schüchternheit und Lampenfieber verstärkten sich, denn wenn ich mich schon mal um etwas kümmern würde, dann müsste ich ja auch erfolgreich dabei sein.

So kam diese Strategie auch an ihre Grenzen. Z.B. ich kann mich erinnern an Fußballspiele, die man ja als Junge immer gemacht hat. Manchmal war es mir da egal, ob meine Mannschaft gewinnen würde, ich habe mich relativ entspannt eingesetzt, war meistens der Verteidiger. Aber einmal wollte ich unbedingt gewinnen, habe einen sehr großen Einsatz gezeigt. Dann kam es zum Pressschlag gegenüber jemanden, der mehrere Jahre älter war als ich. Das heißt, wir haben gleichzeitig heftig gegen den Ball getreten. Ich hatte eine Knieverletzung, das Knie war geschwollen, ich hatte einen furchtbaren Schmerz. Ich verbrachte mehrere Wochen im Krankenhaus und für zwei Monate konnte ich kein Gewicht auf den Fuß geben.

Auch der Umgang mit Tieren hat mich auf meinem Weg zur Gelassenheit sehr geprägt. Ich hatte eine Katze, die ich dressierte und die fast wie ein Hund neben mir laufen konnte und auf meine Schulter sprang auf Kommando. Ich hatte öfters mal einen Hund in Pflege von meinem Onkel und meiner Tante, ich bekam ein eigenes Pferd. Und da war es natürlich gut, meine eigenen Emotionen etwas unter Kontrolle zu haben. Da werde ich spät