Umgang mit Angst – Ratschläge aus den sechs Yogawegen

Angst ist etwas ganz natürliches, etwas, das alle Lebewesen haben. Zumindest alle Tiere von den Amphibien aufwärts. Angst ist etwas, was zum Menschsein dazugehört und etwas Wichtiges. Aber zu viel Angst ist nicht gut. Zu viel Angst kann lähmen und zu einer psychischen Beschwerde werden.

Erfahre in diesem Beitrag, was die sechs Yogawege über den Umgang mit Angst sagen und wie du es schaffen kannst, die Angst anzunehmen und sie schließlich zu überwinden.

Die sechs Yogawege und der ganzheitliche Yoga

Traditionell entschieden sich Aspiraten meist für einen Yogaweg und gingen diesen dann konsequent in der jeweiligen Tradition. So gab es Jnani Yogis, Bhaktis Yogis, Hatha Yogis usw. und jeder von ihnen nahm einen anderen Ansatz, um die Selbstverwirklichung zu erreichen. Welchen Weg man einschlug und wie man praktizierte hing stark davon ab, welchen Lehrer man hatte.

Tradition und ihre unverfälschte Weitergabe war den Yogis sehr wichtig, da sie den ursprünglichen Gedanken nicht verlieren wollten. Doch manche hingen so fest an den Regeln und Vorstellungen ihrer Tradition, dass sie eben diesen Ursprung übersahen und die Essenz verloren ging.

Swami Sivananda beobachte diese Entwicklung und veränderte mit seiner Einführung des integralen und ganzheitlichen Yogas alles. Plötzlich konnte jeder Zugang zu Yoga finden und die Aspekte der verschiedenen Yogawege so kombinieren, dass er oder sie die bestmögliche Praxis für sich haben kann.

Jnana Yoga über Angst

Jnana Yoga ist der Yoga des Wissens. Swami Sivananda definiert Jnana Yoga als Hinterfragung des Selbst, das zu Erkenntnis und schließlich zur Befreiung führt. Wenn wir erst einmal wissen, dass wir nicht dieser Körper oder die Psyche sind, auch nicht Emotionen oder Gefühle, wovor brauchen wir dann noch Angst haben?

Ein Jnana Yogi fragt sich: Wer bin ich? Er lernt den Körper zu beobachten und die Gedanken und Gefühle zu beobachten. So kann er Verhaftungen erkennen und sich von ihnen lösen – so auch von der Angst.

Wo ist die Angst spürbar? Vielleicht überhalb des Nabels bis hin zur Brust, oder sogar bis zum Hals. Vielleicht breitet sie sich auch aus bis tief in den Körper hinein. Oft ist Angst in einem bestimmten Areal spürbar. Durch die einfache Beobachtung können wir erkennen, dass wir jenseits dieses Bereiches sind, jenseits der Angst.

Uns daran zu erinnern, dass wir nicht die Angst sind, sondern jenseits davon, kann eine gute Möglichkeit sein, um uns von ihr zu distanzieren und mit ihr umgehen zu lernen.

Raja Yoga über Angst

Raja Yoga ist der königliche Yoga. Da Raja Yoga sozusagen der psychologische Yogaweg ist, könnte man hier sehr viel über Angst sagen.

Raja Yoga gibt vor allem Tipps wie wir mit Ängsten mithilfe von Pratipaksha Bhavana umgehen können. Pratipaksha Bhavana ist die Praxis, bei der die gegenteilige Eigenschaft kultiviert wird.

Wenn wir Mut und Vertrauen entwickeln, dann haben wir weniger Angst. Wenn wir mit Angst konfrontiert werden, dann könnten wir uns z.B. bewusst sagen: Okay, da ist gerade Angst, aber dieser Situation möchte ich mich jetzt erst recht aussetzen, bis ich keine Angst mehr davor habe.

Wenn wir Angst haben, vor Menschen zu sprechen, dann können wir es uns zur Aufgabe machen, vor Menschen zu sprechen. Wenn wir Angst haben von einem Einmeterbrett zu springen, dann können wir es uns zur Aufgabe machen, von einem Dreimeterbrett zu springen. So können wir die Angst überwinden.

Jedes Mal, wenn wir etwas tun, um Mut zu entwickeln, verlieren wir Angst. Dabei können wir ja mit Dingen anfangen, die wir uns zutrauen – wir müssen nicht gleich mit dem Schwierigsten anfangen.

Bhakti Yoga über Angst

Bhakti Yoga ist der Yoga der Hingabe und des Vertrauens. Im Bhakti Yoga machen wir uns bewusst, dass hinter Allem die unendliche, ewige Wirklichkeit steckt – dass hinter Allem der Wille Gottes wirkt.

Gott gibt uns genau die Herausforderungen, die wir brauchen. So können wir uns dem Göttlichen anvertrauen. Wie ein kleines Kind zu seiner Mutter rennt, wenn es etwas Angst hat, so können wir zu Gott rennen und sagen: „Dein Wille geschieht. Ich weiß nichts, du weißt alles. Ich kann nichts, du kannst alles.“

Daher können wir uns bewusst sein, dass wir Gott dienen möchten und den Willen Gottes tun möchten. Dann können wir Vertrauen haben, auch mit unseren Ängsten und unserer menschlichen Schwäche umgehen zu können und das Richtige zu tun.

Karma Yoga über Angst

Karma Yoga ist der Yoga des uneigennützigen Dienens. Im Karma Yoga gehen wir davon aus, dass wir alle Kräfte haben, die wir brauchen und dass wenn wir irgendwo Angst oder Lampenfieber haben, es wahrscheinlich einen Grund dahinter gibt.

So können wir die Angst als Hilfsmittel verwenden. Wenn es einen Grund hinter unserer Angst gibt, dann können wir darauf achten.

Auch ist es unsere Angst, die uns hilft vorsichtig zu sein, geschickt zu sein und nicht leichtsinnig zu werden. Und selbst wenn wir auf einem Gebiet mal ängstlich sind, in denen wir lieber nicht ängstlich wären oder ängstlich zu sein brauchen, selbst dann ist es besser zehnmal zu viel ängstlich zu sein als einmal zu wenig.

Einmal zu wenig ängstlich zu sein kann heißen, dass du vom Auto überfahren wirst – oder in früheren Zeiten vom Tiger gefressen. Es ist also okay, hin und wieder ängstlich zu sein. Wir brauchen uns ja nicht von der angst beherrschen zu lassen. Wir können sie als eine Art Alarmsignal betrachten.

Kundalini Yoga über Angst

Kundalini Yoga ist das Yoga der Energien. Kundalini Yoga würde sagen, wenn wir Angst haben bedeutet das, dass wir zu viel unruhiges Prana haben. Wenn wir zu viel unruhiges Prana haben, dann sind wir ängstlich.

Wenn wir lernen, unser Prana zu konzentireren und wenn wir lernen wirklich bewusst mit unserem Prana umzugehen, dann können wir Ängste überwinden.

Kundalini Yoga würde aber auch sagen, dass Angst eine Aktivierung von Prana ist. Angenommen wir sind müde und plötzlich begegnen wir etwas, vor dem wir Angst haben; ganz auf einmal sind wir hellwach und imstande, Dinge zu tun.

So können wir dankbar sein, wenn wir ängstlich sind, denn Angst hilft uns dabei, Energie zu haben und Dinge anzugehen.

Hatha Yoga über Angst

Im Hatha Yoga lernen wir, dass unsere Körperhaltung und unsere Emotionen zusammenhängen. Wenn wir ängstlich sind, können wir schauen, welche Körperhaltung wir gerade haben und dann überlegen, welche Körperhaltung wir hätten, wenn wir mutig und gelassen wären.

Wie würde ich sitzen, wie würde ich stehen, wie würde ich körperlich mit dieser Situation umgehen?

Wenn wir uns diese Fragen stellen, können wir unsere Handlungen anpassen und so die Angst verwandeln. Und selbst wenn dann immer noch etwas Angst da ist, ist das nicht schlimm.


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1 Kommentar zu “Umgang mit Angst – Ratschläge aus den sechs Yogawegen

  1. Ingrid Strohmayer

    vielen dank für die schriftliche und mündliche Ausführung zum Thema Angst in komprimierter und eindeutiger Form. ich bin gerade in einer für mich neuen situation vor der ich angst habe, diese Herausforderungen zu bewältigen. Der Beitrag hat mir einiges aufgezeigt und klargemacht, wieder in Erinnerung gerufen. danke dafür

    namasté
    Ingrid

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