Asanas der Yoga Vidya Grundreihe: Sarvangasana – der Schulterstand

Ein Text von Angelika Jüngst:
Sarvangasana, der Schulterstand – die Stellung aller Teile. Manch einem fällt es schwer, gegen die Anziehungskraft der Erde, Beine und Hüften nach oben zu stemmen. Das eigene Gewicht zieht nach unten, vielleicht auch die Sicherheit, die das Gefühl des Bodens unter den Füßen vermittelt. Es kostet Überwindung nach oben zu kommen und Kraft, oben zu bleiben.

Was heißt das, Sarvangasana, die Stellung aller Teile? Der Kopf liegt ganz entspannt auf der Erde, wie in Shavasana, der Totenhaltung. Der Blick könnte sich nach oben richten oder aber nach innen. Doch dann übernehmen die Schultern die Aufgabe, den Körper zu tragen, die Basis zu bilden. Sie sind das Fundament, auf welchem Rumpf und Arme, Beine und Füße nach oben wachsen dürfen, Richtung Himmel.

Die Beine werden befreit von ihrer üblichen Stützfunktion, atmen auf. Wir spüren die Erleichterung, wenn das Blut anstrengungslos zum Herzen zurück fließen kann.

Die Organe fühlen sich plötzlich anders an, jetzt, wo die Erde nicht mehr in die übliche Richtung zieht. In der Kehle ist es Anfängern oft zu eng, sie lassen dann den Oberkörper am Boden, um dem Druck zu entgehen.

Aber wenn der richtige Zeitpunkt da ist, fühlt sich der Rücken stark und kräftig, ist gerade aufgerichtet zum Himmel, die Hände liegen ganz sacht rechts und links der Wirbelsäule und die Stellung trägt sich von allein. Vielleicht lösen sich die Hände und die Arme gleiten nach oben entlang den Oberschenkeln. Alle Muskeln helfen mit, um die Asana zu halten und das Gleichgewicht stellt sich von ganz allein ein.

Aber auch mit Unterstützung der Arme kann man die Stellung genießen, ganz meditativ in die Kehle atmen, die vermeintliche Enge nutzen, um die Konzentration in den Bereich der Schilddrüse und Kehle zu lenken. Die Schilddrüse steuert unser hormonelles Gleichgewicht mit, bestimmt unseren Grundumsatz, unseren Energiehaushalt, klein und wie ein Schmetterling geformt sitzt sie an unserer Kehle. Das unscheinbare Organ verdient unsere Aufmerksamkeit, wird massiert und harmonisiert in dieser ungewöhnlichen Haltung.

Unsere Schultern tragen schwer an unserem Gewicht, tragen Verantwortung für unseren Körper, unser Geschick, es geschieht wie von selbst, dass die Gedanken zur Lebensaufgabe wandern. Zu unserer ganz persönlichen Pflicht, die wir nur erfahren, wenn wir uns trauen, den Blick abzuwenden von den Anforderungen des Außen.

Was ist uns wirklich wichtig, wofür fühlen wir uns geschaffen? Was an Talenten wartet darauf, genutzt zu werden? Wo lassen wir uns zu sehr ablenken, beeinflussen?

In der Bewegungslosigkeit der Asana gibt es kein Ausweichen. Und gleichzeitig vermittelt sie das wunderbare Gefühl von Stolz, von der Kraft der Muskeln und des Willens, von Aufrichtigsein und Ausdauer. Angekommensein hilft uns in den alltäglichen Anforderungen des Lebens. Wir wollen den Prüfungen gar nicht mehr ausweichen. Denn getragen von Mutter Erde und unterstützt von den himmlischen Kräften haben wir alles, was wir brauchen, um sie zu bestehen.

 

In der Kategorie „Hatha Yoga“ findest du weitere Beiträge von Angelika Jüngst zu den verschiedenen Asanas der Yoga Vidya Grundreihe.

Über die Autorin:

Om Namah Shivaya!

Mein Name ist Angelika Jüngst, ich bin 1963 geboren und habe schon immer gern geschrieben. Mein Germanistikstudium habe ich allerdings schon nach einem Semester abgebrochen und lieber mein Diplom in Betriebspsychologie gemacht, dieses Studium erschien mir zum Bestreiten meines Lebensunterhalts besser geeignet. Berufserfahrungen sammeln konnte ich in den Bereichen Eigungsdiagnostik für Azubis, Organisations- und Personalentwicklung. Bis zur Geburt meines ersten Kindes habe ich einen Unternehmensberater, der vor allem als Coach bekannt ist, in einem Buchprojekt unterstützt. Klingt alles rund, aber die Sinnfrage stellte sich mir immer deutlicher, je mehr Ziele erreicht schienen. Nach Heirat, drei Kindern, vielen Sorgen um ihr Wohlergehen und gesundheitlichen Problemen kam ich 2009 endlich zum Yoga. Hier fand sich alles zusammen: Antworten auf meine Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Wesen des Menschen, eigene Weiterentwicklungsmöglichkeiten und Herausforderungen, ein Gefühl von Angekommensein. Und es ergab sich eine für mich unglaublich befriedigende Tätigkeit: Anderen Menschen Yoga nahezubringen.

Die Anfrage, etwas über die Asanas der Yoga Vidya Grundreihe zu schreiben, hat mich gleich angesprochen.

Meine erste Erfahrung mit Yoga fand in einer Turnhalle statt. Die Bewegungen gingen dynamisch ineinander über und ich war als Anfängerin völlig überfordert. Angesagt wurden die Stellungen, aber nicht, wie ich sie am besten einnehme („und jetzt kommt ihr von der schleckenden Katze in den nach unten schauenden Hund“).
So saß ich mit Blick zur Leiterin oder den fortgeschrittenen Teilnehmerinnen schiefhalsig da und versuchte zeitverzögert die Stellungen zu imitieren. Aber selbst so machte mir Yoga Spaß. Als ich hörte, dass man bei Yoga Vidya Hatha Yoga mit genauer Anleitung und mit Hilfestellungen richtig erlernt, die Übungsreihe aus nur 12 Grundstellungen besteht und der Kursleiter selbst nicht mitpraktiziert, sondern ganz für seine Schüler da ist, wusste ich, dass ich bei Yoga Vidya richtig bin. Trotz gesundheitlicher Einschränkungen fühlte ich meine Kraft, meine Beweglichkeit und meine Koordinationsfähigkeit wachsen – als früherer bekennender Sportmuffel ein Wunder.

Kein Wunder war, dass ich neugierig wurde. Wie kann das funktionieren? Was steckt dahinter? In den zwei Jahren der Yogalehrer-Ausbildung wurden zwar viele Fragen beantwortet, aber je intensiver ich mich mit Yoga beschäftige, desto mehr staune ich über die Vielschichtigkeit der Wirkungen.

Sicher habt ihr eigene Assoziationen, Erfahrungen, Einsichten oder gar Eingebungen gehabt, während ihr selbst die Yoga Vidya Grundreihe praktiziert oder unterrichtet. Ich verstehe meine Texte nur als Anregungen und hoffe, euch oder eure Schüler damit zu inspirieren.

Om Shanti!

3 Kommentare zu “Asanas der Yoga Vidya Grundreihe: Sarvangasana – der Schulterstand

  1. Danke, liebe Angelika, für deine weisen Gedanken und Anregungen!
    Gerade heute Morgen habe ich sie gebraucht… konnte nicht so richtig in meine Yoga-Praxis und zu mir finden.
    Es ist für mich soo gut, die Sicherheit des Bodens (eine andere Form manchmal auch von Schwere) loszulassen…mich aufzuschwingen und die Leichtigkeit in der Luft dabei zu spüren.
    und…die Frage nach dem S t o l z … die erleben viele von uns unterschiedlich…wurden häufig so erzogen, dass Stolz etwas ist, dass man kaum haben sollte oder zeigen sollte…
    Aber als reife Frau von Mitte 60 weiß ich, dass viele Frauen damit Probleme haben…oftmals eher (z. B. auch als Männer) zum Depressiv-sein tendieren…
    in der Flüchtlingsarbeit habe ich grad viel mit Kopftuchfrauen zu tun…die sehr unterschiedlich sind, aber mir scheint, es gibt auch dort eine Tendenz von Frauen, sich ein- bzw. unterzuordnen. Ich schreibe bewusst „s c h e i n t“..denn ich kann es nicht wirklich wissen…und wir sollten ja nicht beurteilen, bevor wir nicht „3 Monde in den Mokasins“ eines anderen Menschen gegangen sind. Also: hoch in die Luft…auch zu Leichtigkeit und Stolz.

  2. shamboo

    Om Namah Shivaya

    Liebe Angelika,
    danke für Deine Ausführungen!
    Aber was ich nicht nachvollziehen kann ist, warum Sarvangasana ein Gefühl von Stolz vermitteln soll und wenn ja, warum das ein wunderbares Gefühl ist ?
    Wenn die Stellung einmal beherrscht wird und länger gehalten werden soll, sollten die Muskeln entspannen, ansonsten bekommt man nämlich Krämpfe – d.h. man sollte die Muskeln m.M. eigentlich nicht mehr spüren.
    Dies soll nicht als Kritik verstanden werden sondern lediglich als eine andere Meinung.

  3. …ich freue mich schon auf die Krähe … ♥ ☺

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