Asanas der Yoga Vidya Grundreihe: Purvotthasana – die schiefe Ebene

Ein Text von Angelika Jüngst:

Die schiefe Ebene folgt auf die Vorwärtsbeuge. Diese Gegenbewegung führt uns von einem Extrem ins andere: Nachdem wir in der Vorwärtsbeuge den Blick ganz nach innen gerichtet hatten, orientieren wir uns jetzt wieder nach außen, nach oben. In der schiefen Ebene sind wir ganz lang ausgestreckt, heben unsere Vorderseite nach oben, lassen den Kopf nach hinten sinken, ruhen auf Händen und Fersen, strecken uns, recken uns, fühlen unsere Kraft. Wir erheben uns nach oben, zeigen dem Außen, wer wir sind.

Die schiefe Ebene ist eine Stellung der Kraft, der Ausdauer, wir werden stabil und fest, geerdet über die Füße, aber doch getragen von unserem Willen, unseren angespannten Muskeln.

Unser Becken, vorher verbunden mit Mutter Erde, schiebt sich nach oben, soweit es unsere Wirbelsäule zulässt, wir genießen die Gegenbewegung, das Sicht-Entfalten. Wie lange schaffe ich es, in dieser Stellung zu bleiben? Wie verändert sich meine Wahrnehmung, wenn ich tief und fest ein- und ausatme? Wie gehe ich um mit Grenzen? Bin ich ehrgeizig, will ich immer länger halten, länger halten als mein Gegenüber, kämpfe ich, kämpfe ich gegen meinen inneren Schweinehund oder gegen mich selber? Mag ich mich nur, wenn ich kraftvoll bin, angespannt und stark? Oder bin ich in meinem Gleichgewicht, kann ich genießen und arbeiten, anspannen und loslassen?

Es verleiht ein Gefühl der Freiheit, sich so stark und gerade zu erleben. Die Füße beeindrucken durch ihre Flexibilität, selbst in solch einem ungünstigen Winkel streben die Zehen nach unten, wollen die ganzen Fußsohlen zum Boden.

In dieser Asana bieten wir nicht nur unseren Kopf oder unsere Füße dem Höheren an, wir geben unseren ganzen Körper, die Kehle ungeschützt, vertrauensvoll und selbstbewusst.

 

Unter der Kategorie „Hatha Yoga“ findest du die anderen Beiträge von Angelika Jüngst,
zu den verschiedenen Asanas der Yoga Vidya Grundreihe.

 

Über die Autorin:

Om Namah Shivaya!

Mein Name ist Angelika Jüngst, ich bin 1963 geboren und habe schon immer gern geschrieben. Mein Germanistikstudium habe ich allerdings schon nach einem Semester abgebrochen und lieber mein Diplom in Betriebspsychologie gemacht, dieses Studium erschien mir zum Bestreiten meines Lebensunterhalts besser geeignet. Berufserfahrungen sammeln konnte ich in den Bereichen Eigungsdiagnostik für Azubis, Organisations- und Personalentwicklung. Bis zur Geburt meines ersten Kindes habe ich einen Unternehmensberater, der vor allem als Coach bekannt ist, in einem Buchprojekt unterstützt. Klingt alles rund, aber die Sinnfrage stellte sich mir immer deutlicher, je mehr Ziele erreicht schienen. Nach Heirat, drei Kindern, vielen Sorgen um ihr Wohlergehen und gesundheitlichen Problemen kam ich 2009 endlich zum Yoga. Hier fand sich alles zusammen: Antworten auf meine Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Wesen des Menschen, eigene Weiterentwicklungsmöglichkeiten und Herausforderungen, ein Gefühl von Angekommensein. Und es ergab sich eine für mich unglaublich befriedigende Tätigkeit: Anderen Menschen Yoga nahezubringen.

Die Anfrage, etwas über die Asanas der Yoga Vidya Grundreihe zu schreiben, hat mich gleich angesprochen.

Meine erste Erfahrung mit Yoga fand in einer Turnhalle statt. Die Bewegungen gingen dynamisch ineinander über und ich war als Anfängerin völlig überfordert. Angesagt wurden die Stellungen, aber nicht, wie ich sie am besten einnehme („und jetzt kommt ihr von der schleckenden Katze in den nach unten schauenden Hund“).
So saß ich mit Blick zur Leiterin oder den fortgeschrittenen Teilnehmerinnen schiefhalsig da und versuchte zeitverzögert die Stellungen zu imitieren. Aber selbst so machte mir Yoga Spaß. Als ich hörte, dass man bei Yoga Vidya Hatha Yoga mit genauer Anleitung und mit Hilfestellungen richtig erlernt, die Übungsreihe aus nur 12 Grundstellungen besteht und der Kursleiter selbst nicht mitpraktiziert, sondern ganz für seine Schüler da ist, wusste ich, dass ich bei Yoga Vidya richtig bin. Trotz gesundheitlicher Einschränkungen fühlte ich meine Kraft, meine Beweglichkeit und meine Koordinationsfähigkeit wachsen – als früherer bekennender Sportmuffel ein Wunder.

Kein Wunder war, dass ich neugierig wurde. Wie kann das funktionieren? Was steckt dahinter? In den zwei Jahren der Yogalehrer-Ausbildung wurden zwar viele Fragen beantwortet, aber je intensiver ich mich mit Yoga beschäftige, desto mehr staune ich über die Vielschichtigkeit der Wirkungen.

Sicher habt ihr eigene Assoziationen, Erfahrungen, Einsichten oder gar Eingebungen gehabt, während ihr selbst die Yoga Vidya Grundreihe praktiziert oder unterrichtet. Ich verstehe meine Texte nur als Anregungen und hoffe, euch oder eure Schüler damit zu inspirieren.

Om Shanti!

1 Kommentar zu “Asanas der Yoga Vidya Grundreihe: Purvotthasana – die schiefe Ebene

  1. Danke Danke – oh wie ich deine asanabeschreibungen liebe – immer ganz gespannt auf die nächste – auch hier die schiefe ebene bringt selbst mir als yogalaherer doch wieder neue aspekte der bedeutung dieser kraftvollen asana – ich bin super begeistert von deinen himmlischen definitionen und beschreibunge weiter sooooooo ♡

    ♥ & ☮

    Nataraja

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