Was ist Kundalini?

Auszug aus dem Buch „Die Kundalini Energie erwecken“ von Sukadev BretzDie Kundalini-Yoga-Meister sagen, dass im Menschen ein riesiges Potential an Fähigkeiten, Talenten und Möglichkeiten latent vorhanden ist. 

Demnach ist der Mensch absolutes, reines Bewusstsein – Shiva oder Parama Shiva genannt – und verfügt über die gesamte kosmische Urenergie, die als Shakti bezeichnet wird.

Diese kosmische Urenergie hat das Leben zur Entfaltung gebracht und sie wirkt weiter in der kontinuierlichen Evolution der gesamten Schöpfung. Es ist diese Urenergie, die aus der Mineralwelt die Pflanzen hat entstehen lassen, aus den Pflanzen die Tiere, aus den Tieren den Menschen. Es ist diese Energie, die den Menschen ruhelos werden, suchen und nach etwas Höherem streben lässt. Es ist schließlich auch diese Energie, die dem Menschen verhilft, das Höchste, die Einheit mit dem Absoluten, zu erreichen.

Kundalini Yoga und Evolution

Diese Kundalini Yoga (Yoga der Energie)-Theorie lässt sich auch gut mit der Darwin’schen Evolutionstheorie verbinden. Darwin postulierte die Theorie des »Survival of the Fittest«, des Überlebens des am besten an Umweltgegebenheiten Angepassten. Diese Theorie mag erklären, wieso Menschen am Äquator (mit erhöhter Sonneneinstrahlung) eine dunklere Hautfarbe haben, warum in trockeneren Gegenden Hartlaubgewächse überwiegen etc. Aber wie Leben überhaupt entsteht und wie aus einfachen Lebensformen komplexe Lebensformen entstehen, wird durch die Darwin’sche Evolutionstheorie nur unzureichend erklärt.

Im Kundalini Yoga sagt man, dass in jedem Lebewesen die Kundalini Shakti (Shakti = Kraft) als evolutionäre Energie wohnt. Dass diese Energie das innewohnende Bewusstsein immer mehr zur Entfaltung bringen will und daher im Lauf der Zeit immer komplexere Formen von Leben erscheinen lässt. Die Darwin’sche Evolutionstheorie kann dann erklären, wie sich Lebensformen an die Umweltgegebenheiten anpassen. Kundalini Yoga kann auch erklären, warum sich nach großen Katastrophen (beispielsweise dem Aussterben der Dinosaurier und der meisten anderen Lebewesen vor etwa 60 Millionen Jahren) das Leben immer wieder neu entfaltet hat und schließlich komplexer wurde als zuvor: Die Kundalini Shakti ist allem innewohnend und wird immer wieder das Leben zur Entfaltung bringen. Daher würden die Kundalini Yogis annehmen, dass es Leben auch auf anderen Planeten geben müsste. Wenn die äußeren Umweltgegebenheiten nur annähernd geeignet sind, wird sich Leben entfalten wollen.

Erwachen der Kundalini

Die Kundalini-Energie gilt im Menschen als schlafend (Kundalini bedeutet »die Aufgerollte« – symbolisch für eine schlafende Schlange), aber nicht als tot, beziehungsweise nicht existent. Sie kann in verschiedenen Stufen schrittweise erwachen. Ein erstes Zeichen für dieses Erwachen ist es, wenn man sich Fragen stellt: »Wer bin ich«? »Woher komme ich«? »Wohin gehe ich«? »Was ist der Zweck des Lebens«? Je weiter die Kundalini erwacht, desto intensiver treibt sie den Suchenden dazu, nicht bei diesen Fragen stehen zu bleiben, sondern etwas zu tun – spirituell zu suchen, zu praktizieren.

Kundalini ist die Kraft hinter Genies, hinter Menschen mit großartigen Begabungen wie Leonardo da Vinci, Mozart, Goethe, Newton, Einstein und vielen anderen, hinter allen großen charismatischen Persönlichkeiten. Nicht umsonst findet man in den Tagebüchern und persönlichen Briefen vieler Genies Berichte über Energieerweckungen, heiße Wirbelsäulen, Klopfen und Erschütterungen in der unteren Wirbelsäule, besondere Erfahrungen im Herzen, in der Mitte der Stirn oder an der Schädeldecke, Bewusstseinserweiterungen. Einstein selbst sagte, dass er sich ein Leben ohne Gotteserfahrung kaum vorstellen könne.

Letztlich ist Kundalini die Energie hinter jeder spirituellen Erfahrung und die evolutionäre Energie hinter der ganzen Menschheit. Diese Kundalini-Energie bringt Einzelne in immer neuen kreativen Schüben zu neuen Erfindungen und kulturellen Höchstleistungen.

Erfahrungen bei der Erweckung der Kundalini

Die Kundalini-Energie ist in jedem Wesen mehr oder weniger aktiv. Bei den meisten ist sie schlafend und nur sehr gedämpft aktiv. Ihr Erwachen vollzieht sich schrittweise und, außer in vorübergehenden plötzlichen und scheinbar unbegründbaren psychischen Krisen und biografischen Brüchen, kaum merklich. Ist die Energie stärker und sind die Energiekanäle noch nicht ausreichend gereinigt, kann sie zu diversen Energieerweckungserfahrungen führen: starke Hitze, besonders in der Wirbelsäule, Erschütterungen und Zittern im ganzen Körper, Energieempfinden im ganzen Körper, Reduzierung des Schlafbedürfnisses, automatisches Einnehmen von diversen Körperhaltungen (Asanas), Hand-, Zungen- und Kopfhaltungen (Mudras), automatisches Ausführen von Atemübungen, Wahrnehmung subtilerer Welten, Manifestation diverser feinstofflicher Phänomene, Bewusstseinserweiterungserfahrungen, Wonnegefühle.

Bei manchen Menschen ist die Energie von Kindheit an besonders aktiv. Bei einigen kommt es unvermutet oder aus diversen Anlässen zu einer spontanen Erweckung. Ich kenne Menschen, die morgens aufgewacht sind, plötzlich eine Kundalini-Erweckungserfahrung hatten – und ihr Leben war nicht mehr dasselbe. Jemand hat berichtet, er sei auf den Hintern gestürzt, dann sei die Wirbelsäule heiß geworden, alles hätte sich gedreht, die Welt sei in Licht gehüllt, er sei von Liebe erfüllt worden und von da an wäre er ein richtiges Energiebündel gewesen. Andere berichten, ihre Kundalini-Erfahrungen hätten während eines Geschlechtsakts, nach Drogeneinnahme, während eines klassischen Konzerts oder eines Rockkonzerts begonnen. Viele bekommen Erweckungserfahrungen nach der Übung diverser spiritueller oder auch psychotherapeutischer Praktiken. Normalerweise sind diese Kundalini-Erweckungserfahrungen mit Wonne, mit großen Glücksgefühlen verbunden.

Schwierigkeiten bei der Erweckung der Kundalini

Schwierig wird es dann, wenn Menschen nicht wissen, was ihnen geschieht, oder sie falsche Ratschläge bekommen. Oft hören sie die Warnung, sie müssten das sofort abstellen (was nicht möglich ist), sonst würden sie verrückt, oder jemand sagt ihnen, sie seien bereits verrückt geworden. Solche Ratschläge und Behauptungen, allein aus der Unwissenheit geäußert, führen zu Ängsten. Und da Kundalini eine machtvolle Energie ist, die alles verstärkt, womit man sich beschäftigt, kann sie auch Ängste verstärken.

Hilfreich ist, Vertrauen und Mut zu haben und es geschehen zu lassen. Außerdem ist es wichtig, reinigende, erdende und kühlende Praktiken zu üben, aktivierende Praktiken zu reduzieren, die Ernährung sehr rein (sattwig) zu gestalten und Zuflucht zu Gott, zur kosmischen Energie oder zu einem Meister zu suchen.

Kundalini Yoga

Grundsätzlich lässt sich die Kundalini durch jede Art von spiritueller Erfahrung und Praxis erwecken. Der spezielle Weg des Kundalini Yoga bietet jedoch Techniken für eine systematische Vorbereitung, Reinigung und Stärkung des gesamten Körper-Geist-Systems sowie die Erweckung und Lenkung der Energien. So ist Kundalini Yoga eigentlich mit der sicherste aller spirituellen Wege, wenn man ihn korrekt geht.

Kundalini Yoga bedeutet also nicht Soforterweckung der Kundalini. Die Schritte sind vielmehr:

  • Zunahme des Prana, der feinstofflichen Lebensenergie
  • Reinigung der Nadis (Energiekanäle), des Körpers und des Gefühlslebens
  • Stärkung des Körpers, des Geistes und der intellektuellen Klarheit
  • Öffnung der Chakras
  • Entfaltung verschiedener Talente
  • Spiritualisierung aller Aspekte des Lebens
  • Verschiedene spirituelle Erfahrungen
  • Erweckung der Kundalini
  • Schrittweises Hochführen der Kundalini bis zum Sahasrara, dem höchsten der Chakras (Energiezentren)

Kundalini-Yoga-Seminare →

So ist die Erweckung der Kundalini in jedem Fall ein spirituelles inneres Abenteuer, das das Leben verändern wird. Wenn sie spontan geschieht, ist es wichtig, zügig die richtigen Ratschläge zu bekommen. Wenn sie durch Praktiken des Kundalini Yoga unter Beachtung der verschiedenen Schritte und unter kompetenter Anleitung und Beachtung aller Vorsichtsregeln erweckt wird, ist dies ein sicherer Weg ohne größere Gefahren. Kundalini Erweckung ist der Schlüssel für tiefe Meditation, geistige Ausstrahlung, Lebensenergie, tiefe Liebe und Bewusstseinserweiterung. Nicht jeder wird dabei zu einem Genie. Aber jeder wird die selbsteingebildeten Grenzen transzendieren und die Einheit mit dem Göttlichen erfahren können.

Shiva-Shakti-Philosophie

Kundalini Yoga hat eine sehr detaillierte philosophische Grundlage. Im Kundalini Yoga wird die Shiva-Shakti-Philosophie auch Tantra-Philosophie genannt. Diese beschreibt das Universum als ein Zusammenspiel zweier göttlicher Prinzipien, nämlich Shiva (Bewusstsein) und Shakti (Kosmische Energie). Die Tantra-Philosophie enthält eine ganze Kosmologie, eine Schöpfungstheorie und eine sehr detaillierte Feinstofflehre. Wie der Raja Yoga kennt Kundalini Yoga eine Fülle von Praktiken und ist ein Erfahrungsweg. Ausgefeilte Praktiken führen zu vorhersehbaren Wirkungen. Die Übungen setzen nur an anderer Stelle an: Der Raja Yogi bemüht sich, die Gedanken zu beherrschen. Wenn er beispielsweise einen Gedanken des Ärgers entdeckt, kann er diesen durch Rückführung auf seinen Ursprung zum Verlöschen bringen oder durch Meditation über Geduld umwandeln.

Die Schwierigkeit beim Raja Yoga ist jedoch oft, dass man sich zu sehr mit seinen Gedanken identifiziert, man also denkt: »Ich bin ärgerlich«. Und wenn ich ärgerlich bin, hieße das ja, dass das bewusste Ändern des Ärgergedankens mich ändern würde. Und genau das will man in dem Moment nicht. Kundalini Yoga setzt an einer anderen Stelle an: Entdeckt der Aspirant, dass er ärgerlich ist, weiß er, dass dies Unruhe in seinem Prana in einem niederen Schwingungszustand bedeutet. Also macht er eine Energieübung (beispielsweise eine Atemübung), um die Energie zu harmonisieren und den Schwingungszustand zu heben. Und ehe er sich versieht, ist der Ärger wie von selbst verschwunden. Denn in einem harmonischen erhabenen Energiezustand kann es keinen Ärger geben.

Ein Artikel von Sukadev Bretz, erschienen im Yoga Vidya Journal Nr. 37

Das könnte dich auch interessieren:

Vortrag mit Sukadev – Kundalini Yoga Einführung:

Sukadev vermittelt tiefe Weisheit, reichhaltige spirituelle Erfahrung und umfassendes Wissen anschaulich, aufgelockert, klar strukturiert und praxisbezogen. Seine Vorträge leben von der persönlichen Ausstrahlung, seiner Inspiration und dem tiefen Verständnis des Yoga und des spirituellen Weges.

Sukadev ist u.a. Autor der Bücher „Die Yoga-Weisheit des Patanjali für Menschen von heute“, „Das Yoga Vidya Asana Buch“, „Yoga Geschichten“, „Karma und Reinkarnation“ und „Der Königsweg zur Gelassenheit„.

» Mehr über Sukadev, seine Biografie, sein Wirken und seine Lehren

2 Kommentare zu “Was ist Kundalini?

  1. Anonymous

    Vor meiner spontanen Erweckung der Kundalini habe ich mich in keinster Weise mit meiner Spiritualität auseinander gesetzt. Und es ist tatsächlich so, dass man eine große unermessliche Liebe spürt, wenn diese Energie erwacht. Aber auch vor vielen Herausforderungen im Alltag steht. Ich habe um Hilfe gebeten und in meinem Bewusstsein kristallisierte sich ein Wort; Durga. Ich habe mich davor nie, nichtmal ansatzweise, über die indische
    Kultur oder Yoga informiert. Und nach wie vor bin ich kein besonders guter, kluger oder erleuchteter Mensch. Es ist für mich ein Prozess der spirituellen Weiterentwicklung.
    Durch Durga lernte ich Yoga kennenlernen und praktizierte diese regelmäßig. Deshalb möchte ich Ihnen an der Stelle und grade aufgrund des heutigen Artikels herzlichst danken. Vielen lieben Dank, dass Sie so viele Menschen aufklären.
    Liebe Grüße

  2. j. Snettram

    Was für ein Quatsch ist das?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.