Asanas der Yoga Vidya Grundreihe: Paschimothanasana – die Vorwärtsbeuge

So verbogen, gekrümmt und zusammengeklappt kann man entspannt sein? Das konnte ich mir gar nicht vorstellen als ich die Vorwärtsbeuge (Paschimothanasana) kennenglernte. Die Hände wollten zu den Zehen, der Bauch auf die Oberschenkel, die Stirn auf die Schienbeine, aber die Wirklichkeit sah anders aus. Die Dehnung in den hinteren Beinmuskeln fühlte sich unangenehm an, der Kopf wusste nicht, ob er hängen oder nach vor blicken soll, der Rücken wirkte steif, starr und unbeugsam. Und diese Stellung soll Geduld und Hingabe entwickeln? Vielleicht meistert sie nur, wer diese Eigenschaften schon hat? Hab ich sie denn und will ich sie denn überhaupt entwickeln? Es dauerte lange, Wochen, Monate, bis ich die Vorwärtsbeuge genießen konnte, bis Muskeln und Seele loslassen wollten, bis sich der Körper williger zeigte, anschmiegsamer. Nichts erwarten, nichts forcieren, sich sinken lassen, ziellos, wunschlos, ohne Ehrgeiz. Fühlen, wie die Muskeln nach und nach ihre Festigkeit aufgeben, wie der Geist ruhig wird, der Blick ganz tief nach innen geht.

Sich immer wieder geduldig in dieser Stellung spüren, immer wieder von neuem den Körper langsam gewöhnen. Die Beine fühlen sich irgendwann wohl, Arme und Schultern werden immer lockerer. Nach guter Vordehnung und bei warmem Wetter berührt dann der Bauch den Oberschenkel, die Stirn das Schienbein. Man glaubt es gar nicht, hat man doch nicht dafür gearbeitet oder trainiert. Die Schwerkraft hat gearbeitet, der Körper hat nur keinen Widerstand geleistet. Von ganz allein kommt man seiner eigenen maximalen Vorwärtsbeuge immer näher. Es ist ähnlich wie in der Schildkröte, der starke Rücken zeigt nach oben, die weichen schutzbedürftigen Teile sind nach unten gekehrt. Man kann sich ganz fallenlassen, weil nichts passieren kann. Man bietet keine Angriffsfläche, ist ganz schmal, ganz flach. Fast zusammengefaltet und in sich verschlossen, zusammengeklappt wie zwei Schalen einer Muschel.

Kein Muskel muss sich anstrengen, alles kommt zur Ruhe, der Boden trägt, gibt Kraft, gibt Ruhe. In dieser anstrengungslosen Sicherheit kann man sich ganz auf die Energieströme konzentrieren, sie von den Füßen zum Kopf lenken und in der Wirbelsäule spüren und wahrnehmen, was wir eigentlich sind.

 

Unter der Kategorie „Hatha Yoga“ findest du die anderen Beiträge von Angelika Jüngst,
zu den verschiedenen Asanas der Yoga Vidya Grundreihe.

 

Über die Autorin:

Om Namah Shivaya!

Mein Name ist Angelika Jüngst, ich bin 1963 geboren und habe schon immer gern geschrieben. Mein Germanistikstudium habe ich allerdings schon nach einem Semester abgebrochen und lieber mein Diplom in Betriebspsychologie gemacht, dieses Studium erschien mir zum Bestreiten meines Lebensunterhalts besser geeignet. Berufserfahrungen sammeln konnte ich in den Bereichen Eigungsdiagnostik für Azubis, Organisations- und Personalentwicklung. Bis zur Geburt meines ersten Kindes habe ich einen Unternehmensberater, der vor allem als Coach bekannt ist, in einem Buchprojekt unterstützt. Klingt alles rund, aber die Sinnfrage stellte sich mir immer deutlicher, je mehr Ziele erreicht schienen. Nach Heirat, drei Kindern, vielen Sorgen um ihr Wohlergehen und gesundheitlichen Problemen kam ich 2009 endlich zum Yoga. Hier fand sich alles zusammen: Antworten auf meine Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Wesen des Menschen, eigene Weiterentwicklungsmöglichkeiten und Herausforderungen, ein Gefühl von Angekommensein. Und es ergab sich eine für mich unglaublich befriedigende Tätigkeit: Anderen Menschen Yoga nahezubringen.

Die Anfrage, etwas über die Asanas der Yoga Vidya Grundreihe zu schreiben, hat mich gleich angesprochen.

Meine erste Erfahrung mit Yoga fand in einer Turnhalle statt. Die Bewegungen gingen dynamisch ineinander über und ich war als Anfängerin völlig überfordert. Angesagt wurden die Stellungen, aber nicht, wie ich sie am besten einnehme („und jetzt kommt ihr von der schleckenden Katze in den nach unten schauenden Hund“).
So saß ich mit Blick zur Leiterin oder den fortgeschrittenen Teilnehmerinnen schiefhalsig da und versuchte zeitverzögert die Stellungen zu imitieren. Aber selbst so machte mir Yoga Spaß. Als ich hörte, dass man bei Yoga Vidya Hatha Yoga mit genauer Anleitung und mit Hilfestellungen richtig erlernt, die Übungsreihe aus nur 12 Grundstellungen besteht und der Kursleiter selbst nicht mitpraktiziert, sondern ganz für seine Schüler da ist, wusste ich, dass ich bei Yoga Vidya richtig bin. Trotz gesundheitlicher Einschränkungen fühlte ich meine Kraft, meine Beweglichkeit und meine Koordinationsfähigkeit wachsen – als früherer bekennender Sportmuffel ein Wunder.

Kein Wunder war, dass ich neugierig wurde. Wie kann das funktionieren? Was steckt dahinter? In den zwei Jahren der Yogalehrer-Ausbildung wurden zwar viele Fragen beantwortet, aber je intensiver ich mich mit Yoga beschäftige, desto mehr staune ich über die Vielschichtigkeit der Wirkungen.

Sicher habt ihr eigene Assoziationen, Erfahrungen, Einsichten oder gar Eingebungen gehabt, während ihr selbst die Yoga Vidya Grundreihe praktiziert oder unterrichtet. Ich verstehe meine Texte nur als Anregungen und hoffe, euch oder eure Schüler damit zu inspirieren.

Om Shanti!

 

 

 

2 Kommentare zu “Asanas der Yoga Vidya Grundreihe: Paschimothanasana – die Vorwärtsbeuge

  1. Steinbock

    Weiß nicht, wie ich auf dieser Seite gelandet bin, aber egal. Es war sehr aufschlußreich! Werde nach einer längeren Pause wieder mit Yoga anfangen. Dein Bericht über die „Vorwärtsbeuge“ gab mir wieder den Mut, egal wie lange es dauern wird, bis ich es genießen kann. Steinböcke sind ja bekanntlich ausdauernd! Om Shanti

  2. Heute wird nicht gemeckert!

    Heute sage ich: Wunderbar!

    shanti shanti shanti – ddd

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