Die Grundprinzipen des Vedanta

von Vedamurti Dr. Olaf Schönert

Die Vedāntalehre geht davon aus, dass alle menschlichen Probleme wie Konflikte und Sorgen zurückzuführen sind auf ein fundamentales Problem: ein Ich, das sich im Mangel befindlich, begrenzt und inadäquat fühlt. Die Überzeugung des Nichtadäquatseins rührt von der Unwissenheit der wahren und vollständigen Natur des Selbst.

Direktes Wissen über dieses Selbst wird das Gefühl der Unzulänglichkeit und Begrenztheit beseitigen. Wenn du dich als ein vollständiges, freies und ganzes Wesen erkennst, werden sich Sorgen und Konflikte auflösen. Traditionelles Vedānta umfasst Schriften und Denkweisen, mit deren Hilfe das sich im Mangel befindliche Wesen seine vollständige und absolut freie Natur erkennen kann.

Dies ist natürlich kein einfaches Unterfangen, sondern das bedeutendste Projekt im Leben eines nach innerer Freiheit strebenden Suchers.

Glück liegt nicht in den Dingen

Um den Nutzen der Vedāntalehre überhaupt erkennen zu können, liegen beim Sucher typischerweise bestimmte Ein-sichten vor. Zum Beispiel hat er erkannt, dass durch das Streben nach Sicherheit, Vergnügen und Tugendhaftigkeit im weltlichen und spirituellen Leben das grundlegende Problem des unzulänglichen Ich nicht beseitigt wird.

Der Sucher hat erkannt, dass das Glück nicht in den Objekten liegt, die er im Leben anvisiert und zu besitzen versucht. Er hat erkannt, dass sein Leben in der Dualität ein Nullsummenspiel ist: für jeden Gewinn erleidet er einen Verlust und umgekehrt.

Alles hat zwei Seiten, Vor- und Nachteile. Die Suche nach Freiheit bekommt dann in seinem Leben ein größeres Gewicht als die oben genannten Motivationen.

Einsicht ist bedeutsamer als spirituelle Übungen

Viele Sucher befinden sich für längere Zeit auf einem spirituellen Weg, wie zum Beispiel dem Yogaweg. Damit verbunden sind spirituelle Praktiken wie Asanas (Körperübungen), Prāṇāyāma (Atemübungen), Mantra singen, Rituale und Meditation.

Die disziplinierte Ausführung dieser Techniken bringen dich weiter auf diesem Weg. Der Geist wird ruhig, klar und zum geeigneten Instrument. Um die Bedeutung von Vedānta zu verstehen, ist die Einsicht nötig, dass Handlungen und Erfahrungen den Menschen nicht dauerhaft befreien können, da seine Natur bereits Vollständigkeit und Freiheit ist.

Handlungen und Erfahrungen machen dich also nicht frei, sondern die Erkenntnis deiner wahren Natur. Du benötigst also Wissen über deine wahre Natur und die Natur der Unwissenheit, in der du dich befindest.

Die Rolle eines im Selbst verankerten Lehrers

Für Suchende, die zudem Qualifikationen wie Unterscheidungsvermögen, Gleichmut, Kontrolle von Geist und Sinnen usw. erfüllen und ein brennendes Verlangen nach Freiheit haben, ist die Vedāntalehre ein geeignetes und erprobtes Mittel, um die wahre Natur des Selbst zu erkennen und sie als die eigene Natur anzunehmen.

Eine große Rolle zum Verstehen der Vedāntalehre spielt ein qualifizierter Lehrer. Ein Suchender kann sich typischerweise nicht durch Lesen der Schriften aus der eigenen Unwissenheit herausbewegen. Das wahre Selbst und die begrenzte Natur der Person, mit der wir uns typischerweise identifizieren, sind völlig andere Kategorien.

Es ist nicht möglich, aus der Identifikation als begrenzte Person auf die unbegrenzte, alldurchdringende und ewige Natur des Selbst zu schließen. Ein darin verankerter Lehrer ist notwendig, um die Sichtweise des Suchenden schrittweise auszudehnen und für die Erkenntnis des Selbst vorzubereiten.

Hin zur wahren Natur

Dies geschieht in der typischen Abfolge: śrāvaṇa (Hören), manana (Nachdenken, erwägen), nididhyāsana (vedāntische Meditation). Ein Suchender hört die Aussagen der Schriften von einem qualifizierten Lehrer. Unmittelbar auftretende Missverständnisse und Zweifel können im Dialog geklärt werden.

Wenn die Vedāntalehre verstanden wurde, ist es die Aufgabe des Suchenden, die Aussagen mit den eigenen Haltungen und Überzeugungen zu vergleichen. Der Schüler wird sich der eigenen Überzeugungen hinsichtlich seiner Natur, der Vorstellung von Gott und der Welt bewusst, erkennt ggf. die Beschränktheit seiner Überzeugungen und ersetzt sie durch die Aussagen von Vedānta.

Dies ist ein aufwändiger, längerfristiger Lern- und Reflexionsprozess, der klare geistige Instrumente und eine große Entschlossenheit erfordert. Sind die Zweifel beseitigt und hat der Schüler eine klare Vorstellung seiner wahren Natur dann richtet er seine Aufmerksamkeit auf dieses Selbst, um es zu erkennen und zu verwirklichen.

Nididhyāsana erfordert also im Gegensatz zu Meditation (Dhyāna), die Lehren des Vedānta gehört und als Haltungen und korrektes Wissen verinnerlicht zu haben. Dadurch ist es möglich, die Aufmerksamkeit gezielt in Richtung des Selbst zu lenken.

Transformation durch Wissen

Die Vedāntalehre umfasst für diese schrittweisen Lernprozesse Lehren, die sich im Laufe von Jahrhunderten und Jahrtausenden als hilfreich erwiesen haben. Einen großen Teil nimmt dabei das Verstehen der eigenen Unwissenheit ein.

Die Vedāntalehre umfasst neben der höchsten Wahrheit viele Aussagen, die dem Suchenden helfen. Wenn er sich als Handelnder sieht, wird die Verinnerlichung der Karma Yoga Haltung empfohlen. Damit kann ein Suchender, der primär seine egoistischen Wünsche befriedigt und erkennt, dass er auf diese Weise kein dauerhaftes Glück erlangen kann, seine Aufmerksamkeit auf das Feld, in dem er sich als Person bewegt, ausdehnen.

In diesem Zusammenhang spielt das besondere Verständnis des schöpferischen Prinzips, Gott oder Īśvara eine besondere Bedeutung. Īśvara ist keine Person, sondern ein abstraktes Prinzip, das Objekte in der Schöpfung erschafft, erhält und auflöst, d. h. die Ordnung, die die Dinge und Wesen der Welt durch Regeln und Gesetze verknüpft und koordiniert.

Diese Ordnung hat dir das Leben geschenkt und erhält es aufrecht. Wenn du dies wertschätzen kannst, fühlst du dich motiviert, etwas zurückzugeben. Du veränderst die nehmende und sich im Mangel befindliche Haltung hin zu einem Geben aus dem Wissen der Vollständigkeit und Fülle heraus.

Die Vedāntalehre vermittelt schrittweise das Wissen, das die Sichtweise in Bezug auf die großen Zusammenhänge der Realität erweitert und die geistigen Instrumente bereit macht, um die höchste Wahrheit zu verstehen: aham brahmāsmi (Ich bin Brahman).

Dies ist für einen egoistisch denkenden, in seinen Vorlieben und Abneigungen gefangenen Menschen nicht unmittelbar möglich. Das Kultivieren der geistigen Instrumente (Geist, Intellekt, Ego) und das Beseitigen von Unwissenheit und falschen Vorstellungen über einen längeren Zeitraum hinweg, stehen im Vordergrund.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Yoga Vidya Journal Ausgabe Nr. 40 veröffentlicht.

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Über den Autor

Vedamurti Dr. Olaf Schönert ist Yogalehrer (BYV) und Yoga Vidya Acharya. Er verfügt über langjährige Unterrichtserfahrung als Universitätsdozent und ist Buchautor. Er studiert seit vielen Jahren traditionelles Vedānta bei Sukadev Bretz, Neema Majmudar, Ira Schepetin und James Swartz. Vedāntakurse und -ausbildungen unterrichtet er seit 2015.

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5 Kommentare zu “Die Grundprinzipen des Vedanta

  1. Danke Dir, Olaf. Klärend und inspirierend! Narada

  2. Ja 🙂

  3. P.S.
    Es ist auch logisch, das die Beobachterposition näher am wahren Sein liegt als eine Person, sei sie auch noch so „wunderbar“. Denn alles was sich beobachten lässt, kann man nicht essentiell sein, sonst gäbe es ja zwei Ich’s, das beobachtende und das beobachtete.
    Om Namah Shivaya

    • Hari Om lieber Dieter,

      schön gesagt. Man könnte noch argumentieren, dass dieses beobachtende Bewusstsein der Guru ist oder er durch dieses zum Vorschein kommt – ob nun in einem selbst oder in einer scheinbar anderer Person.

      Om Shanti
      Valentin

  4. Wenn kein Guru da ist, man aber in der Lage ist (gefördert durch die Praxis von Yoga), die eigene Person in ihrer Physis und Psyche so wie alle anderen (scheinbar getrennten) Erscheinungen zu betrachten, ist der Standpunkt des Beobachters ein geeignete Mittel um seiner wahren Natur näher zu kommen. Das ist ohne jede Anstrengung möglich, gelingt erstmal nur ab und zu, wird jedoch mit der Zeit immer mehr. Man gewinnt dadurch einen gewissen Abstand von der eigenen Person, ist nicht mehr so involviert, was einen glücklicher werden lässt, sieht die Dinge klarer (globaler), und erkennt auch den Sinn der Yogagebote wie Yamas und Niyamas auf natürliche Art und Weise.
    Om Namah Shivaya

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