Warum spielen die Füße im Yoga eine zentrale Rolle?

Wenn man Flyer und Plakate von Yoga-Schulen liest, stößt man oft auf Aussagen wie „finde Deine Mitte“, „komme in Harmonie und Balance“,  „zur Ruhe kommen“, „Gleichgewicht finden“ usw.

Wie kann uns Hatha Yoga dabei unterstützen? Wie können wir durch Hatha Yoga unsere Mitte finden? Wo ist die überhaupt? Und wo kommen Harmonie, Balance und Gleichgewicht her?

Eine Antwort auf diese Fragen finden wir in unseren Füßen! Der Mensch war nicht immer ein sitzendes Wesen. Es gab Zeiten, da haben wir uns die meiste Zeit des Tages auf unseren Füßen bewegt. Stehen, Gehen, Hocken – alles fand auf den Füßen statt.

«Es gab Zeiten, da haben wir uns die meiste Zeit des Tages auf unseren Füßen bewegt.»

Unsere Füße sind sehr beweglich und mit unzähligen feinen Nervenenden übersät. Das bedeutet, dass wir mit unseren Füßen sehr viel wahrnehmen können. Über sie nehmen wir mit der Erde Kontakt auf und fühlen den Boden unter uns. Das ist sehr wichtig für Menschen, die glauben, diesen Boden unter ihren Füßen zu verlieren!

In einer verkopften Gesellschaft, in der wir ganz viel denken, am liebsten alles online erledigen und in der Cloud abspeichern, ist Erdung dringend notwendig! So viele Menschen haben den Kontakt zur Erde und zur Natur verloren.

Künstliches Licht, künstlicher Boden, künstliches Essen, Beziehungen über Sozialmedien und eine Welt in Filmen, Serien und Computerspielen sind für viele ganz normal. Würden wir öfters mal unsere Schuhe ausziehen und über Erde, Sand und Gras laufen, würden wir uns wahrscheinlich mehr mit der Erde und mit der Natur verbunden fühlen.

„…mehr mit der Erde und der Natur verbunden fühlen.“

Stattdessen kennen unsere Fußsohlen oft nur Socken, Schuhe und Bodenbeläge. Viele Menschen können ihre Zehe gar nicht mehr bewegen und bei dem Versuch die Zehen zu spreizen, geschehen mehr krampfartige Aktionen in den Fingern, als dass sich an den Füßen irgendwas bewegt.

Die meisten Menschen laufen mit den Schuhen statt mit den Füßen, was zur Folge hat, dass nicht nur die Füße schlafen, sondern auch ein großer Teil der Beinmuskulatur. Dies führt dazu, dass die Stöße, die durch das Laufen entstehen, nicht von den Muskeln, sondern von den Gelenken abgefangen werden.

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Dies begünstigt Arthrose und Gelenkverschleiß und treibt die Zahlen für künstliche Hüft- und Kniegelenke in die Höhe. Wir taumeln bodenlos durchs Leben, reagieren statt zu agieren, sind überall, nur nicht in unserer Mitte, haben gar keine Ahnung, wo die ist und können nicht auf einem Bein stehen.

Wir denken, statt zu fühlen und sind ständig am machen, statt einfach mal zu sein. Aber all das können wir gerade rücken, wenn wir wieder Kontakt mit unseren Füßen aufnehmen und dadurch Erdung erfahren.

Erdung erfahren

Die Füße sind unser Fundament. Mit ihnen fühlen wir die Erde, nehmen Kontakt mit ihr auf und bewegen uns auf ihr. Von den Füßen baut sich unsere ganze Haltung auf. Über die Füße verteilt sich unser Gewicht und wir finden Balance. Alles, was die Füße machen oder nicht machen, setzt sich durch den ganzen Körper fort…

Dazu kannst Du eine kleine Übung machen:
Stell Dich in Tadasana, die Berghaltung. Die Füße sind eine Fußlänge auseinander und parallel. Nun hebe alle Zehen hoch und strecke sie. Strecke und spreize die Zehen. Wenn du die Zehen streckst, kannst du die Fußsohle spüren, die dadurch leicht gedehnt wird.

Mit diesem Gefühl der streckenden Zehen und der Länge der Fußsohle bringe die großen Zehen abwärts zum Boden. Die Zehen strecken weiter. Jetzt presse die Fersen in den Boden und fühle, welchen Teil der Fersen du in den Boden drückst. Bist du mehr vorne oder hinten? Innen oder außen?

Als nächstes reguliere deine Haltung so, dass du die Mitte der Fersen runter drückst. Dies funktioniert folgendermaßen:
Die Zehen strecken die ganze Zeit weiter. Den vorderen und hinteren Bereich der Ferse kannst du über Gewichtsverlagerung regulieren. Wenn du mehr innen auf den Fersen stehst, strecke mehr die äußeren Zehen.

Stehst du mehr auf der Außenseite, dann strecke mehr die großen Zehen. Nimm dir für diese Übung etwas Zeit, damit du wirklich fühlen kannst, wie du über Gewichtsverlagerung und das Strecken der Zehen immer mehr in die Mitte der Ferse kommst.

Die Mitte finden

Wenn Du auf diese Weise Tadasana eingenommen hast, die Zehen streckst, die großen Zehen am Boden hast und die Mitte der Fersen runter drückst, beobachte, wie du stehst. Du wirst bemerken, dass der Körper allein über diese Fußarbeit die richtige Ausrichtung eingenommen hat:

Die Oberschenkelmuskeln sind aktiv und die Kniescheiben leicht angezogen. Das Becken ist sanft aufgerichtet und der Brustkorb etwas angehoben. Die Schultern sinken leicht nach hinten und unten, der Nacken ist lang und der Kopf sitzt gerade obenauf.

Wenn du hier nun den Atem beobachtest, wirst du feststellen, dass er völlig frei und leicht fließt. Zum Vergleich kannst du an dieser Stelle, die Fußarbeit einmal komplett loslassen, um zu beobachten, wie der gesamte Rumpf wieder einfällt und der Atem wie blockiert zu sein scheint.

„Beobachte, wie du stehst.“

Wenn du diesen Mechanismus einmal gefühlt hast, wird dir ganz schnell bewusst: Wenn die Füße wach sind, ist der ganze Körper wach. Du bist körperlich in deiner Mitte und diesem Moment ist auch der Geist wach und klar. Der Körper nimmt ganz von selbst eine aufrechte Haltung ein, die jedoch nicht übertrieben ist.

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Wenn wir versuchen diese Haltung selbst herzustellen, ist das anstrengend und ermüdend und wir machen es wahrscheinlich nicht in Harmonie mit dem Körper. Das Ego ist involviert: Ich mache. Ich richte mein Becken auf, ich öffne den Brustkorb, ich schiebe die Schultern zurück etc. Ich mache es mit großer Wahrscheinlichkeit zu viel oder zu wenig.

Wenn sich die Ausrichtung und Aufrichtung jedoch von selbst ganz natürlich einstellt, weil die Füße wach sind, passiert es in Harmonie mit dem Körper und die Haltung fühlt sich ganz leicht an, fast so, als würde
man schweben.

Mit wachen Füßen stehen und gehen

Mit wachen Füßen zu stehen und zu gehen bedeutet nicht nur, dass die Füße, sondern auch, dass die Muskeln der Beine aktiv sind. Diese fangen nun Belastungen ab, die sonst die Knie- und Hüftgelenke abbekommen hätten. Es bedeutet, dass Becken, Brustkorb und die gesamte Wirbelsäule in ihre natürliche Aufrichtung kommen und wir somit Rücken-, Schulter- und Nackenschmerzen vorbeugen und lindern können.

Um die Arbeit mit den Füßen zu üben empfiehlt es sich, die Standhaltungen (Tadasana, Trikonasana, Virabatrasana A, B, C, Parsvakonasana, Parsvottanasana, Prasarita Padottanasana, Uttanasana, Utkatasana usw.) barfuß und ohne Yogamatte zu üben.

Dieser Blogbeitrag ist inspiriert durch meinen Besuch bei Sharat Arora im Himalayan Iyengar Yoga Centre in Dharamkot in Indien.

Diese Lehre kann auf alle Yogastile angewendet werden und jedem großen Nutzen bringen.

Viel Spaß beim Ausprobieren!
Om Shanti

Deine Gauri

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Seminare mit Gauri bei Yoga Vidya Bad Meinberg:

Gauri Daniela Reich Yogalehrerin (BYV), Ayurveda Gesundheitsberaterin (BYVG), Vegane-Ernährungsberaterin, Yoga Personal Trainerin, Inner Flow Vinyasa Teacher, Lehrerin für Prävention und Gesundheitsförderung, Ausbildung in Thai Yoga Massage, Diplom Betriebswirtin.

Gauri praktiziert Yoga seit 2011. Nach ihrer zweijährigen Ausbildung im Yoga Vidya Center Darmstadt lebte sie knapp zwei Jahre im Yoga Vidya Ashram Bad Meinberg, wo sie ihre Yogapraxis und Unterrichtserfahrung vertiefte. Ihr Yogaunterricht reicht von therapeutischen Yoga Stunden über schweißtreibende Vinyasa Sequenzen, exakte Ausrichtungs-Prinzipien aus dem Iyengar Yoga Stil bis hin zu klassischen Sivananda oder Yoga Vidya Stunden aller Level, die auch zu Mantrayogastunden werden können.

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