Lob und Tadel – Eine yogische Betrachtungsweise

Lob und Tadel wechseln sich oft ab

Mit Lob oder Tadel umgehen ist gar nicht so leicht, wenn es uns unter die Haut geht. Doch genau da ist schon das erste Verbesserungspotential. In „die Yogaweisheit des Patanjali für Menschen von heute“ von Sukadev Bretz erklärt der Autor, warum uns aus yogischer Sicht weder Lob noch Tadel unter die Haut gehen sollte.

„Das ist richtig, sehr gut“ oder „Du trägst das falsch“ sind für uns nicht einfach nur Informationen über die Richtigkeit und Falschheit einer Handlung. Natürlich hängt es von einigen Faktoren ab, wie wir die Aussage auffassen, aber es lassen sich einige Tendenzen beschreiben. Werden wir von einem Fremden für eine Fähigkeit oder Eigenschaft gelobt, freuen wir uns und denken wir sind gut. Kritisiert er uns jedoch, fühlen wir uns schlecht und angegriffen. Eine Trotzreaktion mit viel Scharm ist oft die Folge. Bei engen Freunden sieht es jedoch anders aus. Lobt uns unser Partner für Einfaches, denken wir, er traut uns nicht mehr zu. Kritisiert er uns, sind wir eher bereit zu wachsen und an unseren Fehlern zu arbeiten (Canavan-Gumpert, 1977). Der Selbstwert wird in jedem Fall getroffen (Kamins, 1999).

Selbst, wenn wir meinen die Kritik betrifft uns nicht oder sie lässt uns kalt, springen bestimmte Hirnregionen an, die mit dem Speichern von Informationen zu tun haben. Ein kleiner Ausflug in die Neurologie:

Neurologisch gesehen wirkt Lob und Tadel auf unseren Gyrus parahippocampalis

Wenn unsere Mutter uns positives oder negatives Feedback gibt, speichern wir dieses mit der Erinnerung an das Ereignis ab. Bei Lob und Tadel springt der Gyrus parahippocampalis an. Dieser sitzt in der Großhirnrinde und gehört zum limbischen System. Viel wichtiger: Er beeinflusst, wie und mit welchen Verbindungen wir uns Sachen merken. Außerdem hängt dieser Hirnbereich mit Belohnung und Selbst-Referenz-Prozessen zusammen, also solche Prozesse, bei denen wir uns als eigenständige Person wahrnehmen.

Das heißt, mag das Erlebnis auch noch so schön sein, hat uns jemand getadelt, werden wir es nicht als perfekt in Erinnerung haben. Andersrum genauso: Haben wir etwas Schlimmes erlebt, für das wir gelobt wurden, ist es auf einmal gar nicht mehr so schlimm, weil Glücks-Hormone ausgeschüttet wurden, das wissen wir unterbewusst noch ganz genau (Silk, et al., 2017).

Im Yoga-Vokabular liest es sich sehr ähnlich. Wir identifizieren uns ganz ohne unser wollen automatisch mit dem, was jemand anders über uns sagt. Wenn wir uns über etwas ärgern oder uns selbst hinterfragen, dann ist das eine Art von vikalpa. Vikalpa heißt wörtliche übersetzt Einbildung, wörtliche Täuschung oder Wortirrtum. Wir identifizieren uns (irrtümlicherweise) mit den Worten, weshalb unser Selbstwert leidet. Übertrieben dargestellt wird Maya (die Illusion) zu unserer Wahrheit, dass wir die gesprochenen Worte als Realität anerkennen.  

Wir nehmen nicht nur die Worte als solche und überprüfen den Wahrheitsgehalt, sondern wir identifizieren uns mit der Aussage, wir beziehen die Worte auf uns selbst, denn das Ego hat den Wunsch nach Bestätigung.

Sukadev

Realitäts-Check

Aber ist es auch die Realität? Wenn uns jemand lobt oder kritisiert, spiegelt es lediglich die Wahrnehmung der anderen Person wider und die kann sowohl wahr als auch falsch sein. Eventuell hat die Person nicht die gesamte Szene mitbekommen oder weiß nicht, dass wir eigentlich viel besser singen als heute. Dann ist uns meistens schnell bewusst, dass die Aussage nicht gerechtfertigt ist. Hinter einer Kritik steckt aus den Augen der Anderen an uns gerichtet die Information „das hast du meiner Meinung nach (nicht) richtig gemacht“. Ob das der Wahrheit entspricht, muss sich erst noch beweisen.

Ein Realitäts-Check kann helfen zu erkennen, dass Gott durch uns handelt

Besonders deutlich wird es, wenn wir über Beleidigungen als besondere Form des Tadels nachdenken. Sagt jemand „du Esel“, hat das keine Korrelationen mit der Wirklichkeit. Weder längere Ohren noch graues Fell sind bekannte spontane Erscheinungen nach einer Beleidigung. Sehr wohl bekannte Erscheinungen sind jedoch rote Wangen, traurige Gedanken und Schwarm. Wir lassen uns von dem anderen manipulieren, indem wir seine Aussage persönlich nehmen. Wollen wir uns davon lösen haben wir nach Sukadev zwei Möglichkeiten. Wir können einmal unseren Selbstwert aufbauen, dann brauchen wir weder Lob noch Tadel. Oder wir erkennen uns als Instrument Gottes, sodass wir ebenfalls keine Bestätigung von außen brauchen.

Sukadev beschreibt immer wieder, dass wir als Gottes Instrument nichts falsch machen können. Hätte Gott gewollt, dass hier jemand steht, der besser singen kann, hätte er einen Opernsänger gesandt. Sollte das Mantra von einem Heiligen vorgetragen werden, würde hier nun ein Swami stehen. Statt uns mit unseren eigenen Fähigkeiten und Talenten zu identifizieren, können wir uns verstehen als von Gott geschenkt, egal wie gut, schlecht, schön oder talentiert. Wir geben uns Gott hin und spüren nicht ich handle, sondern Gott handelt durch mich hindurch. Es fällt uns dann leichter, das Feedback als pure Information zu sehen.

Von „die“ zu „ich“

Vikalpa heißt, wir identifizieren uns it den Worten, auch wenn sie in der Wirklichkeit keine Grundlage haben. Diese Worte können auch von innen kommen. Nicht nur andere loben oder tadeln uns, auch wir selbst haben häufig Gedanken wie „Das werde ich nie schaffen“. Solche Denkstrukturen beeinflussen uns ebenfalls. Im Yoga werden sie oft Suggestion genannt. Eine Gegensuggestion würde in diesem Fall zwar die Wirkung eindämmen, betont aber weiterhin die Verhaftung mit der Handlung, die wir im Yoga auflösen wollen. Eine mögliche Antwort wäre beispielsweise „durch Gottes Gnade werde ich es schaffen“.

Die Denkstruktur zu wandeln und sich selbst neu zu konditionieren ist gar nicht so einfach. Es braucht viel Selbstbeobachtung und Achtsamkeit im Umgang mit den eigenen Gedanken. Ein Tagebuch kann helfen. Wenn wir regelmäßig aufschreiben, wie wir uns verhalten haben in welchen Situationen, können wir schneller verborgene Verhaltensmuster entdecken. Wichtig ist, auch achtsam im Umgang mit anderen zu sein. Nur weil Lob und Tadel uns einer  Verhaftung näher bringen, heißt es nicht, dass sie prinzipiell schlecht sind. Wir können sattwige Verhaltensweisen in uns und den anderen fördern durch Lob und Kritik. Wichtig ist, dass wir bewusst mit unseren Worten umgehen.


Literaturverzeichnis

Canavan-Gumpert, D. (1977). Generating reward and cost orientations through praise and criticism. Journal of Personality and Social Psychology, 37(7), S. 501-513.

Kamins, M. L. (1999). Person versus process praise and criticism: Implications for contingent self-worth and coping. Developmental Psychology, 35(3), S. 835-847.

Silk, J. S., Lee, K. H., Elliott, R., Hooley , J., Dahl, R., Barber, A., et al. (Mai 2017). ‘Mom—I don’t want to hear it’: Brain response to maternal praise and criticism in adolescents with major depressive disorder. Social Cognitive and Affective Neuroscience(Volume 12, Issue 5), 729-738.

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