Was ist Glück?

In diesem Text gehen wir der Frage “Was ist Glück?” nach, aus der Sicht von Vedanta-Lehrer James Swartz, der im April 2016 bei Yoga Vidya Bad Meinberg ein Seminar zum Vedanta-Text Panchadasi gegeben hat und voraussichtlich 2017 wieder ein weiteres Vedanta-Seminar bei Yoga Vidya leiten wird.

Was ist Glück? 

„Jeder Mensch hat Glück erlebt – eine Minute oder zwei, eine Stunde, eine Woche oder einen Monat lang. Dies beweist, dass Glück existiert. Aber woher stammt es?“

Glücklichsein ist das Wichtigste für jeden Menschen, nicht wahr? Niemand macht es sich zur Aufgabe, zu leiden und unglücklich zu sein. Alles was wir anstellen, machen wir mit dem Ziel, damit es uns schlussendlich gut geht – korrekt?

Wir meinen auch zu wissen, was wir benötigen um glücklich zu sein: Ein schönes Zuhause, eine/n liebevollen Partner/in, eine zufriedenstellende Arbeit, Gesundheit, gute Unterhaltung und natürlich Anerkennung von unseren Mitmenschen.

Sobald wir ein begehrenswertes ‘Ziel’ erreicht haben (z.B. einen wundervollen Partner/in gefunden haben), strahlen wir vor Glück und es uns geht es richtig gut. Ist es nicht so?

Aber wenn das das alleinige Geheimnis unseres Glücks wäre, warum verlangt es uns dann immer und immer wieder nach mehr und vor allem ständig anderen, scheinbar ‘besseren’ Objekten? Warum geben wir uns nicht einfach mit dem zufrieden, was wir haben? Schließlich waren wir doch für eine Weile wunschlos glücklich, als wir bekamen, was wir wollten, oder nicht? Wieso dann immer wieder auf’s Neue dem scheinbaren Glück (das wir in Objekten vermuten) hinterherjagen?

Glück liegt nicht in Objekten

Weil die Erfahrung des Glücks in Bezug auf Objekte (“bedingtes Glück”) nicht dauerhaft anhält, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass das Glück nicht in den Objekten selbst liegt. Das erklärt auch, wieso sich manche Menschen zwar an einem schnellen sportlichen Auto erfreuen können, andere hingegen ganz und gar nicht. Eine Person findet eine zweite Person äußerst attraktiv und begehrenswert, eine dritte Person empfindet das genaue Gegenteil. Das zeigt uns: Das Glück liegt nicht im Objekt. Wenn Glück wirklich eine besondere, innewohnende Qualität von Objekten wäre, dann müssten wir aufgrund dessen mit (solchen) Objekten dauerhaftes Glück erfahren, nicht wahr? Doch das ist nicht der Fall.

Uns verlangt es stets nach weiteren Objekten, die unsere schier endlosen Wünsche befried(ig)en sollen: Ein neues Handy, ein besserer Laptop, schönere Schuhe, eine coolere Hose, die passendere Wohnung, … und auch unsere partnerschaftlichen Beziehungen bleiben von der Jagd auf die seltenen, köstlichen Glücksmomente nicht verschont. Jene Objekte, die uns vormals scheinbar Glück verschafft haben, geraten nicht selten sogar in Vergessenheit und verlieren ihren ehemaligen Status als Glücksspender. Das sollte uns doch zu denken geben, oder nicht?

Liegt das Glück in den Objekten?

In unserer zivilisierten Gesellschaft stellt sich trotz Überfluss häufig ein Gefühl von Unvollkommenheit ein, das wir durch zielgerichtetes Handeln zu beseitigen versuchen – mehr oder weniger bewusst. Die meisten Menschen setzten dabei voraus, dass Glück das Resultat eines handlungsbasierten Vervollständigungs-Prozesses ist, z.B. schafft sich jemand einen Hund an, weil er glaubt, dass es (nur noch) das ist, was ihm zum Glücklichsein fehlt. Aber weit gefehlt. Ein von Objekten (Dinge, Personen, Gefühle, Zustände) abhängiges Glück ist nicht dauerhaft. Wer Glück allein in Objekten sucht, setzt sich unnötigem Leiden aus.

Wenn unser Glück wirklich von den Objekten abhinge, dann müssten wir, nachdem wir Glück durch Erlangung eines erwünschten Objektes erfahren haben, damit auch dauerhaft zufrieden sein. Sprich: Der/die Traumpartnerin ist endlich gefunden. Man ist glücklich. Das neue Auto steht vor der Tür. Man ist zufrieden. Aber früher oder später verblasst unsere Zufriedenheit, die wir an die Erfüllung unserer Wünsche mithilfe von Objekten gekoppelt haben. Unsere eigene Erfahrung zeigt uns, dass an Objekte gebundene Zustände nicht dauerhaft sind, weil einerseits die Objekte veränderlich sind, als auch unser Verhältnis, das wir zu ihnen pflegen. Das schließt auch Gefühle, Erfahrungen oder Ereignisse mit ein, denn diese sind nichts anderes als ‘Objekte’ unserer Wahrnehmung. Vedanta sagt, dass alles Beobachtbare lediglich ein Objekt im einen unteilbaren Selbst ist, dem non-dualen, reinen Bewusstsein. Dieses reine Bewusstsein kann hilfsweise als allgegenwärtiges, unabhängiges, absolutes und unwandelbares Subjekt gesehen werden. Objekte hingegen unterliegen der Veränderung. Selbst Sonne und Mond sind schließlich nicht von Dauer. Welt und Kosmos ereignen sich als temporäre Erscheinungen in diesem einen, unwandelbaren Selbst. Tat Tvam Asi – Das bist du.

Das bist Du

Die eigene wahre Natur zu erkennen befreit dich von der Person für die du dich hältst und beendet damit die Knechtschaft der Dualität, indem du akzeptierst, dass diese “Person” nur ein veränderliches Objekt ist, das in dir (dem unveränderlichen, absoluten Bewusstsein) als temporäre Erscheinung auftritt. Schließlich gibt es noch nicht einmal einen realen Unterschied zwischen den Objekten und deinem Selbst, weil essenziell nur du als reines Sein existierst (DAS, was unveränderlich ist). Ein Ring aus Gold kann eingeschmolzen und zu einem Goldreif verarbeitet werden. Ring und Reif sind lediglich veränderliche Formen, das Gold ist deren essenzielle Grundlage/Substanz. Das Gold ist unabhängig vom Ring, der goldene Ring hingegen ist nicht unabhängig vom Gold. Wie das Gold in dieser Analogie, so ist reines Bewusstsein (Das bist du!) das Substrat des Seins. Die Person (mit der du dich identifizierst) ist abhängig von dir, dem absoluten SELBST, du, das absolute SELBST, bist aber nicht abhängig von der Person. Das SELBST ist immer vollkommen unabhängig. D