Die drei Sätze des Shankaracharya

Shankaracharya war ein großer Vedanta-Lehrer. Er lebte vermutlich um 800 nach Christus. Er war derjenige, der die Lehren der Upanishaden, der Bhagavad Gita und des Brahma Sutras systematisch zusammengefasst hat. Außerdem hat er zu diesen Vedanta Schriften große Kommentare geschrieben. Er hat weitere Bücher geschrieben, wie Viveka Chudamani, Atma Bodha und viele mehr.

Zum einen hat Shankaracharya sehr ausführlich geschrieben, wie zum Beispiel sein Kommentar zum Brahma Sutra, zum anderen auch sehr kurze Werke, beispielsweise Atma Bodha. Seine gesamten Lehren hat er in folgenden drei Sätzen zusammengefasst.

So heißt es:

„Brahma satyam jagan mithya jivo brahmaiva naparah“.

Übersetzt bedeutet dies:

„Es gibt nur eine allumfassende Wirklichkeit. Das ist Brahman das Absolute. Die Welt, wie wir sie wahrnehmen ist eine Illusion und Täuschung. Das Individuum ist nichts anderes als Brahman allein.“

Dazu gibt es auch eine schöne poetische Übersetzung, verfasst von einem deutschen Dichter namens Rückert. Dieser war einer der großen Dichter, doch wenig bekannt. Einst definierte sich die europäische Geistesgeschichte auch durch die Auseinandersetzungen mit indischer Philosophie.

Dazu gehörte auch Rückert und sagte:

„In drei Sätzen sei es verkündet, was man in Tausend Büchern findet. Brahman ist wirklich, die Welt ist Schein. Das Selbst ist nichts als Brahman allein“.

Ich möchte diese Sätze kurz erläutern. Brahman ist wirklich. Es gibt eine unendliche ewige Wirklichkeit. Es gibt ein Göttliches und dieses ist wirklich und erfahrbar. Das Ziel des Lebens ist dieses zu erfahren und zu verwirklichen. Die Welt, wie wir sie gerade erfahren ist dagegen nicht wirklich. Darüber hatte ich das letzte Mal ausführlich gesprochen, in der Lektion 13. Wie wir die Welt erfahren ist eine Illusion und Täuschung. Man kann auch sagen, es gibt Illusionen mehreren Grades.

Der erste Grad der Illusion ist, wie wir die Welt sehen. Wir sehen die Welt nur in Abbildern, interpretieren die Welt und fassen sie in Worten, Bilder und Konzepte. Zudem lebt jeder einzelne Mensch in seiner eigenen Welt und so viele Konflikte kommen, weil jeder seine eigene Welt für wahr hält. Doch wenn wir erkennen, dass jeder in seiner eigenen Welt lebt, wir miteinander kommunizieren und dabei neugierig sind auf die Welten anderer, so können wir versuchen miteinander gut zurecht zu kommen. Die Erkenntnis, dass die eigene Welt, wie wir sie wahrnehmen, eine Illusion ist, kann zu mehr für Verständnis führen. Des Weiteren kann es helfen Missverständnisse zu vermeiden und kann auch dazu beitragen, dass man nicht alles so ernst nimmt und einen gewissen Humor und Gelassenheit entwickelt. Das ist die „Mithya ersten Grades“. Dazu gibt es noch die „Mithya zweiten Grades“. Eine Aussage der Vedanta ist auch, dass es überhaupt keine Welt gibt. Doch was bedeutet das? Darauf kann man auf verschiedene Weise nachdenken, dadurch gibt es die unterschiedlichsten Interpretationen und auch große Streitgespräche mit ungleichen Standpunkten.

Gibt es überhaupt keine Welt oder gibt es nur eine Welt, die aber nicht so ist, wie wir sie denken. Darüber kann man sehr lange meditieren. Das Wichtigste wäre Samadhi zu erreichen, denn so wissen wir es und können es immer noch nicht ganz in Worte fassen. Jedenfalls wissen wir auch, dass keine Welt in Bildern, Klängen und in den uns bekannten drei Dimensionen existiert. Auch keine Welt, die in der Zeit gleichmäßig voranschreitet. Wir wissen, dass dies alles eine Illusion ist. Ob es darüber hinaus noch etwas gibt, was wir als multi-dimensionales und nicht in Zeit voranschreitendes Universum bezeichnen können, liegt auf einem anderen Standpunkt.

Die Vedantins würden dazu sagen:

„Die Welt ist Brahman. Dass wir eine Vorstellung haben, es gebe eine Welt abgetrennt von Brahman, ist ein Irrtum. Es gibt nur Brahman und das manifestiert sich als die Welt. Es heißt, die Welt sei wie ein Traum von Brahman. In Brahman kommt Ishvara, welcher träumt, denn die Welt ist ein Traum von Brahman.“

Ohne uns nun in die philosophischen Spitzfindigkeiten hinein zu begeben, können wir nun sagen, dass die Welt, wie wir sie wahrnehmen, ist Mithya. Wir sollten sie nicht zu ernst nehmen. Wenn wir sagen, dass die Welt ein Traum von Brahman sei, dann haben wir als Traumgestalt von Brahman auch gewisse Aufgaben und sollten dann doch einiges tun, aber mit einem gewissen Humor und einer gewissen Leichtigkeit. Dazu auch eventuell Neugier, was Brahman sich als nächstes wohl einfallen lässt. Doch hier vermenschlichen wir Brahman, obwohl es reines Bewusstsein ist.

Jetzt kommt die große Aussage „jivo brahmaiva naparah“ oder „das Individuum ist nichts anderes als Brahman“. Du, als Individuum, existierst nicht als Individuum, sondern nur als Brahman. Deine wahre Natur ist Satchidananda und die Natur von Brahman auch. Es gibt nur ein Satchidananda.

Unendliches Sein, Wissen, Glückseligkeit. Du bist nicht der Körper oder die Psyche, denn du bist in Wirklichkeit das Unsterbliche Selbst und somit eins mit Brahman. Auch jeder andere ist nichts anderes als das Unsterbliche Selbst.

„Brahma satyam jagan mithya jivo brahmaiva naparah“.

„In drei Sätzen sei es verkündet, was man in Tausend Büchern findet. Brahman ist wirklich, die Welt ist Schein. Das Selbst ist nichts als Brahman allein“.

Es ist gut dir immer wieder bewusst zu machen, dass es hinter allem eine unendliche, ewige Wirklichkeit gibt – Brahman. Die Welt, wie du sie wahrnimmst, ist eine Illusion. Sie existiert so nicht. Des Weiteren hat jeder seine eigene Illusionen. Dennoch gibt es eine unendliche Wirklichkeit. „Jivo brahmaiva naparah“.
Du selbst bist in Wahrheit Brahman und jeder ist in Wahrheit Brahman. So wie es in einem Traum hinter der ganzen Welt nur ein einziges Bewusstsein gibt, ist in dieser scheinbaren Wachwelt auch nur ein unendliches Bewusstsein. Sowie die Welt eines Traumes aus dem Bewusstsein projiziert wird eines Träumenden und auch letztlich nur aus dem Bewusstsein des Träumenden besteht, so ist diese ganze Welt nur eine Manifestation von Brahman und besteht nur aus Brahman.

Du kannst dies intellektuell eruieren und auch vor allen Dingen erfahren. Du kannst es auch verwirklichen. Lebe aus diesem Geist von Vedanta für die nächsten Tage. Bis dann die nächste Lektion erscheint und daraus auch eine kleine Aufgabe zusätzlich im Alltag. „Brahma satyam“ bedeutet hinter allem ist Brahman.
Was auch bedeutet kann, dass du hinter allem auch Brahman erfahren kannst. Du kannst Gotterfahrungen machen. Da letztlich alles eine Manifestation von Brahman ist, kannst du auch in allem Brahman erfahren. In dem Moment, in dem du mit einem Menschen zusammen bist und dich mit ihm im Herzen verbindest, erfährst du dort Brahman. Zwischendurch hältst du inne und dehnst dein Bewusstsein gen Himmel aus und du erfährst dich als Brahman.
Zwischendurch dein Bewusstsein in alle Richtungen ausdehnen und du erfährst Brahman.
Mache kleine Gotteserfahrungen, indem du zwischendurch Worten und Bildern eine Pause gibst, nicht so viel über dich und andere nachdenkst und Bewusstsein ausdehnst. In diesem Moment, in dem du aufhörst, dich mit einem kleinem zu identifizieren, reines Bewusstsein bist und mit Bewusstheit etwas anderes bewusst wahrnehmen möchtest, leuchtet Brahman auf. Da es nur Brahman gibt, kannst du auch in allem Brahman wahrnehmen.
Mache dies zwischendurch immer wieder.

Mein Name ist Sukadev, aber Name ist Illusion, Internet ist Illusion und das Video ist Illusion.
Alles ist Illusion.
Hinter allem gibt es nur Brahman.

Mehr Information über Vedanta, Meditation und wie du zum Beispiel Yoga vom ganzheitlichen Standpunkt aus üben kannst, findest du auf unseren Internetseiten www.yoga-vidya.de

Und natürlich fällt es am Leichtesten sich mit besonders tiefen Fragen des Lebens zu beschäftigen, wenn man sich für ein paar Tage eine Auszeit nimmt und dieses vielleicht in einer besonders spirituellen Umgebung, z.B. in einen der Yoga Vidya Ashrams, wie z.B. in Bad Meinberg im Teutoburger Wald, an der Nordsee, Allgäu oder Westerwald.

Ein paar Tage weg vom Alltag, ein paar Tage intensiverer Meditation und Yoga hilft dir, dass du noch bereiter bist für Fragen wie „Wer bin ich? Wohin gehe ich? Was ist wirklich? Was ist unwirklich? Was ist das höchste Ziel des Lebens? Und wie kann ich es erfahren?“

Sukadev Bretz ist Gründer und spiritueller Leiter von Yoga Vidya. Er versteht es wunderbar, tiefe Weisheit humorvoll weiterzugeben. Seine besondere Stärke ist es, Aspiranten zu intensiver Praxis zu motivieren, hinter allem einen höheren Sinn zu sehen und mehr Energie und Herz in den Alltag zu bringen.

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