Echte Freiheit im Alltag – die Falle der Pseudospiritualität

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Wenn dich der Konsum konventioneller Backwaren deiner Mitmenschen dazu verleitet, über veganen Käsekuchen zu referieren, wie frei bist du dann wirklich? Wenn der Ostseeurlaub dich energetisch erschöpft, weil du nicht alle zwei Stunden in spirituelle Praktiken flüchten kannst, wie verbunden fühlst du dich dann mit Mutter Natur? Und wenn die Rockmusik deines Nachbarn dich stört, weil du sie schon vor Jahren in eine nicht-sattwische Schublade gesteckt hast? Wie nah bist du dann am spontanen kreativen Fluss des Lebens? Wie fühlt sich Pseudospiritualität an, wenn sie dich heimlich in einem Elfenbeinturm festhält? Wäre es nicht schön, einfach nur ein normaler Mensch zu sein? Wollen wir nicht alle eigentlich nur außergewöhnlich sein – im Sinne von besonders gewöhnlich?

Pseudospiritualität – was sie wirklich bedeutet

Es gibt eine klare Definition von Pseudospiritualität, und sie ist ganz einfach: die strikte Trennung zwischen weltlichem und spirituellem Leben. Lehnst du Wohlstand ab? Verzichtest du auf Anerkennung? Bezeichnest du sinnliche Freuden als diabolisch? Sorry, das alles ist Lakshmi – ein Aspekt des Göttlichen. Ohne venusische Freuden wird das Leben trocken, spröde und verliert allmählich jeglichen Enthusiasmus.

Was Pseudospiritualität nicht versteht: Alles ist göttlich – auch das Unbequeme

Wie steht es um Macht, Einfluss und Status? Müssen wir das als spirituelle Menschen nicht ablehnen? Schlechte Nachrichten für Pseudospiritualisten: Das alles ist Durga und gehört ebenfalls zur göttlichen Ordnung. Und was ist mit der tamasischen Seite des Lebens – Zerstörung, Verletzung, Verderben? Weise Menschen haben Wege gefunden, auch damit Frieden zu schließen, und nennen diese Aspekte Kali oder Rudra. Um genau zu sein: Es gibt wirklich nichts außerhalb dieser göttlichen Ordnung. Mach mal die Augen zu – dann siehst du, was unspirituell ist!

Raus aus der Pseudospiritualität – rein ins echte Leben

Woran erkenne ich, dass ich spirituell fortgeschritten bin? Hmm, vielleicht so: Wenn ich mit politisch andersdenkenden Menschen einen angenehmen Abend in einer Kneipe verbringen kann. Wenn ich als Vegetarier dankbar einen schönen Sommerabend beim Grillfest meiner Arbeitskollegen genießen kann. Oder wenn ich meine spirituellen Rituale innerlich in der von depressiven Menschen überfüllten und stinkenden U-Bahn der Großstadt feiern kann – denn dort finde ich meinen Tempel.

Sattwa als neue Anhaftung

Sattwa ist nur ein Mittel zum Zweck, um ein kontemplatives Leben zu führen. Wenn ich an Reinheit, Wahrheit und Leichtigkeit festhalte, bindet mich das Guna nur noch enger – und jeder einfache, unbefangene Durchschnittsdeutsche ist dann wesentlich freier als ich mit meiner dreijährigen Yogalehrerausbildung und meiner spirituellen Zwangsneurose. Sollte Spiritualität nicht das Leben vereinfachen?

Wahre Spiritualität heißt: das Leben umarmen

Wenn ich durch yogische Vorschriften, Verbote und menschengemachte Handlungsanweisungen meinen Geist maximal einschränke und selbst die einfachsten zwischenmenschlichen Begegnungen zu existenziellen Zerreißproben werden, wird es mir dann möglich sein, die Einfachheit meiner wahren Natur zu erkennen? Mit zunehmender Komplexität der Evolution müssen höhere Organisationsebenen zwangsläufig die früheren Stufen liebevoll umarmen – andernfalls droht gesellschaftliche und spirituelle Dissoziation sowie Spaltung.

Deine Praxis beginnt hier – mitten im Alltag

Schreib gern in die Kommentare: Wie einfach ist dein Leben wirklich? Kannst du Gott im Alltäglichen und Profanen finden? Mit welchen Menschen hast du Schwierigkeiten? Dort liegt deine Entwicklung.

Kavi Daniel Roth

Über den Autor

Kavi ist leidenschaftlicher Astrologe und begeistert von vedischer Rezitation und Advaita Vedanta. Er hat intensiv in der Dayananda-Tradition studiert und verfügt über mehrere Jahre Erfahrung im Integrationsbereich als Sprachwissenschaftler. Nach 9 Monaten als Sevaka in Bad Meinberg machte er sich nun erfolgreich als Berater selbstständig.

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