Schweige-Retreat: Urlaub für die linke Gehirnhälfte

Ältere Frau beim Meditieren im Schweige-Retreat

Das ist ein Versuch, das Schweige-Retreat im Westerwald Ashram im November 2018 zusammenzufassen: fünf erkenntnisreiche, emotionale und erquickende Tage. Ein Bericht über gedankliche Glitzerpartys und düstere Denkdebatten.

Ich sitze auf meinem Meditationskissen und schaue in die Runde. Dabei sehe ich 24 andere Mutige: Männer und Frauen, jünger und älter, alles bunt durchmischt. In der kurzen Vorstellrunde wird klar, die Bandbreite reicht von langjährigen Schweige-Retreat Wiederholungstätern über treue Yoga-(Vidya)ner bis hin zu blutigen Schweige- und Yogaanfängern.

Alle haben wir unserer linken Gehirnhälfte, der eher logisch-analytischen Hälfte, für die kommenden Tage Urlaub verordnet. Wir werden schweigen! Da dieser Teil des Gehirns vorwiegend über Worte und Schrift gespeist wird, gilt natürlich auch die Empfehlung, keine Bücher zu lesen. Dass mein Kopf nach rationalem Stoff lechzt wie ein Süchtiger, soll ich dann am nächsten Abend realisieren, als ich mich beim Duschen dabei ertappe, wie ich die Shampoo-Inhaltsstoffe exzessiv studiere. 21.47 Uhr. Es wird ernst. Wir erhalten alle unsere Schweige-Anstecker.

Morgenstund´ hat Gold im Mund: Loslassen im Schweige-Retreat

Ich fühle mich getragen von der Gruppe. Es fällt mir ungewöhnlich leicht, morgens 5:30 Uhr aus dem Bett zu schleichen. Pünktlich um 6 Uhr sitze ich auf meinem Mediationskissen und harre der Dinge, die da kommen. „Endlich still!“, denke ich. Nett gedacht … Ich schrecke auf vom wiederholten Zucken meines Kopfes nach vorn. Da bin ich wohl im wahrsten Sinne des Wortes weggenickt.

Erschrocken stelle ich fest, dass mein Körper, trotz erholsamen acht Stunden Schlafs, von der Idee, nicht mehr zu liegen, nicht gerade der größte Fan ist. Das hatte ich mir augenscheinlich anders vorgestellt. Schon fast will ich mich meinem Frust darüber hingeben, da erläutert unser Seminarleiter Maheshwara Mario Illgen „zufällig“, wie sich bei vielen Menschen anfangs eine unglaubliche Müdigkeit aufbäumt.

Eine Mattheit, die, einmal eingeladen, unaufhaltsam ihren Raum fordert. Es ist diese unterschwellige Abgespanntheit, die „wir“ erzeugen durch das ständige Hin- und Herspringen zwischen Rajas und Tamas im Alltag. Diese tiefsitzende Angst, funktionieren zu müssen, um geliebt zu werden (mehr zum Umgang mit Angst).

Es ist dieser festsitzende Glaubenssatz, ich dürfe mir ein Nichtstun nicht erlauben. Sie überfällt mich wie eine dunkle Schwere, als mir die inneren Kämpfe dämmern, die meine Erschöpfung erklären könnten. „Was ist, wenn ich diesen Moment einfach genauso annehme, wie er ist?“

Durchzogen mit zwei Yogastunden, zwei Satsangs und zweimal super, leckerem Essen, tief berührenden Mantras und inspirierenden Kurzvorträgen, meditieren wir im Schweige-Retreat ca. 4 ½ Stunden am Tag. Dabei stellen wir uns immer wieder innerlich die Frage: „Was ist, wenn ich diesen Moment einfach genauso annehme, wie er ist?“. Wir praktizieren auf diese Weise eine reine, pure Form der Aufmerksamkeit, wobei wir unseren Fokus nicht auf Erfahrungsobjekte richten.

Reden ist Silber, das Schweige-Retreat eine Herausforderung

Vielmehr versuchen wir, uns als stets anwesende Bewusstheit zu erfahren. Ewiglich und unvergänglich. Denn das ist unsere wahre Natur. An Tag 2 haben scheinbar alle ihre Strategie entwickelt, um sich nicht vom schmerzenden Rücken, oder ziehenden Beinen unterkriegen zu lassen. Es werden Kissenburgen gebaut, Stühle mit Decken gepolstert und Mediationsbänke präpariert. Mein eher hyperaktiver Körper jubelt über die Möglichkeit kurzer Gehmeditationen zwischen den einzelnen Sitzungen. Ich fühle mich sowohl gefordert als auch unglaublich unterhalten.

Eine Mischung ganz nach meinem Geschmack

Maheshwara schafft es, die ganze Gruppe des Schweige-Retreat an die Hand zu nehmen. In der Feedbackrunde wird klar, dass er tatsächlich das quasi Unmögliche schaffte: jeden genau an dem Punkt abzuholen, an dem er/ sie vor dem Schweige-Retreat stand. Er bringt lebensnahe, witzige Beispiele, vermengt mit tiefem spirituellem Wissen. Auf schriftliche Fragen zitiert er spontan eine passende Stelle aus der Bhagavad Gita inklusive Kapitel und Vers. Ich fühle mich sowohl gefordert als auch unglaublich unterhalten.

Er spricht ehrlich und authentisch aus, was sich wahrscheinlich jede/r schon mal gefragt hat: wie man wieder zurückfindet, wenn es scheinbar einfach nicht funktionieren will mit dieser Meditation. Wenn man stundenlang dasitzt und sich fragt, ob man jetzt eigentlich schon meditiert. Und warum man das hier eigentlich tut.

Oder ob die anderen schon bemerkt haben, dass man keinen Schimmer hat, was man hier tut, wenn man nach ganzen vier vergangenen Minuten schon wieder auf die Uhr schaut. Und sich fragt, wie es denn der Nachbar hinbekommt, so gelassen auszusehen, dem Samadhi nah. Ich fühle mich verstanden. Gesehen.

Stille Gewässer sind sehr tief – und schlammig

Versunken im Universum meiner Gedanken holt mich Maheshwaras angenehme Stimme ruhig aber bestimmt zurück ins Hier und Jetzt: „Und wenn dein Geist abdriftet, dann bringe ihn ganz einfach wieder zurück in diesen Moment. “ Ich stelle mir meinen Geist als alte, verwirrte, ein wenig verrückte Dame vor. Eine dieser Omis, der man einfach nicht böse sein kann, dass sie schon wieder, zum hundertsten Male, eine ihrer verrückten Flunker- Geschichten von damals ausschmückt.

Eine tiefe Begegnung mit dir Selbst

Meine alte Dame ist sehr redselig und berichtet von früheren Liebhabern, Kindheitsträumen und Schabernack in der Jugend. Weinerlich berichtet sie auch von meinen alten Narben, vergessenen Wunden und Erinnerungen, die bis jetzt tief vergraben waren. Mir rollt eine Salzkuller über die Wange … Ich nehme die Alte verständnisvoll in den Arm, nicke ihr ganz nett zu.

Dann begleite ich sie aber konsequent wieder zurück in die Stille. „Endlich still!“, denke ich. Nichts mehr sagen müssen.

Nicht mehr gegenreden müssen. Nichts mehr müssen. Sein dürfen. Sein. Nett gedacht! Es wird unglaublich laut. Da ist diese scheinbar unerträgliche, schreiende Stille. Mein innerer Kommentator sitzt in einer düsteren Eckkneip