Schamanismus in der Mongolei – Teil 2

Stelle dir einen Ort vor, an dem du Ratschläge von den Seelen und Geistern erbitten kannst. Stelle dir eine Gesellschaft vor, die in den Schamanismus eingebettet ist und wo dieser ein Teil ihres Wesens und ihrer Kultur ist.

Der Schamanismus ist in der Mongolei noch ein lebendiges animistisches Glaubenssystem, dessen Kern darin besteht, dass alles in der Natur wie Menschen, Tiere, Pflanzen sowie auch alle anderen Dinge beseelt sind. Das zentrale Element ist die Verehrung von Mutter Erde  und des „blauen mächtigen ewigen Himmels“, Vater Himmel (Tenger).

Der mongolische Schamanismus

Der mongolische Schamanismus wird von den Mongolen Tengrismus genannt. Seit Jahrhunderten hat sich der Schamanismus auch stark mit dem lamaistischen Buddhismus vermischt.

„Wir Mongolen wissen, das All ist rund und es bezieht alle Lebewesen mit ein – auch die Bäume, die Gräser, die Steine, die Lüfte, die Winde… Alles ein einheitliches Rundes. Alles einbezogen in ein Wir. …Und ich, als Splitter von diesem großen heiligen Wesen, fühle mich geborgen und eins mit ihm.“  (Galsan Tschinag)

Alle Menschen und Tiere besitzen mehr als nur eine Seele

Im mongolischen Schamanismus Glauben sind viele Seelen notwendig, um einen physischen Körper zu bewohnen und lebendig zu machen. Die Stämme glauben, dass Menschen drei Seelen besitzen.

  • Die „Suld“ Seele, die nach dem Tod in der Natur verweilt
  • Die „Ami“ Körperseele, die wiedergeboren wird
  • Die „Suns“ Seele, die ebenfalls wiedergeboren wird

Diese drei Seelen befinden sich im Energiefeld, das den physischen Körper umgibt. Diese Sphäre besitzt eine aufrechte Achse in sich, die von sieben Löchern, die den sieben Chakren entsprechen, durchbohrt ist.

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Suld Seele

Die Suld Seele befindet sich auf der Kopfkrone, wo es eine direkte Verbindung mit Vater Himmel durch den kleinen Tenger, der sich ebenfalls dort befindet, gibt. Die anderen beiden Seelen schwanken durch die Löcher der Körperachse in der Form einer Sinuskurve vor und zurück. Die Suld Seele ist die individualisierte der drei menschlichen Seelen. Sie lebt in einem physischen Körper nur einmal, danach lebt sie in der Natur weiter.

Ami Seele

Die Ami ist die Seele, die den Körper belebt. Sie ist mit der Fähigkeit zu atmen verbunden. Nach dem Tod kehrt sie zum Weltenbaum zurück, wo sie in seinen Ästen und Zweigen zwischen Himmel und Erde in der Form eines Vogels sitzt. Ami Seelen neigen dazu, unter Verwandten wiedergeboren zu werden. Obwohl die Ami zumindest vorübergehend etwa während einer Krankheit den Körper verlassen kann, verlässt sie diesen bis zum Tod des Menschen nie für immer.

Suns Seele

Die Suns Seele macht, so wie die Suld Seele, die Persönlichkeit des Menschen aus, aber sie trägt in sich auch die gesammelten Erfahrungen vergangener Leben. Die Suns bewohnt zwischen ihren Wiedergeburten die Untere Welt, kann aber als Geist zurückkehren, um Freunde oder Verwandte zu besuchen. Die Suns Seele kann den Körper ebenfalls vorübergehend verlassen und manchmal sogar bis zur Unteren Welt wandern.

Die Seelen von Tieren

Auch Tiere besitzen zwei Seelen, die Ami Körperseele und die Suns Seele, von denen beide wiedergeboren werden. Sie werden oft als Wiedergeburt ihrer Spezies reinkarniert. Sie besitzen Persönlichkeit, Sprache und auch psychische Fähigkeiten.

Die Tiere mit dem höchsten Rang sind der Sibirische Tiger, der Schneeleopard und der Bär. Der  Respekt gegenüber Tierseelen bestimmt auch die Jagdregeln. Die Jäger entschuldigen sich bei den Tieren, wenn sie diese töten und sagen diesen, dass sie sie töten, um zum Überleben Fleisch und Haut zu erhalten. Haustiere werden ebenfalls sehr respektvoll getötet

Heilige Berge, Bäume und Steine

Berge, Flüsse und Seen, Bäume, einzelne Felsen und Steine sind die Heimat der der Ort- und Naturgeister.  Flüsse, Seen, Bäche und Quellen sind auch ein Durchgang für alle Seelen auf ihren Reisen in die untere Welt. Ein Baum symbolisiert die Weltenmitte, wo sich Himmel und Erde berühren, wo alle Zeiten und Orte miteinander verschmelzen. Diese können dadurch geehrt werden, dass man darauf ein Stück Tuch befestigt.

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Dieses Ritual verleiht dem Ort, an welchem auch immer es durchgeführt wird, Frieden und verringert Gewalt. Es sollte an so vielen Orten wie möglich durchgeführt werden, insbesondere an Orten, die eine Stätte des Todes – aufgrund von Krieg oder Gewalt – waren. Dabei werden die Naturgeister angerufen, um Inspiration zu bringen, die Herzen der Menschen zu beruhigen und Gedanken von Friede und Liebe in den Menschen einzupflanzen.

Bäume symbolisieren auch den Weltenbaum, der in der Mongolei durch eine Birke oder Weide versinnbildlicht wird. Einige dieser Bäume waren einmal die Seelen von Menschen, Ahnen aus einer sehr frühen Zeit. In ungewöhnlichen Felsen oder Bäumen sollen auch starke Geister wohnen, die man respektiert und denen man mit Gaben huldigt.

Berggeister

Berggeister werden als sehr mächtig angesehen, und die Menschen  beten um gute Jagd und ausreichend Nahrung. Diese Zeremonien werden gewöhnlich etwa um die Zeiten der Sonnenfinsternis und Sonnenwende gefeiert. Dabei handelt es sich um den Akt der Reinigung der Seele von Negativität.

Berggeistern wird auch an speziellen Schreinen, die als Owoo bezeichnet werden, gehuldigt. Diese sind hohe Haufen aus Steinen. Wenn du mal in die Mongolei reist und an einem Owoo vorbeikommst, so gehst du drei Mal im Uhrzeigersinn um ihn herum  und legst jedes Mal einen Stein darauf ab. Durch das Ablegen des Steins empfängst du von den Geistern  Energie und Glück für deine Reise.

Owoos stehen an Straßenkreuzungen, auf Bergkuppen, an Seen und in Schluchten. Mal sind es große, mal kleine Steinhaufen und manchmal sind es mit blauen Seidenschals („khardags“) umwickelte Bäume oder Baumstämme. Sehr oft ist es eine Kombination aus Steinhaufen und Ästen. Die Farbe Blau symbolisiert dabei den „ewigen Himmel“ und steht auch für den Respekt vor der Natur. (anu)

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Anu Neumeyer Yogalehrerin (BYV), Ayurveda Gesundheitsberaterin (BYVG), Fußreflex-Therapeutin, Diplom Sozialpädagogin, Naturpädagogin und Erlebnispädagogin.

Anu praktiziert Yoga seit 2001. Nach ihrer vier Wochen Intensiv Yogalehrer Ausbildung 2016 entschied sie sich im Yoga Vidya Ashram Bad Meinberg zu leben, wo sie seitdem ihre Yogapraxis und Unterrichtserfahrung vertieft. Ihr Yoga Unterricht reicht von fortgeschrittenen Yoga Stunden mit intensiver Ausrichtung auf die Chakren über exakte Ausrichtungs-Prinzipien bis hin zu klassischen Yoga Vidya Stunden aller Level. Anu wendet mit viel Freude auch ihre therapeutischen und heilerischen Fähigkeiten in den Bereichen Ayurveda und Naturspiritualität an. Ihre nächsten Seminarthemen sind „Finde und genieße die Hilfe deines Krafttieres“ und „Verbinde dich mit deiner weiblichen Kraft“.

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