Die vierundzwanzig Gurus von Dattatreya

Dattatreya entsagte allen Leidenschaften und wurde ein Avadhuta, ein Asket, der jegliche Bindung an weltliche Dinge abgelegt hat und ein verhaftungsloses Leben führt.

Die Avadhuta Gita ist eine Unterhaltung zwischen Dattatreya und Skanda und bringt die höchste Verwirklichungsstufen eines Jivanmukta, eines lebendig Befreiten, zum Audruck.

Auf die Frage nach dem Geheimnis seiner Fröhlichkeit erklärte Dattatreya, dass er von vierundzwanzig verschiedenen Wesenheiten die Weisheit erlernt habe.

Dattatreya sprach:

Meine vierundzwanzig Lehrer sind:

1. die Erde, 2. das Wasser, 3. die Luft, 4. das Feuer, 5. der Himmel, 6. der Mond, 7. die Sonne, 8. die Taube, 9. die Pythonschlange, 10. der Ozean, 11. eine Motte, 12. eine Biene, 13. der Honig-Sammler, 14. der Elefant, 15. der Hirsch, 16. ein Fisch, 17. Pingala – das Tanzmädchen, 18. der Rabe, 19. ein Kind, 20. ein junges Mädchen, 21. die Schlange, 22. der Bogen-Macher, 23. die Spinne und 24. ein Käfer

Die 24 Gurus von Dattatreya

1. Die ERDE lehrte Mich Geduld und Güte. Sie erträgt alle Verletzungen, die ihr die Menschheit zufügt, und doch bringt sie weiterhin all die Vegetation hervor, die alle Menschen nährt.

2. Vom WASSER lehrte ich Reinheit. So wie klares Wasser Schmutz von den Händen wäscht, so soll der Weise, der rein und frei von Ichbezogenheit, Lust, Ärger und Gier ist, diejenigen reinigen, die mit ihm in Kontakt kommen.

3. Von der LUFT habe ich gelernt, ohne Anhaftung zu sein, selbst wenn ich unter vielen Menschen bin. Denn auch die Luft bewegt sich zwischen den unterschiedlichsten Gegenständen, bleibt aber nicht daran haften.

4. So wie FEUER hell brennt, so sollte auch der Weise mit dem hellen Schein seines Wissens und mit Tapas (spirituelle Praxis; Disziplin; Askese) glühen.

5. Luft, Sterne und Wolken schmücken den HIMMEL. Der Himmel bleibt davon unberührt. So habe ich gelernt, dass der Atman oder die Seele alles durchdringt und dennoch keine Berührung mit irgendetwas hat.

6. Der MOND an sich ist stets vollkommen, doch scheint er ab- und zuzunehmen, je nachdem, wie die Erde ihren Schatten auf ihn wirft. So habe ich gelernt, dass der Atman immer vollkommen und unveränderlich ist und dass es nur Upadhis (begrenzende Attribute) sind, die ihre Schatten auf ihn werfen. Atman aber bleibt davon unbeeinträchtigt.

7. Die SONNE lehrte Mich das Geheimnis der Reflexion. So wie sich die eine Sonne in verschiedenen Wassergefäßen spiegelt, so reflektiert sich Brahman in den verschiedenen Körper aufgrund der Atribute des Geistes.

8. Einst sah ich ein TAUBEN-Paar mit ihren Jungvögeln. Ein Vogelfänger spannte ein Netz, um sie zu fangen. Die Jungen gingen ihm ins Netz. Die Vogelmutter hing an ihren Jungen und eilte nach – auch sie verfing sich im Netz. Der Täuberich hing an seiner Frau und eilte nach – auch er verfing sich in den Maschen. So wurde die ganze Tauben-Familie gefangen. Dadurch habe ich gelernt, dass Anhaftung der Grund für Bindung ist.

Oh lieber Freund – du mein Geist! Was nützt das viele Reden? All dies hier ist wahrlich unbeschreibbar. Was immer das Wesen ist, von dem ich dir erzählt habe, – du allein bist die Wirklichkeit, die ungebunden ist wie der Raum. — aus der Avadhuta Gita

9. Die PYTHONSCHLANGE wandert nicht umher, um Nahrung zu finden. Sie bleibt zufrieden an einer Stelle liegen mit allem, was sie bekommt. Ich habe daraus gelernt, nicht an meine Nahrung zu denken und mit allem, was ich zu essen bekomme, zufrieden zu sein (Ajagara Vritti).

10. So wie der OZEAN unbewegt bleibt, obwohl hunderte von Flüssen in ihn hineinströmen, so sollte auch der weise Mann bei allen möglichen Versuchungen, Schwierigkeiten und Ärgernissen unbewegt bleiben. Diese Lektion habe ich vom Ozean gelernt.

11. Die MOTTE lehrte Mich, die Sinne zu beherrschen und den Geist auf das Selbst zu richten. Denn so wie die Motte sich in das strahlende Feuer verliebt, hinein gerät und darin verbrennt, so verliebt sich der leidenschaftliche Mann in die bezaubernde Frau und verbrennt in der verzehrenden Leidenschaft.

12. Die SCHWARZE BIENE nimmt den Honig aus verschiedenen Blüten, nicht nur aus einer. Ebenso gehe auch ich bei meinem Bettelgang von Haus zu Haus, um keine Last für jemanden zu sein.

13. Bienen sammeln Honig mit großer Mühe – dann kommt ein Honig-Sammler und nimmt den Honig weg. Dadurch erkannte ich die Sinnlosigkeit des Hortens. Denn obwohl die Menschen mit großer Mühe Besitz und andere Dinge anhäufen, müssen sie am Ende alles aufgeben und aus dieser Welt scheiden, wenn sie der Tod ereilt.

14. Der ELEFANT fällt in eine mit Gras bedeckte Grube, wenn man ihn mit der Attrappe von einer Elefantenkuh dort hineingelockt hat. Dann wird er angekettet und brutal zurechtgewiesen. Genauso erliegen leidenschaftliche Männer dem Liebreiz der Frauen und erleiden viel Kummer. Darum sollte man seine Sinnenlust überwinden.

15. Der HIRSCH wird aufgrund seiner Neugier für Musik angelockt und mit dieser List vom Jäger gefangen. Ebenso wird der Mann von anzüglichen Liedern und Reizen betört, verliert seinen Charakter und ist dem Untergang geweiht.

16. Der Fisch schnappt gierig nach dem Köder und wird so eine leichte Beute für den Fischer. Der Fisch lehrte Mich, die Gier nach Nahrung zu bezähmen.

17. Es gab einmal in der Stadt Videha ein TANZMÄDCHEN namens Pingala. Eines Nachts hatte sie es satt, noch weiter auf Kundschaft zu warten, weil sie ohne Hoffnung war. Dann gab sie sich damit zufrieden und fiel in sanften Schlaf. Von Pingala habe ich gelernt, dass das Aufgeben der Wünsche zur Zufriedenheit führt.

18. Ein RABE nahm mit seinem Schnabel ein Stück Fleisch vom Boden auf. Daraufhin wurde er von anderen Vögeln angegriffen, ließ seine Beute fallen und erlangte dadurch wieder Ruhe und Frieden. So habe ich gelernt, dass ein Mensch Mühsal und Elend ausgesetzt ist, wenn er den Sinnenfreuden hinterherjagt, und dass er frei wie ein Vogel wird, wenn er sie wieder aufgibt.

19. Ein KIND ist frei von Sorgen, Kümmernissen und Angst und immer fröhlich, wenn es die Milch der Mutter trinkt. Vom Kinde habe ich Frohsinn und Heiterkeit erlernt.

20. Die Eltern eines jungen Mädchens suchten nach einem passenden Bräutigam. Eines Tages war das MÄDCHEN allein zu Haus. Da erschien eine Gruppe junger Männer, um ihr einen Heiratsantrag zu machen. Das Mädchen bat die Besucher hinein und ging in die Küche, um Reis für das Essen zu schälen. Während des Schälens klirrten ihre zahlreichen Armreife. Da sorgte sich das Mädchen sehr, ob es wohl die Besucher verschrecke wenn sie den Reis eigenhändig schälte, weil es an Personal mangelte, was darauf hinwies, dass die Familie nicht wohlhabend genug war. Da zerbrach sie ihre Armreifen bis auf zwei an jeder Hand. Doch auch diese beiden machten noch ein störendes Geräusch. So zerbrach sie je einen weiteren Armreif woraufhin es endlich still wurde. Dadurch lernte ich, dass das Beisammensein mit anderen  Unstimmigkeit, Unruhe und Konflikt mit sich bringt. Der Wahrheitsliebende sollte daher die Einsamkeit suchen und allein im Frieden verweilen.

21. Eine SCHLANGE baut sich kein Loch. Sie lebt in Löchern, die andere gegraben haben. So sollte auch der Sannyasin kein eigenes Haus bauen, sondern in Höhlen leben, die von der Natur geschaffen wurden oder in Tempeln, die andere zur Ehrerbietung erbaut haben.

Ich bin ohne Makel und ich bin das Feuer, welches alle Makel verbrennt. Ich bin ohne Eigenschaften und ich bin das Feuer, welches alle Bindungen verbrennt. Ich bin die unsterbliche Weisheit, das unterschiedslose Wesen – alldurchdringend wie der Raum. — aus der Avadhuta Gita

22. Einst war der Geist eines PFEILMACHERS gänzlich darin vertieft, einen Pfeil auf perfekte Weise anzuspitzen. Währenddessen zog ein König mit seinem Gefolge an seiner Werkstatt vorbei. Einige Zeit später wurde der Pfeilmacher von jemandem gefragt, ob er den König an seinem Laden habe vorbeikommen sehen. Aber der Handwerker hatte nichts dergleichen bemerkt. Weil der Geist des Handwerkers einzig und allein auf seine Arbeit gerichtet war, habe ich von ihm die Eigenschaft der hohen Konzentration erlernt.

23. Die SPINNE lehrte mich, mich von weltlichen Gedanken zu lösen und und mich nur auf Brahman zu konzentrieren. So wie die Spinne die Fäden aus ihrem Körper heraus lässt und ihr Netz webt, in dem sie sich aufhält, so formen die Menschen ein Netz aus Gedanken und werden darin gebunden.

24. Der Bhringi – ein KÄFER – tötet den Wurm mit einem Stich und bringt ihn in sein Nest. Der Wurm fürchtet stets die Wiederkehr des Käfers und einen weiteren Stich. Durch seine Furcht wird er selbst zum Käfer. Auch der Mensch ist das Produkt seiner Gedanken. Der Mensch wird zu jener Form, an die er ununterbrochen denkt. Was ein Mensch denkt, das wird er. So habe ich vom Käfer und vom Wurm gelernt, dem Atman gleich zu sein, indem ich ununterbrochen über Ihn nachdenke.

All dies hier erstrahlt als das Ungeborene und Unerschaffene. All dies hier erstrahlt als das nicht Bestätigte – frei vom Wechsel des Samsara. All dies hier erstrahlt als das Unzerstörbare und Unsterbliche. Ich bin die unsterbliche Weisheit, das unterschiedslose Wesen – alldurchdringend wie der Raum. — aus der Avadhuta Gita

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