Heilung durch Achtsamkeit

Adriaan van Wagensveld gibt seit vielen Jahren Seminare, Ausbildungen und Weiterbildungen bei Yoga Vidya. Wir freuen uns, dass er sich uns für ein Interview zur Verfügung gestellt hat. 

Was ist Achtsamkeitspraxis

Von Siddhartha Gautama, dem Buddha, sind einige Lehrreden über Achtsamkeitspraxis überliefert. Sie sind vor zweieinhalbtausend Jahren ausgesprochen und im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung aufgeschrieben worden. Diese Vorträge formen authentische Wurzeln für spirituelle Praxis. Achtsamkeitspraxis ist das, was auf dieser Wurzel wächst. 

Was hat Achtsamkeit mit einem gesunden Lebensstil zu tun?

Adriaan: Gesundung findet in der Achtsamkeit automatisch statt. Wir nehmen wahr, was wirklich aufkommt und wieder vergeht in unserem Körper, den Gefühlen, den Stimmungen und den Gedanken. Uns fällt dabei auf, was nicht ganz rund läuft. Diese Einsicht führt automatisch zur Gesundung.

Wie sieht dies konkret aus?

Adriaan: Das Hauptproblem in unserem Alltag ist, dass wir die Wirklichkeit nicht wahrnehmen so wie sie tatsächlich ist. Wir schauen immer durch „wechselnde bunt gefärbte Brillen“. Dabei fehlen uns meistens auch noch die Ruhe und der Weitblick, die wir brauchen, um das Ganze in seiner Vielfalt wahrzunehmen. Wir befinden uns fast ständig in einem Zustand von Verblendung oder Verwirrung. Was wir Wahrnehmung nennen, ist oft nicht mehr als Vorstellung. Buddha zeigt in seinem Vortrag über die vier Übungsbereiche der Achtsamkeit, wie wir unsere Aufmerksamkeit beim Spüren unserer Atmung zur Ruhe bringen können. Wenn wir uns die Erlaubnis geben, lange genug beim Atem spüren zu verweilen, kommt unser Geist zur Ruhe und wird klar. Dann wird es möglich, der Wirklichkeit entsprechend wahrzunehmen was jetzt gerade aufkommt und wieder vergeht. Wir erwerben so Einsicht in das Ticken unseres Geistes. Ich nenne Buddhas Vortrag deshalb gerne „Betriebsanleitung Mensch“ oder „IKEA-Anleitung zur Befreiung im Leben“.

Und reicht diese Einsicht aus, um einen gesunden Lebensstil zu führen?

Adriaan: Ja, wenn beharrlich geübt wird, sicher. Unsere Krankheiten sind Gier, Hass und Verblendung. Ganz konkret ist ein großer Teil unserer sogenannten Krankheiten nicht die Krankheit sondern das Symptom. Bei „Zuckerkrankheit“ z.B. ist der gestörte Insulinspiegel oft nur ein Symptom der Krankheiten Gier und Unwissenheit. Deshalb können wir Diabetes auch nicht durch Veränderungen des Insulinspiegels heilen. Wenn wir aber unsere Gier und Unwissenheit heilen, normalisiert sich auch oft der Insulinspiegel.

Du bist Buddhist. Wie kommst du als Buddhist zurecht im hinduistischen Yoga Vidya?

Adriaan: Das ist einfach. Sukadev, der Gründer von Yoga Vidya, ist ein Mann mit einer sehr besonderen Kombination von Eigenschaften. Er hat keine Angst vor anderen Traditionen. Ich finde es groß, dass Sukadev Verschiedenheit erlaubt, um seine Vision zu verwirklichen. Es war von Anfang an klar, dass ich Buddhayoga übe und in meinem Unterricht vermittle. Das ist nie ein Problem gewesen. Bedingung ist dabei natürlich, dass ich das Yoga-Vidya- System zuerst genauestens geübt und erforscht habe. Ich gebe in Bad Meinberg Yogastunden, die bis ins kleinste Detail die Yoga-Vidya Unterrichtsprinzipien verkörpern. Gleichzeitig ist es 100% buddhistischer Meditationsunterricht.

Du gibst in Bad Meinberg jährlich eine Yogalehrerweiterbildung „Meditative Tiefe in deinen Unterricht bringen“ und eine Achtsamkeitspraxis Lehrer Ausbildung. Was bietest du da konkret an?

Adriaan: Ich gebe diese beiden Seminare jetzt zum siebten Mal und gehe jedes Mal offen und neugierig in die Seminare. So haben sich da zwei sehr verschiedene Seminare entwickeln können. In der Yogalehrerweiterbildung steht Didaktik und Methodik zentral. Du lernst die Yoga Vidya Grundreihe nochmal ganz neu kennen. Von deiner Vorbereitung deines Unterrichtes bis zum Abschied der Teilnehmer lernst du, in allen Aspekten Meditation zu unterrichten. In der Achtsamkeitspraxis Lehrer Ausbildung geht es darum, Achtsamkeit in den Alltag zu bringen. Die Teilnehmer kommen mit sehr verschiedenen Hintergründen und Wünschen. Die einen möchten Achtsamkeit in ihren Reitunterricht einfließen lassen, andere in die Praxis als Psychotherapeut, Masseur oder Sänger. Manch eine/r ist nur für die eigene Praxis da. Das macht diese Woche sehr bunt.

Du nennst dein Yoga „Buddhayoga“. Was hast du vor mit Buddhayoga?

Adriaan: Buddhayoga ist mein Leben. Vom Aufwachen bis zum Einschlafen übe ich mit meiner Frau Kati und jedem, der mit uns unterwegs ist. Eigentlich habe ich meinen Alltag zu meinem Kloster gemacht. Wir leben in einem Rhythmus, wo wir alle zwei Monate mit einer Gruppe zehn Tagen in die Stille gehen. Viele Teilnehmer kommen schon seit Jahren regelmäßig und es ist eine richtige Praxisfamilie entstanden.

Von dem Zenmeister Thich Nhat Hanh habe ich gelernt, dass der sanfte Weg wirkt. Wir brauchen in der Meditation nicht über Strenge und Disziplin zu gehen. Wir brauchen als Yoga- oder Meditationslehrer nicht die Strenge von Vater oder Mutter darzustellen. Reine Betrachtung, Beharrlichkeit und liebevolle Annahme führen uns auch ins Hier und Jetzt. Wir brauchen das Puzzle unseres Lebens nicht durch Denken und Planen zu lösen. Wenn wir spüren und bei der Sache bleiben, wird alles wahrnehmbar so wie es wirklich ist. Das wunderbare an diesem Leben ist, dass Heilung natürlich ist. Heilung findet statt, wenn wir zur Ruhe kommen und wahrnehmen was wirklich abläuft in unserem Körper, unseren Gefühlen und Stimmungen und in unserem Denken.

Der erste Satz den ich von Thich Nhat Hanh hörte, trägt mich noch immer:

„Wenn wir alle lernen würden langsam zu gehen … würde es keine Kriege mehr geben.“

Unsere Praxis ist letztlich eine gemeinsame Praxis. Ich erfahre Buddhayoga als eine Gemeinschaft. Es ist meine Wahlfamilie, meine spirituelle Heimat.

Wenn du einmal angekommen bist in der Achtsamkeitspraxis, gibt es keine „nicht-Praxis“ mehr. Auch wenn du abends vor der Glotze hängst mit einer Tüte Chips so ist das Yoga. Dein Couch Potato-Yoga. Und was da raus kommt ist bekannt – ein Kartoffelsack. Da bevorzuge ich es zu üben, „‚Mensch“ zu werden und dieses unermessliche Geschenk menschliche Geburt in seinem vollen Potential zur Entfaltung zu bringen.

Vielleicht noch ein letzter Gedanke zum Thema gesunder Lebensstil: Mach dir keine Sorgen, dieser Körper hat eine Geburt und dieser Körper wird sterben. Mach dir keine Illusionen, diese Welt ist nicht gerecht. Es werden immer wieder Sachen im Leben nicht rund laufen. Wir können aber lernen nicht mehr so sehr darunter zu leiden.

Vielen Dank für das Interview!
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Adriaan van Wagensveld gibt seit 2008 von ihm selbst entwickelte Seminare, Ausbildungen und Weiterbildungen bei Yoga- Vidya. Sein spirituelles Zuhause ist die buddhistische Einsichtsmeditation – oft bekannt als Achtsamkeitspraxis. Er hat bei Zenmeister Thich Nhat Hahn in Plum-Village gelebt und als Novize direkt unter ihm den sanften Weg der Achtsamkeit gelernt.

Weitere Infos findest du auf seiner Homepage und in der Yoga Vidya Seminardatenbank:

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1 Kommentar zu “Heilung durch Achtsamkeit

  1. Wir haben vor einigen Monate in Lübeck an einem Workshop zum Buddha Yoga teilgenommen und ich freue mich hier von diesem Thema zu lesen; insbesondere weil die Anknüpfungspunkte zum Rishikesh-System von Yoga Vidya auch für den Laien auf der Hand liegen… ich freue mich deshalb, wenn wir zum Thema noch mehr erfahren – vielleicht sogar hier im Blog! 🙂

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