Die Bilanz von Nehmen und Geben

Swami Chinmayananda erzählte eine Begebenheit aus seinem Leben:

Während meiner Reisen hatte ich die Gelegenheit, bei vielen verschiedenen Gast-Familien zu wohnen. Manchmal, in ruhigeren Momenten, war es mir möglich, das geschäftige Treiben in den Haushalten und die Verrichtung der täglichen Dinge des Lebens zu beobachten.

Ich erinnere mich daran, dass eine der Hausdamen abends immer ein Notizbuch hervorholte und darin zu schreiben begann. Als gelernter Journalist interessierte es mich brennend, was die Frau da allabendlich wohl notierte. So sprach ich sie eines Tages darauf an. Die Frau verschwand, kam mit ihrem Büchlein zurück und zeigte es mir. Ich muss gestehen, ich war enttäuscht, als ich sah, dass es sich dabei um nichts anderes als um eine Auflistung der finanziellen Ausgaben für den jeweiligen Tag handelte.

Dafür gab sie sich solche Mühe, saß jeden Abend da und schrieb zu später Stunde sorgfältig all diese kleinen Summen auf?

„Warum machen Sie das?“, fragte ich sie. „Haben Sie es denn nötig, Ihre Tagesausgaben wirklich so sehr im Blick zu behalten und zu regeln?“

Die Frau schaute mich verlegen an und sagte: „Nein, verehrter Herr, darum geht es mir nicht. Ich mache die Buchführung, um genau festzuhalten, was ich für mein eigenes Wohlbefinden und für die Erfüllung meiner persönlichen Wünsche ausgegeben habe. Am Ende des Monats zähle ich all diese Posten zusammen und spende einen gleich hohen Betrag für eine ansässige Wohltätigkeitsorganisation, die sich um mittellose Kinder kümmert.“

Das war mir eine Lektion.

Swami Chinmayananda war ein Schüler von Swami Sivananda Saraswati in Rishikesh, dem Gründer der Divine Life Society. Gurudev Swami Sivananda riet ihm jedoch nach einigen Jahren dazu, das Studium bei Tapovan Maharaj in Uttarkashi, Himalaya fortzusetzen.

Swami Chinmayananda verbreitete die Botschaft des Vedanta und setzte sich für die indische Unabhängigkeit ein.

 

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