Pranayama: Atem-Wellen – die Basis für Pranayama (Teil 5)

Nachdem wir in den bisherigen Artikeln geklärt haben, was Pranayama kann und wann und wie wir es üben können, wollen wir uns nun allmählich den Techniken zuwenden.

In den Yoga Sutras von Patanjali, einer der wichtigsten Schriften des Yoga, sind keine genauen Techniken beschrieben. Weder für Asana, noch für Pranayama, Pratyahara oder Meditation und Samadhi. Das liegt daran, dass die Sutras eine allgemeine Schrift sind, die generell Aussagen darüber macht, was wann und wie geübt wird und was die Ergebnisse sind.

Alles, was Patanjali über Pranayama sagt ist, kurz zusammengefasst, dass es internes, externes und mittleres Kumbhaka (Atem Anhalten) sowie kevala kumbhaka (Zustand, in dem der Atem ganz von selbst aufhört) gibt und dass wir während des Pranayama beobachten, wo sich der Atem im Körper bewegt, wie lange wir einatmen, ausatmen und den Atem halten und wie viele Runden absolviert werden. Dadurch wird der Atem lang und fein und Konzentration, die Vorstufe von Meditation wird möglich. (Patanjali II 50-53)

Welche Techniken genau ausgeführt werden, überlässt Patanjali den Lehrern, die ihre Schüler direkt vor sich haben und entscheiden, was individuell für den oder die SchülerIn in diesem Moment passt. Solange die Ergebnisse stimmen, stimmt die Technik.

Die Wechselatmung und ihre Wirkung auf unser Gehirn

Die Hauptpraxis des Pranayama ist die Wechselatmung, welche mit Nadi Shuddhi (Wechselatmung ohne Anhalte-Phase) oder Nadi Shodhana (Wechselatmung mit Anhalte-Phase) bezeichnet wird.

Diese Technik reinigt die feinstofflichen Energiekanäle (Nadis) und gleicht die Funktion der linken und rechten Gehirn-Hemisphäre aus.

Die beiden Gehirn-Hemisphären werden auch als Sonne und Mond bezeichnet und haben verschiedene Aufgaben:

Die rechte Gehirn-Hemisphäre:

  • verbunden mit dem linken Nasenloch
  • Mond
  • weibliche Eigenschaften
  • aufbauend, nährend, Anabolismus
  • passiv, aufnehmend
  • Entspannung, Regeneration
  • Kreativität

Die Linke Gehirn-Hemisphäre:

  • verbunden mit dem rechten Nasenloch
  • Sonne
  • männliche Eigenschaften
  • abbauend, verbrauchend, Katabolismus
  • aktiv, penetrierend
  • Aktivität
  • Logik

Damit wir im Alltag gut funktionieren, ist es wichtig, dass beide Seiten in Balance sind, damit wir in jeder Situation passend reagieren können. Wenn jemand z.B. Physik studiert oder Mathematik Unterricht gibt, muss in dieser Zeit das rechte Nasenloch und damit die linke Gehirn-Hemisphäre aktiv sein.

Kommt diese Person zu ihrer Familie nach Hause und Familienangehörige erzählen von ihren Problemen des Tages, ist es wichtig, dass das linke Nasenloch und damit die rechte Gehirn- Hemisphäre aktiv ist, damit die Person angemessen auf sie eingehen kann.

Leider ist das in unserer Gesellschaft selten der Fall. Wir leben in einer sehr solaren Kultur, in der Aktivität und die Arbeit mit dem Kopf im Vordergrund stehen. Viele Menschen sind permanent auf solar geschaltet und können ihren Liebsten selten oder gar nicht offen und aufnehmend begegnen. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum es so viele Trennungen und Scheidungen gibt.

Die Wechselatmung ist ein sehr effektives Instrument, um die Gehirnhälften wieder in Balance zu bringen. Bereits 5-10 Minuten tägliche Übungen haben eine bemerkenswerte Wirkung. Dadurch wird klar, dass Pranayama eine wichtige Praxis für Menschen ist, die sich im Arbeits- und Familienleben befinden und sich permanent auf verschiedene Anforderungen einstellen müssen.

Unbewusste Atemmuster

Bevor man mit den Pranayama Techniken wie der Wechselatmung beginnt, sollte man sich mit den eigenen Atemmustern vertraut machen und diese ggf. ausgleichen und harmonisieren. Viele Menschen haben sich im Laufe ihres Lebens ungesunde Atemmuster angewöhnt.

So wie sich Konditionierungen in unserem Gewebe z.B. als Muskelverspannungen und verklebte Faszien manifestieren, so manifestieren sie sich auch in unseren Atemgewohnheiten, indem bestimmte Atemräume weniger oder gar nicht beatmet werden.

Wir haben verschiedene Atemräume. Grob gesagt, kann man in den Unterbauch (unterhalb des Bauchnabels), in den Oberbauch (oberhalb des Bauchnabels) und in den Brustkorb (von den unteren Rippen bis zu den Schlüsselbeinen) atmen.

Bei einer gesunden harmonischen Atmung werden alle diese Bereiche belüftet und wieder geleert. Oft schleichen sich jedoch unbewusste Atemmuster ein, die wir lieber nicht mit in unsere Pranayama-Praxis nehmen möchten.

So haben Menschen, die zu Depression, Niedergeschlagenheit und Negativität leiden, oft die Angewohnheit, ausschließlich in den Bauch zu atmen. Der Brustkorb bleibt unbeatmet und ist oft eingefallen. Die Schultern hängen nach vorne und komprimieren den Brustraum, sodass es kaum möglich ist, dort hinein zu atmen. Solche Menschen können verstärkt Rückbeugen üben, an ihrer Schulterausrichtung arbeiten und üben in den Brustraum zu atmen.

Das andere Extrem sind Menschen, die keinen Zugang zu ihren Gefühlen haben oder diese verstecken und nach Außen hin „ein Show“ abziehen. Sie atmen ausschließlich in den Brustraum und der Bauch wird nicht beatmet und ist oft sogar verhärtet. Für diese Menschen sind Vorbeugen und Drehungen gut und sie sollten üben, den Bauch weich zu lassen und dort hinein zu atmen.

Atem-Wellen

Um uns mit unseren Atemmustern und -gewohnheiten vertraut zu machen und sie auszugleichen, gibt es die Technik der Atem-Wellen, mit denen wir unsere Atemräume erforschen können und lernen alle Bereiche gleichmäßig zu belüften.

Es gibt viele verschiedene Atem-Wellen-Techniken. Sie unterscheiden sich in der Anzahl der Atem- Räume, in die der Rumpf eingeteilt wird (2,3,6), in der Reihenfolge, in der diese gefüllt und geleert werden (hoch-runter, doppelt-aufwärts) und in der Körperhaltung (liegend, sitzend).

Die Atem-Wellen sind die Basis für alle anderen Pranayama-Techniken. Sie helfen uns dabei, alle Atemräume gleichmäßig zu beatmen und somit zu einem gesunden Atemmuster zu gelangen und stellen die Grundtechnik jeder Pranayama-Technik dar.

So unterscheidet sich die Wechselatmung in ihrer Atem-Welle von Kapalabhati und dieses sich wiederum von Bhastrika. Die angewendete Atem-Welle ist manchmal sogar der grundsätzliche Unterschied zwischen zwei Techniken, wie wir später noch sehen werden.

Bevor wir also die bekannten Übungen Wechselatmung, Kapalabhati und Bhastrika genauer anschauen, wollen wir uns mit den wichtigsten Atem-Wellen bekannt machen:

  • 2-geteilte auf und ab Welle (im Liegen und im Sitzen)
  • 2-geteilte doppel-aufwärts Welle (im Liegen und im Sitzen)
  • 3-geteilte auf und ab Welle (im Liegen und im Sitzen)
  • 3-geteilte doppel-aufwärts Welle (im Liegen und im Sitzen)

Die 6geteilten Wellen lasse ich in diesem Kontext aus, da sie die Basis für fortgeschrittenere Techniken und Meditationsformen sind.

Mehr zu den oben genannten Atem-Wellen in der nächsten Folge…

Om Shanti Shanti Shanti

Deine Gauri

Quellen:

  • Yoga Sutra von Patanjali
  • Pranayama – The Breath of Yoga, Gregor Maehle

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